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was zum Teufel soll diese Adresse?!?
11. März 201014. März 2010

Samstag, 13. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: Antakya

Zwischen Europa und Orient

Wenn schon Adana angeblich ab vom Schuss liegt, muss es um Antakya noch viel schlechter bestellt sein. Auf einem Zipfel türkischen Staatsgebiets gelegen, welcher sich über gut einhundert Kilometer an der Mittelmeerküste entlang schmiegt, ist Antakya die südlichste Stadt des Landes. Es sind einerseits wohl diese abgelegene Position, andererseits sicherlich aber auch die Tatsache, dass schon so ziemlich jeder – Perser, Araber, Byzantiner, Seldschuken, Ottomanen, die Kreuzritter und nicht zuletzt die Franzosen – um diese Stadt gekämpft hat oder an den regierenden Stellhebeln saß, die Ursachen dafür, dass man schon nach kurzer Zeit vor Ort den Eindruck haben muss, die türkische Kultur sei nah und gleichzeitig an manch anderer Stelle doch so fern.

Von den Römern noch 300 Jahre vor Christus als Antioch gegründet, war die Stadt stets ein wichtiger Umschlagplatz für alle Landrouten in den Osten sowie gleichzeitig auch ein wichtiger Umschlagplatz für die Schifffahrt. Obwohl diese glorreichen Zeiten vorbei sind – zwischenzeitlich existierte sogar eine selbstständige Republik Hatay bis deren Parlament kurz vor dem zweiten Weltkrieg für die Annexion durch die Türkei stimmte – scheint es der Stadt, soweit ich das nach drei Tagen beurteilen kann, durchaus ziemlich gut zu gehen. Die Dichte der ständig besetzten und meterlange Warteschlangen generierenden Geldautomaten ist größer als in İstanbul und die Bankendichte ist sogar größer als jene im Iran. Der Gipsy schreibt, der Wohlstand komme vorwiegend vom Baumwollanbau wie auch dem Grenzhandel. Antakya soll sogar der Testmarkt für Luxusautos sein.

Der Einfluss der früheren Zugehörigkeit und weiter fortbestehenden Nähe zum nur sechzig Kilometer entfernten Syrien schlägt sich in so ziemlich allem nieder: Schilder und Werbung sind oft zweisprachig auf Türkisch und Arabisch vorzufinden, fast jeder kann wenigstens rudimentäres, viele sogar perfektes Levant-Arabisch sprechen, die Architektur des Ostteils der Stadt ist vorwiegend arabisch geprägt. Und nicht zuletzt sei auch erwähnt, dass die sonst omnipräsenten türkischen Flaggen, vorzugsweise in meterlanger Übergröße, sich hier extrem rar machen.

Der Fluss Orontes, der die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchläuft und sie geographisch wie auch von der sozialen Struktur her in zwei teilt, soll in Syrien ja angeblich recht schön anzusehen sein. Hier erinnert die braune Brühe, welche sich in einem vielleicht zehn Meter tiefen einbetonierten Flussbett schnurgerade durch die Stadt bewegt, eher an einen etwas zu groß geratenen Abwasserkanal. Nicht, dass die anderswo mindestens genauso hässlichen Flussläufe wie in Damaskus viel besser wären, aber Orte wie Adana und selbst Rom zeigen, dass man auch aus tief gelegenen Flussbetten und dreckigem Wasser zumindest noch ein wenig mehr machen kann als das hier.

Nicht viel besser scheint es im Übrigen um das Wetter bestellt zu sein. Zumindest um diese Jahreszeit nicht. Klar, es ist relativ warm und ich konnte endlich mal nur noch im T-Shirt rumlaufen, aber in den letzten zwei Tagen gab es keine Minute, in der ich die Sicht als klar bezeichnet hätte. Manchem fällt das offenbar gar nicht mehr auf, denn als ich gestern Abend zwei Jungs darauf ansprach, brachten sie für meine Frage, ob das immer so sei, eher Unverständnis hervor. Doch sollten sie vielleicht einfach mal tagsüber in den Himmel schauen: selbst wenn dieser eigentlich wolkenfrei ist, erscheint die Sonne nur hinter einer dichten Dunstwolke, die selbst beim Entlangblicken einer Straße sofort auffällt. Anfangs dachte ich ja noch, das sei der Smog, doch als ich gestern an der 20 Kilometer entfernten Küste dasselbe Phänomen vorfand, musste ich diese These dann doch verwerfen. Es ist nebliger Dunst – manchmal gemischt mit Smog.

