Reifenplatzer in der Pampa vor Zouala, Marokko (27.08.2006)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?
16. März 201018. März 2010

Mittwoch, 17. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: Lattakia, Suqaylabiyah, Qalat al-Madiq

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Richard verlasse ich Lattakia in einem Servis nach Hama. Dass ich nicht ein einziges Mal umsteigen muss, um von hier nach Suqaylbiyah zu kommen, hätte ich nicht gedacht.

Es zeigt sich wieder einmal, wie mächtig und effizient das Minibussystem unter den richtigen Vorraussetzungen ist. Keine ewige Warterei, Ein- und Ausstieg wo immer man will, extrem schneller Transport – zumindest hier. Wo wir in einem afrikanischen Matatu wegen der Straßen und vor allem auch dem ständigen Be- und Entladen von Reissäcken, Holzpaletten oder gar Ziegen im Schneckentempo vorankommen würden, erreicht man hier auf interstädtischen Linien auch mal knappe 100 Kilometer pro Stunde als Durchschnitt. Mir graust es indes jetzt schon, wenn ich daran denke, wie man in Deutschland wieder zu irgendeiner bestimmten Uhrzeit am Bus sein muss oder weitere Ewigkeiten auszuharren hat, wenn man ihn verpasst. Und wenn man gerade nicht an einer Haltestelle ist, hat man eh keine Chance. Warum eigentlich? Was das Busunternehmen Watzinger inzwischen auch im Würmtal hier und da mal durchführt, sollte eigentlich die Regel sein: Jeder wird entlang der Strecke dort aufgenommen, insbesondere aber auch herausgelassen, wo er es wünscht. Die hiesigen Servisfahrer legen sogar regelmäßig für nur 30 Meter den Rückwärtsgang ein, um ihre Fahrgäste direkt vor der Hauseinfahrt aussteigen zu lassen. Als wenn das nach 50 Kilometern Transport noch wichtig wäre.

In Suqaylbiyah erreiche ich erstmalig seit Antakya einen mir bekannten Ort und suche sogleich den Laden auf, wo ich vor einem Jahr ein Foto vom Besitzer Abu George und seiner Tochter Reema gemacht habe. Lustigerweise spricht mich der Typ wieder automatisch an, auf Französisch, wie gehabt. Er wundert sich auch nicht sonderlich, als ich zunächst im Rucksack nach etwas Speziellem krame, doch als ich ihm daraufhin unvermittelt sein eigenes Foto vorhalte, bleibt er zunächst sprachlos. Es dauert einige Momente, bis er sich an mich erinnert und freut sich dann so sehr, dass er sofort allen Personen in der Nähe erzählt, er habe von mir gerade ein Foto gebracht bekommen. So geht es auch weiter, als wir bereits längst in seinem Laden sitzen: Der lustige Vogel begrüßt aufgrund meiner Präsenz jeden Kunden auf Französisch, was zwar total widersinnig ist, weil ihn keiner verstehen dürfte, dem einen oder anderen Mädel aber ein anhaltendes Kichern abverlangt. Natürlich wird jedem das Foto gezeigt und die dazugehörige Geschichte erzählt.

Reema selbst ist gerade gar nicht da, die 25-jährige ist mit ihrem Verlobten vor nur wenigen Minuten abgezogen, stattdessen halten der 22-jährige George und die 18-jährige Rand zusammen mit ihrem Vater die Stellung. Letztere definiert sich als extensive Nutzerin von Computern und des Internets, so sehr, dass der Vater ihr sogar kürzlich die Leitung komplett gekappt hat, offenbart aber zugleich eines der häufigsten Probleme, wenn es zum Austausch von Kontaktdaten kommt: sie hat keine Ahnung, wie eine E-Mail-Adresse zu benutzen ist.

In vielen Ländern des Nahen Ostens, insbesondere aber im Iran, geben die Jugendlichen wie selbstverständlich irgendwelche »IDs« heraus und erwarten, dass damit alles gesagt sei. Klar, die gehören zu irgendwelchen Messengerprotokollen, doch dass es davon nicht nur eines gibt, scheint meist unbekannt zu sein. Das ist ungefähr so, wie wenn ich jemandem meine Straße und Hausnummer gebe, ohne jedoch den Ort oder gar das Land zu nennen, in dem sich diese befinden.

