Ein nichtssagender Hügel als Tourischleuse bei Matmata, Tunesien (01.04.2007)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Samstag, 28. August 2010aus: Horn von Afrika, Jemen & Naher Osten 2010
Routenteil: Berbera

Schiffswracks in der Bucht von Berbera.
Schiffswracks in der Bucht von Berbera.

Robert geht es morgens schon ein Stückchen besser, ist aber insgesamt noch ziemlich raus. Nicht, dass wir allzu viel vor hätten. Da es so heiß ist und draußen sowieso nichts los ist, fehlt in Berbera jede Motivation, das Zimmer tagsüber zu verlassen. Vielmehr schaffe ich es endlich, ein bis zwei alte Berichte zu schreiben und so den immensen Rückstand wieder etwas aufzuholen.

Ein Fall für die Herstellergarantie – wegen Durchrostung?
Ein Fall für die Herstellergarantie – wegen Durchrostung?
Schiffswracks im Hafen von Berbera.
Schiffswracks im Hafen von Berbera.

Gegen zehn machen wir uns dann auf zum Hafen, wo wir mit Mr. Hassan Igeh reden, dem HR-Beauftragten der Berbera Port Authority, dessen Funktion eigentlich einen anderen Namen trägt, den ich jedoch schnell wieder vergesse. »Others call it Human Resources« sagt er selbst, das reicht. Saeed vom Oriental Hotel, der uns seine Nummer gegeben hat, hatte ganz recht: das ist ein alter Mann. Mit schneeweißen Haaren und nicht minder weißem Bart sitzt er am Schreibtisch seines Büros, während neben ihm mutmaßlich jemand darauf wartet, dass sein Anliegen ausgeführt wird. So wie es für mich aussieht, geht es um irgendeine Bestätigung oder ein Zertifikat.

Random-Tür
Random-Tür

Hierher zu gelangen, also in den Hafen überhaupt reinzukommen, war indes gar nicht so einfach. Ein Soldat und ein Polizist, die extrem gelangweilt an eine Mauer gelehnt vor dem Tor rumsitzen, pfeifen uns beim Vorbeigehen zurück. Es ist nicht mal böse gemeint von uns, ich habe sie wirklich gar nicht gesehen, aber selbst wenn ich sie entdeckt hätte, hätte ich mich wohl nicht weiter um sie gekümmert. Die beiden meinen jedoch, sie müssten jetzt auf einmal ihre Ich-bin-megawichtig-Show abziehen und uns zunächst nach irgendeiner Erlaubnis fragen. Das ist mal wieder typisch! Jeder, aber wirklich jeder scheint hier nach Gutdünken durch dieses Tor zu laufen, wie es ihm passt, ohne dass auch nur irgendein Hahn danach kräht, erst recht nicht diese beiden faulen Säcke, doch kaum kreuzen wir auf, heißt es auf einmal, man brauche eine Erlaubnis. Wir möchten mit Mr. Hassan sprechen, sagen wir, woraufhin der Soldat zumindest mal sein Mobilfunkgerät rausholt und zu versuchen scheint, ihn anzurufen. Aber wirklich weiter geht es dadurch nicht. Unser eigener Anrufversuch bei Hassan scheitert auch, da er nicht rangeht.

So setzen wir uns zunächst auf den kleinen Mauervorsprung im Schatten, wo die beiden Vollpfosten gerade noch saßen, und schauen ihnen zu, wie sie nun plötzlich, getrieben von einer unbekannten magischen Kraft, wild gestikulierend herumstehen und jedes einzelne Auto anhalten, um es zu kontrollieren. Da holt wohl jemand die verpasste Arbeit der letzten Stunden nach, oder wie? Der Soldat will uns gerade mit harscher Handbewegung wegschicken, als Robert Hassan an die Strippe bekommt und ich dem Deppen in Uniform signalisiere, er solle gefälligst warten. Und siehe da, nachdem Robert ihm das Telefon gereicht und der Typ selbst mit Hassan gesprochen hat, winkt er uns zumindest weiter.

Typischer Hof einer Familie mit Wäsche und Ramadanfeldbett.
Typischer Hof einer Familie mit Wäsche und Ramadanfeldbett.

