Donnerstag, 18. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: Qalat al-Madiq, Afamia, Qalat al-Madiq
Gast sein ist oft nicht einfach. Hatte ich zu Beginn der Reise noch vor, hier vielleicht mehrere Tage zu verbringen, so kann ich nach noch nicht einmal 24 Stunden wieder nachvollziehen, warum ich letztes Jahr bereits nach einer Nacht wieder weitergezogen bin. Zum einen hatte ich da natürlich etwas mehr Zeitdruck, zum anderen liegt es aber einfach an der Situation, in der ich mich hier befinde.
Ich bin zu Gast bei einer Familie, die vielleicht zu sechst, vielleicht zu acht, möglicherweise aber auch zu zehnt, so genau weiß ich das gar nicht, in diesem Haus, welches im Grunde eine Ansammlung von Zimmern um einen Innenhof ist, wohnt – und kann mich mit niemandem unterhalten. Mit jeder Minute, die vergeht, ärgere ich mich mehr, dass ich zu Hause nicht regelmäßig in ein Lehrbuch geschaut habe, um jetzt etwas mehr Arabisch beisammen zu haben. Üblicherweise gibt es immer irgendwelche Ausweichaktivitäten und so kann man dann nochmal einige Zeit damit rumbringen, ein bisschen Karten zu spielen, anhand des Atlases klar zu machen, wo denn überhaupt Deutschland liegt und abermals die immer gleichen Fotos durchzugehen, die ich diesmal für nur gut einen Euro von Italien aus hergeschickt habe.
Wenn man dann aber wirklich mit allem durch ist, jedes arabische Wort in allen möglichen Kontexten verwendet und die an zwei Händen abzählbaren englischen Wörter von Zahir und seinen Mitbewohnern in den absurdesten Kombinationen durchgekaut wurden, wird es sehr still im Raum. Oder besser gesagt: Wäre es sehr still, wenn auf dem Fernseher nicht Melody FM liefe. Letztes Jahr war ich zufällig an einem Abend da, wo ein knappes Dutzend Personen zu Gast waren, die zwar alle auch kein Englisch konnten, aber immerhin Leben in die Bude gebracht haben. Nun sitze ich die meiste Zeit mit einem oder zwei Leuten im Raum und schaue Fern – oder eben sogar endlich in das mitgenommene Sprachbuch.
Es ist ja auch nicht so, dass ich einfach aufstehen und gehen könnte, um den Tag nach meinen Vorstellungen zu verbringen. Schon allein wenn ich ansage, dass ich jetzt mal kurz von der hoch gelegenen Zitadelle, wo Zahirs Haus liegt, in den im Tal aber totzdem nicht weit gelegenen Ort laufen will, muss ich höchst umständlich klar machen, dass ich das wirklich so will und es wahrhaftig kein Vorteil für mich ist, wenn ich mit dem Motorrad dorthin gefahren werde. Letztlich wird dies nach eindeutiger Klarstellung zwar in der einen oder anderen Weise akzeptiert, doch ich habe stets das Gefühl, dass es nicht wirklich verstanden wird. In umgekehrter Richtung, vom Ort nach Hause, ist es im Übrigen dasselbe.
Wenn von der Seite der Gastgeber bessere Aktivitäten vorgeschlagen werden würden, hätte ich ja überhaupt nichts einzuwenden. Doch anstatt interessanter Dinge, wie zum Beispiel die schon letztes Jahr von mir vorgeschlagene Besichtigung des Rathauses, wo Zahir arbeitet und das ich nur eine Minute von innen gesehen habe, oder einem geführten Rundgang durch die Zitadelle oder gerne auch durchs Dorf, werde ich auf dem Motorrad wieder nach Afamia gefahren. Das ist so weit ja noch in Ordnung und ich freue mich auch wirklich, den Ticketleuten hallo zu sagen und bass erstaunt festzustellen, dass mein letztes Jahr mitgebrachtes Foto seinen festen Platz in der linken Schublade des Schreibtisches hat. Doch als Zahir meint, ich solle mit seinem Schwiegersohn nun durch die ganze Stätte laufen, bis er uns eine Stunde später wieder abhole, verstehe ich gar nichts mehr. Soll ich mir die Kollonade zum dritten Mal anschauen? Am besten noch einmal die gleichen Fotos machen, wie er etwa vorschlägt? Nein danke, ich breche den Rundgang, den ich ja nicht mal alleine, sondern in der steten Begleitung des zwar sehr netten, aber mangels gemeinsamer Sprache größtenteils schweigenden Schwiegersohnes, hätte durchführen sollen, ab.
Stattdessen hocke ich mit ihm zusammen eine Stunde vor die Tickethütte und trinke Tee. Manchem Touristen hält der heutige Tickettyp, den ich bisher noch gar nicht kannte und er mich nur vom Foto, dieses vor’s Gesicht und erklärt, dass ich der darauf Abgebildete sei. So zum Beispiel auch dem Schotten Ian und der Amerikanerin Kara, die sich kurz hinter der Ticketbude bei uns ausruhen. Dass ich daraufhin mehrmals die Einminutenfassung der ganzen Geschichte darlegen muss, ist selbstverständlich, also halte ich ihn lieber davon ab, indem ich selber beginne, Fragen zu stellen. Das Eintrittsgeld der in der Hochsaison täglich 500 Touristen gehe nicht etwa an ein Ministerium für Kultur, Tourismus oder ähnliches, erklärt er mir, sondern an das Finanzministerium. Im Übrigen kämen die meisten Touristen aus Italien und Frankreich. Und ja, die Geschichte der Deutschen, die sich 1997 hier den Fuß gebrochen hat, habe ich bereits sowohl im Krankenhaus wie auch vor Alis Taxistand gehört.
