Sonntag, 14. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: Antakya, Yayladağı, [Türkei / Syrien], Kassab, Ras al-Basit
Ländergrenzen zu passieren ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Wenn wir mit dem Camper unterwegs sind, freue ich mich oft schon hunderte Kilometer vorher auf den nächsten Grenzübergang – der dann vielleicht nur langweilige fünf Minuten dauert. Trotzdem ist es immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich einzelne Länder ihre jeweiligen Grenzen handhaben.
Was wären unsere Reiseerzählungen ohne den Drogenhund aus Griechenland, der aufbrausend und gleichzeitig auch so faul war, dass er vom Zöllner höchstpersönlich in unser Auto gehievt werden musste? Oder die siebenstündige Einreise in die Türkei vom Irak aus, bei der sogar unser gesamtes Auto geröngt wurde, Arne auf einmal eine Pistole in der Hand hielt und Calle mitsamt unserer Grünen Karte im Polizeiauto abgeholt wurde. Nicht zu vergessen die vielen verwunderten oder ängstlichen Blicke beim Anblick unseres Skorpions.
Zu Fuß ist es schon ein bisschen schwieriger an wirklich interessante Erlebnisse zu kommen, fehlt doch ohne Auto einer der wichtigsten Faktoren für eine komplizierte Ein- und Ausreise. Immerhin macht es durchaus Eindruck, die Donau von Giurgiu nach Ruse auf der über einen Kilometer langen Brücke zu überqueren; oder vier Stunden an der israelischen Einreise zu verbringen, wo ich letztendlich erst eine Werbeveranstaltung erster Güte für Iran halten musste, um endlich als vorletzter von Hunderten das Grenzgebäude verlassen zu dürfen. Ganz anders hingegen der Übergang von Kenia nach Uganda, wo das Tor sperrangelweit offen steht und man sich schon regelrecht bemühen muss, die Einreise regulär im Pass festhalten zu lassen.
Heute quere ich von der Türkei nach Syrien. Damit es auch nicht langweilig wird, habe ich mir extra einen anderen Übergang augesucht als jene, die ich schon kenne. Nach einer Dolmuşfahrt nach Yayladağı und einem kurzen Zwischenhalt für Tee bietet mir ein Typ mit seinem Motorrad für die letzten fünf Kilometer eine Mitfahrgelegenheit auf seinem Beiwagen an. Da sage ich natürlich nicht nein.
Im Großen und Ganzen erfolgt der Übergang leider unspektakulär. Die Ausreise aus der Türkei zieht sich zwar etwas – der Typ von der letzten Grenzschranke ist gerade nicht zugegen und etwa 30 Personen mit nochmals halb so vielen Autos warten darauf, durchgelassen zu werden. Doch als er sich erbarmt, wieder aufzutauchen, läuft der familiär erscheinende Betrieb auf diesem kleinen Grenzübergang sogleich reibungslos weiter. Mal wieder bin ich aber der Einzige, der zu Fuß quert.
Die größte Überraschung für mich ist, wie gesittet die Einreiseformalitäten auf der syrischen Seite vonstatten gehen. Während wir ein Lied davon singen können, wie an manch anderer Grenze selbst aus der dritten Reihe einfach mal einer Fünferpack Pässe über vier Köpfe hinweg nach vorne gereicht wird, legen hier alle ihre Pässe einfach unter einen immer größer werdenden Stapel, den der einzige beschäftige Zöllner von oben der Reihe nach abarbeitet. Vor allem die Behörden in Silopi könnten sich hier durchaus eine Scheibe abschneiden.
Hinter dem Grenzübergang werde ich von einem frisch verheirateten Paar in einem Taxi bis zum nahegelegenen Ort Kassab mitgenommen, das mich natürlich sogleich auf dem Video seiner Flitterwochen festhält. Syrien begrüßt mich somit nebst dieser typischen Gastfreundschaft mit einem Bergdorf, welches in den drei Sommermonaten vor lauter inländischen Touristen nur so überquillen soll, in dem es zu dieser Jahreszeit aber extrem gemütlich zugeht. Viele Armernier, orthodoxe Christen, wohnen hier, und so zähle ich auch mehr Gotteshäuser mit Kreuz als mit Halbmond. Ich kaufe eine SyriaTel-Sim-Karte bei einer tollen Syrerin, tausche Geld in einem Ramschladen und unterhalte mich mit dem Bauingenieur Majid aus Palästina, der jetzt in Bahrein arbeitet, aber auch schon in Großbritannien gewohnt hat. Er und sein Kumpel sind im Standard-Benz mit jordanischen Kennzeichen hier.