Da es ihm aber offensichlich wenig passt, uns reinlassen zu müssen, meint er noch, ich müsse meine Kamera da lassen. Wie bitte? Hier fahren voll beladene Pickups und LKW rein, deren Ladung nicht kontrolliert wird, und ich soll meine Kamera abgeben? Vollspast! Da ich keine Lust habe, noch länger zu diskutieren, gebe ich ihm den Akku in die Hand, woraufhin er zwar noch nach Ersatzakkus fragt, die ich sowieso nicht dabei habe, uns aber dann endlich weiter lässt.

Das Ganze offenbart mal wieder zwei Probleme: Zum einen die absolut widersinnigen Regelungen, die in den meisten Ländern der Welt gelten, dass man zum Beispiel dieses und jenes nicht fotografieren darf, obwohl jeder Depp, und erst recht jeder Geheimdienst, soviele Fotos von dem Objekt machen oder sich besorgen kann, wie er nur will. Glauben die etwa, ein Geheimdienstler kommt mit einer fetten Spiegelreflex, um geheime Fotos anzufertigen? Das zweite Problem ist, dass Kontrolle einen Scheißdreck bringt, wenn man sie nicht zu Ende durchführt. Ich darf also die Nikon nicht reinnehmen, weil sie in einer extra Tasche aufbewahrt wird, aber die 10-Megapixel-Lumix in der Hosentasche ist kein Problem, oder wie? Und Robert kann mit seinem High-Tech-Handy, das vor zehn Jahren zur Traumausrüstung jedes Spions gehört hätte, ebenfalls einfach so reinspazieren? Und was ist mit den ganzen anderen Leuten? Wie so oft gilt auch hier: Jeder Schilling, der an diese Pfosten bezahlt wird, ist rausgeschmissenes Geld!

Berberas Ausfallstraße nach Hargheisa.
Berberas Ausfallstraße nach Hargheisa.

Eigentlich soll uns Hassan helfen, ein Schiff nach Jemen zu finden und die Preisverhandlungen mit dem Besitzer zu führen, umso mehr wundert es uns, als er zuächst fragt, ob wir ein eignes Transportmitel, will heißen: ein Auto, am Hafen hätten oder etwa zu Fuß gekommen seien. Erst als er mangels Transport unsererseits anfängt, per Telefon einen eigenen Geländewagen mit Fahrer zu organisieren und wir darin schließlich zurück auf den Damm einbiegen, der vom Hafen auf das Festland führt, wird uns klar, dass uns unsere kleine Tour wohl etwas weiter weg führen wird. Und wir dachten noch, er wolle oder könne nur die zweihundert Meter bis zu den Docks nicht selbst laufen.

Die Fahrt führt uns zurück in den Ort, zunächst vor das Büro der Reederei, deren Schiff angeblich heute Abend ablegen soll – das jedoch, nicht zuletzt wegen Ramadan, geschlossen ist. Danach fahren wir noch beim Immigration Office vorbei, dass sich nicht etwa am Hafen, sondern nur wenige Meter von unseren Hotel entfernt befindet. Ein kleiner Mann, um dessen dicken Bauch ein Handtuch gewickelt ist und der angesichts der nassen Haare und Haut soeben eine Runde Schwimmen war, empfängt uns und wirft einen prüfenden Blick in meinen Pass. Als er das jemenitische Visum gefunden hat, nickt er zufrieden und lässt dem alten Mann ausrichten, dass wir heute Abend vorbeikommen sollen, falls wir Somaliland auf dem Schiff verlassen.

Hauptstraße Berberas.
Hauptstraße Berberas.

Bei der Rückkehr in den Hafen stänkert Mr. Hassan die Pforte an, man solle mir meinen Akku zurückgeben, doch der betreffende Soldat ist nicht da, der Bulle ebenfalls nicht, und die anderen wissen nichts. Wegen dem Schiff melde er sich wieder zwischen vier und fünf, sagt er, als wir uns verabschieden. Beim Rausgehen kümmern sich die anderen Soldaten an der Pforte wenigstens recht eifrig um mein Anliegen, rufen den anderen Honk an und nach kurzer Zeit überreicht mir jemand meinen Akku. Gut, das wäre dann geklärt, aber zu gern hätte ich es gesehen, wie der Hauptschuldige persönlich Anschiss bekommen hätte. In Zukunft werde ich jedenfalls noch etwas mehr rumstänkern, bevor ich auch nur den Akku rausgebe.

