Heute möchte ich beginnen mit ein paar Worten zum Ramadan.
Natürlich wussten wir bei der Entscheidung für diese Tour, dass über den Großteil der Reise von Addis nach Sana’a Ramadan sein würde, sahen dies aber eher als kleineres Problem an. In Äthiopien bekamen wir in der Tat wenig vom Ramadan mit – vielleicht mal das eine oder andere geschlossene Restaurant oder Café, sonst aber nicht viel mehr.
Für Somaliland und Jemen ging ich hingegen davon aus, dass es sich in etwa so verhalten würde, wie ich es bisher erlebt habe. Es ist ja nicht so, dass ich zum ersten Mal im Ramadan unterwegs bin, aber die letzten Male war es bedeutend anders: In Syrien nimmt man es mitunter nur mittelmäßig genau mit dem Fasten und allein wegen der relativ hohen Zahl an Christen braucht man sich keine allzu großen Gedanken um den Ramadan zu machen. Klar ist zum Beispiel in der Altstadt von Damaskus weit weniger los, sobald man sich von Bab Sharqi oder Bab Touma entfernt, aber man wird weder verhungern oder verdursten noch weit und breit alleine auf der Straße sein. In Kairo merkt man es den Straßen sogar so gut wie gar nicht an, dass Ramadan ist. Der übliche Verkehr geht seinen Gang – oder Stau -, die Bürgersteige sind voll mit umherhetzenden Menschen und zu essen bekommt man eigentlich an jeder Ecke. Man muss nur etwas genauer hinschauen, denn anstatt das Shawarma öffentlich an der Straße zu postieren, findet man es nur im Inneren. Natürlich sind längst nicht alle Restaurants und Fastfood-Läden tagsüber offen, doch tritt man ein, sieht man die Kairener Schlange stehen für ihr Sandwich, das sie sich dann in einer Ecke schnell reinpressen, um ja nicht zu lange bei den Sündern abzuhängen. Assuan sah zwar schon wieder ganz anders aus, aber immer noch im Rahmen.
So war ich schließlich doch überrascht, als es in Somaliland tagsüber partout nichts zu essen, in Berbera sogar beinahe nichts zu kaufen gab. Etwas Essbares zum Kaufen zu finden, ist im Jemen zwar bei Tageslicht kein allzu großes Problem, sobald man aber etwas anderes möchte, sollte man bereit sein, auf den Abend zu warten. Das öffentliche Leben kommt indes vollständig zum Erliegen. Verlassene Straßen, auf denen neben ein paar Katzen kein einziger Mensch zu sehen ist, geschlossene Geschäfte und eine relative Stille prägen das Stadtbild. Ganz abgesehen davon, dass es auch für uns aufgrund extremer Respektlosigkeit so gut wie unmöglich ist, außerhalb unseres Hotelzimmers Nahrung oder Flüssigkeit aufzunehmen, ist der Ramadan für den Touristen ein sehr zweischneidiges Schwert. Abends zwar ein öffentliches und soziales Leben bis tief in die Nacht hinein, das er zu anderen Zeiten des Jahres kaum vorfinden wird, tagsüber jedoch Ansätze von Einöde und Langeweile, denen manchmal nur schwer zu begegnen ist und die irgendwie das Gefühl vermitteln, man nutze seine Zeit nicht richtig.
In acht Tagen ist der Ramadanspuk sowieso vorbei und dann wird während des Idh zunächst für mehrere Tage groß das Fastenbrechen gefeiert – was die wohl besten Tage in einem arabischen Land sind. Da freue ich mich drauf. Doch für die nächsten Reisen werde ich mir wahrscheinlich genauer überlegen, in welches Land ich zu Ramadanzeiten fahre. In eine konservative und rein muslimische Gesellschaft wie den Jemen oder eben dorthin, wo es etwas westlicher oder multireligiöser zugeht.
Unseren Tag jedenfalls beginnen wir mit dem Nationalmuseum, wo wir gerade noch rechtzeitig erscheinen, um bis zur Schließung um ein Uhr noch etwas davon ansehen zu können. Gefühlt die Hälfte der Zeit – in Wirklichkeit aber nur ein paar Minuten – geht drauf, um jemanden mit zwei Tickets a 500 Rial herbeieilen zu lassen. Die zwei Männer am Eingang wie auch die beiden Frauen im Museum scheinen recht überrascht über unser Auftauchen zu sein. Das Museum zeigt sehenswerte Ausstellungsstücke, vorwiegend Inschriftentafeln, Statuen und Reliefs aus vorislamischer Zeit, die leider allesamt nicht allzu gut präsentiert werden. Zwar gibt es sogar zu fast allen Stücken eine Benennung auf Englisch, doch wenn man eine Kopfstatue in einem großen Glaskasten irgendwo in Bodennähe platziert, sodass sich der Besucher auf diesen setzen müsste, um sie zu begutachten, dann bringt mir die Beschriftung auch nicht mehr viel. Von der Beleuchtung mag ich gar nicht erst anfangen, da ist wie so oft jegliche Hoffnung auf eine sinnvolle Installation vergebens.
