Zwischen Tagounite und Mhamid, Marokko (02.09.2006)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Samstag, 12. September 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Kampala, Entebbe, [Uganda / Ägypten], Kairo

Der achte Tag in der Hauptstadt Ugandas bricht an. Eine Woche lang haben wir Kampala unsicher gemacht oder die Stadt als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Region genutzt. Bergauf und bergab sind wir in teils endlosen, vor allem aber staubigen Märschen durch die Stadt gezogen und haben dabei vielleicht sogar mehr Fußstrecke zurückgelegt als in der Zeit seit Nairobi. Aus den sieben Hügeln, auf denen Kampala, wie Rom, angeblich ursprünglich gebaut war, sind inzwischen deutlich mehr geworden. Doch so undankbar das ewige Auf- und Absteigen manchmal auch sein mag, so sehr eröffnet es die unterschiedlichen Perspektiven und Sichten auf das, was letztendlich doch nur immer wieder dieselbe Stadt ist.

Trotz allem ist Kampala durchaus fußgängerfreundlich. Sicher, unbefestigte Straßenränder mit schlammigen Pfützen, deren Tiefe wir eigentlich nicht erforschen wollen, in die man jedoch durch den sich nebenan stauenden Verkehr notwendigerweise abgedrängt wird, sind natürlich auch zu verzeichnen, doch gerade im und um das Zentrum herum werden große wie auch kleine Straßen von breiten Bürgersteigen gesäumt, die sogar erstaunlich gut in Schuss gehalten werden. Wie schon in Nairobi mag auf der einen oder anderen Straße vor allem nachts das Gefühl aufkommen, es handele sich bei den Bürgersteigen in Wirklichkeit um das Wohnzimmer der vielen Wachleute, die mal eine Bank, eine Wechselstube, mal aber auch einfach eine Pommesbude oder ein unscheinbares Bürogebäude bewachen. Matratzenlager oder gar ganze Wohnzimmereinrichtungen mitsamt Stühlen, Tisch und Gaskocher prägen jedoch nicht das nächtliche Kampaler Straßenbild, welches etwas aufgeräumter als jenes von Nairobi wirkt.

Tagsüber, da braucht man sich nichts vormachen, sind die wahren Herrscher der Straße nicht etwa Wachleute, vielmehr scheinen die Marabu-Störche Besitz vom öffentlichen Raum ergriffen zu haben. Sie sitzen zu zweit, zu dritt oder auch mal zu acht auf nahezu jedem Baum und lassen in regelmäßigem Abstand ihre Exkremente zu Boden fallen – und die sind angesichts der fast 10 Kilogramm wiegenden Tiere nicht gerade klein. Wer, wie es mir selbst auch passierte, nicht permanent auf der Hut ist, den erwischt es auch schon mal an Kopf oder Schulter, wobei es sich anfühlt, als hätte da jemand einen ganzen Becher ausgeleert. Statt nach oben hilft es übrigens eher, wenn man auf den Boden schaut, denn unter jedem Nest – und damit unter so gut wie jedem Baum – ist dieser weißgefärbt und weist somit auf die potentielle Gefahr hin. Wenn die Aasfresser es hingegen gerade nicht auf Passanten abgesehen haben, kreisen sie meist zu Dutzenden, ohne über Stunden hinweg auch nur einen Flügelschlag tätigen zu müssen, hoch oben über der Stadt, um Ausschau nach der nächsten Mahlzeit zu halten, fliegen aber auch mal in nur einigen Metern Höhe eine Straße entlang, um einen anderen Baum zu besuchen. Dass sie mit ihrer imposanten Spannweite von etwa drei Metern breiter als jedes Auto sind und der extrem lang sowie umfangreich wirkende Startvorgang beim Abheben in etwa an einen überladenen Jumbo erinnert, lässt sie als Herren über Luft und Boden erscheinen.

Eine breite Mehrheit würde diese Vögel wohl als extrem hässlich bezeichnen. Auf dem eigentlich kahlen Kopf sowie auf dem Hals wachsen potthässliche Strubbelhaare, der riesige Kehlsack, der irgendwie verschrumpelt aussieht und meist in einem viel dreckigeren Weiß daherkommt als die restliche Unterseite des Vogels, zieht den ersten Blick auf sich, und der gut ein Drittel Meter lange Schnabel macht in Dimension und Optik dem eines Aasfressers ebenfalls alle Ehre. Vor diesem Urlaub hatte ich von diesen Viechern weder gehört, geschweige denn sie irgendwo gesehen, im südsaharischen Afrika sind sie hingegen allgegenwärtig. Besonders menschliche Siedlungen sind als Lebensraum sehr beliebt. Das führt dazu, dass wir die Vögel wohl oder übel irgendwann als ebenbürtige Mitbewohner der Städte betrachten, latscht man doch einfach so an ihnen vorbei, wenn sie mal wieder einen Müllberg auseinandernehmen oder gelangweilt auf einer Grünfläche herumstolzieren. Mit anderthalb Metern Größe reichen mir manche Exemplare außerdem bis zur Brust – da schaut man dann schonmal recht blöd, wenn man gerade um die Ecke biegt und da steht überraschend die Hässlichkeit in Person, oder eben in Vogel, vor einem.

Etwas ansehnlicher, aber nicht minder zahlreich als die Marabus scheinen in Kampala die Wazungu zu sein. In Nairobi waren wir wahrscheinlich einfach nicht in den entsprechenden Vierteln, hier hingegen kommen wir in die Wazungu-Nester. Carl ist auch schon recht angenervt von mir, weil ich in den ersten Kampalatagen immer noch auf jeden Mzungu hinweise, als ob ich einen Schatz gesichtet hätte, und das schon fast vier Wochen laufende Spiel – mit größtenteils mir als einzigem Spieler – nur nach mehrmaligem Protest seinerseits zu beenden versuche. Es ist ja nicht so, dass er nicht Recht hätte. In den Einkaufszentren Oasis und Garden City sehen wir neben wohlhabenden Schwarzen vorwiegend weißfarbige Kunden jeden Alters, die ihrem Verhalten nach hier wohl alle paar Tage anzutreffen sind. Kein Wunder, gibt es im Ergeschoss doch einen europäisch anmutenden Supermarkt und im ersten Stock einen Buchladen, der alle möglichen internationalen Titel führt und in dem ich mir einen neuen John Grisham für die kommenden Tage in Ägypten zulege. Auf dem Dach befindet sich ein etwas teureres Restaurant, in dem wir an unserem letzten Tag, also heute Abend, ein deliziöses sowie viel zu reichhaltiges Essen zu uns nehmen, und neben bzw. vor den zwei Gebäudekomplexen bieten Parkhäuser Platz für die vielen SUV der weißen Bevölkerung.