Es mag zwar schön sein in Kassab, aber in Ras al-Basit, 25 Kilometer weiter, an der Küste, soll es noch schöner sein. Das sagen zumindest der Reise-Know-How-Führer wie auch die hiesigen Einwohner. Für nicht gerade billige aber immerhin akzeptable fünf Euro – mit Minibussen müste ich den langen Umweg über die Straße nach Lattakia nehmen – lasse ich mich nach zwei Stunden von Mustafa auf direktem Wege dorthin fahren.
Ich finde vor: Einen dreckigen Strand, der entlang einer Hauptstraße, genauer gesagt: Ras al-Basits einziger Straße, verläuft. Zwischen Straße und Strand ist Bungalow an Bungalow gebaut, Ferienwohnungen mit Veranda und teils auch einigen Metern Garten. Auf der anderen Seite der Straße reiht sich Haus an Haus, unterbrochen von dem einen oder anderen Hotel, nicht jedoch eines im westlichen Sinne, mit etwas Grün drumherum. Alles ist außerdem zu. Nur etwa eine Handvoll Läden haben an der kilometerlangen Straße geöffnet und es ist mir, auch wenn man es nicht recht glauben mag, wirklich unmöglich, ein Café, eine Bar oder einen sonstigen Laden zu finden, in dem man einen Tee trinken könnte.
1.000 Syrische Pfund will man von mir für eine Nacht in einem der Hunderten zu vermietenden Appartments. Das mag ein guter Preis sein und ich glaube ihnen sogar, dass dies angesichts der angeblich normalen 4.000 Pfund der Nebensaison- und Spezialpreis für mich ist, doch ich sehe es ehrlich gesagt nicht ein, 16 Euro dafür hinzulegen, dass ich gerade mal ein Bettgestell mitsamt einer Matratze verwenden will. Ob der Laden noch eine Küche und drei weitere Zimmer sowie einen rückwärtigen Garten hat, ist mir geradewegs schnuppe. Ich will nur einen Platz zum Pennen.
Schließlich macht der Strand das Rennen. Null Pfund, null Euro, Meeresrauschen als Gratiszugabe und ein kleines Abenteuer – das ist so ungefähr das, was ich mir vorstelle, als ich auch den letzen Servis-Minibus nach Lattakia hinwegziehen lasse und mich auf eine Nacht im Freien einstelle. Eigentlich hört es sich ja auch gar nicht so schlecht an, doch wie ich insgeheim fast schon befürchtet hatte, stellt sich bereits gegen Mitternacht heraus, dass ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht habe. Nicht etwa, dass ich, wie zunächst latent befürchtet, Probleme mit irgendwelchen herumstreunenden Typen oder Hunden bekomme, nein, es sind die üblichen, dämlichen, nutzlosen und grässlich nervenden Viecher, die mir die Nacht versauen: Mücken. Meine Erzfeinde.
Von elf Uhr Abends bis sieben Uhr morgens schlafe ich vielleicht maximal zwei Stunden, verkrümele mich mit Turban im fast komplett geschlossenen – und damit eigentlich zu warmen – Schlafsack, kassiere trotzdem allein auf der Stirn 18 Stiche plus all die weiteren an Händen und Hals, und verstehe wegen der vom Sand durchdringenden Kälte an der Unterseite doch mal wieder, wozu eine Isomatte eigentlich gut wäre.
Bildhaftes und träumerisches Schlafen am Strand, zuletzt vor einem Jahr in Ägypten vollzogen, damals auf der Flucht vor den Mücken in der Hütte als Lösung entdeckt, sieht jedenfalls anders aus.