Zwischen Tamegroute und Zaouia-el-Barrahnia, Marokko (02.09.2006)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Freitag, 27. August 2010aus: Horn von Afrika, Jemen & Naher Osten 2010
Routenteil: Hargheisa, Las Geel, Berbera

Bye bye Hargheisa: Das Flussbett trennt die Stadt enzwei.
Bye bye Hargheisa: Das Flussbett trennt die Stadt enzwei.

Es ist mal wieder an der Zeit, Geld auszugeben. Was eignet sich da besser als bei einer schönen Abzockertour mitzumachen? Im Angebot wären ein Fahrer, ein eigener Soldat, ein assliges Auto, das bemerkenswerterweise sogar meist schon beim ersten Versuch startet, sowie dessen Verbrauchsstoffe. Unsere neue kleine Armee – gemeint ist der spindeldürre Soldat – könnten wir eigentlich anderweitig benutzen. So à la »Welches Land erobern wir heute?«. Da solche Überlegungen wohl nicht von Erfolg gekrönt sein dürften, benutzen wir den Soldaten nur für unsere Tagestour und zahlen 135 US-Dollar, anstatt neue Lande einzunehmen.

Leider kommt man in manchen Fällen nicht um diese Touren umhin. Die Perle des konventionellen Tourismus in Somaliland ist Las Geel, ein Felsen nahe der Verbindungsstraße von Hargheisa nach Berbera, in dessen Höhlen sich bestens erhaltene Wandmalerein von anno dunnemals befinden. Über einhundert Figuren prangen dort an Wänden und Decken, teils so frisch aussehend, als wären sie am selben Morgen hingemalt worden und die Farbe noch nicht trocken, anderen hingegen haben Wind und Wetter, vor allem die seltenen aber dafür umso heftigeren Regenschauer, sichtbar zugesetzt.

Farbenspiel der gut erhaltenen Malereien.
Farbenspiel der gut erhaltenen Malereien.

Nun ist Las Geel, das in Somali so etwas wie »Das Wasser der Dromedare« bedeutet, zwar die Perle des Tourismus – doch wo ist der Tourismus? Bestimmt nicht in Somaliland. Und erst recht kein konventioneller. Wer hierher kommt, sucht Abenteuer, will etwas sehen, was sich sonst nur wenige anschauen, will etwas Besonderes berichten können. So kommt es denn auch, dass von der Hauptstraße, bei der man schon froh sein kann, wenn sie geteert und streckenweise lochfrei ist, nicht etwa ein geteerter Weg oder wenigstens eine einigermaßen anständige Piste die sechs Kilometer nach Norden bis zum Felsen hinführt, sondern ein fast nicht zu erkennender Pfad inmitten von einem felsig-steinigen Terrain, bei dem ich mich mitunter frage, wie es der Toyota Kombi überhaupt schafft, weiter zu kommen. Und nicht auseinanderzubrechen. Keine Chance, das Ganze ohne Auto und auf eigene Faust durchzuziehen. Nicht ein Schild weist auf die unscheinbare Abzweigung zwischen den zwei kleinen Gebäuden in dem Dorf hin, das wie alle anderen aussieht. Und selbst wenn man den eigenen Transport noch irgendwie hinbekommen könnte, käme man nicht um den obbligatorischen Soldaten und die Gebühren für die Besuchserlaubnis umhin.

Wahrscheinlich wird es an diesem Ort eines Tages komplett anders aussehen. Ich stelle mir einen großen, asphaltierten Parkplatz vor, an dem Busladungen von Touris ausgespuckt und wieder aufgesammelt werden, nicht zu vergessen die Reiseleiter mit Sonnenschirm und Funksprechgeräten, und natürlich optionale 10-Minuten-Kameltouren durch das nahegelegene Wadi zu Mondpreisen. Wenn ich heute, anno 2010, hingegen in das offizielle Besucherregister schaue, sehe ich etwa dreißig Einträge, beginnend mit dem 1. August. Das macht im Durchschnitt einen Besucher pro Tag – die Besucher aus dem eigenen Land, die gut ein Drittel ausmachen, bereits eingerechnet.