Leben tut letztere natürlich woanders, nämlich in den nordöstlich gelegenen Nobel- und Diplovierteln. Gleich am Sonntag, unserem zweiten Tag in der Stadt, machen wir uns von der Kampaler Altstadt startend auf den Weg dorthin. Wie immer planlos. Hinter dem in höherer Lage prominent platzierten Sheraton, das die Tage über einen unserer vielen Bezugspunkte darstellte, geht es in kleinen und – wie in ganz Kampala – verwinkelten Straßen wieder etwas bergab. Die dortigen Viertel, die die Stadtkarte mit Central Kampala und Nakasera ausweist, unterscheiden sich deutlich vom wenige hundert Meter vorher vorherrschenden Stadtbild: viel Grün, zweistöckige Villen, große Gärten und hohe Zäune. Die Insignien an den Einfahrten weisen auf diverse Botschaften, Konsulate oder Privatresidenzen irgendwelcher Persönlichkeiten hin. Einige hundert Meter weiter, hinter einer größeren Querstraße, trennt ein großer, langgezogener Golfplatz den dahinter, ebenfalls auf einem Hügel gelegenen Stadtteil Kololo vom Zentrum ab. Dort ist es sogar noch grüner, die Sträßchen sind von nur wenigen Autos, pardon: SUV, befahren, in denen jweils mindestens ein Weißer, meistens sogar nur Weiße sitzen. Von den sonst omnipräsenten Bodafahrern ohne Schutzbrille sehen wir keinen einzigen. Wazungu im Kindergartenalter fahren ihre ersten Fahrversuche mit dem Fahrrad, selbstverständlich mit ordnungsgemäß aufgeschnalltem Helm, vor dem Anwesen auf der Straße auf und ab, bis die Mutter uns zwei düstere Gestalten erblickt und ihre Sprösslinge auf Französisch zurückruft. Dem Ambiente nach zu urteilen könnte Kololo auch Kleineuropa heißen und zwischen Pullach und Grünwald liegen, wäre da nicht alle paar Straßenzüge eine Nationalflagge, die auf eine diplomatische Vertretung schließen lässt.

Um jedoch nicht nur städtisches Grün, sofern vorhanden, zu sehen, haben wir in der letzten Woche auch zwei Ausflüge unternommen. Der erste führte uns am Montag in die nahegelegene Stadt Jinja östlich von Kampala, wo der Nil aus dem Victoriasee abfließt. Wie mit so vielen Dingen, ob nun älteste besiedelte Stadt der Erde oder was auch immer, wird auch die Bezeichnung »Nilquelle« von unterschiedlichen Orten – und Ländern – für sich reklamiert. Lernte ich in der Schule noch, dass »der Nil aus dem Victoriasee kommt«, so muss ich zum Unbehagen der Stadt Jinja sowie Uganda im Allgemeinen nun leider umdenken. Tatsächlich fließt der (Weiße) Nil zwar aus dem Victoriasee ab, doch letzterer ist für das Wasser nur eine Zwischenstation, wird er doch von zwei weiteren Quellflüssen, einem brundischen und einem ruandischen, gespeist. Jinja als die Quelle des Nils zu bezeichnen führt demnach zu einer Unterschlagung von rund eintausend Kilometern Flusslänge oberhalb des Sees und ist somit eigentlich nicht angebracht – dass die Ugandis das jedoch anders sehen, war durchaus absehbar.

Etwa acht Kilometer südlich von Jinja besuchen wir zudem die Bujagali-Wasserfälle. Die im Gegensatz zu den Murchison-Fällen recht kleinen, mehrstufigen Fälle sind eine Attraktion für Touristen, ein Ausflugsgebiet für Ugandis, ein Paradies für Wassersportler und eine Spielwiese für manch Verrückten. »Danger! Do not go beyond this point.«, selbstverständlich wie immer unterschrieben mit »Management«, steht auf den Schildern, die sich am Ufer der Stromschnellen befinden – während dahinter ein Schwarzer zu beobachten ist, der seinen Spaß daran findet, mit lediglich einem leeren Kanister als Hilfsmittel durch die tödlichen Felsen zu manövrieren. Die Natürlichkeit des Flusses, der sich im Zickzack bis zu den Fällen bewegt und dahinter in einer Kurve abfließt, gefällt uns auch hier wieder sehr gut, und im Gegensatz zur angeblichen Nilquelle wenige Kilometer weiter oben kann man sich hier an den angrenzenden Flächen recht frei bewegen, da nicht irgendwelche Büsche, Zäune oder gar Zahlstellen in Form von Tickethäuschen den Weg blockieren.

Während die Hinfahrt nach Jinja im schnellen Matatu durchaus komfortabel war, bei Tageslicht durch toll anzusehende Teeplantagen führte und in anderthalb Stunden bewerkstelligt war, brauchen wir für die Rückfahrt im etwas größeren Bus geschlagene drei Stunden. Drei Stunden, in denen ich mich entweder nicht anlehnen darf oder aber, wenn ich es doch tue, Carl mein Gewicht mit seinen Knien aushalten muss, weil meine Lehne zu weit nachgibt. Auch wenn man irgendwann mal den Dreh raus hat, wie man auf den ausklappbaren Gangplätzen halb schlafend und einigermaßen stabil vor sich hindösen kann, ohne dem Nachbarn in den Schoß zu fallen oder alle zwei Meter wieder aufzuwachen, erinnert uns diese Fahrt daran, wie schön es ist, in Kampala seine Basis zu haben und nur mit Motorrad oder zu Fuß das Haus zu verlassen.

Drei Tage später, am vorgestrigen Donnerstag, trauen wir uns dann aber doch nochmal aus der Stadt, um einen Abstecher nach Entebbe, der früheren Hauptstadt Ugandas, welche heute vorwiegend durch den dortigen internationalen Flughafen bekannt sein dürfte, zu machen. Laut Gipsy gibt es zwar nicht viel zu sehen, der Zoo und ein botanischer Garten sollen jedoch recht interessant sein. Außerdem freuen wir uns, nochmal ein bisschen am Ufer des liebgewonnenen Victoriasees zu verweilen. Viel mehr als den botanischen Garten schaffen wir zwar nicht, aber allein deswegen hat sich der Tag schon gelohnt. Angefangen beim drei Meter hohen Termitenhaufen – die Viecher erinnern im aggressiven Verhalten übrigens stark an die roten Ameisen von letzter Woche – ist dort so einiges geboten. Angeblich soll an diesem Ort in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts einer der ersten Tarzanfilme gedreht worden sein. Leugnen will ich das zwar nicht, aber wie es mit der Haltung der Einwohner zum Vaterland nun einmal so ist, sind solche Informationen immer mit Vorsicht zu genießen. Mindestens genauso interessant wie die vielen verschiedenen Arten an Bäumen, Sträuchern, Blumen und anderen Gewächsen ist indes die ansässige Fauna. Neben dem »Spider Walk«, mehreren Büschen, an denen sich handtellergroße Spinnen diverser Art aus nächster Nähe betrachten lassen, leben im botanischen Garten auch einige Dutzend Affen, die wegen starker Domestizierung und manch anderen Gründen nicht mehr in freier Wildbahn beziehungsweise einem richtigen Nationalpark auf sich allein gestellt überleben könnten. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen draußen sind sie so sehr an Menschen gewöhnt, dass sie auch nicht sofort abhauen, sondern sich sogar im Beisein ihres Nachwuchses fotografieren lassen oder Besuchern eine Mahlzeit abnehmen.