Nachmittags rufen wir uns ein Taxi, das uns zum vier Kilometer entfernten Strand vor dem Hotel Al-Mansour bringt. Der Typ fängt mit aberwitzigen 20 Dollar für Hin- und Rückfahrt an, und ich mache spontan den Fehler, mit viel zu hohen fünf Dollar für einfache Fahrt einzusteigen. Mit Nachverhandlung für die Rückfahrt am Zielort kommen wir auf acht Dollar für Hinfahrt, Warten und Rückfahrt, was zwar dann doch für uns ganz in Ordnung, doch wie Robert treffend bemerkt, angesichts eines Tageslohns von fünf Dollar für einen Soldaten immer noch viel zu viel ist. Stimmt schon, ich wollte einfach nur zum Strand und basta, ganz abgesehen davon, dass während des Ramadans tagsüber so gut wie kein Mensch und erst recht kein Taxi auf der Straße ist, weswegen der Typ sowieso unsere einzige Chance war, dort überhaupt hinzukommen.

Anderthalb Jahre nachdem ich im Golf von Aqaba eine Woche lang am Strand rumgehangen bin und ein Jahr nachdem ich Suez besucht habe, bin ich nun fast wieder am Roten Meer. Eben nur fast, da das Rote Meer erst an der Meerenge von Bab al-Mandeb beginnt und das hier der Golf von Aden und damit quasi der Indische Ozean ist. Trotzdem, das Wasser ist klar und leicht grün schimmrig, wie ich es vom Golf von Aqaba kenne, nur die pisswarme Temperatur, die für eine Abkühlung nicht wirklich gut ist, erinnert eher an jene von Kish im Persischen Golf als an den Sinai. Genau wie in Nuweiba oder Dahab sieht man hier übrigens ähnliche Bergformationen wie jene von Saudi Arabien – jedoch nicht auf der gegenüberliegenden, sondern hinter sich auf der eigenen Seite. Kleiner und etwas weniger imposant sind sie, aber die Grundformen und Farben sind exakt dieselben. In zwei Monaten werde ich hoffentlich auch jene am Golf wieder sehen.

Baden im Indischen Ozean.
Baden im Indischen Ozean.

Am späten Nachmittag erfahren wir von Hassan, dass unser Boot heute doch nicht fahren wird. »Maybe tomorrow« heißt es nun und Robert fragt vorsichtshalber noch einmal nach, ob das mit dem »maybe« auch wirklich so gemeint war. Ja, war es. Naja, noch einen Tag mehr zum Abhängen, Berichteschreiben, Faulenzen und Schwitzen – viel mehr gibt es in Berbera eigentlich nicht zu tun.

Da Robert inzwischen wieder um einiges besser dran ist als noch heute früh, machen wir in der Stunde vor Sonnenuntergang noch einen kleinen Spaziergang durch den Ort und zum südwestlichen Teil des Hafenbeckens, wie ich ihn gestern schon alleine gemacht habe. Deutlich sieht man den Unterschied zwischen Ebbe und Flut, denn während morgens das ganze Hafenbecken gefüllt ist, kann man abends hunderte Meter zwischen trocken liegenden Booten und Ankern hineinlaufen, ohne nasse Füße zu bekommen.

Ein Großteil der Häuser Berberas wirkt verlassen.
Ein Großteil der Häuser Berberas wirkt verlassen.

Berbera selbst vermittelt indes den Eindruck einer Ruinenstadt. Zumindest in jenen Teilen, die wir bisher gesehen haben, liegt gut ein Drittel der aus Stein gebauten Gebäude in Trümmern. Stellenweise sieht es aus wie nach einem Bombenangriff, an manchen Orten, die wohl zur inoffiziellen Müllkippe umfunktioniert wurden, brennt und raucht der Müll unentwegt vor sich hin. Ob nebst Hargheisa auch Berbera 1988 von der somalischen Zentralregierung bombardiert wurde, wissen wir gerade nicht, aber aussehen tut es schon danach. Sicher ist, dass wohl etliche Leute seit dem Bürgerkrieg nicht mehr zurückgekommen sind und vieles nicht mehr aufgebaut wurde. Da weckt der in die USA ausgewanderte Somalilander, der nun zurückgezogen ist, schon einige Hoffnung. Die Zukunft für S.Land, Land und wie Somaliland noch so genannt wird - vielleicht auch noch Schlaaaand? -, scheint durchaus Positives zu bringen.