Robert und unser Soldat unter den Höhlenmalereien in Las Geel.
Robert und unser Soldat unter den Höhlenmalereien in Las Geel.
Etliche Kühe sind an die Höhlendecken gezeichnet.
Etliche Kühe sind an die Höhlendecken gezeichnet.
Unser gemieteter Soldat kommt sich toll vor.
Unser gemieteter Soldat kommt sich toll vor.

Seit 1991 bemüht sich Somaliland, das sich damals nach einem blutigen Bürgerkrieg inklusive diverser Massaker durch die Zentralregierung in Mogadishu für unabhängig erklärte, um seine internationale Anerkennung. Nicht nur, dass wir täglich von irgendjemandem direkt oder unterschwellig auf die bisher fehlende Akzeptanz der Weltgemeinschaft hingewiesen werden, auch die Bemühungen der Regierung sind durchaus auffallend. Recht und Ordnung wird offensichtlich groß geschrieben, man rühmt sich mit einem einigermaßen demokratischen Dreiparteiensystem, mit freien Wahlen und relativer Sicherheit. Relativ ist hier natürlich alles: Wenn, wie bei den Wahlen vor zwei Monaten, aus denen eine Oppositionspartei als Sieger hervorging und somit ein einigermaßen friedlicher Machtwechsel stattfand, lediglich ein Mensch ums Leben kommt, dann ist das in dieser Region wirklich etwas, das man sich getrost auf die Fahne schreiben kann. Am Horn von Afrika ist man sonst weiß Gott andere Zahlen gewöhnt, wie die nähere Umgebung zeigt. In Kenia gab es vor zwei Jahren bürgerkriegsartige Zustände nach den Wahlen, in Uganda bombt Al-Shabaab einfach mal zwei WM-Live-Übertragungen in die Luft und letztes Jahr saß ich in Kampala noch beim Frühstück, während auf der Straße geschossen wurde, Somalia ist sowieso nicht der Rede wert. Äthiopien hatte bei den Wahlen vor fünf Jahren auch extreme Unruhen. Eritrea hingegen, so stellte letztens einer unserer Gesprächspartner sehr treffend fest, verhält sich wie Deutschland in den 1930er Jahren, Sudan zerfällt – oder teilt? – in Nord und Süd. Jemen auf der anderen Seite des Meeres geht stetig den Bach runter und ist wohl bald bis auf weiteres ein Failed State. Bleibt eigentlich nur noch Dschibuti, bei dem mir jetzt spontan nichts einfällt.

Kleines Geschäft auf der Strecke von Las Geel nach Berbera.
Kleines Geschäft auf der Strecke von Las Geel nach Berbera.

Die größte, letztendlich aber nur vorgeschobene Hürde für die Anerkennung Somalilands, sind die anhaltenden Grenzstreitigkeiten mit Puntland, der anderen selbstproklamierten Teilrepublik Somalias, die westlich von Somaliland direkt an der Spitze des Horns liegt und sich auf der Webpräsenz des Tourismusministeriums »The safest place in Somalia« auf die Fahne schreibt. Nicht nur angesichts dessen, dass Puntland die wichtigste Basis der Piraterie im Golf von Aden darstellt, darf dies mit Recht und Fug bezweifelt werden.

Einfahrt zum Flugfeld Berbera – pardon: zum »Berbera International Airport«.
Einfahrt zum Flugfeld Berbera – pardon: zum »Berbera International Airport«.
Kurz vor Berbera sehen wir einige Panzerwracks.
Kurz vor Berbera sehen wir einige Panzerwracks.

Von Las Geel fahren wir weiter nach Berbera, der zweitgrößten Stadt Somalilands, die neben Dschibuti und Port Sudan einen der wichtigsten Häfen auf der afrikanischen Seite des roten Meeres beherbergt. Vor allem Äthiopien, das selbst keinen Meereszugang hat, möchte in Zukunft verstärkt auf Berbera als nahen und sicheren Seeumschlagplatz für Im- und Exporte setzen, um Dschibutis Monopol zu beenden. Deshalb auch die bereits erwähnen Bemühungen beim Ausbau der Straße in Richtung Somaliland – wobei auf Somalilands Seite da noch extremer Nachholbedarf besteht!