Mit Daleen aus dem südafrikanischen Pretoria, der wir zu ihrem 31. Geburtstag zwei Luftballons aufblasen, essen wir danach in einem Restaurant am Ufer des Sees recht spät zu Mittag. Die Pizza Hawaii schmeckt mit der frischen Ananas so göttlich, wie wir es noch nie erlebt haben – und zurück in Deutschland wird uns nichts anderes übrig bleiben, als von der nächsten Hawaii bitter enttäuscht zu sein.

Nachdem wir die restliche Zeit des Tageslichts am Strand verbracht haben, nahmen wir wieder ein Matatu nach Kampala. Hätten wir aber gewusst, dass vorgestern in der Hauptstadt Geschichte geschrieben würde, hätten wir uns dreimal überlegt, an genau diesem Tag einen Ausflug zu machen. Das erste Indiz ist eine Szene, die wir in einem Vorort aus dem Matatu heraus beobachten: Neben einer Kreuzung stehen am Straßenrand einige Soldaten, und alle Passanten, die an ihnen vorübergehen, heben die Hände. Dutzende Leute, die die Hände für dreißig Meter heben und dann wieder herunternehmen? Wir versuchen mehr herauszukriegen, doch eine verständliche Antwort in gutem Englisch hat keiner der Insassen bereit.

Dass auf dem kurzen Weg vom Taxipark zu unserem Hotel nicht allzu viel los ist, verwundert uns vorerst nicht weiter sonderlich, und so ist es erst der altbekannte Wachmann im Eingang unseres Hotelgebäudes, der uns aufgeregt und etwas konfus von »Riots«, von Toten und irgendeinem König, der damit etwas zu tun haben soll, erzählt. Nichtsdestotrotz gehen wir kurz darauf wieder raus, schließlich gibt es donnerstags im Mateo’s einen Cocktailabend – der jedoch ausfällt! Alles ist zu, auch das Mateo’s. Die Straßen sind leergefegt, nur das eine oder andere Auto fährt vorbei. Vor einer Bank sprechen wir einen Wachmann an, ohne eine zufriedenstellende Antwort zu erwarten, werden aber dann doch von seiner Ausführlichkeit und Verständlichkeit überrascht: Die Behörden hätten dem König von Buganda untersagt, in den Bezirk Kayunga zu reisen, woraufhin es zu Auseinandersetzungen zwischen seinen Anhängern und den staatlichen Sicherheitskräften gekommen sei. Er, der Wachmann, wundere sich, dass wir überhaupt nichts davon mitbekommen hätten, denn schließlich sei geschossen, seien Autos sowie Busse in Brand gesteckt und Geschäfte geplündert worden. Mehrere Personen, darunter auch Ordnungshüter – oder Wachmänner, so genau differenziert der Wachmann selbst hier nicht – sollen dabei in der Stadt umgekommen sein.

Öha! Und wir haben währenddessen fünfzig Kilometer entfernt Affen fotografiert, uns auf Lianen geschwungen und eine Pizza Hawaii gegessen. Eigentlich schade.

Da es unmöglich ist, einen offenen Laden zu finden, bleibt uns nichts übrig, als zurück zum Hotel zu laufen. Während es so aussieht, als sei niemand unterwegs, ist die Zahl der Wachmänner heute Abend hingegen deutlich höher als sonst. Selbst die »Reservisten«, so möchte ich sie mal nennen, wurden offensichtlich aktiviert, denn unterwegs treffen wir einen Wachmann, der anstatt der üblichen ein Meter langen Flinte einen Straßenzug mit Pfeil und Bogen bewacht. Aus Metall gegossene Pfeile mit Widerhaken, von denen ich nicht unbedingt getroffen werden will. Als wir den Mittfünfziger darauf ansprechen, ist er sehr vergnügt, dass wir draußen sind und uns für die Lage interessieren, meint bezüglich seines Geräts jedoch nur lapidar, dass er nun mal keine Flinte habe und mit den Pfeilen sowieso besser treffen könne. Eine Kamera haben wir leider nicht dabei.

Im Hotel hilft uns Google News etwas auf die Sprünge, die Situation besser zu verstehen. Buganda, dem wichtigsten sowie flächenmäßig und von der Mitgliederzahl her größten Königreich des heutigen Ugandas, steht ein König namens Ronald Mutebi II. vor. Seinen Palast, Mengo ist sein Name, in dem auch Parlament und Regierung Bugandas untergebracht sind, haben wir erst am Dienstag besucht. Abgesehen von seiner erhobenen Lage und guten Aussicht auf die Stadt konnte er jedoch nicht gerade mit interessanten Dingen auftrumpfen – vielleicht auch, weil wir mal wieder keine Ahnung von den Hintergründen hatten. Auf dem Areal des 1997 von der Regierung Ugandas an die Baganda, dem Volk von Buganda, zurückkgebenen Palastes wurden wir auch zu einem Gefängnis geführt, aus dem angeblich erst letzten April die bis dahin darin gebliebenen Knochen der verstorbenen Insassen entfernt wurden. Interessanter wurde es dadurch jedenfalls nicht. Buganda, das seit Jahrhunderten existierunde Königreich, ist namensgebend für den heutigen Staat Uganda gewesen, denn Uganda ist Swahili für Buganda und die Briten übernahmen das irgendwann. Die Sprache der Baganda ist das auch heute in weiten Teilen Ugandas gesprochene Luganda, das von über zehn Millionen Leuten gesprochen wird.

Ja, und der König, der im Grunde nur repräsentative Funktionen in Brauchtumsangelegenheiten hat – wozu gibt es dann eigentlich eine Regierung und ein Parlament? – durfte also nun nicht dahin reisen, wohin er wollte. Daraufhin haben seine Anhänger Krawalle angezettelt, die zu den stärksten Unruhen in der Hauptstadt seit drei Jahrzehnten ausarteten.