Nachdem wir uns im ersten Stock für ein paar Minuten auch noch die Exponate des Ethnologischen Museums reinziehen dürfen, bittet man uns, im Gästebuch einen Eintrag zu hinterlassen. Viel interessanter als das Reinschreiben ist jedoch das Stöbern und Lesen darin: Der letzte Eintrag ist von vor drei Tagen – wir sind also schon mal nicht die einzigen Touris in diesem Land. Der davor ist jedoch von Anfang August, und der Anfang der Seite, ca. 30 Einträge weiter oben, gar von Ende April. 30 Touris in vier Monaten? Das schlägt das somalische Las Geel ja um Längen! Blättert man noch eine Seite zurück, gibt es erstaunlicherweise mehrere Dutzend Einträge von Italienern am 18. April, doch die Museumswärterin klärt die auf unsere Stirn geschriebenen Fragezeichen rasch auf: Ein Kreuzfahrtschiff hatte angelegt. Wie man uns schon gestern Abend beim Safttrinken sagte, zeigt sich auch hier, wie wenig Touris noch in den Jemen kommen, ganz im Gegensatz zu vorher. Während des Ramadans aber besucht wirklich kein Aas den Jemen. Nur wir.
Mit einem Taxi fahren wir zum Gold-Mohur-Strand, der auf der anderen Seite der Halbinsel im Südwesten liegt. Baden muss schließlich sein! Das pisswarme Wasser, welches ohne den mittelstarken Wellengang in der Bucht wohl noch viel weniger zur so genannten Abkühlung taugen würde, als es eh schon (nicht) tut, haben wir ganz für uns allein. Die nächste einsame Gestalt badet etwa fünfzig Meter weiter und ganz am Ende des Strandes sind noch einmal zwei oder drei Familien mit Kindern zu erkennen. Ich schätze mal, dass es hier ohne Ramadan weit voller wäre, denn für irgendwas müssen die ganzen Gerätschaften – Schaukeln, Rutschen und dergleichen – wie auch die Restaurants, Hotels und was hier sonst noch alles so rumsteht, ja gut sein. An den Haien, die es laut Reiseführer angeblich gibt und wegen denen das Baden im Jemen ein heiß diskutiertes Thema sein soll, wird es ja wohl kaum liegen. Eine Bekanntschaft mit ihnen bleibt uns jedenfalls erspart.
In Tawahi, dem nächstgelegenen der drei Orte auf der Halbinsel, schauen wir uns das alte Hafengebäude an. Touristenpier nennt sich der Laden auf dem außen angebrachten Leuchtschild heute, hörte früher aber mal auf den Namen »Steamer Point«, weil hier die ganzen Dampfer anlegten. Das eine oder andere eingravierte Schild wie »Disembarking passengers« aus Kolonialzeiten und die teils neuen und teils historischen, aber allesamt eher schlechten Fotos des Hafens sind dann auch schon alles, was es nebst dem Gebäude selbst zu sehen gibt. Draußen auf der Mole hat man einen guten Blick auf das 1999 eröffnete Aden Container Terminal und einen unweit angelegten riesigen Viehtransporter, mit sieben Stockwerken allein über der Wasserlinie, gegen den unser Kahn aus Somalia gehörig alt aussieht. Schwer vorstellbar, dass Aden im Jahre 1965 mit 8.000 Schiffsbewegungen pro Jahr einst der drittgrößte Hafen der Welt nach New York und Liverpool war.
Unweit vom Touristenpier essen wir in einem Laden mit dem eigenwilligen Namen »Golden Falcon Proast & Restaurant« zu Abend, bevor wir uns mit einem Servis wieder zurück nach Crater verziehen. Dort geht das Frönen unserer adener Abendbeschäftigung los: Vom Saftladen zum Teeladen, vom Teeladen zum Saftladen, vom Saftladen wieder zum Tee und vom Tee zum Saft, das Ganze beinahe ohne Ende. Wir müssen schon gar nicht mehr richtig bestellen, weil die Leute eh wissen, was wir haben wollen, und manch einer grinst uns schon aus fünfzig Meter Entfernung an, wenn wir auf seinen Laden zusteuern.
Wir sitzen gerade beim Saft, als ich sie auf der Straße beim Vorbeilaufen entdecke: Zwei ältere Schreckschrauben, denen ich jetzt einfach mal eine eher osteuropäische Herkunft zuschreibe, wegen denen wir unseren Touricounter zurücksetzen müssen. Oh nein! Das mussten wir letztmalig in Hargheisa vor acht Tagen! Jetzt ist er wieder bei Null.
Zwischendurch finden wir sogar ein einigermaßen anständiges Internetcafé, das nicht wie alle anderen durchwegs von 12-jährigen Dreikäsehochs belegt ist, die Counterstrike oder Fifa zocken. Ansonsten beobachten und genießen wir das bunte Treiben auf den Straßen, das es so nur im Ramadan geben kann. Die Leute sind freundlich, grüßen im Gegensatz zu jenen in Ta’izz stets zurück, und die Männer lassen sich sogar recht gerne fotografieren. Von wegen, das ginge im Jemen nur schwer! Der Höhepunkt an Aktivität scheint mir irgendwann zwischen Mitternacht und ein Uhr zu sein, wenn man auf den Straßen mitunter gar nicht mehr durchkommt, ohne im Gänsemarsch seinen Vordermännern durch die vielen tausend Leute zu folgen. Doch selbst, als wir um kurz vor vier wieder das Hotel erreichen, ist noch so viel los, dass es kaum mehr verwundern kann, wenn bis in den frühen Nachmittag immer nur tote Hose herrscht.