Wenn jemand, wie auch Rand, eine E-Mail-Adresse herausgibt, dann nur, weil diese als Identifikation für den einen oder anderen Messenger verwendet wird. Als ich zu erkären versuche, dass ich nicht wie sie zu irgendeiner Tages- oder Nachtzeit »my email open« habe – übersetzt: in MSN-Messenger online bin -, sondern stinknormale E-Mails schreibe, steigt ihr Verständnis für Internetkommunikation aus. Wie das denn ginge und ob sie mich dafür auf ihrem mobilen Programm namens »aBuddy« denn nicht online sehen müsse, fragt sie. Ich sende ihr zur Verdeutlichung an Ort und Stelle eine Testmail vom PDA, doch damit kann sie nichts anfangen. Selbst George scheitert damit, seiner Schwester die Sache auf Arabisch zu erklären, und beendet den Versuch mit einem resignierten und zugleich bemitleidenden Lachen.

Für mich wird mal wieder deutlich, dass das Internet für den Großteil der arabischen Jugend nichts anderes als ein Chatmedium ist, das entweder mittels Instant Messengern oder Sozialen Netzwerken, sofern sie denn im eigenen Land nicht blockiert sind, verwendet werden kann. Dass viele der seit Jahren das Internet benutzenden Jugendlichen nur alle paar Monate in ihrem ominösen Webmailzugang auf einen Bestätigungslink geklickt, mitunter aber noch nie selbst eine E-Mail versandt haben, ist angesichts der inzwischen allgegenwärtigen Internetnutzung für mich schwer vorstellbar.

Ich schaue nochmal im staatlichen Krankenhaus von Suqaylbiyah, wo ich meine erste Operation hatte, vorbei, um weitere Fotos, diesmal vom letzten Jahr, abzuliefern. Es sind nicht gerade viele bekannte Gesichter zugegen, trotzdem werde ich natürlich herzlich empfangen und spätestens als klar ist, dass ich hier schon als Patient zu Gast war, zum Tee eingeladen. Durch ein Labyrinth von Räumen, an deren Türen Warnschilder mit dem Atomzeichen vermutlich auf nukleare Strahlung hinweisen sollen, werde ich zwischen immer dreckiger werdenden Wänden, Fußböden und Decken in einen etwas heruntergekommenen Raum mit mehreren Stühlen gebracht, wo ich zusammen mit den zweien von der Rezeption, einem Pharmazisten, zweien aus dem Laboratorium und zwei Ärzten an einem Tee schlürfe. Dass auch hier geraucht wird, ist selbstverständlich.

Auf dem Weg zum Ortsausgang aus Suqaylbiyah wird mir erst bewusst, wie stark die christliche Bevölkerung vertreten ist. Nicht nur, dass die Familie Kondrak des gerade besuchten Ladens christlich ist, auch ähnelt das Straßenbild, insbesondere was die Kleidung angeht, eher dem von Lattakia als jenem, das ich von einer stadtfernen Bevölkerung im Hinterland erwarten würde. Die relativ große Kirche, die gerade neu gebaut wird, bestätigt diesen Eindruck, und wenn ich Abu George und seinen Nachbarn Glauben schenken darf, leben bis auf ganz wenige Ausnahmen nur Christen in diesem Ort.

In Afamia angekommen setze ich mich vor das lokale Taxibüro zu Ali, Mohammed, und Abu Bashaar, die mir Mette anbieten – irgendein komisches Getränk, das letztendlich aus Kräutern in heißem Wasser besteht und mit einem Halm aus Metall getrunken wird. Bei den Al-Atwan-Cousinen habe ich letztes Jahr literweise davon getrunken, aber jetzt habe ich eher das Gefühl, dass mein Magen damit nicht so einverstanden ist.

»Daniel, bist du der Daniel«, fragt mich Ali keine fünf Minuten nachdem ich mich dazugesetzt habe auf Arabisch, »der vor drei Jahren in Afamia gefallen ist?« Verwundert ob der unerwarteten Frage bejahe ich diese, woraufhin sofort allen klar ist, dass ich zu Zahir und Ahmed Said unterwegs bin. Interessanterweise werde ich mit dieser Geschichte auch den in der nachfolgenden halben Stunde vorbeikommenden Personen vorgestellt, denen ich allen ohne Ausnahme zumindest vom Hörensagen bekannt bin. Einige Gesichter kenne ich sogar noch vom letztjährigen Abend in Zahirs Zuhause, doch auch dem Rest des Dorfes scheine ich wie ein bunter Hund bekannt zu sein.