Einige Fundstellen dieser Tage:

• »King’s supporters riot in Uganda«1, BBC News, Großbritannien

• »Tote bei Unruhen in Uganda«2, Kleine Zeitung, Österreich

• »8 Killed in Kampala riots«3, Daily Nation, Kenia

• »Policeman killed as riots erupt in Kampala«4, Daily Nation, Kenia

• »Two killed as riots rock Kampala for second day«5, Daily Nation, Kenia

• »Kampala turns to ghost town after riots«6, Daily Nation, Kenia

• »Death toll rises as riots rock Kampala«7, Daily Nation, Kenia

Gestern Morgen bei unserem üblichen Frühstück mit Toast, Rührei und Ananas im vierten Stock des Hotelgebäudes fallen in der näheren Umgebung vier Schüsse. Auf der Straße vor dem Hotel ist nur wenig los. Normalerweise türmen sich hier die Händler, LKW werden be- und entladen, Dutzende Bodafahrer warten auf Kundschaft und in der gegenüberliegende Moschee, wohl ein ehemaliges Handelshaus, auf dem jetzt in großen Lettern »Muslim Property« prangt, herrscht reges Kommen und Gehen. Jetzt sind statt der Hundertschaften hingegen nur ein paar Dutzend Menschen und vier Bodafahrer zu sehen. Noch am Frühstückstisch setze ich meinen Facebookstatus auf »Daniel missed the Kampala riots yesterday but still hears shots during breakfast.« und ernte, stets von den üblichen Verdächtigen, kurz darauf Kommentare wie »bombenstimmung...« oder »Ist doch wunderschön so, dachte ich? In Planegg ist nur Wahl-kampf ;)«. Unterdessen läuft auf den beiden Fernsehern des Esssaals die nationale Berichterstattung des Kampfes in der Nachbarschaft.

Als wir etwas später rausgehen und uns die Lage anschauen wollen, gibt es nicht viel zu sehen. Einige Geschäfte sind geplündert und werden nun von manchem Wachmann besetzt, alle anderen haben selbst ihre Schaufenster und alles nach außen hin Sichtbare leergeräumt. Auf dem Boden sind viele Brandstellen zu erkennen, vereinzelt liegen angekokelte Reifen und Plastikgegenstände herum. Weiter unten, neben dem Taxipark, ist eine der an vielen Straßenecken stehenden Polizeibaracken, die, salopp gesagt, aus einer Gefängniszelle mit Vordach bestehen, völlig niedergebrannt, genauso wie auch manche der überdimensionalen, auf Trägergerüsten montierten Werbeflächen. Wir suchen die Orte auf, die wir auf Agenturfotos im Internet erkannt haben und die allesamt im Umkreis von wenigen hundert Metern zu unserem Hotel liegen, müssen aber feststellen, dass die aktuellen Auslagen der Zeitungsverkäufer auf den Straßen interessanter zu begutachten sind als die Straßen selbst.

Da ging es am heutigen Samstagmorgen schon etwas aktionsreicher zu! Nach nur vier Stunden Schlaf – denn wir sind erst um halb sieben ins Bett gekommen – schleppe ich mich allein zum Frühstück, wo es diesmal nicht nur auf den Bildschirmen großes Kino gibt. Alle paar Minuten fallen unten auf der Straße mehrere Schüsse hintereinander, wobei ich nur einmal konkret einen Polizisten identifizieren kann. Ich und der Rest der frühstückenden Gäste sehen zu, wie sich die Straße nach jeder »Salve« recht schnell leert. Während viele in Panik wegrennen, sich hinter Autos und Bussen verstecken, laufen manche etwas entnervt wirkend im lediglich leicht erhöhten Schritttempo vom Geschehen weg. Nach zwei bis drei Minuten kommen dann wieder einige Leute zurück und neue hinzu, die Bodafahrer stellen sich wieder hin – und die Straße füllt sich wieder. Carl kommt doch noch zu uns runter, um zu sehen, was los ist, doch viel mehr als die Frühstückskinovorstellung erleben wir in dieser Hinsicht auch heute nicht.

Wenn in Kampala nicht gerade geschossen wird und Busse abgebrannt werden, lässt es sich auch nachts sehr gut leben. Keine Spur von den latenten Sicherheitsbedenken Nairobis, hier kann man – und das tun wir auch, als wir uns das eine oder andere Mal trennen – bedenkenlos vollkommen alleine herumlaufen. Zumindest nach unseren Maßstäben.

Für den gemeinen Mzungu besteht das Kampaler Nachtleben offenbar vorwiegend aus Lokalen wie der Latino Bar oder dem Bubbles. Beide im Nobelviertel Kololo gelegen, sind sie der Treffpunkt für ausgebeutete Volunteers, Diplomatenkinder und solche, die es noch werden wollen. Während in der auf Straßennivau unter freiem Himmel gelegenen Latino Bar vorwiegend junge Westler zum Vorglühen abhängen, trifft man gleich nebenan im Bubbles, das etwas hangabwärts über eine Treppe erreichbar ist, Persönlichkeiten jeder Couleur. Von schwarzen verwöhnten Töchterchen über blonde Volunteersozialmädels, die genau wie in ihrer Heimatstadt rumlaufen, bis hin zum sechzigjährigen Mzungu mit Vollbart und Bierbauch ist so ziemlich alles da, was man sich vorstellen kann. Auch die seit zwei Tagen dauernden Ausschreitungen in der Stadt haben auf diesen sozial wie auch geographisch vom Geschehen entfernten Ort keine Auswirkungen.

Ganz anders sieht es Downtown aus. Im Sway, einem eigentlich angesagten Schuppen, der mit 10.000 Schilling per Capita sogar noch mehr Eintritt kostet als das Bubbles, ist am selben Tag absolut tote Hose. Vor einer Woche sahen wir hier noch die Gäste auf dem Bürgersteig Schlange stehen, gestern sitzen drei oder vier Schwarze gelangweilt an der Bar, ein halbes Dutzend tanzt und eine weitere Hand voll sitzt mit uns in der Couchecke. Das war’s. Keine Wazungu, keine Massen, wenig Stimmung. »Dream on!« steht im iranischen Lonely Planet unter der Tehraner Sektion »Nightclubs«, und auch hier sollte man vielleicht einen Hinweis aufnehmen, man solle besser weiterträumen, wenn die Stadt mit Aufruhr und Krawall beschäftigt ist. Ansonsten müssen wir uns diesen Leuten noch anschließen, um nicht in Langeweile zu versinken.

Selbst die Top Bar, in unserer eigenen Straße nur zweihundert Meter vom Hotel entfernt gelegen, ist geschlossen, was wir eigentlich gar nicht so recht glauben können. Vor einigen Tagen saßen wir hier noch bei einem Bierchen an den Tischen auf der Straße und beobachteten, wie die gegenüber stehenden Nutten verzweifelt auf Kundschaft warteten. Die Top Bar, ein etwas düsterer Schuppen, in dessen Umgebung diverse Dienste schon ab zwei Euro angeboten werden, in dem aber wahrscheinlich nur alle paar Monate mal ein Mzungu auftaucht, hielten wir für den Inbegriff der Stetigkeit, ist sie doch täglich gefühlte 24 Stunden offen gewesen. Doch nun ist sie eben zu.