Nur: »Unveiled women«, wie sie uns der Lying Planet versprochen hat, bekamen wir auch heute wieder keine einzige zu sehen. Dafür, dass Aden die liberalste Stadt des Landes sein soll, geht es extrem züchtig zu. Ich bin sowieso sehr überrascht vom Straßenbild: Da ich mich vorher nicht entsprechend eingelesen hatte, war mir nicht bewusst, dass jede Jemenitin – sozusagen ausnahmslos! – einen schwarzen Niqab, welcher nur einen Schlitz für die Augen freilässt, oder, falls extrem liberal, einen Chador mit sichtbarem Gesicht trägt. Um es kurz und salopp zu sagen: Es laufen überall nur schwarze Vorhänge über die Straßen. Kinder und Mädels im frühen heiratsfähigen Alter – will heißen: dreizehn bis fünfzehn Jahre – trifft man immerhin noch mit bunten Kopftüchern über dem schwarzen Umhang an, doch sobald sie älter werden, ist auch damit Schluss. Dagegen ist Iran höchst freizügig und Tehran ein regelrechtes Bordell.
Überhaupt erinnert mich die Situation ein wenig an den Iran, wo wir uns in den ersten Tagen nach der Einreise auch erst an die ganzen Frauen im schwarzen Zelt – das ist die Übersetzung von Chador – gewöhnen mussten. Doch war es dort viel einfacher, an kleinen Details Unterschiede in der Kleidung auszumachen. Sei es der Schnitt der Jeans auf den letzten sichtbaren zehn Zentimetern, die Art, wie das Kopftuch getragen wurde, all diese Dinge. In Tehran kam dann noch Farbenpracht und beinahe Kopftuchfreiheit dazu. Hier fällt mir hingegen spontan nur der Stoff ein, der teils seidenhaft schimmert, oder die sparsam-dezente Glitzerbestickung, die manche Gewänder aufweisen. Der Schnitt ist ebenfalls mal enger und mal weiter und wirkt vor allem modern, wenn er nach unten hin eher enger als weiter wird. Mit den Schuhen ist hingegen nicht viel anzufangen, da sowieso Frauen wie auch Männer fast ausschließlich irgendwelche heruntergekommen aussehende Sandalen tragen. Offenbar sind wir noch nicht lange genug im Land, um die feinen Unterschiede zwischen anständiger und unanständiger Kleidung zu erkennen – oder aber alle unanständigen Bürger haben sich zum Ramadan woanders hin abgesetzt. Nicht umsonst macht der einzige Nachtclub Adens, in dem die Kleidung laut eingeholter Auskunft »Girls normal, like you! Everything out!« sein soll, während des Ramadans dicht. Schade, diesen Club mit Niqab-Trägerinnen ohne Niqab hätten wir zu gern mal gesehen.
Es ist schwer, sich Gedanken über die Frauenrolle hier zu machen, obwohl diese unweigerlich anstehen, sobald man für wenige Minuten das Straßentreiben beobachtet. Wir haben noch zu wenig Ahnung und werden in der kurzen Zeit wohl auch nicht viel mehr bekommen. Hoffentlich haben wir nochmal die Gelegenheit, etwas ausführlicher mit ein paar Uschs zu sprechen. Klar ist, dass sich die Gesellschaft nicht nur in dieser Hinsicht doch sehr stark von dem unterscheidet, was ich bisher so auf Reisen gesehen habe. Das geht damit los, dass im Minibus konsequent so lange umgesetzt wird, bis jede Frau nur neben anderen Frauen oder neben ihren männlichen Verwandten sitzt, und hört damit auf, dass wir in fünf Tagen bisher nur drei Frauen am Steuer eines Autos gesehen haben. In Aden natürlich. Klar, so etwas kenne ich von woanders schon, aber nicht in diesem Maße und dieser Konsequenz. Aber warten wir mal ab: das Königreich Saudi Arabien dürfte schlimmer sein.
Wir sind jedenfalls inzwischen der Meinung, dass der Gipsy mit »unveiled« fälschlicherweise meinte, dass mehr Gesichter zu sehen sind als anderswo. Anders können wir es uns nicht vorstellen. Noch ein Wort aber zu den Männern: Die sind hier in Aden wirklich anders angezogen, als wir es von Ta’izz gewöhnt sind. Fast niemand ist hier mit der für Jemen typischen Djambija, dem am Gürtel getragenen Schwert, zu sehen. Stattdessen dominiert eine Art Urlaubs- und Strandstil, der aber nur wenig mit westlicher Kleidung als vielmehr mit den typischen Elementen à la Turban und Jemenitenrock erreicht wird. Gerade diese Röcke sehen fantastisch aus!