So unangenehm also die Rahmenbedingungen, so angenehm ist doch der Aufenthalt, nicht umsonst bin ich drei Nächte anstatt der einen angedachten geblieben. Das liegt allem voran an den extrem netten Leuten, die der Stadt insgesamt ein sehr sympathisches Bild verleihen. Nicht verzogen und metropolisiert wie in İstanbul, gleichzeitig aber auch überhaupt nicht hinter dem Mond, sondern in einer traditionsbewussten sowie modernen Realität lebend, vermitteln sie mir den Eindruck, als hätten sich europäischer Okzident und türkischer wie auch arabischer Orient zu einer gesunden Mischung zusammengefunden.

Englisch ist hier, und da spiegelt sich dann doch die Entfernung zur großen Welt wieder, größtenteils Fehlanzeige, sofern die Leute nicht eine Zeit lang in İstanbul oder sonstwo in der Westtürkei gelebt, gearbeitet oder studiert haben. Mit Arabisch kann man sich aber gut durchschlagen, und dabei ist es immer wieder interessant zu beobachten, wie nonchalant die meisten von Türkisch auf Arabisch umschalten, ganz so, als würden sie es selbst nicht einmal merken. Nur ab und zu wird ein überraschtes »Oh, speak Arabi?« eingeworfen. Wieso aber Antakya die bisher einzige Stadt ist, in der ich mehrmals täglich für einen Türken gehalten und teils sogar ellenlang auf Türkisch zugetextet werde, bleibt mir schleierhaft. Es ist ja nicht so, dass ich früher nicht auch kurze Haare gehabt hätte.

Erwartete ich bei der letztjährigen Herfahrt ein eher schläfriges Kaff am südlichen Vorposten Anatoliens, so wurde ich schon damals in der knappen Stunde vor Ort von der Geschäftigkeit Antakyas überrascht. Und tatsächlich, auch wenn es im Gegensatz dazu abends unerwartet ruhig und langweilig zugeht, scheint der typische Einwohner tagsüber unbedingt rausgehen und am regen öffentlichen Leben teilhaben zu müssen. So laufen, anders als in manch anderer türkischen Stadt, die – ziehmlich ansehnlichen! – Mädels in Scharen herum, und bis man eine mit Kopftuch findet, können sogar mal ein paar Minuten vergehen.

Überhaupt muss ich mal ein paar Worte zur Religion und Gesellschaft loswerden. Ich mag noch so viele türkische Stempel in meinem Pass haben, als Deutscher definiere, oder definierte ich lange Zeit, die Türkei über die in Deutschland lebenden Türken: Da gibt es etliche Mütter, die selbst nach Jahrzehnten noch keine drei zusammenhängende, korrekte deutsche Sätze zustande bringen. Da treffen sich in der BRD geborene türkische Mädels in meinem Alter nur mit Ihresgleichen und müssen Ärger seitens der Eltern befürchten, wenn sie einen Nichttürken Heim bringen wollen. Die Heirat eines Deutschen hat nicht selten die Einstellung des Kontaktes zum Elternhaus zur Folge, und wenn ich mich umschaue, dann bleibt neben Kopftuchträgerinnen auf der Straße und schlecht aufgetakelten Gangsterbräuten im ÖPNV oftmals nicht mehr viel zu zählen übrig.