Wie gut, dass es gegenüber vom Sheraton wenigstens noch den Rock Garden gibt. »One of the definitive stops in Kampala’s nightshift«, so der Lonely Planet, »this cool place has a covered bar and a huge outdoor area«. Schon letzten Samstag, an unserem ersten richtigen Abend in der Stadt, haben wir den aufgesucht, weil er erstens fußläufig einfach zu erreichen ist und sich die Beschreibung der Anlage recht einladend anhört. Tatsächlich ist die Örtlichkeit durchaus überzeugend, mit einem kleinen Teich, vielen Sitzmöglichkeiten – und absoluter Trashmucke, die Carl wahnsinnig macht. Recht schnell erkennt man, dass sich alles um die vielen Weißen dreht, die hier täglich abhängen und dann mitsamt Begleitung auf einmal verschwinden. »Prostitutes hang out here in droves« kommentiert der Lonely Planet die Situation, und in der Tat dauert es bei unserem Besuch vor einer Woche keine drei Minuten, bis wir die ersten an der Backe haben. Es ist schon interessant, wie sich einige richtig abmühen, erst mal lange, oder wie zum Beispiel Sheiler, teils auch sehr intelligente Gespräche führen, während andere, die offensichtlich sehr viel weniger in der Birne haben und lediglich in auswendig gelernten Schemata denken und reden können, innerhalb der ersten 20 Sekunden auf den Punkt kommen, indem sie eine Verhandlungsbasis für den Preis nennen. Entgegen dem Niveau rund um die Top Bar geht es hier um Beträge von sechzig bis über ein einhundert – US-Dollar!

Eigentlich hatten wir nicht vor, noch einmal in den Laden zu gehen, doch als wir am gestrigen Freitagabend erkennen müssen, dass es aufgrund der aktuellen Lage partout unmöglich ist, einen sinnvollen Schuppen zu finden, versuchen wir es doch noch einmal im Rock Garden. Für dessen Verhältnisse ist es schon recht spät, als wir um kurz nach eins auftauchen, maximal zwanzig bis dreißig Leute sind zugegen und es ist unverkennbar, dass auch hier heute nicht gerade das beste Geschäft gemacht wurde. Wieder dauert es keine drei Minuten, bis die ersten Mädels am Start sind – diesmal jedoch mangels anderer Devisenquellen im näheren Umfeld gleich zu sechst. Wahrscheinlich sind das die übrig gebliebenen, die vorher allesamt auf’s falsche Pferd gesetzt haben.

Da wir aber nur darauf aus sind, in Ruhe unsere Tusker, Nile Gold und Club Pilsner zu trinken, machen wir den um uns herum Stehenden schnell klar, dass es uns zwar leid tut, dass sie noch hier sind, es bei uns aber auch nichts zu holen gibt. Spätestens als wir dies untermauern, indem wir unser gesamtes, sich auf mickrige 18.000 Schilling belaufendes Vermögen herzeigen, werden wir mit dieser Behauptung auch endlich ernst genommen. Wahrscheinlich ist ihnen klar, dass der Zug für sie heute abgefahren ist, jedenfalls kommt es uns so vor, als hätte sich bei den sechsen auf einmal ein Schalter umgelegt, mit dem sie von Nutten zu fast normalen Mädels werden. Selbst die übliche Nachfrage, ob man nicht doch ein Bier ausgeben könne, ist nicht mehr zu hören.

Trotzdem sind wir hernach extrem überrascht, als alle sechs mit uns mitkommen wollen: Carl hat angesichts des gerade schließenden Lokals, mehr aus Spaß als im Ernst, vorgeschlagen, dass wir alle zusammen noch in der Top Bar vorbeischauen, von der wir noch nicht wissen, dass sie geschlossen ist. Alle sechs stimmen jedoch zu und scheinen sich sogar darüber zu freuen. »I cannot sleep before six or seven«, erklärt mir eine von ihnen, deswegen sei es ihnen ganz recht, wenn trotz des seit vorgestern zusammengebrochenen Nachtlebens die Zeit noch einigermaßen sinnvoll rumgebracht werden könne.

Carls Rechnung, sich mit den Edelnutten vom Rock Garden direkt vor die 2-Euro-Mädels zu platzieren, geht nicht auf. Letztere sind nämlich nicht da, die Top Bar ist wie gesagt geschlossen und die Straße vollkommen leer. Selbst die vielen Menschen, darunter auch viele Kinder, die hier sonst in Decken eingehüllt einfach am Straßenrand die Nacht verbringen, schlafen heute woanders. Gott sei Dank wissen unsere Leute Abhilfe und führen uns nur eine Minute entfernt in einen für Außenstehende nicht als Bar zu erkennenden Schuppen, wo es diesmal an uns liegt, sie zu überraschen: »Was wollt ihr für ein Bier?« fragen wir – und der einen fällt regelrecht die Kinnlade herunter. Wie bitte? Wir spendieren ein Bier? Was in ihrem sonstigen Abendablauf mehr als selbstverständlich ist, sorgt jetzt für große Verwunderung. Offenbar hatten sie nach ihrem Rollentausch wirklich nicht mehr damit gerechnet, dass wir auch nur einen Cent für sie ausgeben würden – doch was interessieren uns jetzt unsere letzten fünf Euro, die wir in der Tasche haben? So gibt es acht Tusker, Guiness, Clubs und Niles für die Allgemeinheit und ein Mädel aus Ruanda tauscht später sogar unsere allerletzten 2.000 Schilling gegen einen US-Dollar ein, um sich so von ihrem eigenen Geld noch ein weiteres Bier kaufen zu können.

Mangels Alternative verbringen wir also unseren letzten Abend, besser gesagt die Nacht bis sechs Uhr morgens, während Kampala eher an eine Geisterstadt erinnert, in irgendeinem Hinterhofschuppen mit sechs Nutten, die sich alle erstaunlich normal verhalten und sogar aus allen Wolken fallen, wenn man ihnen ein Bier ausgibt. Dass Sarah Florence, eine von ihnen, indes aus dem Sudan kommen will, aber kein Wort Arabisch spricht, finde ich jedoch etwas seltsam.

