Wegweiser in Arbil/Hewler, Irak (15.06.2008)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Montag, 27. September 2010aus: Horn von Afrika, Jemen & Naher Osten 2010
Routenteil: Damaskus

Damaskus dient auch auf dieser Reise wieder als angenehmer Zwischenstopp. Ein paar Tage nichts tun, rumflanieren, keine Kamera mitnehmen, ohne Mühe öffentliche Verkehrsmittel benutzen, Leute kennen – sich zu Hause fühlen. Normalerweise auch ein guter Ort, weil er die Strecke von Istanbul bis Kairo entzwei teilt, dient er diesmal eher als Ausgangspunkt des zweiten Reiseteils, der nicht wirklich etwas mit dem ersten zu tun hat.

Die Fahrt von Beirut nach Damaskus am Montag dauert recht lang. Ich hatte schon öfters Erzählungen gehört, laut denen es an der Grenze extrem langwierig zugehen sollte, doch bei mir war es bisher immer nur eine Angelegenheit von wenigen Minuten gewesen. Nicht so dieses Mal! Eine Stunde stehe ich mit der Österreicherin Bettina und einem Franzosen in der Schlange vor dem einzigen offenen Ausreiseschalter für Ausländer. Nicht, dass allzu viele Leute vor uns wären, zehn Stück sind es in etwa, doch wenn die Hälfte davon gleich ein Dutzend oder mehr Pässe für ihren ganzen Bus in den Händen halten, dauert es halt doch etwas länger. Immerhin kann ich mich gut unterhalten und mein Taxifahrer sowie die anderen Passagiere nehmen es verhältnismäßig gelassen, dass ich ihre Weiterreise aufhalte.

Ganz anders sieht es bei der syrischen Einreise aus, die in weniger als fünf Minuten abgehandelt ist, obwohl ich nicht einmal ein Visum habe. Schnell mal 30 US-Dollar und 100 Syrische Pfund in der Bank eingezahlt, mit dem Ausdruck zum Schalter marschiert, Einreisezettel ausgefüllt, und schon ist der Stempel im Pass. Offenbar wird nicht einmal der Name mit irgendeiner Datenbank abgeglichen, denn dafür ging es eigentlich etwas zu schnell. Unsere Befürchtung, dass die ganzen Leute von der Ausreise ja notgedrungen auch wieder bei der Einreise anstehen müssen, hat sich also nicht bewahrheitet. Die Syrer haben für Ausländer ganze drei Schalter offen und einer der Beamten ist sogar dermaßen arbeitslos, dass er hinter der Scheibe mit seiner Fliegenpatsche Theater spielt.

Es ist schon fast dunkel, als ich in Damaskus ankomme und im Viertel Dwellaa zu Samers Zuhause laufe. Meinen Schlüssel brauche ich gar nicht, denn im Haus und sogar in der ganzen Straße herrscht ein für diese kleine Gasse verhältnismäßig reges Treiben. Maher, Samers Bruder, hat vor zwei Tagen geheiratet und folglich sind etliche Verwandte, sie sonst in Hassake, Lattakia oder sonstwo wohnen, für einige Tage hier. Die vielen Kinder rennen dauernd rein und raus, ich sehe auch Carmen – das Mädel aus dem Krankenhaus, das seine Spielsachen bei mir im Zimmer ließ und mich manchmal mittags weckte – und ihre Schwestern wieder. Sogar Waed, die Schwester von Majed, ist für zwei Monate hier, obwohl sie seit letztem Jahr verheiratet ist und in den VAE wohnt. Ein besseres Willkommenskomitee in Damaskus hätte ich mir selbst gar nicht ausdenken können.

Die ganzen Verwandten sind auch der Grund, warum ich dieses Mal nicht in Dwelaa, sondern in Abassiyeen wohne. Samer hat dort seit ein paar Monaten eine weitere Wohnung, wo er den Verwandten in Dwelaa sozusagen entfliehen und seine Ruhe haben kann. Für schlappe 20.000 Pfund pro Monat mietet er die Vierzimmerwohnung von einem Cousin. In einem Viertel, das mir sehr gefällt, irgendwie recht europäisch anmutet und mich sehr an das Stadtbild in den Randregionen italienischer Städte erinnert.

