Freitag, 19. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: Qalat al-Madiq, Suqaylabiyah, Masyaf, Safita, Tartus
Bei ungewohnt warmem Wetter verlasse ich am Vormittag Qalat al-Madiq, um vor meiner Weiterreise noch ein paar Stunden in Suqaylbiyah zu verbringen. Bei Abu George und seinen Nachbarn habe ich nämlich einen guten Anlaufpunkt und bekomme nebst den üblichen Litern an Tee sogar wieder etwas zu Essen. Das Interessanteste ist aber allemal, dass man von diesen Sitzplätzen das komplette Stadtzentrum, bestehend aus einem großen Kreisverkehr mit den ihm umgebenden Läden, im Blick hat. Hier kann niemand vorbei, ohne gesehen zu werden.
So ist dies einer der wenigen Orte, wo der Fernseher im Geschäft nur eine Nebenrolle spielt. Da Abu George in Beirut aufgewachsen ist und weil es außerdem im Großen und Ganzen die einzigen Sender sind, die für Leute wie ihn einigermaßen taugen, laufen bei ihm mit wenigen Ausnahmen nur libanesische Sender über die Mattscheibe. In den Nachrichten gibt es, wie auch die letzten zwei Abende bei Zahir, auf allen Kanälen eigentlich nur zwei Themen: Das iranische Atomprogramm und die palästinensisch-israelischen Ausschreitungen in Nablus. Dass die Berichterstattung über den Iran so ausführlich und imminent ist, hatte ich nicht erwartet. Ahmadinedjad und Konsorten laufen auf Al-Jazeera und Al-Arabiyah am laufenden Band rauf und runter, während ich in den Onlineausgaben von Spiegel, Süddeutsche, BBC und CNN vergeblich eine über zwanzig Zeilen hinausgehende Information zum aktuellen Geschehen suche. Die arabische Welt scheint mehr Angst vor Iran zu haben als der gesamte Westen. Aus gutem Grund: Sollten in Tehran eines Tages doch die Sicherungen durchbrennen, was ich persönlich für sehr abwegig halte, hier aber, das höre ich aus den Kommentaren deutlich heraus, als durchaus mögliches Szenario angesehen wird, dann schaut die gesamte Region ziemlich alt aus. Die Ironie der Situation ist, dass es den arabischen Staaten hier ausnahmsweise, und selbstverständlich unausgesprochen, zupasskommt, wenn Israel in dieser Beziehung stark ist.
Die Berichterstattung über das Westjordanland lässt diesen Gedanken aber schnell wieder verfließen.
Über Misyaf, dessen schöne Kreuzritterburg ich letztes Jahr schon besichtigt habe, während ich von einem Franzosen zugelabert wurde, komme ich mit diversen Servis und zum größeren Teil per Anhalter über die nette Kleinstadt Safita bis nach Tartus. Den stundenlangen Wartereien auf dem Balkan stehen hier lächerliche fünf Minuten entgegen, die ich durchschnittlich an einem der Plätze stehen muss, bevor mich jemand mitnimmt. Solange es Verkehr gibt, funktioniert Trampen nämlich sehr gut, nur wenn auf der einen oder anderen Strecke so gut wie überhaupt niemand fährt, helfen auch Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft nicht mehr weiter. Siehe King’s Highway in Jordanien, den Sean und ich mangels Verkehr zur – gefühlten – Hälfte ablaufen mussten.
Abends in Tartus muss ich in der Lobby des Hotels Daniel für zwei Dänen, ein Junge und ein Mädel, die Frage übersetzen, ob sie denn Geschwister seien. Die beiden Brüder Daniel und Robert Deutsch der vergangenen Reisen lassen grüßen. Manche Leute haben echt wenig Ahnung, und vom Hotelpersonal, dass ja schon hin und wieder Europäer zu Gesicht bekommen dürfte, hätte ich normalerweise solch eine Frage nicht erwartet, wenn es sich nicht wie in diesem Falle um die aushelfende Mutter der der Besitzerehefrau handeln würde. Ich antworte jedenfalls zunächst nach eigenem Ermessen und kümmere mich danach um die Übersetzung für die Dänen, dir mir daraufhin fast das Gefühl geben, mich für diese Frage verantwortlich zu halten.
Die beiden sind heute ürigens auch getrampt, haben es aber nicht mehr nach Qalat al-Hosn geschafft. Dass sie überhaupt zu Fuß unterwegs sind auf ihrer Tour von Kairo nach Kirgisistan, und nicht etwa, wie angedacht, mit dem Auto, liegt daran, dass sie ihren in Deutschland für 8.000 Euro gekauften Nissan X-Trail damals noch am gleichen Tag auf Schnee zu Schrott gefahren haben.
Das verdient Respekt!