Von Hargheisa nach Berbera sind es zwar nur 140 Kilometer Luftlinie, doch verstecken sich dahinter zusätzlich noch gut 1.200 Meter Höhenunterschied. Während es in der Hauptstadt die letzten drei Tage ausnahmsweise sogar regnerisch und normal warm war, steigt das Quecksilber in Berbera jeden Tag über 40 Grad Celsius. Maximum 42, Minimum 33, das ist die offizielle Ansage für die nächsten drei Tage. Nicht, dass wir damit nicht zurecht kämen, der Irak hat uns da vor zwei Jahren noch ein gutes Stückchen mehr abverlangt, doch bei einem solchen Wurf ins kalte, pardon: warme Wasser, brauchen wir doch zumindest mal einen knappen Tag Gewöhnungszeit.

Berbera.
Berbera.
Berbera hat wohl schon bessere Zeiten gesehen.
Berbera hat wohl schon bessere Zeiten gesehen.
Behinderter auf einer Straße Berberas.
Behinderter auf einer Straße Berberas.

Robert ist heute sowieso raus. Las Geel hat er noch gut mitgemacht, aber schon bei der Weiterfahrt wird die Lage schlimmer. Während ich in Berbera meinen Ersterkundungsspaziergang mache, ruht er sich im Zimmer aus. Das an sich gute Abendessen verträgt er überhaupt nicht und bereits um acht Uhr legt er sich im glühend heißen Bett ab und hofft auf etwas Erlösung durch den Ventilator. Eigentlich bin ich immer der Kranke, auf mindestens fünf der letzten sieben Reisen hatte ich einen Fiebertag und oder sonstige KO-Symptome, doch nun ist es Robert, der schon zum zweiten Mal erkrankt. Die Symptome – Gliederschmerzen, Appetitverlust, Übelkeit und dergleichen – passen natürlich bestens zu Malaria. Doch das tun sie nun mal immer. Da kann man sich nun verrückt machen lassen oder nicht, aber mit Prophylaxe wäre man zumindest ein klein bisschen beruhigt. Ich nehme vorerst jedenfalls weiterhin brav mein Doxycyclin, auch wenn ich speziell heute das Gefühl nicht los wurde, dass die erhöhte Sonnenempfindlichkeit diesmal doch vorhanden ist. Letztes Jahr merkte ich von dieser Nebenwirkung nichts.

Kamele an der Hafenbucht Berberas.
Kamele an der Hafenbucht Berberas.

Abends kaufe ich noch Vorrat für morgen ein, denn während des Ramadans ist es hier schwer, auch nur ein Gramm Essbares zu finden. Gleiches gilt für Wasser. So verlade ich eine Wassermelone, vier Bananen, ein paar Kekse, sechs Liter Wasser und zwei Ranis ins Zimmer, um zumindest ansatzweise über die Runden zu kommen. In der Nachthitze, auf den dunklen Sandstraßen zwischen den vielen Ständen mit Gaslampen, komme ich mir mit den vielen Tüten vor wie ein Packesel. Aber die Atmosphäre ist super – genau wie sie mir gefällt. Meine von Markus bekommene Nationlink-SIM-Karte lade ich indes mit zwei Dollar auf, um lediglich einen davon für das zehnminütige Telefonat zum Geburtstag meines Vaters zu verbrauchen. Und schließlich besuche ich noch das mutmaßlich einzige Internetcafé der Stadt, das dem Somalilander Ruf mit seiner recht schnellen Verbindung trotzdem gerecht wird.

Wir finden hingegen, es gibt sogar recht viel Ordnung in Somaliland.
Wir finden hingegen, es gibt sogar recht viel Ordnung in Somaliland.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.