Sehr angenehm ist auch der Verkehr. Die syrische Art, Auto zu fahren, hat mir immer schon recht gut gefallen, aber nach drei Wochen im Jemen komme ich mir vor, als hätte ich das Tor zum Paradies durchschritten: Problemlose Straßenüberquerung trotz dichten Verkehrs, so gut wie keine Möchtegern-Motorradhelden, vor allem aber eine himmlische Ruhe, von der ich gar nicht mehr geglaubt hatte, dass sie überhaupt existieren kann. Kein sinnloses Hupen, auch dann nicht, wenn es mal für mehrere Minuten nicht weitergeht. Fahrer, die seelenruhig den Rückwärtsgang einlegen, wenn in einer engen Gasse jemand entgegen kommt. Ein klein wenig hatte ich mich an den Jemen ja gewöhnt, aber jetzt, wo ich sehe, wie angenehm und lebenswert das Straßenleben sein kann, hat der Jemen gleich mal wieder zehn Pluspunkte verloren. Wie ruhig es in Deutschland ist, wage ich mir indes gar nicht mehr vorzustellen.

Doch nicht nur die Ruhe mutet europäisch an, das gesamte Straßenbild in Damaskus empfinde ich westlicher denn je. Nach Wochen inmitten von Thaub und Djambija dominieren nun wieder Jeans mit Hemd, selbst die Niqab-Quote ist von beinahe einhundert auf deutlich unter fünf Prozent gesunken, wird stattdessen von der Highheelquote übertroffen. Aus den Läden tönt nicht mehr irgendein jemenitischer Männerchor, sondern Elissa und das siebte Album von Nancy Ajram, auf den Bildschirmen von Bars und Cafés läuft endlich wieder Rotana. Und Hassan Nasrallah, Palästinenserflaggen sowie sonstige politische Zeichen erinnern mich daran, wieder im Nahen Osten zu sein. Bei den Jemeniten hat all das – zumindest öffentlich – niemanden allzu groß geschert.

Der entscheidende Nachteil von alledem ist die erschreckend hohe Touriquote, welche vor allem in der Altstadt fast schon unerträglich ist. Zwar sind weit weniger Gruppen als dieses Frühjahr zu Ostern unterwegs, doch trotzdem hört man in den Gassen der Altstadt beinahe mehr Deutsch und Französisch als Arabisch. Es ist voll von Individualtouristen, von denen nicht wenige das Straßenbild mit ihren kurzen Hosen und ihren lächerlichen Daypacks verschandeln. Die Jungs scheinen in diesen Gefilden mit ihrem Unterhosenauftreten indes meist einen größeren Schatten zu haben als die Mädels, deren Auftreten angesichts der überwiegenden Mitnahme konservativer Kleidung meist um einiges anständiger wirkt. Schon letztes Mal war ich jedenfalls geschockt von der meiner Ansicht nach größer werdenden Tourimasse, doch jetzt, nachdem im Jemen über zwei Wochen lang die Finger einer einzigen Hand für den Tourizähler von Europäern ausreichten, bin ich sozusagen sprachlos. Dabei weiß ich sehr wohl, dass es noch viel schlimmer sein könnte.

Mit Jeans, Hemd und frisch polierten Schuhen gehe ich aber meist weiter als Einheimischer durch. Der Bart ist dafür meiner Meinung nach zwar inzwischen eher abträglich, da hier fast kein Jugendlicher so rumläuft, aber ein paar Tage werde ich ihn vielleicht trotzdem noch lassen. Jeden Tag, wenn ich zum Barbier will, kommt etwas dazwischen oder ich habe schlichtweg keine Lust. Samer sagt, ich solle mich bitteschön endlich rasieren, Sarah meint, ich könne es lassen. Was nun? Es sei Schluss mit den kostenlosen Besuchen der Ummayyadenmoschee, behauptet sie, was natürlich durchaus schlecht wäre, da ich da so ziemlich jeden Tag für ein halbes Stündchen oder auch länger zum Entspannen und Gesprächeführen abhänge, doch früher hat es ja auch ohne Bart geklappt.

Ich komme indes nicht darum herum, mir gleich am ersten Tag schon wieder eine SIM-Karte zu kaufen. Meine vierte in Syrien. Die paar Tage würde ich auch ohne auskommen, hatte ich mir eigentlich im Vorhinein noch gedacht, doch weil das Roaming mit der jemenitischen MTN-Karte selbst innerhalb des MTN-Netzes nicht anständig funktioniert und es laut diverser Auskünfte offenbar immer wieder Probleme gibt, von syrischen Karten SMS an ausländische Nummern zu verschicken – was ich selbst nicht mehr bestätigen kann – berappe ich doch die Kohle, um zum inzwischen fünften Mal in insgesamt vier Ländern MTN-Kunde zu werden. Wenn all diese dummen Karten nicht alle nasenlang verfallen, sondern ohne weitere Kosten wenigstens ein Jahr halten würden, wäre mir schon sehr geholfen!