Viele Häuser liegen gar in Schutt und Asche – und werden teils als Mülldeponie verwendet.
Viele Häuser liegen gar in Schutt und Asche – und werden teils als Mülldeponie verwendet.

Abends essen wir wieder im Restaurant Al-Hayat, sind diesmal sogar rechtzeitig zehn Minuten vor Fastenbrechen anwesend, um anständig bedient zu werden. Wenn man pünktlich da ist, »geht die Choreographie von alleine los«, sagt Robert dazu. Mit Datteln und Wassermelone wird gestartet, und während sich zwischendurch manche zum Gebet verziehen, gehen wir zum Hauptgang über: Fleisch oder Fisch mit Reis oder Spaghetti. Das Ganze an einem wunderschönen Platz direkt am Wasser. Doch während ich gestern sogar noch Roberts halbe Portion mitaß, habe ich heute Mühe, meine eigene fertig zu bringen. Tagsüber zu viel Kleinkram essen ist erwiesenermaßen nicht ramadanabendessenkompatibel.

So lege ich mich voll überfressen und erstaunlich müde im Hotel ab und komme auch nicht mehr hoch, als Robert um zehn nochmal loszieht, um das Internetcafé zu besuchen und Wasser zu kaufen.

Ganze Häuserstreifen sind in Berbera noch zerstört.
Ganze Häuserstreifen sind in Berbera noch zerstört.

Sonntag, 29. August 2010aus: Horn von Afrika, Jemen & Naher Osten 2010
Routenteil: Berbera

Die Nacht war sehr stürmisch und sogar Gewitter hat es gegeben, weswegen die Temperatur heute um einiges erträglicher zu sein scheint als noch gestern. Trotzdem, wie nicht anders erwartet, verbringen wir den Großteil des Tages im Hotelzimmer. Bis auf die Unterwäsche ausgezogen lümmeln wir mal liegend, mal sitzend auf unseren Betten rum, trinken literweise Wasser und nutzen die Zeit mehr oder weniger sinnvoll mit dem Schreiben von Berichten. Robert schaut sich auf seinem Funkgerät einen kompletten Film an, den er eher zufällig dabei hat, und ab und zu darf auch kurz mal Internet genutzt werden, das beim Anbieter Telesom zu Preisen von 35 US-Cent pro Megabyte das Preisniveau von deutschen Mobilfunkanbietern aufweist.

Zettel vom Zollamt mit unseren Namen.
Zettel vom Zollamt mit unseren Namen.

Hassan ruft nachmittags an und sagt, das Schiff fahre heute Nacht. Wirklich glauben werde ich das zwar erst, wenn ich es ablegen sehe, aber die Nachricht hebt eindeutig die Stimmung. Um fünf treffen wir uns mit ihm, um zusammen zum Ein- und Ausreisebüro gegenüber unserem Hotel zu gehen. Nebst einer schlafenden Person im Garten tauchen erst nach einigem Rumtelefonieren ein paar weitere Leute auf, deren jeweilige Funktionen mir unklar bleiben. Einer hat die Schlüssel zum Raum mit dem Schild »Immigration Commander’s Office«, der nächste gibt ein paar Anweisungen hier und da, der dritte hingegen ist meiner Erkenntnis nach total nutzlos. Er ist es auch, der – nachdem Stempel und Register aus dem Chefbüro in den Flur gelegt wurden, wo wir zu sechst um einen Holztisch rumstehen – unsere Pässe stempeln soll, sich jedoch zunächst so unbedarft in der Bedienung anstellt, dass ich ihm den Stempel kurzerhand wegnehme. Wäre doch cool, mal selbst seinen eigenen Reisepass zu stempeln, denke ich mir, und da niemand etwas dagegen zu haben scheint, habe ich diese Premiere wenige Sekunden später hinter mir. Doch nicht nur stempeln, reinschreiben muss ich gleich danach auch noch, da das Datum handschriftlich neben dem – also nicht mal im – Stempel angebracht wird. Nachdem auch Roberts Pass gestempelt wurde, wird uns noch ein handschriftlicher Zettel in die Hand gedrückt, den wir bei Verlangen eventuell am Hafen vorzeigen werden müssen. Was genau darauf steht, wissen wir nicht.