Zum Glück gibt es noch Ahmed Said, Zahirs Freund und damaliger Tickettyp in der nördlichen Ticketbude, der mit seinem verhältnismäßig gutem Englisch für mich übersetzt hat und aus mir bis heute unerfindlichen Gründen mit meinem Reisepass nach Hama gefahren ist, während ich im Krankenhaus lag. Vor ein paar Tagen habe ich ihn extra angerufen, um mein Kommen mitzuteilen, in der Hoffnung, dass er möglichst viel zugegen sein würde. Mit ihm lässt sich nämlich etwas anfangen!
Allein weil diese Rechnung aufgegangen ist, bin ich nun doch froh, diesmal zwei Nächte hier zu verbringen. Gestern Abend hat uns Ahmed knappe zwei Stunden zu Hause besucht und heute hat er mich sogar zum Mittagessen ins Restaurant eingeladen. Alleine redet es sich mit ihm auch noch viel besser als sonst, wenn nämlich Zahir durch seine Anwesenheit zumindest mir das Gefühl vermittelt, er sei neidisch auf seinen Freund, weil ich mit diesem viel lieber rede, ja überhaupt reden könne, als mit ihm selbst.
Überdrüssig von den üblichen Sätzen mit beschränktem Vokabular kann ich es mir nicht verkneifen, die Diskussion nebst Allerweltthemen auch auf heiklere Gebiete zu lenken. »I don’t like politics!« stellt Ahmed klar, redet angesichts dieses Hintergrundes dann aber doch erstaunlich lange darüber.
Einfach ist es trotzdem nicht. Nicht, dass das Restaurant als öffentlicher Ort, so wie ich vermutet hätte, ein Problem für Ahmed darstellt, viel mehr braucht es oftmals Ewigkeiten, bis er eine meiner Fragen zumindest ansatzweise beantwortet. So führt meine Frage, was er persönlich unter Baschar besser finde als unter seinem Vater, zu einer allgemeinen Geschichtsstunde, in der er kein einziges Mal auf sich selbst Bezug nimmt, sondern stets von »wir« und »den Syrern« redet, ganz so als gäbe es nur eine Kollektivmeinung. Hafiz sei ein großartiger Präsident gewesen, alle seien ihm gefolgt, nicht nur die Syrer, sondern auch der Rest der arabischen Welt. Bei solch einem Satz höre es sich für mich eher so an, als rede er von Nasser, werfe ich ein. Ja, lediglich die Jahre der Vereinigten Arabischen Republik seien düster für Syrien gewesen, aber genau daraus hätte Hafiz die Syrer wieder befreit.
Man könne übrigens über alles öffentlich reden, antwortet er auf meinen Hinweis, ob wir im Restaurant nicht etwas mehr auf passen müssten. Wer etwas anderes behauptet, sei ungebildet. Ich gehe darauf nicht weiter ein.
Schließlich hat Ahmed, für die Verhältnisse am hiesigen Land und seine gut vierzig Jahre einigermaßen gut ausgebildet, will heißen: beendete Schule und eine anschließende Ausbildung im Tourismussektor, jedoch Probleme, über Steuern zu reden. Nachdem er mir nämlich erzählt, dass seine derzeitige Aufgabe als Beamter darin besteht, Subventionen in Höhe von einhundert bis zweihundert Dollar an bestimmte oder gar alle Bürger auszuzahlen, frage ich, wo der syrische Staat eigentlich hauptsächlich sein Geld herbekomme. Meines Wissens sitze Syrien schließlich nicht auf ewig viel Öl oder sonstigen Ressourcen, sei daher kein Rentierstaat und müsse somit zumindest in Teilen auf Steuern angewiesen sein. Als wir jedoch eine halbe Stunde später immernoch damit beschäftigt sind, zu klären, was Steuern sind und was in Syrien womöglich besteuert wird, frage ich mich, ob ich nicht vielleicht unrecht habe. Denn egal wie ich meine Sätze drehe, wende und umstelle, meist erklärt Ahmed das Umgekehrte und bezieht sich auf Dinge wie Brot und Benzin, allesamt subventionierte Dinge, wo der Bürger bezuschusst wird.
Auf Wasser, Strom und Internet zahle man jedoch beispielsweise Steuern, so Ahmed, bezieht sich dabei höchstwahrscheinlich aber auf die normalen Preise. Nur weil irgendwelche Golfstaaten den Bürgern Strom und Wasser schenken, obwohl sie von letzterem eigentlich viel zu wenig haben, heißt das ja noch lange nicht, dass es sich um Steuern handelt, wenn man woanders einen regulären Preis dafür bezahlt. Nach dieser Logik würde ich in Deutschland Steuern – gemeint ist: ausschließlich Steuern – zahlen, wenn ich den MVV oder die Deutsche Bahn benutze. Stattdessen handelt es sich um einen Fahrpreis – auf den zusätzlich Umsatzsteuer und weiß der Geier was noch angerechnet werden.
Nach dem Restaurantbesuch, der sich bis in den frühen Abend hinzieht, sehe ich endlich auch, wo Ahmed wohnt. Unten im Tal, auf der anderen Seite des extrem verdreckten Bewässerungskanals, der in einigen Kilometern Entfernung parallel zum Orontes geführt wird, hat er sich ein anständiges Häuschen gebaut, das, wie quasi jedes Haus im Nahen Osten, bei Bedarf um weitere Stockwerke erweitert werden wird. Von der sechsköpfigen Familie sehe ich leider nur seine Frau und den jüngsten Sohn, doch freue ich mich schon, in den nächsten Jahren auch mal die anderen kennen zu lernen. Am liebsten würde ich das nächste Mal direkt hier hausen und nicht oben bei Zahir.