Nebst dem Abhängen in dubiosen Zirkeln kann man in Kampala auch noch bestens Geschäfte betreiben. Carl hat es tatsächlich geschafft, seine Kamera für einen anständigen Preis zu verkaufen. Dem voraus gingen einige Besuche in Kampaler Kameraläden und Fotostudios, die fast ausschließlich von Indern betrieben werden. Gleich hinter unserem Hotel haben wir die Wilson Road zur Kamerastraße getauft, weil es dort nur so vor Fotoläden wimmelt. Viele Leute zeigten sich interessiert, haben Carls Nummer aufgeschrieben und gesagt, dass sie sich vielleicht wieder melden würden, doch da den meisten ein Weiterverkauf der Kamera vorschwebte, waren sie nicht bereit, den von Carl gewünschten Betrag hinzublättern. Schließlich war es ein pakistanischer Privatmann, der, aufmerksam geworden durch einen indischen Händler im Oasis, welcher zuvor den Kauf abgelehnt hatte, Carl sein Gerät inklusive Objektiv und Ladegerät abgenommen und in harten Devisen bar bezahlt hat, während ich im Garden City den Buchladen unsicher machte.

So bleibt nach über einer Woche in Kampala eigentlich nur noch die letzte Frage zu klären: Wo sitzt dieser Depp, der mitten im laufenden Betrieb am Satellitenreceiver rumfummelt und nach Gutdünken und eigenem Belieben die Kanäle wechselt? Es ist nämlich offensichtlich so, dass es für das lokale Fernsehprogramm irgendwo so etwas wie Relaisstationen gibt, in denen Fernsehkanäle von Satelliten oder anderen Trägern empfangen werden und dann analog über UKW und VHF lokal ausgestrahlt werden. Wir stellen uns das so vor, dass da irgendein Honk in einem Kabuff vor zwanzig Empfangsgeräten und Bildschirmen sitzt, deren Ausgabe für die weitere Übertragung benutzt wird. Wenn diesem Vollpfosten langweilig wird, was naturgemäß recht häufig vorkommen dürfte, schnappt er sich einfach eine der Fernbedienungen und stellt einen anderen Sender ein. Abertausende Zuschauer in seinem Empfangsgebiet sehen dann, wie das On-Screen-Display-Menü auf ihren Schirmen aufgeht und wie von Geisterhand durch die Senderliste gescrollt wird. Normal ist das nicht gerade das Schlimmste der Welt, aber »Don’t Say a Word«, ein recht guter Film mit Michael Douglas und Brittany Murphy, wurde uns zum Beispiel auf diese Weise letzten Sonntag einfach so in den spannenden Schlussminuten abgedreht. Wenn wir das Ende nicht gekannt hätten, wäre wohl Randale unsererseits an der Tagesordnung gestanden.

Am heutigen Samstag verlassen wir schließlich, nach sehr kurzem Schlaf und dem beschriebenen Frühstückskino, das Aponye-Hotel, das unsere längstwährende Heimat auf dieser Reise war. Angesichts eines aufgelaufenen Betrages von 440.000 ugandischen Schilling stört es auch niemanden, dass wir die mit elf Uhr angegebene Check-out-Zeit um mehrere Stunden überschreiten. Am regnerischen Nachmittag essen wir in Entebbe am uns bereits bekannten Platz unten am See unsere letzte Pizza Hawaii, schauen für eine gute Stunde in den Zoo und machen es uns dann mehr schlecht als recht am Flughafen gemütlich, um die letzten sieben Stunden in Ostafrika irgendwie wartend rumzubringen. Mangels Gesprächspartnern bekommen wir nicht einmal das Guthaben der Orange-Karte aufgebraucht, denn die einzige, die wir spät nachts noch anrufen können, ist die ebenfalls auf ihren Kairoflug wartende Alena in Nairobi. Dafür zockt uns die lokale Flughafenbar ab und Carl muss am Eingang des Flughafengebäudes, wo unsinnigerweise schon die erste Kontrolle platziert ist, sogar sein Feuerzeug abgeben, weil die internationalen Sicherheitsbestimmungen für den Luftverkehr das angeblich so verlangen. Wer’s glaubt.

Auf Wiedersehen, Afrika!

Tja, da ist also gleich zu Beginn unseres Ugandaaufenthaltes die Tastatur für den PDA kaputt gegangen und es gab ursprünglich nur noch die eine oder andere im Internetcafé oder auf anderen Rechnern geschriebene Zeile. Wieso das Teil nicht mehr funktioniert, weiß kein Mensch. Von einem Tag auf den anderen gingen erst drei Tasten nicht mehr, ein paar Tage später waren es dann sogar neun, und zwar alle auf der rechten Seite, ungefähr dort, wo ich einige Wochen zuvor in Kisumu auch das Bier draufgschüttet hatte. Doch warum sollten die Folgen erst so spät spürbar sein? Staubansammlung auf klebrigen Stellen? Wenn jemand mehr weiß, wäre ich um eine Antwort dankbar.

Natürlich hat dieser Umstand auch seine gute Seite, denn die letzten zwei Wochen waren um einiges entspannter als zuvor, wo sich jeden Tag ein Megabyte Gedanken angesammelt haben, von denen ich gerade mal 10 Kilobyte niederschreiben konnte. Für Carl dürfte das zumindest unter diesem Aspekt durchaus von Vorteil gewesen sein, wie auch für meinen Schlaf.

Schade wäre es gewesen, wenn es aufgrund dieses Umstands nichts mehr aus Uganda zu lesen gegeben hätte. Uganda, das Land, das uns so viel besser gefallen hat als Kenia, wo die Menschen um einiges umgänglicher sind und uns bei weitem nicht so viel nervten. Wenn mich nun jemand fragen würde, ob ich wieder zurück nach Ostafrika wollte, würde ich vorerst wohl vorsichtig verneinen, sofern es eine einigermaßen sinnvolle Alternative gäbe. Und auch wenn ich Uganda als Ziel weit weniger abgeneigt wäre als Kenia – mit den Ostafrikanern sind wir, oder ich, zumindest für die nächsten Wochen einmal durch! Es gibt einfach so viele Dinge, die einen wahnsinnig machen können, wenn man nicht gerade im Toleranzmodus durch den Tag geht, dass man entweder nur ständig den Kopf schütteln kann oder – und das ist eigentlich noch besser – einfach darüber lachen muss.

Ein typischer Ostafrikaner lebt in Zeitlupe. Er geht langsam, er unterhält sich langsam, er denkt langsam, er arbeitet langsam. Er lebt langsam. Fünf Wochen haben nicht gereicht, um uns in dieses Zeitlupenleben vollständig zu integrieren. So langsam zu schlendern wie ein Schwarzer will in langwierigen Übungen gelernt sein! Genauso wie das Reden. Ich passe da ungefähr so gut nach Ostafrika wie ein Pinguin an den Persischen Golf. Am Anfang unseres Aufenthaltes verstand uns dementsprechend auch wirklich so gut wie niemand, erst später ist uns, besser gesagt vor allem Carl, aufgefallen, dass wir viel zu schnell reden. Und zu laut!