»Twenty dollar, twenty dollar« heißt es nun von einem der dreien, jeweils auf mich und auf Robert zeigend. Das Ganze außerdem ohne ein »bitte« oder sonstige Umschweife beziehungsweise Begründungen in dem typischen Ton der Selbstverständlichkeit, bei dem ich meinem Gegenüber am liebsten eine astreine Watsch’n verpassen würde – ebenfalls ohne Umschweife. Diesem Ton begegnet man nämlich meistens genau dann, wenn etwas Unerhörtes verlangt wird und eine Diskussion deshalb erst gar nicht aufkommen soll.

Berberas Hafen.
Berberas Hafen.

In der Tat sind wir sehr überrascht ob der Forderung, da Saeed vom Oriental Hotel uns extra noch den Hinweis mit auf den Weg gab, wir sollten bei der Ausreise nichts zahlen, und auch weil es laut Reiseführer an den Land-, und somit mutmaßlich auch an den Seegrenzen, keine Ausreisegebühren gibt. Unserer Ansicht nach möchte sich hier jemand einfach nur eine goldene Nase verdienen und deshalb schalten wir auf stur. Die Pässe sind eh schon gestempelt, was also sollen sie machen? Der eine regt sich zwar nach allen Regeln der Kunst auf und versucht sogar, Robert den Reisepass aus der Hand zu nehmen, doch der reagiert schnell genug, um den Versuch ins Leere laufen zu lassen. Hassan verhält sich derweil eher zurückhaltend und scheint etwas perplex ob unserer Zahlungsverweigerung, meint jedenfalls, dass er zwar nicht genau Bescheid wisse, die zwanzig Dollar pro Kopf aber wohl schon stimmen dürften.

Gut, wenn das so ist, können die Burschen doch sicher eine Quittung ausstellen, oder? Jetzt regen sich auf einmal alle drei auf und der Obermacker geht mit uns vor die Tür, während er aufgeregt irgendwas von »Gümrük«, also Zoll, von sich gibt. Außerdem nimmt er sein Telefon raus und tippt eine Nummer ein, die er jedoch nie anwählt. Stattdessen sagt er nochmal etwas zu Hassan, der daraufhin meint, wir sollten 20 Dollar zahlen – zusammen. Am liebsten würden wir noch ein bisschen weiterstreiten oder gar mit unseren Pässen einfach wegmarschieren, doch in gewisser Weise sind wir in diesem Moment ja auch für Mr. Hassans Reputation verantwortlich. Zehn Dollar pro Kopf scheint uns daher ein angemessener Betrag zu sein, um alle Beteiligten ihr Gesicht wahren zu lassen. Also zahlen wir. Und dampfen ab. Hassan möchte sich dann wieder um halb neun bei uns melden.

Zum dritten Mal essen wir im Restaurant al-Hayat bei Ali zu Abend. Der Fisch ist wirklich gut und die Atmosphäre mit den Plätzen direkt am Wasser auch ganz nett. Interessant, wenn nicht gar lustig, ist es dabei auch immer wieder, die anderen beim täglichen Fastenbrechen zu beobachten. Robert bringt es ohne große Umschweife auf den Punkt: »Die fressen wie die Tiere.« In der Tat ist es beeindruckend, mit welcher Geschwindigkeit nach dem Ruf des Muezzins alles ins Maul gestopft wird, Knochen und Kerne zur Freude etlicher Katzen auf den Boden gespuckt werden, und Rülpser fortwährend zum Klangbild gehören.

Wir sind gerade auf dem Rückweg von unserem Nahrungsmitteleinkauf, in dem wir unsere letzten Schilling und Kleindollar los wurden, als Hassan mitteilt, dass er bereits vor dem Hotel stehe und auf uns warte. Verrückt! Es ist gerade mal eine Minute nach halb neun und dieser Afrikaner steht überpünktlich bereit, obwohl er zur Zeit nicht einmal ein eigenes Auto zur Verfügung hat und deswegen ständig andere um ihre Fahrdienste bitten muss. Unsere erste Anlaufstelle ist wieder das Büro der Fährgesellschaft, welches diesmal offen ist und wo wir zusammen 100 Dollar für die Überfahrt bezahlen. »No room, you always stay outside. You are going with livestock. We give you somali food and, of course, free water. It will be very rough! Twenty four hours to go.« So lautet die klare Ansage, die bei Touristen in Polo-Hemd und Jeans vielleicht ewas wichtiger genommen wird als bei welchen in Outdoorüberlebenskluft.

