
Sonntag, 15. August 2010aus: Horn von Afrika, Jemen & Naher Osten 2010
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Auf dem Weg zur Botschaft von Somaliland werden wir vom Matatu zunächst bei jener von Somalia abgeladen. Das Missverständnis lag bereits in der Luft, aber da die Richtung laut GPS zumindest so einigermaßen stimmte, haben wir uns nicht weiter darum gekümmert. Nach einem Botschaftsviertel sieht es hier nicht gerade aus. Sicher, ein paar Hütten mit hohen Mauern und Stacheldrahtzaun darum sowie vereinzelt einem Soldaten davor sind alles, was man hier sieht. Doch die Hauptzugangsstraße ist nicht einmal asphaltiert, stattdessen tut sich an manchen Stellen gar ein regelrechter Matschpool auf, bei dem sich Robert seine einzige Hose dreckig macht.
Vielleicht haben sich die hier ansässigen Länder aber auch schon mit ihrer Zukunft abgefunden und entsprechend runtergekommenens Terrain für ihre diplomatischen Vertretungen gekauft. Somalia? Existiert schon lange nicht mehr wirklich. Die Regierung regiert, wenn’s hochkommt, zehn Straßenzüge in Mogadishu. Gleich daneben die »Embassy of the State of Palestine«. Existiert noch nicht. Das mit dem Staat ist dann wohl ein Scherz, oder? Ein paar Meter weiter der Jemen – mit tendentiell unrosiger Zukunft.
Einen Kilometer weiter, in einem etwas besseren Viertel, wo eher Flaggen von Rumänien, Portugal, Südafrika und Dänemark wehen, finden wir dem GPS folgend schließlich die Mission von Somaliland, die sich hier, ganz in bester Gesellschaft, ebenfalls Botschaft betitelt. Natürlich geschlossen. Der Wärter sagt, wir sollten morgen wiederkommen. Und da wir zwar Dollar, Fotografien und Pässe dabeihaben, die Passkopien aber im Hotel liegen, können wir nichtmal alles abgeben, um es morgen fertig abzuholen.
Am Meskal-Platz, einem viele hundert Meter messenden, halbrunden Platz im Zentrum der Stadt, entkommen wir der nächsten Abzocke. »Siren Scam«, nennt es der Lonely Planet, und Gott sei Dank habe ich die entsprechende Infobox dazu erst heute Morgen gelesen. Jemand, der sich als Student ausgiebt, erzählt von einer traditionellen Show mit Tänzern und Livemusik, die man kostenlos besuchen könne. Die paar Minuten können wir ja mal mitgehen, denken wir uns. Und tatsächlich, genau wie es der Gipsy vorhersagt, werden wir in einen privaten Hof geführt, wo uns sofort ein paar Mädels begrüßen, uns zum Hinsetzen einladen, da die vermeintliche Darbietung gleich anfange. Wo denn die vielen anderen Leute seien, die dem Ganzen angeblich auch beiwohnen sollen, wollen wir wissen. »Die sind gleich da. A lot of people will come!« Ja natürlich! Wir verabschieden uns und treten wieder auf die Straße, denn was sonst folgen würde, wären ein paar Minuten Tanz und Musik, begleitet von ein paar Gläsern Tej, dem äthiopischen Honigwein – wofür nach einem recht abrupten Ende dann wohl doch um die 1.000 Birr verlangt werden.
Wir latschen verplant weiter, vorbei am Nationalpalast in ein muslimisches Viertel. Wenige Minuten vor Sonnenuntergang findet hier vor der hübsch anzusehenden Moschee mit dem hellblauen Minarett ein kleiner Volksauflauf statt – schließlich darf bald gegessen werden. Der Gebetsraum, besser gesagt: das Wellblechdach über der Gebetsfläche, wird von windigen Holzpfosten getragen. Sieht eher provisorisch aus, steht aber wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten. Gleich gegenüber vom Haupteingang hat Meri Ahmed sein Geschäft, wo er unter anderem Teppiche zu verkaufen scheint. Andrehen will er uns aber gar nichts, vielmehr schmeckt es dem Spaßvogel, uns in eine halb ernste und halb lustige Diskussion über Gott und die Welt zu verwickeln. Das ist natürlich gefundenes Fressen für den jungen Philosophen unter uns, der zwar die meisten Fragen gut pariert, auf die Frage, wie es denn sein könne, dass es immer noch Affen gibt, wenn wir wirklich von ihnen abstammen, jedoch verständlicherweise keine Antwort mehr weiß. Stattdessen erfahren wir Meris Sicht der Dinge: »Ein Philosoph ist jemand, der in einem dunklen Raum nach einer schwarzen Katze sucht, die sich dort gar nicht befindet.«
Keine Katze, sondern ein Käfer steht indes vor der Moschee. Ein Volkswagen. Nebst ein paar T2-Transportern, einem gesichteten T1 sowie ein paar Passats, ist der Käfer der am häufigsten vorkommende Volkswagen in Addis. Dieser hier gehört Meri, der uns den Wagen von der Moscheemauer extra die 15 Meter weiter zu seinem Laden fährt, damit wir ihn begutachten können. Ob er den in Deutschland als Oldtimer verkaufen könne, fragt er. Mit Videobildschirm, Bluetooth und blinkenden Rückspiegeln? Er solle lieber selber damit fahren, raten wir ihm.
