
Samstag, 28. August 2010aus: Horn von Afrika, Jemen & Naher Osten 2010
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Gegen zehn machen wir uns dann auf zum Hafen, wo wir mit Mr. Hassan Igeh reden, dem HR-Beauftragten der Berbera Port Authority, dessen Funktion eigentlich einen anderen Namen trägt, den ich jedoch schnell wieder vergesse. »Others call it Human Resources« sagt er selbst, das reicht. Saeed vom Oriental Hotel, der uns seine Nummer gegeben hat, hatte ganz recht: das ist ein alter Mann. Mit schneeweißen Haaren und nicht minder weißem Bart sitzt er am Schreibtisch seines Büros, während neben ihm mutmaßlich jemand darauf wartet, dass sein Anliegen ausgeführt wird. So wie es für mich aussieht, geht es um irgendeine Bestätigung oder ein Zertifikat.
Hierher zu gelangen, also in den Hafen überhaupt reinzukommen, war indes gar nicht so einfach. Ein Soldat und ein Polizist, die extrem gelangweilt an eine Mauer gelehnt vor dem Tor rumsitzen, pfeifen uns beim Vorbeigehen zurück. Es ist nicht mal böse gemeint von uns, ich habe sie wirklich gar nicht gesehen, aber selbst wenn ich sie entdeckt hätte, hätte ich mich wohl nicht weiter um sie gekümmert. Die beiden meinen jedoch, sie müssten jetzt auf einmal ihre Ich-bin-megawichtig-Show abziehen und uns zunächst nach irgendeiner Erlaubnis fragen. Das ist mal wieder typisch! Jeder, aber wirklich jeder scheint hier nach Gutdünken durch dieses Tor zu laufen, wie es ihm passt, ohne dass auch nur irgendein Hahn danach kräht, erst recht nicht diese beiden faulen Säcke, doch kaum kreuzen wir auf, heißt es auf einmal, man brauche eine Erlaubnis. Wir möchten mit Mr. Hassan sprechen, sagen wir, woraufhin der Soldat zumindest mal sein Mobilfunkgerät rausholt und zu versuchen scheint, ihn anzurufen. Aber wirklich weiter geht es dadurch nicht. Unser eigener Anrufversuch bei Hassan scheitert auch, da er nicht rangeht.
So setzen wir uns zunächst auf den kleinen Mauervorsprung im Schatten, wo die beiden Vollpfosten gerade noch saßen, und schauen ihnen zu, wie sie nun plötzlich, getrieben von einer unbekannten magischen Kraft, wild gestikulierend herumstehen und jedes einzelne Auto anhalten, um es zu kontrollieren. Da holt wohl jemand die verpasste Arbeit der letzten Stunden nach, oder wie? Der Soldat will uns gerade mit harscher Handbewegung wegschicken, als Robert Hassan an die Strippe bekommt und ich dem Deppen in Uniform signalisiere, er solle gefälligst warten. Und siehe da, nachdem Robert ihm das Telefon gereicht und der Typ selbst mit Hassan gesprochen hat, winkt er uns zumindest weiter.
Da es ihm aber offensichlich wenig passt, uns reinlassen zu müssen, meint er noch, ich müsse meine Kamera da lassen. Wie bitte? Hier fahren voll beladene Pickups und LKW rein, deren Ladung nicht kontrolliert wird, und ich soll meine Kamera abgeben? Vollspast! Da ich keine Lust habe, noch länger zu diskutieren, gebe ich ihm den Akku in die Hand, woraufhin er zwar noch nach Ersatzakkus fragt, die ich sowieso nicht dabei habe, uns aber dann endlich weiter lässt.
