Montag, 15. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: Ras al-Basit, Lattakia, Qardaha, Lattakia
Saumüde komme ich in Lattakia an und suche sogleich das Safwan Hotel auf, dessen Manager Mohammed sich auf Couchsurfing mit einem recht extravaganten Tintin-Liebhaber-Profil präsentiert. Dass Hotels auf CS ein Profil haben, ist eher unüblich, wahrscheinlich sogar gar nicht erlaubt, doch wer bei Mohammed mit dem Hinweis auf Couchsurfing eintrudelt, der könne mit Rabatten rechnen, so schreibt er. Deshalb, und nicht zuletzt auch weil ich so müde bin, ziehe ich andere Bleiben gar nicht erst in Betracht und nehme ein Zimmer für 350 Lira die Nacht.
Das Zimmer ist eigentlich nicht nur ein Zimmer, sondern eine halbe Wohnung im siebten Stock, die ich mir mit Richard aus Vancouver teile. Neben dem recht großen Doppelzimmer, das ich für mich alleine habe, gibt es für uns beide zusammen noch einen Flur, eine Küche und ein Bad. Was sich jetzt anhört wie der Deal des Jahrhunderts – schließlich kostet die Unterkunft nur knappe sechs Euro – ist in Wirklichkeit ein recht zwieschneidiges Geschäft mit gerade noch angemessenem Preis. Der ganze Laden ist einer der dreckigsten und ungepflegtesten Orte, die ich bisher auf Reisen kennen gelernt habe, und zwar in einem derart fortgeschrittenen Stadium, dass er selbst die meisten der ab 50 Eurocent beginnenden Unterkünfte in Ostafrika schlägt.
Die Küche ist unbenutzbar, in unserem Bad liegen Kippen und im Spiegel kann man sich gerade eben noch selbst erkennen. Die Couchen unseres so genannten Flurs werden von einer dichten Staubschicht sowie einem ganzen Haufen Deckenputz bedeckt, der dort wie auch in den anderen Zimmern an vielen Stellen täglich neu herunterfällt. Die Trennwand zwischen Ricks und meinem Zimmer besteht aus einer lediglich aus Kunststoff, Aluminium und Holtz zusammengeschraubten Konstruktion, die man eigentlich jederzeit verschieben könnte. In der Tat gibt es an einer Stelle einen nur wenige Millimeter breiten Spalt, durch den Rick die vor mir das Zimmer bewohnende Mexikanerin hätte, das ist jedenfalls die Formulierung, die er selbst benutzt, beobachten können.
Draußen am Gang gibt es aufgrund der herabtropfenden Feuchtigkeit an der Decke Stalagtiten, die diesen Namen wirklich verdient haben, deren Gegenpart, die Stalagmiten, jedoch fehlen. Das überrascht nicht unbedingt, schließlich wird am Gang ja gelaufen. Immerhin sind aber unter jeder Stalagtite eindeutige Flecken auszumachen. Von Flecken im öffentlichen Bad am Gang zu sprechen, wäre hingegen eine dreiste Beschönigung – vielmehr handelt es sich dort um eine deckende Schmutzschicht auf Kacheln und Wänden, die mittels etlicher Zigarettenstummel auf dem Boden wie auch im Bidé, das offensichtlich als Aschenbecher verwendet wird, dekoriert ist. Ich dusche trotzdem lieber hier als bei uns im Bad.
In letzteren wurde im Übrigen seit einer Woche nicht gespült, stattdessen die Toilettenschüssel immer voller beschissen und bepinkelt. Richard meint, er habe nur ab und zu mal mit dem Schlauch ein bisschen Wasser beigegeben, damit es von der obersten, nur halbflüssigen Schicht nicht allzu sehr stinkt, schließlich funktioniere die Spülung nicht. Es sei wohl aber auch nicht angebracht, dies unten mitzuteilen. Als ich ihm zeige, dass es reicht, den Spülkasten aufzumachen und die ansonsten nicht bedienbare Spülung darin manuell auszulösen, werden die über Tage gesammelten Exkremente des Kanadiers, der Mexikanerin und wer weiß schon wieviel weiterer Zimmerbewohner endlich der Kanalisation zugeführt. Richard juckts indes wenig, er sei auch vorher zurecht gekommen.
Mit seinen sechs Jahren, die er, abgesehen von kleineren Unterbrechungen, auf Tour ist, gibt mein Mitbewohner sowieso einen ziemlich komischen Vogel ab. »This is country number fourty five«, erzählt er mir als ich ihn frage, ob er ein besonderes Interesse am Nahen Osten habe, und es sagt in wenigen Worten aus, wie er derzeit herumreist. Von Syrien selber hat er ziemlich wenig Plan, vom Nahen Osten noch weniger, Iran findet er womöglich nicht mal auf der Landkarte, geschweige denn weiß er, dass das Land derzeit ständig in den Nachrichten erwähnt wird.