»Bis zwölf bin ich heute im Bett« sage ich abends – es sollte sich als großer Irrtum erweisen. Was mit ein paar Bier und einer netten Diskussion zu zweit beginnt, endet spät in der Nacht nach mehreren Maß in Null-dreier-Häppchen und dem Besuch von mehr als einer Handvoll Clubs und Bars. Wir sind wie jeden Abend auf unserer Homestreet, die eigentlich gar nicht unsere Homestreet, sondern vielmehr eine unsere Homestreet kreuzende Straße ist. Für uns ist sie aber so etwas wie ein »kulturelles Zentrum«, denn hier befinden sich die am schnellsten erreichbaren Bars, ein anständiges Internetcafé und auch das Taitu-Hostel. Außerdem ist hier immer etwas los, zu jeder nur erdenklichen Tages- und Nachtzeit.
Das bedeutet aber auch, dass wir so gut wie nie durchgehen können, ohne von irgendeinem unserer Möchtegern-Homies oder gar einem Neu-Homie genervt zu werden. Erstere wird man nicht los und letztere lassen sich nicht vermeiden. So müssen wir bereits in den zweiten Laden wieder irgendwelche Honks mitnehmen, die wir vor einer Stunde gerade nochmal losgeworden sind. Wir sitzen also mit dem Gesicht zur Straße in einer Reihe entlang der Wand des Ladens, Robert und ich in der Mitte, die zwei anderen außen, jeweils von einem Tisch getrennt. Unbeschreiblich der Spaß, den wir dabei haben, die beiden vollständig zu ignorieren und uns nur unter uns zu unterhalten! Ab und zu tippt mich der zu meiner Rechten zwar an, um mir in seinem relativ schlechten Englisch eine Frage zu stellen, deren Antwort er dann womöglich nicht einmal versteht, doch mehr als ein paar einsilbige Phrasen bekommen die beiden von uns nicht zu hören.
Die Situation ändert sich schlagartig, als Tedy hinzukommt. Der ist cool drauf, will offenbar weder etwas verkaufen noch abgreifen und ist auch imstande, eine anständige Diskussion zu führen – sogar auf Französisch. Er ist aus Dschibuti. Sein Vater ist zwar Äthiope, er hat vor einiger Zeit auch mal zwei Monate hier in Addis verbracht, doch er lebt dort und ist nur mit seiner Schwester zu Besuch hier, sozusagen Tourist wie wir.
So kommt es, dass wir mit Tedy von Bar zu Bar oder Club ziehen. Anfangs sind die beiden anderen Vollpfosten auch noch dabei und wir finden es total witzig, dass auch Tedy ganz im Tourisinne die beiden nicht leiden kann, sie am liebsten loswerden würde. Während er ihnen in einem Club noch je ein Bier ausgibt, passiert danach etwas, das wir nie erwartet hätten: Er bietet ihnen Geld dafür, dass sie sich verpissen. »Ok, listen, I give you money, no problem, but you go alone.« Die beiden fühlen sich natürlich gekränkt, lehnen zunächst ab. Doch wie fast nicht anders zu erwarten war, greift wenige Sekunden später einer der beiden nach den 50 Birr und mit einem ziemlich schlecht gelaunten »Bye!« verschwinden sie in der Dunkelheit der schlecht beleuchteten Addiser Straßen.
Es mag etwa vier Uhr sein, als ich mein Bett endlich erreiche. So genau raffe ich das nicht mehr. Robert feiert indes weiter.
Saudischer Funk:
+966 569275638
Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.
Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.