Den Abend bei Zahir verbringe ich wie erwartet im Gemeinschaftsraum der Männer. Vollständig mit Teppichen ausgelegt, mit Kissen am Rand, einem Fernseher in der Ecke und dem typisch syrischen Dieselofen in der Mitte sieht es hier so aus, wie auch in den meisten anderen Heimen, die ich kennen gelernt habe. Hier spielt sich das abendliche Leben ab, mit Essen, Rauchen, Fernsehen, Labern und allem, was sonst noch so dazugehört. Für Gäste, manchen von Zahirs Söhnen sowie einen seiner Brüder ist es außerdem zugleich der Schlafraum. Von hier rufen die Männer ihre »Befehle« in den Innenhof heraus, und wenige Minuten später klopft ein weibliches Mitglied der Familie an der Tür, um zum Beispiel ein Tablett mit Teekanne und Gläsern abzuliefern. Hereinschauen oder gar Eintreten scheint, zumindest im Normalfall, strengstens verboten. Morgens wird wird das hingegen lockerer gesehen, denn irgendwann muss ja auch mal aufgeräumt werden.

Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch lerne ich aber diesmal in einem Raum auf der anderen Seite des Innenhofs sogar ein paar Frauen der Familie, zwei Schwestern, seine Frau sowie zwei Töchter, kennen. Gesehen hatte ich die alle zwar schon letztes Jahr, aber eigentlich nur zwischen Tür und Angel. Ein anderes junges Mädel mit unnatürlich weißem Gesicht flüchtet sich bei meinem Anblick mit einem beinahe ängstlich wirkenden Blick hingegen sofort aus dem Zimmer und bleibt für den Rest des Abends verschwunden. Vor zwei Stunden musste ich bei der Christin Rand noch eine komplette Handyfotosession mit halber Umarmung über mich ergehen lassen, jetzt darf ich nicht einmal die Hand zur Begrüßung geben. Nicht, dass es mich noch überraschen würde, aber interessant sind diese Gegensätze von jedem Tag auf’s Neue. Willkommen im Arabien des 21. Jahrhunderts.

Deutlich werden diese nicht zuletzt auch am Fernsehprogramm. Während nämlich im Frauenraum nur Kopftuchträgerinnen zugegen sind und es dort überhaupt keine Mattscheibe gibt, läuft bei den Männern auf dem Fernseher Melody Tunes als aufreizendes Hintergrundprogramm. NileSat, Cyrus, ArabSat und wie die hier relevanten Satelliten alle heißen, sind vollgestopft mit Musiksendern, die mit ihrem westlichen Konsorten so ziemlich gar nichts gemein haben. Während das libanesische Rotana wirklich ein arabisches Pendant zu MTV und Viva ist, also vorwiegend professionell produzierte Videoclips ausstrahlt, erscheinen Sender wie das ägyptische Melody Tunes, Mouzzika Irgendwas, HI und die zwanzig bis dreißig Konsorten wie aus dem nächstbesten Hinterhof gesendet. Auf einer Bühne, die manchmal nicht viel besser ausgeleuchtet ist als jene einer schulischen Unterstufenparty, tanzen vier bis acht bildhübsche Mädels – bei vielen Sendern übrigens fast immer dieselben – mit zumeist üppiger Oberweite in engen Kleidern mal mit Elan, oft aber auch ziemlich gelangweilt vor sich hin. Die wenigen unterschiedlichen Kameraeinstellungen und -bewegungen wiederholen sich im Halbminutentakt, die Schnitte sind teils so grottenschlecht, dass sie jede Telenovela unterbieten. Auf einem Stuhlkreis um die Bühne herum klatscht ein gutes Dutzend weiterer Mädels etwas benommen zum Rhythmus der Musik, ganz so, als würden sie von einem permanent leuchtenden Applausschild dazu gezwungen werden. Die Musik kommt entweder vom Band oder von einem absolut deplaziert wirkenden Sänger, dessen Playbackkünste selbst von den Teilnehmern der RTL-Kinderhitparade überboten werden dürften. Wirklich drollig wird die Situation für den westlichen Zuschauer auf diese Weise, wenn sich deshalb ein älterer Araber mit saudisch-wahabitischer Kopfbedeckung und Djellabiyah gesellt, der stocksteif seinen Sermon ins Mikrofon singt, abgesehen vom Mund seinen Körper um keinen Millimeter bewegt und nicht selten zu allem Überfluss auch noch eine Sonnenbrille auf der Nase hat.

Würde ich solch eine Sendung bei einem Saufabend in Deutschland präsentiert bekommen, käme ich wahrscheinlich nur schwer aus meinem Dauerlachanfall wieder heraus.

16. März 201018. März 2010

Aktuelles ...

Aktuelles

Sonntag, 29. August 2010
Freitag, 3. September, 13:45 Uhr
Aden, Kattaba, Hammam Damt

Funkrufzeichen in Äthiopien:
+251 921457521
+39 328 8982773

Funkrufzeichen in Somaliland:
+252 2 4234075

Funkrufzeichen in Jemen:
+967 736367955
+967 714495365

Berichte von Syrien & Libanon 2010 werden (vielleicht) noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (sehr vielleicht) noch folgen.