Mittwoch, 10. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: İstanbul, Ankara, Adana, İskenderun, Antakya
TCDD – Freude am Fahren
Das Gleiten durch die bulgarische Schneelandschaft war zwar schon nicht schlecht, doch spätestens heute entdecke ich wieder meine Liebe zum Zugfahren. Genau wie letztes Jahr fahre ich zunächst nach Ankara, doch da der Başkent Ekspresi zur Zeit nur bis Eskişehir verkehrt, muss ich auf den viel langsameren Doğu Ekspresi ausweichen, der bereits um acht statt um elf in İstanbul Haydarpaşa startet.
Der Tag beginnt mit der Wiederholung jenes Tages im August 2007, als ich zusammen mit den beiden Australiern den Toros Ekspresi erwischen wollte: Weil es von Eminönü, wohin ich als anständiger Akbil-Inhaber natürlich mit der Tram fahre, um sieben Uhr morgens noch keine Verbindung nach Kadıköy, geschweige denn nach Haydarpaşa gibt, muss ich mir mal wieder über Alternativen Gedanken machen. Im Gegensatz zu damals wäre heute sogar Zeit für ein Taxi über die südliche Bosporusbrücke, doch einfacher ist es wohl, vom auf der anderen Seite des Goldenen Horns gelegenen Karaköy eine Verbindung zu nehmen. Die lokalen Abhänger, Würstelbudenverkäufer, Taxifahrer und sonstige Gestalten sind mal wieder keine große Hilfe, erzählen mir, ich solle doch um acht fahren oder gar um sechs Uhr dreißig, was schon vorbei ist. Im letzten Moment, bevor ich wieder in die Tram steigen will, sehe ich jedoch die Fähre nach Üsküdar, einem weiter nördlich gelegenen Viertel auf der asiatischen Seite, anlegen und entscheide mich sofort für diese. Wenn wir es damals mit 35 Minuten verbleibender Zeit geschafft haben, wird es heute mit 60 erst recht gehen.
Tatsächlich bin ich nach dem Anlegen nicht etwa auf eine an Knight Rider erinnernde Taxifahrt angewiesen, sondern kann zusammen mit einer Horde Schülern den 12er-Bus nach Kadıköy nehmen. Natürlich ohne noch einmal zu zahlen – Akbil macht’s möglich.
Die türkischen Staatsbahnen TCDD sind in meinen Augen das Nonplusultra. Für sechs Euro werde ich über 400 Kilometer weit befördert, in einem Pullman-Sessel, von dessen Breite und Beinfreiheit jeder deutsche ICE-Fahrer nur träumen kann. Dass die Fahrt mit zehneinhalb Stunden vier- bis fünfmal so lange dauert wie mit einem französischen TGV, mag für manchen vielleicht inakzeptabel sein, doch solange ich unterwegs ständig Tee für 50 Cent serviert bekomme, mir an der einen oder anderen Station kurz die Beine vertreten kann, während der Fahrt das Panorama genießen darf oder auf dem ausklappbaren Tisch etwas arbeiten kann, bin ich restlos glücklich. Nur die türkischen Mädels könnten etwas gesprächiger sein.
Und weil die TCDD eine derartige Freude am Fahren bereitet, geht es von Ankara gleich weiter. Nur der Besuch des mir vom letzten Jahr bekannten Restaurants, wo ich wieder einen lang ersehnten Adana Kebab esse, sowie des Supermarkts, in dem ich neben dem üblichen Zeug wie Nutella und Brot sogar gesunde Bananen und Äpfel einpacke, sind zwischendurch Pflicht. Mein fortgeschrittenes Alter spiegelt sich jedoch in der Ticketwahl wider: Statt eines Pullman-Sitzes möchte ich im Çukurova Mavi von Ankara nach Adana diesmal ein Bett haben. Für fünf Euro zusätzlich zu den neun Euro des normalen Tickets ist das trotz des rechnerischen Aufpreises von über 50 Prozent nicht gerade ein Luxuswunsch.
Luxus ist hingegen die anfängliche Situation im Waggon. Nicht nur, dass wir mit zwei oder drei Reisenden im ganzen Wagen jeweils ein Abteil für uns haben, nein, beim Anblick des Klos fällt mir regelrecht die Kinnlade runter. Ich glaube, es ist breits alles gesagt, wenn ich mitteile, dass ich mich nach weit über einhundert Nachzugfahrten selbst für’s kleine Geschäft zum wahrscheinlich ersten Mal im Zug gemütlich auf die Schüssel gesetzt haben dürfte – der ganze Laden ist nämlich blitzblank!
Ebenfalls Premiere dürfte bei mir die extensive Benutzung des Speisewagens haben, die daher rührt, dass es im eigenen Waggon schlichtweg zu langweilig ist. Nicht nur dass es hier ansonsten wohl freies Wlan gibt, welches heute jedoch leider nicht funktioniert. Bei Tee, Suppe, Bier und angenehmer türkischer Musik sitze ich mit Farid und Huseyin zusammen, die, wie soll es auch anders sein, auch nichts viel Besseres zu tun haben. Der junge Farid aus Antalya macht gerade seinen Wehrdienst in Adana und zählt mir bereits nach ein par Minuten die Namen aller seiner bisherigen deutschen und europäischen Freundinnen auf. Nicht ganz klar ist mir jedoch, ob ich ihn nun bewundern oder bemitleiden soll dafür, dass er zwei von ihnen bereits geschwängert hat. Naja, immerhin zahlt er keine Alimente.
