
Freitag, 13. August 2010aus: Horn von Afrika, Jemen & Naher Osten 2010
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Mit Preston, einem in Amman lebenden Amerikaner, der ebenfalls auf unserem Flug war, teilen wir uns ein Taxi ins Piassa-Viertel, wo wir direkt zum Hotel Baro fahren. 100 Birr für die Fahrt, also umgerechnet etwas mehr als fünf Euro, ist zwar nicht gerade der allerbeste Preis, den man sich vorstellen kann, aber immerhin weniger als die zunächst verlangten 160, und angesichts dessen, dass es halb vier ist und wir eigentlich eher schlafen als verhandeln wollen, voll im Rahmen.
In einem dreckigen Dreibettzimmer für ebenfalls nicht allzu billige 240 Birr legen wir uns schließlich ab. Die Check-out-Zeit von 12 Uhr können wir gleich mal vergessen.
Wie nicht anders zu erwarten war, ist es bereits Mittag – das entspricht sechs Uhr lokaler Habesha-Zeit, die um sechs Uhr unserer Zeit zu zählen beginnt -, als wir uns so langsam aus den Federn bewegen. Das Zimmer mag vielleicht asslig sein mit dem Teppich, der wohl mehrere Kilogramm an Ascheresten beherbergt, und der Wand, die zwar so aussieht, als komme sie herunter, es aber nicht wirklich tut – doch die warme Dusche ist ohne Frage ein Genuss, den man sich hier nicht erwarten würde.
Unser erstes Ziel führt uns zur Quelle allen Lebens. Nein, nicht Wasser, sondern Geld. Automatensuche ist in Addis gar nicht so einfach. Zwar gibt es rund ein Dutzend Stück bei diversen Filialen der Dashen-Bank, der offenbar einzigen, bei der internationale Kreditkarten sowie Maestro akzeptiert werden, doch für eine Mehrmillionenstadt ist das natürlich trotzdem noch recht mau. Hinzu kommt, dass man bei der Frage nach ATMs gerne auch mal zu jenen einer anderen Bank geschickt wird, was uns herzlich wenig hilft.
Wir überqueren gerade einen Kreisverkehr in Piassa, als uns drei junge Leute in gutem Englisch ansprechen, ob sie uns helfen könnten. Der Rasta Hajaja und seine zwei Nichtrastafreunde, ich nenne sie in Anlehnung an ihre äußere Erscheinungsform mal den Langen und den Blauen, weisen uns tatsächlich blitzschnell den Weg zu einem für uns tauglichen Automaten. Zu einem Hinterhofrestaurant, das wir alleine nie gefunden hätten, welches meiner Meinung nach aber auch nicht gerade das beste ist, führen sie uns auch noch. Und da sie uns gleich im Anschluss den Merkato zeigen wollen, wo wir sowieso vor hatten, hinzugehen, gehen wir gemeinsam weiter.
Der Merkato, zumindest jener Teil, den wir davon gesehen haben, ist zwar eine nette Sache, aber irgendwie nicht Fisch und nicht Fleisch, schwer in eine Kategorie einzuordnen. Von einem arabischen Souk ist er meilenweit entfernt, von einem westlichen Markt allerdings auch. Im Grunde handelt es sich um eine konzentrierte Ansammlung von kleinen Geschäften, die in Gebäuden entlang der vielerorts auch von Autos oder gar Bussen befahrenen Straßen untergebracht sind. Zu kaufen gibt es auch nicht das Wahre, sondern, in einem Wort ausgedrückt: nur Schund. Man sollte meinen, dass man bei so vielen Gürtelhändlern wenigstens einen findet, der Robert einen Gürtel mit Geldfach anbieten kann, doch wie das bei Chinesenimporten und dergleichen nun mal so ist, bieten alle ausnahmslos das gleiche Zeug an. Schade, dass wir keinen Gürtel mit Dollarsymbol, abnehmbarer Handyattrappe oder sonstigem Shit an der Gürtelschnalle wollen.