Immerhin lohnt sich der Kauf voll und ganz, denn abgesehen von den täglichen Telefonaten mit Samer, den ich dieses Mal noch weniger als sonst zu Gesicht bekomme, hänge ich all meine Tage in Damaskus vorwiegend mit Sarah und ihren Kollegen aus dem Arabischkurs ab. Ohne Telefon kommt man da nicht weiter. Die meisten von ihnen wohnen in einer WG südlich der Via Recta, in deren Innenhof es sich tags wie nachts gemütlich abhängen, lernen und schlafen lässt. Sarah hingegen ist bei einer befreundeten Familie im wohlhabenden Norden der Stadt untergebracht, weiß aber nicht einmal, wo genau sie wohnt, weil sie einen Monat lang konsequent jedes Mal von der Familie selbst oder vom Taxiunternehmen eines Onkels gefahren wurde. Ich würde bei solchen Zuständen – wenn ich ständig jemanden zum Fahren anrufen und abends immer früher als alle anderen heim muss – nach spätestens einer Woche ja eine Generalrebellion starten, aber mei, das soll jeder so handhaben, wie er meint. Dafür hat sie aber nun bestens Einblick bekommen in die Highheel-Gesellschaft verwöhnter Töchter und kennt jedes Fünf-Sterne-Restaurant und wohl jede zweite Mall besser, als ich es selbst nach den weiteren fünf Besuchen in Syrien tun werde.

Generell bin ich aber höchst erstaunt, wie planlos die meisten Kursteilnehmer nach mindestens drei Wochen in dieser Stadt zu sein scheinen. Es kommt mir so vor, als würde Damaskus – zumindest für die WGler – größtenteils nur aus der Altstadt bestehen, doch ich wage auch zu bezweifeln, dass die anderen jemals von al-Merjeh oder Jisr al-Rais gehört haben. Genauso unbekannt sind Hauptverkehrsknotenpunkte wie Baramkeh, Samarieh, Bulman, Qaddam oder sogar Karaj al-Sitt, der in nur fünf Gehminuten von der WG erreichbar ist. Vielleicht sollte ich mir über mich selbst Gedanken machen, denn ich wüsste gar nicht, wie ich auch nur zehn Tage ohne die Benutzung von Servis, also den Minibussen aka Sammeltaxen, in dieser Stadt zurecht kommen sollte. Stattdessen fahren Sarah und Claudia mit mir zum ersten Mal Servis, als ich sie zu Sayyida Zeinab bringe, der gut zehn Kilometer südlich vom Stadtzentrum gelegenen schiitischen Moschee, die mit ihren wunderschönen Verzierungen und der ganzen Atmosphäre immer wieder einen ganzen Batzen an Iran-Erinnerungen wachruft. Und wo wir schon dabei sind, geht es mit Sarah in den nächsten Tagen noch zu Sayyida Ruqqaya, in den Azem-Palast, in den Khan As’ad Pasha, in den bekanntesten Damaszener Eisladen – und wir fahren mit diversen Servis und Bussen. Das ist für mich Damaskus.

Für zwei Tage machen wir außerdem einen Ausflug nach Aleppo. Freitagnachmittag geht es in der ersten Klasse mit dem Zug von Qaddam los, klimatisiert, mit Kopfhörer- und Plastikbecherverteilung wie im Flugzeug. Nur, dass die Beinfreiheit und die Sitzbreite nichts mit dem Fliegen zu tun haben, zumindest nicht in Buchungsklasse W oder Y. Kaum in Aleppo angekommen verlaufe ich mich auf dem Weg ins Stadtviertel al-Jdeida um ganze 90 Grad, sodass wir erst nach knapp zwei Extrakilometern sinnloser Umgehung bei der Zitadelle rauskommen. Gut, dass ich mich immer über die Orientierungslosigkeit anderer lustig mache und nun stattdessen an meinem eigenen Selbstverständnis zu nagen habe. Vielleicht öfter mal die Klappe halten? Sarah nimmts glücklicherweise lustig auf und freut sich über unser Abendessen mit Zitadellenblick. Genau drei Jahre und drei Wochen ist es her, dass ich in einem dieser Restaurants saß und mein erstes syrisches Abendessen zu mir nahm. Allein und etwas unsicher darüber, ob sich die kommenden Wochen nicht vielleicht etwas einsam anfühlen würden. Darauf, dass ich zwei Tage später im Krankenhaus landen würde, bin ich damals natürlich nicht gekommen.