Spricht man also hiesige Türken auf ihre in Deutschland lebenden Landsmänner an, erwähnt zwar zunächst jeder all seine Tanten, Onkel, Brüder und Söhne in Köln, Berlin und was weiß ich wo, viele erklären zwei Sätze später jedoch, dass sie vom Großteil der in Deutschland lebenden Türken nicht allzu viel halten. Bisher hatte ich mir das noch nie groß überlegt, aber es ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen, dass viele deutsche Türken ein weniger westlich-modernes Verhalten an den Tag zu legen scheinen als der Durchschnitt der hiesigen Bevölkerung.

In den letzten Tagen vertrat so ziemlich jeder meiner, zugegebenermaßen bildungsnahen und tendenziell eher gutgestellten, Gesprächspartner diese Auffassung in ähnlicher Weise. Angefangen von Ayşe in İstanbul, die mit Nachdruck darauf bestand, mir zu erklären, dass sie trotz der vorhandenen Präferenz ihrer Eltern selbstverständlich jeden heiraten könne und dies bei ihren Freundinnen genauso sei. Im Allgemeinen hätten ausgerechnet die Deutschen, soweit sie das aus ihren zahlreichen Erfahrungen sagen könne, ein falscheres Bild der Türken als andere, obwohl oder gerade weil sie mit zwei Millionen ihrer Landsleute zusammenlebten. Die Türken in Deutschland, so scheint es mir, sind wohl schon zu lange isoliert und haben daher mit der Entwicklung der Daheimgebliebenen nicht mithalten können.

»Liberal-säkulare Türken sind in der Türkei, die anderen kamen oder kommen zu euch« erklärten mir gestern Ilker und Gökhan salopp pauschalisierend, zwei 24-jährige aus Samandağ, bei denen ich zum Abendessen eingeladen war. Ich hatte die beiden in Çevlik kennen gelernt, wo es einen von den Römern in nahezu übermenschlicher Arbeit gebauten, einen Kilometer langen Abwasserkanal zu besichtigen gibt, mit dem die damalige Hafenstadt vor den aus den Bergen kommenden Fluten geschützt werden sollte. Dass die beiden Jungs genau wie auch Ilkers einzige Schwester sich als Atheisten verstehen, mag obige Aussage vielleicht etwas besser erklären; lustig war es jedenfalls, mit anzusehen, wie sie während der gesamten Abendnachrichten über Erdoğan und die AKP herzogen. »Schau dir die ganzen bedeckten Frauen an«, sagte Ilker und deutete dabei auf den Fernseher, »vor zehn Jahren, als ich klein war, da haben wir sowas in der Türkei nicht gesehen!« Auch das Bildungssystem werde von der Religion extrem negativ beeinflusst, so der Mathematiklehrer weiter, es ginge nicht an, dass man beispielsweise Darwin nicht unterrichten könne.

Ob denn nicht auch ein bisschen weniger Atatürk der Bildung förderlich wäre, fragte ich ihn – denn kürzlich las ich, selbst der Dreisatz werde mit Atatürk erklärt, ganz zu schweigen von dem täglichen Spalierstehen vor dessen Bildern und Büsten – doch anstatt der erwarteten Zustimmung setzten sein Freund und er mit der Huldigung Atatürks guter Taten an, allem voran der Einführung der lateinischen Schrift.

Selbstverständlich habe ich meine drei Tage in Antakya nicht nur mit Labern verbracht. Für den bereits erwähnten Ausflug nach Samandağ habe ich gestern glücklicherweise den wärmsten und schönsten Tag erwischt. Die hinter dem Kanal bergwärts liegende Natur war toll zu erkunden und die nahegelegenen antiken Grabanlagen waren nicht weniger interessant. Der Strand in Çevlik ist zwar auf den ersten Blick so heruntergekommen wie der Ort selbst, doch begrüßte ich hier dieses Jahr erstmals, und spät genug, das Mittelmeer mit einer kleinen Berührung. Die Rückfahrt von Samandağ um halb neun wurde unerwarteterweise zu einem kleinen Abenteuer, denn da die Dolmuş-Busse in 40.000-Einwohner-Käffern wie diesem schon um acht ihren Betrieb einstellen, musste ich die gut 20 Kilometer nach Antakya mit einem nach Hause fahrenden Busfahrer und auf einem Eislieferwagen zurücktrampen, bevor ich es mir wie jeden Abend in einem der Teegärten am südlichen Ende des entlang des Flusses verlaufenden Stadtparks gemütlich machen konnte.

