Im Taurus-Express bei Afyon, Türkei (02.09.2007)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Mittwoch, 10. März 2010aus: Syrien & Libanon 2010
Routenteil: İstanbul, Ankara, Adana, İskenderun, Antakya

TCDD – Freude am Fahren

Das Gleiten durch die bulgarische Schneelandschaft war zwar schon nicht schlecht, doch spätestens heute entdecke ich wieder meine Liebe zum Zugfahren. Genau wie letztes Jahr fahre ich zunächst nach Ankara, doch da der Başkent Ekspresi zur Zeit nur bis Eskişehir verkehrt, muss ich auf den viel langsameren Doğu Ekspresi ausweichen, der bereits um acht statt um elf in İstanbul Haydarpaşa startet.

Der Tag beginnt mit der Wiederholung jenes Tages im August 2007, als ich zusammen mit den beiden Australiern den Toros Ekspresi erwischen wollte: Weil es von Eminönü, wohin ich als anständiger Akbil-Inhaber natürlich mit der Tram fahre, um sieben Uhr morgens noch keine Verbindung nach Kadıköy, geschweige denn nach Haydarpaşa gibt, muss ich mir mal wieder über Alternativen Gedanken machen. Im Gegensatz zu damals wäre heute sogar Zeit für ein Taxi über die südliche Bosporusbrücke, doch einfacher ist es wohl, vom auf der anderen Seite des Goldenen Horns gelegenen Karaköy eine Verbindung zu nehmen. Die lokalen Abhänger, Würstelbudenverkäufer, Taxifahrer und sonstige Gestalten sind mal wieder keine große Hilfe, erzählen mir, ich solle doch um acht fahren oder gar um sechs Uhr dreißig, was schon vorbei ist. Im letzten Moment, bevor ich wieder in die Tram steigen will, sehe ich jedoch die Fähre nach Üsküdar, einem weiter nördlich gelegenen Viertel auf der asiatischen Seite, anlegen und entscheide mich sofort für diese. Wenn wir es damals mit 35 Minuten verbleibender Zeit geschafft haben, wird es heute mit 60 erst recht gehen.

Tatsächlich bin ich nach dem Anlegen nicht etwa auf eine an Knight Rider erinnernde Taxifahrt angewiesen, sondern kann zusammen mit einer Horde Schülern den 12er-Bus nach Kadıköy nehmen. Natürlich ohne noch einmal zu zahlen – Akbil macht’s möglich.

Die türkischen Staatsbahnen TCDD sind in meinen Augen das Nonplusultra. Für sechs Euro werde ich über 400 Kilometer weit befördert, in einem Pullman-Sessel, von dessen Breite und Beinfreiheit jeder deutsche ICE-Fahrer nur träumen kann. Dass die Fahrt mit zehneinhalb Stunden vier- bis fünfmal so lange dauert wie mit einem französischen TGV, mag für manchen vielleicht inakzeptabel sein, doch solange ich unterwegs ständig Tee für 50 Cent serviert bekomme, mir an der einen oder anderen Station kurz die Beine vertreten kann, während der Fahrt das Panorama genießen darf oder auf dem ausklappbaren Tisch etwas arbeiten kann, bin ich restlos glücklich. Nur die türkischen Mädels könnten etwas gesprächiger sein.

Und weil die TCDD eine derartige Freude am Fahren bereitet, geht es von Ankara gleich weiter. Nur der Besuch des mir vom letzten Jahr bekannten Restaurants, wo ich wieder einen lang ersehnten Adana Kebab esse, sowie des Supermarkts, in dem ich neben dem üblichen Zeug wie Nutella und Brot sogar gesunde Bananen und Äpfel einpacke, sind zwischendurch Pflicht. Mein fortgeschrittenes Alter spiegelt sich jedoch in der Ticketwahl wider: Statt eines Pullman-Sitzes möchte ich im Çukurova Mavi von Ankara nach Adana diesmal ein Bett haben. Für fünf Euro zusätzlich zu den neun Euro des normalen Tickets ist das trotz des rechnerischen Aufpreises von über 50 Prozent nicht gerade ein Luxuswunsch.

Luxus ist hingegen die anfängliche Situation im Waggon. Nicht nur, dass wir mit zwei oder drei Reisenden im ganzen Wagen jeweils ein Abteil für uns haben, nein, beim Anblick des Klos fällt mir regelrecht die Kinnlade runter. Ich glaube, es ist breits alles gesagt, wenn ich mitteile, dass ich mich nach weit über einhundert Nachzugfahrten selbst fürs kleine Geschäft zum wahrscheinlich ersten Mal im Zug gemütlich auf die Schüssel gesetzt haben dürfte – der ganze Laden ist nämlich blitzblank!

Ebenfalls Premiere dürfte bei mir die extensive Benutzung des Speisewagens haben, die daher rührt, dass es im eigenen Waggon schlichtweg zu langweilig ist. Nicht nur dass es hier ansonsten wohl freies Wlan gibt, welches heute jedoch leider nicht funktioniert. Bei Tee, Suppe, Bier und angenehmer türkischer Musik sitze ich mit Farid und Huseyin zusammen, die, wie soll es auch anders sein, auch nichts viel Besseres zu tun haben. Der junge Farid aus Antalya macht gerade seinen Wehrdienst in Adana und zählt mir bereits nach ein par Minuten die Namen aller seiner bisherigen deutschen und europäischen Freundinnen auf. Nicht ganz klar ist mir jedoch, ob ich ihn nun bewundern oder bemitleiden soll dafür, dass er zwei von ihnen bereits geschwängert hat. Naja, immerhin zahlt er keine Alimente.

Dann bliebe nur noch die Frage zu klären, wie eine der beiden Mütter, halb Italienerin, halb Engländerin, ihrem Kind den Namen »Tier« – für Turkey, Italia, England und den mit R beginnenden Namen von Farids Mutter – geben konnte.

Aber bei der Geschwindigkeit der TCDD bleibt selbst für solch abwegige Gedanken ja bestimmt noch genug Zeit – und Komfort.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.