Die Seastar bei unserem Eintreffen. Die Tiere sind noch nicht da.
Die Seastar bei unserem Eintreffen. Die Tiere sind noch nicht da.

Direkt im Anschluss fahren wir an den Hafen. Schnell merken wir, dass wir alleine verloren gewesen wären: Im Gegensatz zu meinem Eindruck von gestern wird abends streng kontrolliert. Unser Fahrer macht jeweils brav in bester Checkpoint-Manier die Innenbeleuchtung an und stoppt den Wagen zehn Meter vor jeder Kontrolle ab, bis er und Hassan erkannt und weitergewunken werden. Um uns im Fond scheint sich indes niemand zu scheren. Nicht minder schwierig ist das Finden des richtigen Schiffes, das an einer Ecke am Ende des Kais liegt und das kleinste von allen ist. Sein Name ist »Seastar«. Herzlich bedanken wir uns bei Mr. Hassan, der sich wunderbar um uns gekümmert hat und uns nun alleine vor der Rampe zurücklässt.

Vor drei Uhr werde sicher nicht abgelegt sagt man uns. Unser Gepäck verstauen wir also vorerst in irgendeinem Raum an Bord und gehen dann den Hafen erkunden. So streng die Einlasskontrolle schien, so sehr scheint es allen und jedem absolut egal zu sein, was im Hafen selber passiert. Auf dem Kai geht es mehr zu als auf dem Jahrmarkt: LKW kommen und gehen, rangieren herum, Hunderte Arbeiter laufen durch die Gegend, nochmal genauso viele sitzen gelangweilt zwischen Maissäcken, Autoreifen und sonstigem Gerät herum, warten auf ihren Einsatz oder gönnen sich einfach eine Pause.

Die Bravo P im Hafen von Berbera.
Die Bravo P im Hafen von Berbera.

Das nächstgelegene Schiff, an dem reger Betrieb herrscht, die Bravo P unter panamesischer Flagge, ist ein für hiesige Verhältnisse großes, 176 Meter langes Ungetüm mit einer Ladung Getreide. Mais, um genauer zu sein. Davor stehen auf dem Kai zwei aus Containern bestehende Einsackvorrichtungen, die wiederum aus jeweils zwei aufeinander gestapelten Containern bestehen. Der Kran des Schiffes setzt abwechselnd je eine Ladung Mais in einen der oberen Container ab, von wo das Getreide durch diverse Sperren, Portionierer und sonstige Vorrichtungen nach unten fließt. Dort gibt es zwei Fließbänder, an denen vier Personen damit beschäftigt sind, im Dreisekundentakt an jedem Band einen neuen Sack in die Abfüllvorrichtung zu hängen, der dann automatisch gefüllt wird und selbstständig auf das Fließband fällt. Die Säcke werden zu beiden Seiten aus dem Container herausgeleitet und fallen dort auf andere Fließbänder, die sie auf LKW führen, auf denen jeweils wieder drei bis vier Personen damit beschäftigt sind, die 50 kg schweren Brocken anständig zu verstauen.

Mais für das Welternährungsprogramm wird vom Schiff Bravo P gehoben und in Säcke abgefüllt.
Mais für das Welternährungsprogramm wird vom Schiff Bravo P gehoben und in Säcke abgefüllt.

»WFP – World Food Programme« und »Gift of Spain« steht auf den Säcken, doch das Schiff komme von irgendwo anders her, sagt man uns. Wahrscheinlich kann man einfach zu den VN gehen und »eine Ladung Mais für die armen Kinder in Somalia, Äthiopien und sonstwo« kaufen, dann liefert man noch die Säcke mit der eigenen Aufschrift und schon ist das schöne Geschenk perfekt. Den Inhalt hat Spanien nie zu Gesicht bekommen. Ach, und weil man gerade dabei ist, kauft man auch noch für andere arme Afrikaner ein und schickt dasselbe Schiff vorher nach Mombasa. Dort war dieses Schiff jedenfalls vorher, sagt uns ein Kenianer, der mit der Überwachung des Abfüllens betraut zu sein scheint.