Gegipfelt hat das in der Szene in Mbale, als wir erstmalig die uns bis dahin unbekannte Jackfrucht sahen und uns beim Verkäufer nach dem Namen erkundigen wollten. »What’s the name of this fruit?« fragte ich ihn, doch er verstand nicht. Sofort legte ich nach: »I want to know the name, how do you call this?« Da sah er mich nur noch verdutzt an. Noch zwei- oder dreimal formulierte ich die Frage etwas um und schoss damit in hoher Frequenz dermaßen auf ihn ein, dass Carl mich schließlich stoppte. Was für mich eine normale Unterhaltung war, die ich so mit jedem Deutschen und erst recht mit jedem Araber geführt hätte, war für den guten Menschen wohl viel mehr eine Tortur als ein Gespräch. Carl meinte anschließend, der Typ hätte richtig Angst vor mir gehabt, vor allem weil ich beim Sprechen auch noch viel zu viel gestikuliert hätte. Es hat gerade noch gefehlt, dass ich ihn an beiden Schultern gepackt und mit »What’s the fucking name of this fruit?!?« angeschrien und dabei rechts-links-rechts gewatscht hätte. Ein köstliches Bild!

Beobachtet man andere Kenianer oder Ugandis, wie sie miteinander umgehen, bekommt man den Dreh nach und nach zumindest ansatzweise raus. Man muss nach jedem Satz eine Pause einlegen, am besten eine, die mindestens so lang wie der gerade eben gesprochene Satz ist. In Deutschland benutzt man solch eine Pause höchstens, um das gerade Gesagte zu untermauern, um es sacken zu lassen, ganz so, als hätte man gerade die Weisheit des Jahres ausgesprochen. Man könnte meinen, hier gebe also jeder am laufenden Band große Worte von sich, doch es scheint uns viel mehr so, als bräuchte jeder Afrikaner diese Pause zum Nachdenken über das gerade Gesagte und über das, was er als nächstes sagen will. Das Ganze zudem in einer Lautstärke, die man bei uns getrost als Flüstern bezeichen würde. Bestellt man in gehobener Lautstärke zwei Tees, zeigt vielleicht noch mit den Fingern eine zwei dabei, dann kommt – mit großer Sicherheit nichts! Flüstert man hingegen zunächst ein leises »Hello«, Pause, gefolgt von einem nicht weniger leisen »How are you?«, und setzt dann nach einer noch längeren Pause ein fast nicht hörbares, gehauchtes »Two tea?« hinterher, werden zwei Minuten später, man höre und staune, zwei Tassen Tee gebracht. Mit Milch natürlich, so wie es sich hier gehört. Carl kann das inzwischen ganz gut, ich muss mich hingegen wirklich konzentrieren und anstrengen, um das auf gut Afrikanisch hinzubekommen.

Überraschenderweise haben auch viele Ostafrikaner untereinander ein Problem, sich gegenseitig zu verstehen. Da ist es manchmal wirklich lustig, mitzuerleben, wie sich Szenen, die wir tagtäglich erleben und wo wir normalerweise nur den Kopf schütteln, auch zwischen zwei Schwarzen zutragen. In Uganda ist das noch weit öfter der Fall als in Kenia, da es hier neben Englisch, Swahili und Luganda noch zig weitere Sprachen gibt, sodass auch zwei Ugandis sehr oft nur Englisch als gemeinsame Sprache aufweisen können. Da kann es dann schon mal passieren, dass wir einem CD-Verkäufer erklären wollen, dass wir eine CD von Aziz Azion wollen, er aber nach Oasis sucht und einen ganz anderen, dritten Scheiß findet. Wir bitten also eine Type, das war damals Robinah, die das mitgekriegt und unser Anliegen verstanden hat, ihm das zu erklären – und sie tut es auf Englisch! Mit fast genau unseren Worten und auch nahezu den gleichen Problemen. Während in diesem Fall vielleicht wirklich die Sprache das Problem darstellt, ist es eben oft auch die Kommunikationsform und die Denkweise.

Mit dem Autofahren und dem Verkehr ist es in Ostafrika ebenfalls so eine Geschichte. Ist man zuvor schon in Ländern gewesen, in denen anständig gefahren wird, beispielsweise Iran oder Ägypten, so hat man auf den ersten Blick den Eindruck, dies sei hier mehr oder weniger auch der Fall. Doch schon nach kurzer Zeit offenbart sich die afrikanische Fahrweise als absolut behindert und unpraktisch, in gewisser Weise menschenverachtend. Auf Straßenüberquerer wird direkt gezielt! Dass im Lonely Planet Ägypten eine Infobox mit der Überschrift »Playing Chicken in Cairo« die Schwierigkeiten des Überquerens in Kairo darlegt, grenzt vor dem Hintergrund der hiesigen Situation fast an Lächerlichkeit. In Kairo könnte man ohne Probleme 10 Minuten auf der Mittellinie einer vielbefahrenen Straße stehen, ohne selbst auch nur einen halben Kratzer abzubekommen. Hier hingegen scheint es für viele Sport zu sein, direkt auf Straßenüberquerer zuzuhalten und dabei extra ihrer Bewegung über die Straße nachlenkend zu folgen. Wenn das mal nicht der Fall ist, haben wir hingegen Probleme zu verstehen, ob der Fahrer nun vor oder hinter uns vorbeifahren will. Was in Tehran und Kairo – nach einigem Training – unterbewusst von statten geht und nicht einmal der Nennung wert ist, erfordert in Ostafrika höchste Konzentration und vor allem Glück. Wohlgemerkt: trotz weit geringeren Verkehrsaufkommens!

Erschwerend kommt hier zugegebenermaßen hinzu, dass Fahrer und Fußgänger zusätzlich zu den bewegten Objekten im Verkehr auch mehr auf den statischen, sich nicht verändernden Straßenzustand achten müssen. Selbst wenn die Hälfte der Straße frei ist, wird ein Fahrer genau auf dich zuhalten, wenn du dich auf der besser asphaltierten, weniger löchrigen oder weniger unebenen Straßenseite befindest. Fahrzeuge jedweder Art haben in dieser Hinsicht absoluten Vorrang vor Fußgängern. Vor allem außerorts wird beim Fahren dauergehupt, was zur Folge hat, dass alle Afrikaner, egal ob zu Fuß oder mit Rad unterwegs, egal ob sie 10 Kilo auf dem Kopf schleppen oder zwei Kinder tragen, alt oder jung sind, regelrecht in den Graben springen! Kam uns dies anfangs noch etwas komisch und übertrieben vor, wundert es uns nun überhaupt nicht mehr. Auto hat Vorrang! Punkt, aus, basta! Wer nicht zur Seite geht, muss im besten Fall damit rechnen, dass das Fahrzeug bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h zwei bis drei Zentimeter Platz zum Ellenbogen lässt, obwohl es ohne Probleme in einem Meter Abstand vorbeifahren könnte, im schlechteren Fall wird man hingegen wohl in die Statistik für Verkehrstote eingetragen. Auch wenn wir in fünf Wochen nur einen Toten gesehen haben – es gibt genug. Das hat uns allein schon die lässige Intonation unseres Fahrers zu verstehen gegeben, als er uns auf den Körper unter dem Laken hinwies.