Das Ganze offenbart mal wieder zwei Probleme: Zum einen die absolut widersinnigen Regelungen, die in den meisten Ländern der Welt gelten, dass man zum Beispiel dieses und jenes nicht fotografieren darf, obwohl jeder Depp, und erst recht jeder Geheimdienst, soviele Fotos von dem Objekt machen oder sich besorgen kann, wie er nur will. Glauben die etwa, ein Geheimdienstler kommt mit einer fetten Spiegelreflex, um geheime Fotos anzufertigen? Das zweite Problem ist, dass Kontrolle einen Scheißdreck bringt, wenn man sie nicht zu Ende durchführt. Ich darf also die Nikon nicht reinnehmen, weil sie in einer extra Tasche aufbewahrt wird, aber die 10-Megapixel-Lumix in der Hosentasche ist kein Problem, oder wie? Und Robert kann mit seinem High-Tech-Handy, das vor zehn Jahren zur Traumausrüstung jedes Spions gehört hätte, ebenfalls einfach so reinspazieren? Und was ist mit den ganzen anderen Leuten? Wie so oft gilt auch hier: Jeder Schilling, der an diese Pfosten bezahlt wird, ist rausgeschmissenes Geld!
Eigentlich soll uns Hassan helfen, ein Schiff nach Jemen zu finden und die Preisverhandlungen mit dem Besitzer zu führen, umso mehr wundert es uns, als er zuächst fragt, ob wir ein eignes Transportmitel, will heißen: ein Auto, am Hafen hätten oder etwa zu Fuß gekommen seien. Erst als er mangels Transport unsererseits anfängt, per Telefon einen eigenen Geländewagen mit Fahrer zu organisieren und wir darin schließlich zurück auf den Damm einbiegen, der vom Hafen auf das Festland führt, wird uns klar, dass uns unsere kleine Tour wohl etwas weiter weg führen wird. Und wir dachten noch, er wolle oder könne nur die zweihundert Meter bis zu den Docks nicht selbst laufen.
Die Fahrt führt uns zurück in den Ort, zunächst vor das Büro der Reederei, deren Schiff angeblich heute Abend ablegen soll – das jedoch, nicht zuletzt wegen Ramadan, geschlossen ist. Danach fahren wir noch beim Immigration Office vorbei, dass sich nicht etwa am Hafen, sondern nur wenige Meter von unseren Hotel entfernt befindet. Ein kleiner Mann, um dessen dicken Bauch ein Handtuch gewickelt ist und der angesichts der nassen Haare und Haut soeben eine Runde Schwimmen war, empfängt uns und wirft einen prüfenden Blick in meinen Pass. Als er das jemenitische Visum gefunden hat, nickt er zufrieden und lässt dem alten Mann ausrichten, dass wir heute Abend vorbeikommen sollen, falls wir Somaliland auf dem Schiff verlassen.
Bei der Rückkehr in den Hafen stänkert Mr. Hassan die Pforte an, man solle mir meinen Akku zurückgeben, doch der betreffende Soldat ist nicht da, der Bulle ebenfalls nicht, und die anderen wissen nichts. Wegen dem Schiff melde er sich wieder zwischen vier und fünf, sagt er, als wir uns verabschieden. Beim Rausgehen kümmern sich die anderen Soldaten an der Pforte wenigstens recht eifrig um mein Anliegen, rufen den anderen Honk an und nach kurzer Zeit überreicht mir jemand meinen Akku. Gut, das wäre dann geklärt, aber zu gern hätte ich es gesehen, wie der Hauptschuldige persönlich Anschiss bekommen hätte. In Zukunft werde ich jedenfalls noch etwas mehr rumstänkern, bevor ich auch nur den Akku rausgebe.
Nachmittags rufen wir uns ein Taxi, das uns zum vier Kilometer entfernten Strand vor dem Hotel Al-Mansour bringt. Der Typ fängt mit aberwitzigen 20 Dollar für Hin- und Rückfahrt an, und ich mache spontan den Fehler, mit viel zu hohen fünf Dollar für einfache Fahrt einzusteigen. Mit Nachverhandlung für die Rückfahrt am Zielort kommen wir auf acht Dollar für Hinfahrt, Warten und Rückfahrt, was zwar dann doch für uns ganz in Ordnung, doch wie Robert treffend bemerkt, angesichts eines Tageslohns von fünf Dollar für einen Soldaten immer noch viel zu viel ist. Stimmt schon, ich wollte einfach nur zum Strand und basta, ganz abgesehen davon, dass während des Ramadans tagsüber so gut wie kein Mensch und erst recht kein Taxi auf der Straße ist, weswegen der Typ sowieso unsere einzige Chance war, dort überhaupt hinzukommen.