Mais wird direkt am Schiff in Säcke des Welternährungsprogramms abgefüllt.
Mais wird direkt am Schiff in Säcke des Welternährungsprogramms abgefüllt.

Das nächste Schiff ist ein klassisches Containerschiff, von dem gerade abgeladen wird. Im Gegensatz zu den Hundertschaften nebenan reichen hier acht Mann am Boden und sechs auf dem Schiff, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Entsprechend ruhig geht es zu. Man darf sich das hier nicht so vorstellen, wie man es von Bildern kennt – der Hafen selbst scheint keinen einzigen Kran zu haben, es gibt keine Schienen, keine tollen Geräte, sondern einfach nur ein paar wild zusammengestellte Container zwischen ein paar Lagerhallen. Anständige Containerterminals sehen anders aus. Die beiden Schiffskräne heben also die Container nach draußen und lassen sie soweit herunter, dass sie etwa anderthalb Meter über dem Boden schweben. Von vier Leuten, die es sich zwischendurch immer wieder in einer Ecke zum Qat-Kauen oder Trinken gemütlich machen, werden sie dann an den vier Ecken empfangen, festgehalten und, wenn nötig, gedreht. Daraufhin kommt entweder ein LKW oder eine hafeneigene Zugmaschine, die rückwärts unter den Container fährt. Die vier Mann richten den Container dann punktgenau auf die Ladefläche aus und mit etwas Glück lässt der Kranführer ihn genau im richtigen Moment herunter, sodass er perfekt auf der Ladefläche sitzt und die beiden Noppen an ihrem vorderen Teil in den Öffnungen des Containers einrasten.

Containerverladung am Hafen Berberas.
Containerverladung am Hafen Berberas.

Mein allgemeiner Eindruck, nachdem ich das alles gesehen habe: Wer am Hafen arbeitet und nach fünf Jahren noch alle Finger und Glieder beinander hat, kann sich glücklich schätzen. Zu schnell ist mal eine Hand unter dem Container eingequetscht. Oder, wie gerade ebenfalls beobachtet, man fällt einfach zusammen mit einem Sack von einem 50 Jahre alten LKW herunter, weil dessen Ladeklappe hinten wegbricht.

Verschütteter Mais wird von Hand zusammengekehrt und in WFP-Säcke abgefüllt.
Verschütteter Mais wird von Hand zusammengekehrt und in WFP-Säcke abgefüllt.

Beim letzten Schiff am Kai ist am wenigsten los. Neben der Laderampe des Roros unter der Flagge Panamas sitzt ein Weißer – für uns seit Tagen der einzige weit und breit – auf einem Plastikstuhl und beobachtet das wenige Treiben am Schiff bei einem Kaffee. Es stellt sich heraus, dass er Kapitän, so weiß aber gar nicht ist, denn es handelt sich um einen Syrer aus der Küstenstadt Tartus. Sofort fängt er an, sich über die Somalis und auch seine Mitarbeiter an Bord zu mockieren. Sie arbeiteten zu wenig und schöben den Ramadan als Begründung vor, lächerlich sei das. Ob er Christ sei, frage ich ihn angesichts dieser Äußerungen, doch nein, er sei Moslem. Na, also wenn schon der Syrer sich so über die Arbeitsmoral beschwert, was soll dann erst ein deutscher Kapitän sagen?

Eine Herde Kühe wird für den Transport nach Jemen auf die Seastar getrieben. Robert wartet auf Paletten sitzend und wird kurz später überrannt.
Eine Herde Kühe wird für den Transport nach Jemen auf die Seastar getrieben. Robert wartet auf Paletten sitzend und wird kurz später überrannt.