All das ist nicht einfacher, wenn man sich als Besucher an den Linksverkehr gewöhnen muss. Auf die Straße gepinselte Erinnerungssätzchen à la britischem »Look right!« gibt es hier nicht, also heißt es vor allem in der ersten Zeit: Soviel wie möglich in alle Richtungen gucken! Nach der ersten Eingewöhnungsphase stellen dann aber eigentlich nur noch Kreisverkehre und einspurige Ein- und Ausfahrten sowie Abzweigungen ein Problem für die unterbewusste Beachtung dar. Oder Situationen, in denen man gedankenversunken oder im Gespräch die Straße überquert und in einem intuitiven Rückfall Autos zuerst von links erwartet.

Möglich ist aber auch, dass man von ein paar Nägeln oder sonstigen irrsinnigen Konstruktionen aufgespießt wird. Es gibt zum Beispiel LKW, die die linke Spiegelstange mit Nägeln ausgestattet haben – genau auf Kopfhöhe! Ich schätze mal, diese wahnwitzige Idee soll verhindern, dass während der Fahrt Leute aufspringen und sich an dieser Stange festhalten können. Doch während unserer Fahrt ist es nicht nur einmal passiert, dass diese Nagelkeule Köpfe von Passanten haarscharf um nur zwei Zentimeter verpasst hat. Wenn einen dieses Ding erwischt kann man sich des Todes sicher sein.

Überhaupt haben die Ostafrikaner ein in unseren Augen sehr gestörtes Verhältnis zu gefährlichen Vorrichtungen, die ohne jede Umschweife auf Verletzung anderer abzielen. Stahl- und Metallspieße sowie Stacheldraht in Massen sind dabei die bevorzugten Mittel. Geländer, auf die man sich nicht setzen soll, sind oben mit Spießen versehen, Pfosten, an denen man nicht zu nah vorbeigehen soll, sind mit seitlichen Spießen und Zacken versehen. Selbiges gilt für Absperrketten, Tore, Bordsteine und andere Dinge, denen man tagtäglich begegnet. Wo Spieße und Zacken nicht praktikabel oder zu kompliziert anzubringen sind, hilft hingegen Stacheldraht aus. Dieser wird auch überall dort benutzt, wo jeder Mensch, der noch einigermaßen bei Sinnen ist, normalen Draht verwenden würde, weswegen es uns manchmal so vorkommt, als gäbe es überhaupt keinen normalen Draht. Junge Pflanzen auf dem »Bürgersteig«, die geschützt werden sollen, erhalten zum Beispiel vier Holzpfosten drum herum, die mit Stacheldraht umwickelt werden. Einfach verrückt!

Das tägliche Leben und vor allem das Laufen auf der Straße ist daher geprägt von Gefahren, die an allen möglichen und teilweise an den abstrusesten Stellen lauern. Während der Okzident versucht, das Verletzungspotential auf öffentlichem wie auch privatem Raum möglichst gering zu halten, hat man hier den genau gegenteiligen Eindruck. Und als wenn es nicht reichen würde, dass man auf die extra gefährlich gemachten Dinge achten muss, gibt es natürlich auch noch all jene Gefahren, die durch Verfall oder Nichtkümmern vorhanden sind. Mitten auf dem Weg liegen wadenhohe Steinbrocken rum, die, selbstredend, kein Mensch wegräumt, gleich dahinter gibt es einfach mal eine metertiefe Grube oder einen nicht abgedeckten Kanal, Löcher der Abflusskanaldeckplatten sind sowieso mehr die Regel als Ausnahme, und auf Kopfhöhe und darüber pendeln im Wind irgendwelche Schilder oder sonstige Gegenstände, die nicht selten mangels anständiger Befestigung herunterfallen. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land, hier muss man wirklich für jeden überlebten Tag dankbar sein.

Siebenunddreißig mal sagen wir also Danke, dafür, dass wir weder aufgespießt wurden noch uns selbst aufgespießt haben, nicht in die Kanalisation gefallen sind, Malaria bisher nur vom Hörensagen kennen und auch nicht für einen zweistelligen Eurobetrag entführt oder ermordert wurden. Und für noch vieles mehr.

Zum Schluss sei noch gesagt, dass diese Leichtigkeit, mit der die Schwarzen durch den Tag gehen, durchaus angenehm ist, sofern man nicht gerade Geschäfte mit ihnen tätigen oder anderweitig ernster Dinge sein muss. Sieht man einmal von diesen Situationen ab, wirkt die ständige Fröhlichkeit und »Coolness«, die viele an den Tag legen, grundlegend erfrischend. Wenn zu Anfang unseres Aufenthaltes in Kenia nicht so viele Betrunkene und Bekiffte unser, vor allem wohl aber mein Bild geprägt hätten, wären die positiven Seiten wohl auch etwas weniger lang unerkannt geblieben.

Ich denke, dass diese fünf Wochen, insbesondere in der nachträglichen Betrachtung, wenn alle Erlebnisse und Erinnerungen richtig haben sacken können, als sehr gelungen angesehen werden können und mir in mancher Hinsicht die Augen dort geöffnet haben, wo ich es eigentlich nicht unbedingt erwartet hatte. Denn Ausland besteht nicht nur aus Mashrek, Maghreb und nahegelegenen Konsorten, das scheine ich in letzter Zeit irgendwie vergessen zu haben. Und falls es nächstes Frühjahr doch nach Südostasien geht, werde ich daran wieder erinnert werden.

Auf Wiedersehen, Afrika. Dreitausend Kilometer nördlich wird dein Gesicht ab morgen ein anderes sein.

1 http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8249693.stm

2 http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/2128332/tote-bei-unruhen-uganda.story

3 http://www.nation.co.ke/News/-/1056/655920/-/umtdsv/-/index.html

4 http://www.nation.co.ke/News/-/1056/656258/-/umtwpq/-/index.html

5 http://www.nation.co.ke/News/africa/-/1066/656596/-/136vo1dz/-/index.html

6 http://www.nation.co.ke/News/-/1056/656720/-/umu1k5/-/index.html

7 http://www.nation.co.ke/News/-/1056/656806/-/umu2b0/-/index.html

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.