Dann bliebe nur noch die Frage zu klären, wie eine der beiden Mütter, halb Italienerin, halb Engländerin, ihrem Kind den Namen »Tier« – für Turkey, Italia, England und den mit R beginnenden Namen von Farids Mutter – geben konnte.
Aber bei der Geschwindigkeit der TCDD bleibt selbst für solch abwegige Gedanken ja bestimmt noch genug Zeit – und Komfort.
Donnerstag, 11. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: İstanbul, Ankara, Adana, İskenderun, Antakya
Adana IV.
Im türkisch gefühlten Südosten der Landkarte befindet sich Adana, die den Autokennzeichen nach zu urteilen erste Stadt des Landes – wenn diese nicht einfach alphabetisch durchnummeriert wären. Schaut man sich die Karte jedoch etwas genauer an, fällt auf, dass die viertgrößte Stadt der Türkei so östlich gar nicht liegt, sondern den Süden des Landes recht gleichmäßig in Ost und West teilt. Dass für einen Einwohner İstanbuls, und erst recht für den Otto-Normal-Kontinentaleuropäer, Adana trotzdem jenseits von Gut und Böse liegt, mag zum einen daran liegen, dass die Mittelmeerküste nur wenig östlich der Stadt in Richtung Süden zu verlaufen beginnt und sich die weitere Türkei nicht mit dem bei manchen vorherrschenden Bild einer immerzu vorhandenen türkischen Südküste vereinen lässt. Vor allem aber beginnt gute 100 Kilometer weiter östlich jener Teil der Türkei, der für die meisten Türken zwar ein absolutes No-Go-Gebiet ist, gleichzeitig jedoch mit aller Vehemenz als unveräußerbares Staatsgebiet der Türkiye Cumhuriyeti angesehen wird: die kurdischen Gebiete, sozusagen Türkisch-Kurdistan.
Dort leben gewissermaßen die Affen und sollte man jemals dagewesen und trotzdem noch am Leben sein, dann muss das Glück wohl per Definition auf der eigenen Seite gewesen sein – oder aber man ist Übermensch. Wenn ich erwähne, in Hakkari, Şirnak, Çizre oder Silopi gewesen zu sein, verschlägt es vielen für mehrere Sekunden die Sprache. Manche fühlen sich genötigt, es sofort den Umstehenden weiterzuerzählen und selbst wenn eine halbe Stunde später jemand weiteres hinzustößt, gehört das Befahren der D400, der südlichen Ost-West-Verbindung, östlich von Gaziantep fest zur Kurzbeschreibung meiner Person. Tatsächlich habe ich seit Ende 2008 keinen Türken mehr getroffen, der Trabzon, Erzurum, Doğubeyazıt, oder die bereits genannten Städte besucht hat. Hakkari ist für die meisten einfach nur die türkische Hölle, wo angeblich täglich die eigenen Soldaten in des Teufels Hinterhof sterben. Wir erinnern uns: »Sir! I have to tell you, sir: This is not a safe place to stay, sir!«
Zum vorerst letzten Mal steige ich in Adana aus dem Zug. Eigentlich ist die Situation gerade blöd: Ein gewisser Mustafa hat vor wenigen Minuten in meinem Abteil seinen Fotoapparat vergessen, ohne dass ich ihn jedoch finden oder sonst etwas Sinnvolles für ihn tun könnte. Und auch Fardi und Huseyin, meine beiden Kompagnons aus dem Speisewagen, sind nicht mehr auffindbar, obwohl wir uns auf dem Bahnsteig treffen wollten. Wahrscheinlich haben sie gedacht, ich sei schon weg, dabei musste ich erstmal mein auf mehrere Waggons verstreutes Zeug zusammensammeln.
Trotzdem fühle ich mich jetzt erstmal so richtig im Urlaub. Jacke und Weste werden in den Rucksack gepackt, so warm ist es, und ich genieße direkt vor dem Bahnhof bei einem Apfel und ein paar Keksen das nahende Ende meiner sechs Tage währenden Anreise.
Anstatt wie letztes Jahr auf nicht gerade optimalen Umwegen in mehreren Bussen zum gewünschten Otogar, dem Busbahnhof, zu kommen, mache ich mich zu Fuß auf den Weg durch die Stadt. Viele Leute grüßen mich, ich bleibe manchmal zum kurzen Tratsch stehen, etliche Leute von groß bis klein hängen zwischen künstlichen Wasserfällen, Brunnen und Blumenbeeten in den diversen Parkanlagen ab. Eine Gruppe junger Türken freut sich, vor der großen Moschee fotografiert zu werden, und endlich kann man mit dem einen oder anderen schon Arabisch statt Türkisch kommunizieren. Kurzum: Willkommen im Urlaub.
Zum vierten Mal bin ich nun in Adana, doch alles was ich nach einer Durchfahrt mit dem Zug, einer mit dem Auto und einer mit zwei Stadtbussen kannte, waren der Bahnhof, drei Hauptstraßen und die Umgehungsstraße. Nicht, dass ich nach der heutigen Stunde zu Fuß viel mehr kennen würde, doch hat sie Appetit auf mehr gemacht und irgendwann werde ich, auch wenn es hier eigentlich nichts Besonderes zu sehen oder zu tun gibt, wohl mal etwas länger verweilen.
Am Otogar geht es schließlich in Richtung Antakya weiter. Wie schön, dass der Bus nicht so voll wie beim letzten Mal ist und der Angestellte nicht ganz so verrückt und laut sein »Hatay, Hatay, Hatay!«, den Neutürkischen Namen für Antakya, aus voller Kehle herausschreit.