Anderthalb Jahre nachdem ich im Golf von Aqaba eine Woche lang am Strand rumgehangen bin und ein Jahr nachdem ich Suez besucht habe, bin ich nun fast wieder am Roten Meer. Eben nur fast, da das Rote Meer erst an der Meerenge von Bab al-Mandeb beginnt und das hier der Golf von Aden und damit quasi der Indische Ozean ist. Trotzdem, das Wasser ist klar und leicht grün schimmrig, wie ich es vom Golf von Aqaba kenne, nur die pisswarme Temperatur, die für eine Abkühlung nicht wirklich gut ist, erinnert eher an jene von Kish im Persischen Golf als an den Sinai. Genau wie in Nuweiba oder Dahab sieht man hier übrigens ähnliche Bergformationen wie jene von Saudi Arabien – jedoch nicht auf der gegenüberliegenden, sondern hinter sich auf der eigenen Seite. Kleiner und etwas weniger imposant sind sie, aber die Grundformen und Farben sind exakt dieselben. In zwei Monaten werde ich hoffentlich auch jene am Golf wieder sehen.
Am späten Nachmittag erfahren wir von Hassan, dass unser Boot heute doch nicht fahren wird. »Maybe tomorrow« heißt es nun und Robert fragt vorsichtshalber noch einmal nach, ob das mit dem »maybe« auch wirklich so gemeint war. Ja, war es. Naja, noch einen Tag mehr zum Abhängen, Berichteschreiben, Faulenzen und Schwitzen – viel mehr gibt es in Berbera eigentlich nicht zu tun.
Da Robert inzwischen wieder um einiges besser dran ist als noch heute früh, machen wir in der Stunde vor Sonnenuntergang noch einen kleinen Spaziergang durch den Ort und zum südwestlichen Teil des Hafenbeckens, wie ich ihn gestern schon alleine gemacht habe. Deutlich sieht man den Unterschied zwischen Ebbe und Flut, denn während morgens das ganze Hafenbecken gefüllt ist, kann man abends hunderte Meter zwischen trocken liegenden Booten und Ankern hineinlaufen, ohne nasse Füße zu bekommen.
Berbera selbst vermittelt indes den Eindruck einer Ruinenstadt. Zumindest in jenen Teilen, die wir bisher gesehen haben, liegt gut ein Drittel der aus Stein gebauten Gebäude in Trümmern. Stellenweise sieht es aus wie nach einem Bombenangriff, an manchen Orten, die wohl zur inoffiziellen Müllkippe umfunktioniert wurden, brennt und raucht der Müll unentwegt vor sich hin. Ob nebst Hargheisa auch Berbera 1988 von der somalischen Zentralregierung bombardiert wurde, wissen wir gerade nicht, aber aussehen tut es schon danach. Sicher ist, dass wohl etliche Leute seit dem Bürgerkrieg nicht mehr zurückgekommen sind und vieles nicht mehr aufgebaut wurde. Da weckt der in die USA ausgewanderte Somalilander, der nun zurückgezogen ist, schon einige Hoffnung. Die Zukunft für S.Land, Land und wie Somaliland noch so genannt wird - vielleicht auch noch Schlaaaand? -, scheint durchaus Positives zu bringen.
Abends essen wir wieder im Restaurant Al-Hayat, sind diesmal sogar rechtzeitig zehn Minuten vor Fastenbrechen anwesend, um anständig bedient zu werden. Wenn man pünktlich da ist, »geht die Choreographie von alleine los«, sagt Robert dazu. Mit Datteln und Wassermelone wird gestartet, und während sich zwischendurch manche zum Gebet verziehen, gehen wir zum Hauptgang über: Fleisch oder Fisch mit Reis oder Spaghetti. Das Ganze an einem wunderschönen Platz direkt am Wasser. Doch während ich gestern sogar noch Roberts halbe Portion mitaß, habe ich heute Mühe, meine eigene fertig zu bringen. Tagsüber zu viel Kleinkram essen ist erwiesenermaßen nicht ramadanabendessenkompatibel.
So lege ich mich voll überfressen und erstaunlich müde im Hotel ab und komme auch nicht mehr hoch, als Robert um zehn nochmal loszieht, um das Internetcafé zu besuchen und Wasser zu kaufen.
Saudischer Funk:
+966 569275638
Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.
Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.