Als wir zu unserem kleinen Schiff zurückkommen, das im Gegensatz zu seinen Nachbarn wie ein Kutter aus irgendeiner Playmobilreihe wirkt, herrscht inzwischen reger Betrieb. Hunderte Kühe werden über das Kai getrieben, laufen teils wild herum, andere stehen da, als wären sie geparkt worden. Die Besatzung des Schiffs zählt laut vorheriger Auskunft 13 Mann, doch jetzt hetzen gut 50 selbsternannte Cowboys mit Seilen, Stöcken und Peitschen über das Kai, um eine Kuh nach der anderen auf die Viehrampe zu treiben. Parallel dazu werden die etwas störrischeren Kühe weiter vorne im Zweierpack vom Kran auf das Schiff gehievt.

Widerspenstige Kühe werden per Kran auf das Schiff gehievt.
Widerspenstige Kühe werden per Kran auf das Schiff gehievt.
Ziegen- und Schafherden auf dem Weg in die Seastar.
Ziegen- und Schafherden auf dem Weg in die Seastar.

Das müsste man sich mal an einem deutschen Hafen vorstellen: Freie, teils wilde Kühe, die einfach auf dem Kai herumlaufen, diese vollscheißen und -pinkeln, ab und zu abhauen, nur um dann wieder eingefangen werden zu müssen. Mehrere Leute rennen dann hinterher, wenn mal wieder ein paar ausbüchsen, sich zwischen den uralten Autos der Hafenfeuerwehr verlaufen oder im Labyrinth der abgestellten Container Verstecken spielen. Robert wird sogar buchstäblich von einer Kuh umgerannt, als er auf einer Holzpalette sitzt und es offenbar nicht für nötig erachtet, aufzustehen, obwohl dieselbe Kuh gerade eben ein paar Meter weiter schon ein paar Arbeiter im wilden Galopp überquert hat. Glücklicherweise gehen die Zusammenstöße aber alle glimpflich aus.

Kühe auf der Rampe zur Seastar.
Kühe auf der Rampe zur Seastar.

Nach den Kühen sind die Ziegen und Schafe an der Reihe. Eine Herde nach der anderen wird peu à peu Richtung Schiff getrieben, sodass zwischen zwei Containern auch dann noch immer wieder neue Viecher auftauchen, als wir längst glauben, das Schiff sei voll beladen. Wenigstens haben sie ein ganz anderes Herdenverhalten als die Kühe, wodurch es viel einfacher ist, sie auf das Schiff zu treiben. Oft reicht es, eine Leitziege an den Hörnern vorneweg zu ziehen, sodass fünfzig andere Ziegen und Schafe hinterhergehen. Die rundum stehenden Männer müssen lediglich ein bisschen mit ihren Stöcken auf den Boden hauen und komische Laute von sich geben, damit die Ziegen beieinander bleiben.

Dutzende Tagelöhner passen auf, dass die Kühe nicht ausbüchsen.
Dutzende Tagelöhner passen auf, dass die Kühe nicht ausbüchsen.

Mit dem Ende des Kuh-Rodeos, das immer mehr Mann pro Kuh benötigt, da zum Schluss natürlich ausgerechnet die wildesten Tiere übrig bleiben, holen sich die meisten zusätzlichen Arbeiter ihren Lohn gleich an Ort und Stelle ab und gehen dann heim. Der Rest kümmert sich um die besagten Ziegen und Schafe. Erst um kurz vor sechs Uhr morgens sind auf diese Weise schließlich alle Viecher – insgesamt um die 2000 Kühe, Ziegen und Schafe – an Bord. Das Kai schaut indes aus wie ein Bauernhof – mit Pinkelpfützen, Scheißhaufen und verstreutem Heu als dominierende Stilmerkmale. Wenige Minuten später, als Robert bereits auf irgendeiner Bank in einem überhitzten Raum weggepennt ist, legen wir endlich ab gen Mokha.

Wenigstens das Ziel wissen wir jetzt. Nachdem wir erst nach Aden wollten, uns Hassan danach sagte, das Schiff fahre nach Mukhalla, was so ziemlich am Arsch der blauen Berge im Osten Jemens gewesen wäre, geht es nun eben in Wirklichkeit nach Mokha, einer kleinen Hafenstadt an der Westküste Jemens am Roten Meer.

Noch viele Stunden bis zum Ablegen.
Noch viele Stunden bis zum Ablegen.

Aktuelles

Sonntag, 6. Mai 2012
Dienstag, 8. Mai, 13:30 Uhr
Riad, (Edge of the World), Raghbah, (Edge of the World), Riad

Saudischer Funk:
+966 569275638

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.