Das heißt aber noch lange nicht, dass er von einem Land zum anderen hetzt. Im Gegenteil, mit massig Zeit, die ihm scheinbar unbegrenzt zur Verfügung steht, hat er schlicht die Ruhe weg. Warum er in Lattakia denn so lange bleibe, wo es doch eigentlich gar nicht so viel zu sehen gebe und es auch nicht sonderlich schön sei, will ich wissen. Daraufhin gibt er mit einem verschmitzten Lächeln zu Protokoll: »You know, I ordered a videogame!« Als ich das höre, kann ich mich, auch weil die Müdigkeit meine Albernheit fördert, vor Lachen kaum halten. Der Typ spült eine Woche nicht, hängt die Hälfte der Zeit im 24.net, einem Internetcafé zwei Blocks weiter, ab, und hat für 70 US-Dollar ein Videospiel bestellt, auf das er nun wartet. Warum er nicht stinkt, obwohl er behauptet, die ganze Woche wegen der hiesigen Zustände noch nicht geduscht zu haben, bleibt mir schleierhaft. Für meine Tage hier taugt er trotzdem allemal als lustiger Geselle und da er zudem mit einem MacGyver-Shirt auf Tour ist, muss er mir qua Naturgesetz sympathisch sein.
Obwohl ich eigentlich schlafen müsste, besteige ich nach einem ersten kurzen Rundgang durch Lattakia einen Minibus nach Qardaha. Dort, in der Heimatstadt des ersteren, liegen Hafiz al-Assad, der 2000 gestorbene Präsident Syriens sowie sein Sohn Basil begraben. Letzterer war eigentlich für die Nachfolge des Präsidentenamtes vorgesehen, doch als er frühzeitig in einem Autounfall sein Leben verlor, war es auf einmal der zweitgeborene Baschar, ein in Großbritannien ausgebildeter Augenarzt, den eines Tages die Verantwortung treffen würde.
Das immense eigens gebaute Mausoleum ist schon bei der Anfahrt in der Ferne auf einem Hügel erkennbar. Läuft man von der Kreuzung, wo der Servis einen hinauslässt, die kleine Steigung entlang einer Sackgasse hinauf, wird man auf einmal von bestgekleideten Wächtern empfangen, die zwar fast alle eine Kanone auf dem Rücken tragen, mit ihrem akkurat gepflegten Äußeren wohl aber eher zu einem Staatsbankett passen würden. Mein Pass wird kontrolliert und die Kameratasche muss ich abgeben – die Kamera selbst soll ich hingegen, da wird mir fast keine andere Wahl gelassen, mit hinein nehmen.
Während ich die restlichen einhundert Meter von der Wache zum Eingang des Mausoleums zurücklege, springen hinter einem Baum auf einmal vier weitere dieser Pinguine auf, diesmal ohne sichtbare Wafffen, um ihre jeweiligen Positionen zu beziehen. Einer begrüßt mich am Eingang, zwei stehen drinnen links und rechts des mittig platzierten Sarges von Hafis, der dritte gesellt sich abseits zum am Rande liegenden Basil.
So stehen wir also da. Die drei stocksteif auf ihren Positionen, mich beobachtend. Ich, kerzengerade, rechts die Kamera in der Hand, keinen Millimeter bewegend, fünf Meter vor dem Sarg Hafiz', alleine, erdrückt von der Immensität des großen und doch überraschend schlicht gehaltenenen Inneren des Mausoleums, nicht wissend, was ich jetzt eigentlich tun soll. Volker Perthes Geheime Gärten gehen mir durch den Kopf, ich denke auf einmal an die politischen Salons und an die vielen, auf Wänden, Plakaten, Bilderrahmen, Heck- sowie Frontscheiben allgegenwärtigen Bilder der drei Assads – doch es hilft nichts. Bei Atatürk wäre ich vor lauter Andrang nicht in so eine Situation gekommen.
Schließlich laufe ich zu dem rechts stehenden Pinguin und frage ihn etwas naiv, wo denn eigentlich Basil liege, den ich bis zu diesem Zeitpunkt wirklich noch nicht entdeckt habe. Das lockert die Situation etwas auf, ich mache, mehr weil ich danach gefragt werde als weil ich es will, zwei Fotos, winke den Assads innerlich auf Wiedersehen und schreite durch den Ausgang. Dass ich dort vom vierten Wächter auf einem silbernen Tablett einen Kaffee serviert bekomme, ist die Krönung der Ehrerbietung, die die Syrer ihrem verstorbenen Präsidenten und den Besuchern seines Grabes erweisen.
Um acht Uhr abends schlafe ich schließlich auf meinem Bett ein und wache erst um eins wieder auf. Gut, dass ich eigentlich vor hatte, Abend zu essen und über die Straßen zu flanieren. Stattdessen wird nach Wechsel in Schlafkleidung weitergepennt.