Ich weiß nicht so recht, wer auf die Idee kommt, doch irgendwie heißt es auf einmal, wir müssten zu einer Qat-Sitzung. Qat ist das Zeug, was am Horn wie auch im Jemen so ziemlich jeder kaut. Was das Bier für die Kenianer, das sind Qat-Blätter für die Äthiopen – nicht etwa, weil sie es brauchen oder so toll finden, sondern eher weil sie sich langweilen und es sich in fast jeder Lebenslage kauen lässt. So zumindest mein Eindruck der ganzen Geschichte. Nach einer Fahrt mit einem der Minibusse, die hier keinen eigenen Namen haben sondern einfach nur Taxi genannt werden – und welche ich zur besseren Unterscheidung in Anlehnung an meine anderen Ziele weiterhin Matatu oder Servis nenne – landen wir schließlich unweit der sudanesischen Botschaft in einem kleinen Laden, dessen einzige Daseinsberechtigung das Qatkauen sein dürfte. Klar, es gibt dazu Cola, Nüsse und Musik, doch letztendlich dreht sich alles um Qat.
Wenn ich nur wüsste, was die daran alle so toll finden! Man nimmt die Blätter von den Zweigen, steckt sie sich in den Mund, kaut ein wenig darauf herum und befördert dann alles in die Backen, lagert es sozusagen hinter den Zähnen. Runtergeschluckt wird nichts. Nach einiger Zeit entstehen auf diese Weise stattliche Hamsterbäckchen, an deren Gefühl man sich erst einmal gewöhnen muss. Ansonsten spürt man – das ist zumindest meine Erfahrung – so gut wie nichts. Preston weiß auch nichts zu berichten, nur Robby sagt, er merke eine gewisse Wirkung und könne sich an eine noch stärkere bei seinem letzten Besuch vor fünf Jahren erinnern. Doch wirklich Handfestes gibt es auch hier nicht zu hören. Die einen sagen, es mache müde, die anderen, es mache wach, ich glaube hingegen, es ist einfach nur ein Zeitvertreib.
Und ein teurer noch dazu!
Preston und ich sind früher heimgegangen, weil wir dem Ganzen nicht allzu viel abgewinnen konnten, und ich habe Robert extra 500 Birr da gelassen, um die Rechnung zu bezahlen. »Way too much!« war Prestons Kommentar hierzu, und auch ich dachte, dass wohl auf keinen Fall mehr als 200 für die Colas und das Grünzeugs verlangt werden würden, wenn doch schon ein ganzes Essen für drei Personen weniger als 100 kostet. Doch haben wir weit gefehlt! Zur abgemachten Uhrzeit taucht Robert daraufhin im Hotel auf und sagt, er brauche mehr Schleifen. Über 1.000 habe es gekostet! Die Homies hätten selber noch ein paar Hunderter dazugegeben und außerdem ein Funkgerät als Pfand da gelassen, das nun mit weiteren 400 Birr von unserer Seite ausgelöst werden muss.
Nun, es gibt Schlimmeres als knapp 50 Euro, was pro Person ja sowieso unter 20 macht, sinnlos in den Wind zu hauen, aber das hier riecht zumindest im ersten Moment nach Abzocke. So als ob die mit den Rechnungsstellern unter einer Decke steckten. Doch wir werden uns in den nächsten Tagen informieren und erfahren, dass 100 Birr für eine Tüte Qat ein durchaus normaler Preis ist. Umso erstaunlicher, dass der Großteil der Äthiopen das Geld zu haben scheint, über fünf Euro für eine Tüte unnützen Gemüses ausgeben zu können. Immerzu. Mehrfach am Tag!