Bei diesem vierten Besuch in Aleppo quartieren wir uns außerdem wieder im Zahrat al-Rabie ein. Nach dem Sultan Hostel in Istanbul war dies vor drei Jahren mein zweites Hostel überhaupt, in dem ich je war. Vier Besuche von Aleppo hat es außerdem nun gebraucht, um endlich die Zitadelle besuchen zu können. Bisher wollte ich immer ausgerechnet an einem Dienstag hoch, dem einzigen Ruhetag, oder sie war aus anderen Gründen geschlossen. Sarah gefällt sie jedenfalls extrem gut, besser als Qalat al-Hosn, und auch ich freue mich sehr, es endlich hochgeschafft zu haben. Der Blick über die Stadt ist fabelhaft und auf gut der Hälfte der Zitadellenfläche sind gut erhaltene Gebäudereste zu besichtigen. Am meisten erinnert sie mich an jene Zitadelle im irakischen Arbil – mit dem Unterschied, dass wir dort die einzigen Besucher weit und breit waren.

Am Sonntag geht es über die toten Städte al-Bara und Serjilla sowie einen anderthalbstündigen Zwischenstopp in Hama zurück nach Damaskus. Die ersten beiden hatte ich seit jenem verhängnisvollen Tag vor drei Jahren nicht mehr besucht. Afamia sparen wir uns, weil es mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde und ich mich dort sowieso nicht blicken lassen kann, ohne erkannt zu werden und folglich bei Zahir und Ahmed Saeed zu landen. Mit allen Folgen, die das für die höchstwahrscheinlich verhinderte Weiterreise hätte. Stattdessen möchte Sarah die Nouriahs in Hama sehen. Schon im Frühjahr drehte sich kaum eines der 17 Wasserräder, doch jetzt im September gibt es sozusagen nicht einmal Wasser, sofern man von dem kümmerlichen Rinnsaal im Flussbett absieht. Für Sarah ist Hama trotzdem die beste Besichtigung des Tages und wir haben – ganz im Stil von zerstörerischen Assitouris – Spaß daran, ein großes Wasserrad durch Dranhängen zu bewegen und gar darin rumzuklettern. Die Beweisfotos wurden durch einen Australier und einen Holländer gemacht.

Zurück in Damaskus bekommt Sarah ihre Uhr wieder, die sie vor einigen Wochen im Kloster Mar Musa vergessen hatte. Ein zweiradmotorisierter Engländer, den sie in Aleppo nach seiner weiteren Route gefragt hatte, hat sie ihr extra abgeholt und nach Damaskus gebracht. Da sie sich so sehr über ihre Uhr freut, ist es auch nicht so schlimm, dass sie den Limun, den sie auf meine Empfehlung hin trinkt, »disgusting« findet. Genauso wie James, der Engländer. Ich bräuchte hingegen auch einen neuen James, der mir etwas abholt, denn nach vier Backpackerreisen ist es nun doch passiert: Ich habe mein Handtuch auf dem Wäschegestell in Aleppo vergessen. Die Wiederbeschaffungsmaschinerie ist zwar angeworfen, hat aufgrund unserer baldigen Weiterreise und der Unfreundlichkeit des dortigen Hostelpersonals aber eher wenig Aussichten auf Erfolg.

Den Montag verbringen wir nochmal in Damaskus. Wie jeden Morgen zeigt Euronews 36 bis 38 Grad an, während bei Berlin inzwischen nur noch 17 stehen und sogar das nicht selten hitzegeplagte Bukarest nur noch eine 20 neben dem Städtenamen auf der Karte angezeigt bekommt. Ich tue mich schwer, mir das im Moment überhaupt vorzustellen. Doch da es sowieso noch mindestens einen Monat brauchen wird, bis wir zurück sind, kann mir das auch wurscht sein. Sarah fährt morgen erst einmal für ein paar Tage nach Beirut und ich werde nach Amman fahren, um dort bei Hana auf sie zu warten.

Auf Wiedersehen Damaskus. Bis zum nächsten Mal!

Aktuelles

Sonntag, 6. Mai 2012
Dienstag, 8. Mai, 13:30 Uhr
Riad, (Edge of the World), Raghbah, (Edge of the World), Riad

Saudischer Funk:
+966 569275638

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.