Heute stand das archäologische Museum und die »Kathedrale« des Heiligen Peters auf dem Programm. Die beiden Orte sind das, was der Pauschal- und Rundreisentouri von Antakya zu Gesicht bekommt: In guter Reiseveranstaltermanier werden Touris in Busladungen angekarrt und eine halbe Stunde später wieder in denselben zur Weiterfahrt eingesammelt. Heute sind es zu meinem Erstaunen zwei armenische Gruppen. Während das Museum beindruckende und teils dutzende Quadratmeter große Mosaike, jeweils von der näheren Umgebung aus dem zweiten bis fünften Jahrhundert, zu bieten hat, handelt es sich bei der so genannten Kathedrale um die angeblich erste der Welt – wobei ich nicht wissen möchte, wieviele weitere »erste« es gibt. Immerhin hat sie aber doch eine unverkennbare Besonderheit: sie ist komplett in einen Felsen gehauen und verfügt nebst dem sich ständig durch Tropfen selbst auffüllendes Weihwasserbecken auch über einen langen Fluchttunnel, der den Felsen seitlich hinaufführt.

Dort treffe ich mit David aus Toronto auch den ersten sowie bisher einzigen Touri seit İstanbul und erfreue mich mal wieder an der Offenheit der Kurden, als ich von Derya aus Şanlıurfa angesprochen werde. Mit aller Kraft krahme ich die letzten Erinnerungsreste Farsi heraus, doch allein um mir verständlich zu machen, dass sie in Adana Architektur studiert und mit vier Freunden lediglich für einen Tagesausflug vor Ort ist, bedarf es großer Anstrengungen beiderseits. Und das Beste ist: Zehn Minuten lang, bis wir zu ihren etwas Englisch sprechenden Freunden dazustoßen, glaubt sie, ich sei Armenier. Na, kommt uns diese Situation nicht bekannt vor?

Morgen habe ich vor, über den südlichen Grenzübergang bei Yayladağı nach Syrien in Richtung Lattakia weiter zu fahren. Das wird auch Zeit, denn Antakya war zwar schön – aber auch ziemlich teuer. Mangels Dormitories brauchte es am Donnerstag zunächst einige Zeit, bis ich im Hotel Akdeniz für akzeptable 20 Lira die Nacht in einem für diesen Preis recht anständigen Einzelzimmer unterkam. Ich mag mich indes irren, aber die Preise für das köstliche Essen sowie sonstige Ausgaben zum Leben hatte ich in der Türkei irgendwie billiger in Erinnerung als die derzeitigen 25 Euro pro Tag. Die Ausgaben en Tour beliefen sich heute morgen bereits auf knapp 220 Euro, obwohl ich nicht einmal die Hälfte der Nächte eine Unterkunft bezahlt habe. Zwar kommen jetzt keine teuren Balkanzugfahrten mehr hinzu, doch einen dreistelligen Betrag für die sechs Wochen habe ich bereits beinahe abgeschrieben.

Woran allerdings nicht zuletzt meine schleichende Entwicklung zum Prosumer Schuld sein dürfte.

11. März 201014. März 2010

Aktuelles ...

Aktuelles

Sonntag, 29. August 2010
Freitag, 3. September, 13:45 Uhr
Aden, Kattaba, Hammam Damt

Funkrufzeichen in Äthiopien:
+251 921457521
+39 328 8982773

Funkrufzeichen in Somaliland:
+252 2 4234075

Funkrufzeichen in Jemen:
+967 736367955
+967 714495365

Berichte von Syrien & Libanon 2010 werden (vielleicht) noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (sehr vielleicht) noch folgen.