Wahrscheinlich haben sich die drei Homies gedacht, dass sie jetzt mal richtig prassen können, wo die Rechnung sowieso von wem anders bezahlt wird. Sieben Tüten Qat hätte keiner gebraucht, drei oder vier hätten vollkommen gereicht, aber die Jungs haben immerzu nachlegen lassen. Dass ihnen die ganze Aktion im Nachhinein peinlich ist, nehme ich ihnen nicht so wirklich ab, auch wenn es vielleicht nicht unbedingt zu erwarten war, dass die Touristen aus Europa nicht mehr als 25 Euro in Bar mit sich herumführen. Für uns war es jedenfalls mal wieder ein kleines Lehrgeld, seit der Kameltour in Marokko vor vier Jahren aber auch das teuerste. Ein Ruf zu mehr Raison und besserer Obacht.
Den Abend verbringen wir mit Preston, Nadine, einer Studentin vom Matthes, die sich ihre letzten Äthiopientage in Addis aufhält, und Markus, den sie hier beim Reisen kennen gelernt hat. Die beiden residieren im Taitu Hotel, das zwar ein weit besseres Flair aufweist und dessen Betrieb und gebotene Dienstleistung sich etwas mehr an den Bedürfnissen westlicher Individualreisender orientiert, aber wirklich besser sind Zimmer und vor allem Toiletten auch nicht. Markus hat in Somaliland spontan für eine lokale NGO gearbeitet, weil er vor Ort Bargeldprobleme hatte, und wird auch nochmal für zwei Wochen dorthin zurückkehren. Nadine war hingegen in Jimma, bevor sie zusammen mit Markus Teile von Äthiopien bereist hat, wird morgen Nacht aber schon nach München zurückfliegen.
Preston, unser amerikanischer Zimmergenosse, ist indes einer der wenigen Amis, die mir vom ersten Moment an taugen. Keine komischen Meinungen oder Ansagen, verständliche Ausdrucksweise – so ist’s mir recht. Das beste aber sind die gemeinsamen Interessen und die vielen hörenswerten Geschichten, die er auf Lager hat: Der 33-Jährige arbeitet nämlich für das State Department und ist dort für das Kontrollieren des Erfolgs von Wohltätigkeitsprojekten im Nahen Osten zuständig. Mehr oder weniger zumindest. Er lebt in Amman, wo sich sein Hauptarbeitsplatz befindet, reist aber auch ständig umher und kann somit nebst mancher Geschichte zu den üblich verdächtigen Ländern auch das eine oder andere von Baghdad oder Kabul berichten. Im Oktober werde ich ihn dann mal in seiner angeblich sehenswerten Dreizimmerwohung in Amman besuchen kommen.
Nach 18 Bier im ersten Laden wechseln wir das Lokal und treten in einen Tanzladen auf unserer Pseudo-Home-Street ein. Auf enger Fläche tanzt dort ein Haufen Äthiopen vor allem mittleren Alters zu mir nur mittelmäßig eingängiger Musik. Überhaupt vermisse ich die Musik aus Kenia und Uganda, deren, wenn man so will, Coolheitsfaktor um einies größer und deren Melodien durchaus kompatibler zu meinem Gehör waren. Nicht, dass die äthiopische Mucke schlecht wäre, aber ich höre dann halt doch lieber Aziz Azion.
Nachdem wir im zweiten Laden dann fast nochmal genauso viele Biere konsumiert haben, von denen die meisten jedoch auf Roberts Konto gingen, verziehen wir uns alle ins Bett – bis auf Robby, der mit einem von den heutigen Nachmittagshomies und wem anders noch anderweitig ausgeht. Nur, um bei seiner Rückkehr ins Hotel den Schlüssel abzubrechen, sodass wir den verbleibenden Stumpf fortan mit der Schnalle eines Spanngurtes bedienen müssen.
Insgesamt erinnert mich hier sehr vieles an letztes Jahr. Mag auch die Musik anders sein, mögen die Matatus etwas anders funktionieren, die Gebäude deutlich niedriger gebaut und die Leute viel ruhiger und weniger aufgedreht, insgesamt doch westlicher, drauf sein. Das Gefühl, das ich habe, während ich so über die Straßen laufe oder im Matatu sitze, ist trotzdem fast dasselbe.
Saudischer Funk:
+966 569275638
Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.
Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.