Dienstag, 16. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: Lattakia, Ras Shamra (Ugarit), Lattakia, al-Haffa, Qalat Salah ad-Din, al-Haffa, Lattakia
Schon um sieben bin ich auf den Beinen, was angesichts dessen, dass ich um acht Uhr eingeschlafen bin, auch nicht weiter verwunderlich ist. Als eine Stunde später Richard aufwacht, kündige ich durch die Trennwand an, dass er mit nach Ugarit kommen kann, wenn er innerhalb einer Viertelstunde bereit ist. Das ist er, weil er ja nicht duscht oder spült, sogar früher, und so machen wir uns auf den Weg zu der knapp zehn Kilometer nördlich von Lattakia gelegenen Ausgrabungsstätte.
Was an den ausgegrabenen und zum großen Teil wieder grün überwachsenen Mauern manche aber als »Perle« bezeichnen sollen, will uns nicht so richtig klar werden. Klar, der Komplex als Ganzes ist schon recht interessant, die Anordnung der Grundmauern untereinander, die Wege und Häuser, deren Grundriss man durchaus gut erkennen kann, haben schon etwas für sich. Und natürlich wurde hier das Alphabet sozusagen »erfunden« oder erstmals festgehalten, wodurch nicht zuletzt ein kleines Stück Ugarit in jedem von uns steckt. Doch für den Touristen, der nicht einmal angehend amateurarchäologische Züge aufweist und trotzdem schon so manch besser erhaltene Ausgrabung gesehen hat, ist Ugarit eher in der unteren Mittelklasse anzusiedeln. Am meisten Spaß macht noch das Durchschreiten der hüfthohen Grasfelder und die Besichtigung des zugegebenermaßen sehenswürdigen Eingangstores.
Zurück in Lattakia essen wir im Italian Corner an der Sharia al-Mutanabi zu Mittag. Hier flaniert die Bourgeoisie zum Schoppen sowie Aufsuchen eines Cafés oder Restaurants. Mit seiner großen Glasfassade eignet sich das Italian Corner bestens zum Beobachten des Treibens auf der Straße. Oft wurde mir erzählt, an der Küste gehe es anders zu als im Rest Syriens, und auch die woanders kennen gelernten Syrer aus dieser Region waren stets etwas anders. So erinnert in der Tat die Straße beim Hinausschauen aus dem Restaurant mehr an das Damaszener Christenviertel Dwelaa oder die Beiruter Barmeile, denn so eng und Figurbetont wie der hiesige Durchschnitt kleiden sich die Münchnerinnen nicht einmal im Hochsommer. Dabei ist nicht zuletzt interessant, dass dies bei weitem nicht nur auf die Christen zutrifft, sondern in fast gleicher Weise auch auf die Muslimen.
Viel mehr als People Watching ist in Lattakia aber eigentlich nicht angebracht. Ich nutze den endlich vollständig aufgehenden Himmel, um heute noch nach Qalat Salah ad-Din zu fahren. Auch bekannt als die Saladinenburg, soll sie eigentlich, wie die meisten Kulturstätten Syriens, dienstags zu sein. Doch Mohammed vom Hotel sagt, es sei trotzdem geöffnet – womit er schließlich auch recht hat.
Die Saladinenburg liegt eindrucksvoll an der Spitze eines Felsens, der das von Bäumen gesäumte Tal von dieser Stelle an in zwei verschiedene Täler teilt. Um nebst der Mauern und sonstigen Verteidigungseinrichtungen aber rundherum ein physikalisches zu überwindendes Hindernis zu haben, haben die Kreuzritter auf der Ostseite einen gut 25 Meter tiefen und schätzungsweise knapp 10 Meter breiten Canyon mit fast perfekt vertikalen Wänden gegraben, durch den nun die Zufahrtsstraße führt. Die teilt sich nur an einer kurzen Stelle enzwei, wo beim Bau der 28 Meter hohe Pfeiler ausgespart wurde, der auch heute noch steht und früher als Auflagepunkt für die Zugbrücke in windiger Höhe diente.
Die Burg an sich hat mit Qalat al-Hosn zwar den Stil gemein, scheint aber von vorn herein viel kleiner angelgt zu sein. So gibt es nicht Hunderte Meter an begehbaren Mauern oder derart vielstöckige und komplexe Raumsysteme wie dort. Einmalig ist hingegen die wohl ansonsten nicht weiter beachtete Zisterne mit ihrem beeindruckenden Echo. Da die Burg indes offiziell wirklich geschlossen ist und der Tickettyp offenbar nur da ist, weil ab und zu die einen oder anderen Pauschaltouris in Gruppen vorbeikommen, ist es so gut wie leer.
Umso überraschender laufe ich Tom aus Dresden über den Weg, der einen einmonatigen Arabischkurs in Damaskus hinter sich hat und das Gelernte nun bei seiner Reise durch das Land einsetzt. Zusammen mit ihm sowie Christian und Olivier aus Frankreich gehe ich abends auf der Flaniermeile im Last Station essen. Der Mittdreißiger Olivier, dem ich die ersten Minuten, nachdem ich ihn zusammen mit Tom im Hotel Lattakia aufgegabelt habe, etwas skeptisch gegenüber stehe, ist dabei die Bereicherung des Abends. Ist er doch mit dem Fahrrad von Kairo aus in Richtung Türkei unterwegs und hat daher so einige interessante und eher rare Geschichten zu Checkpoints und Grenzkontrollen auf Lager, die er uns auf seine sehr individuelle Art erzählt.