Freitag, 4. September 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Masindi, Kampala
Wenngleich es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag, gibt es auch in Uganda meist nicht nur eine Busgesellschaft, mit der man von einer Stadt in die andere kommen kann. Vor allem auf den Hauptrouten werden die Verbindungen von unterschiedlichen Firmen bedient. Oft genug kommt man als mit dem Land noch wenig vertrauter Touri jedoch mangels Information nicht in den Genuss einer solchen Auswahl, sondern gibt sich vielmehr mit dem nächstbesten Gefährt zufrieden, aus dem der Name des Wunschzielortes herausgeschrien wird – wenn er nicht sogar drauf steht. Das war oft genug auf meinen letzten Reisen so und das war auch die letzten Wochen so.
Denn selbst wenn man von einem alternativen Anbieter weiß, sitzt man noch lange nicht bei diesem im Bus. Die Stolpersteine sind zahlreich: In Amman wurde ich zum Beispiel qua Gewalt in einen schrecklich ungemütlichen, vor allem aber elend langsamen Bus einer mir bis heute unbekannten Gesellschaft gesetzt, obwohl ich mich eigentlich auf der Suche nach dem Jett-Büro befand. Normalerweise lasse ich mich ja nicht abwimmeln von Aussagen, der gewünschte Bus fahre heute nicht und der, vor dem ich gerade stehe, sei der einzige. Doch zusammen mit der Versprechung, man fahre in zwanzig Minuten los, und dem nicht von der Hand zu weisenden Hinweis, ich hätte ja nun einen Bus gefunden und müsse nicht mehr suchen, ließ ich mich darauf ein. Ergebnis: Die arabischen 20 Minuten entpuppten sich als reale zwei Stunden und anstatt der angedachten viereinhalb Stunden brauchte ich von Amman nach Aqaba sieben Stunden, in denen ich zwischen Vordersitz und Sitznachbarn regelrecht eingeklemmt war. Nur auf halber Strecke gab es eine Pause zum Beinevertreten und zum Verschnaufen – mitten in einem Sandsturm.
Ich möchte mich jedoch nicht beschweren, denn verglichen mit den hiesigen Verhältnissen ging es auf jener Strecke im Frühjahr durchaus luxuriös zu. Heute lassen wir uns aber nichts vormachen, gehen stattdessen direkt zum Büro der Link-Busgesellschaft. Der Einzige, der uns auf dem Weg dorthin abpasst und sofort etwas von »Bus? Come here!« schreit, will uns ebenfalls zu Link bringen. Na bitte, wieso läuft denn das nicht immer so?
Bei Link läuft alles irgendwie ganz anders, als wir es bisher gewohnt sind. Das kleine Büro hat einen Schreibtisch aufzuweisen und ist ansonsten – genau wie die Veranda – mit voll besetzten Wartebänken bestückt. Gut vierzig Leute harren bedächtig und wie immer mit Getreidesäcken, Holzplanken oder Hühnern darauf, dass der Bus vorbeikommt. Einer räumt sogar seinen ganzen Krimskrams neben sich weg, um mir Platz zu machen; so gesittet und ordentlich geht es eigentlich selten zu. Doch damit nicht genug: Zu unserer großen Überraschung werden hier Platzkarten verkauft und wir können von Glück sprechen, dass wir überhaupt noch zwei der letzten fünf freien Plätze ergattern. Platzkarten! Das muss man sich mal vorstellen! Hier, wo man einfach mal das 14-Passagier-Matatu mit 22 Leuten, zwei Babys, einer Ziege und noch viel mehr vollstopft, wo die Leute auf dem Dach mitfahren oder einfach mal ein paar Kilometer weit an der Außenseite hängen, hier werden auf einmal Platzkarten verkauft.
Diesen haben wir auch zu verdanken, dass wir nicht neben Rastaman sitzen müssen, der heute, welch Zufall, nämlich auch nach Kampala zurückfährt. Da er sich vorgestern Abend im Club ein bisschen daneben benommen hat, übt er sich jetzt in willkommener Demut. Von den großen Tönen, er lade uns in Kampala zu einer Studioaufnahme ein, ist jetzt auch keine Rede mehr. Soll mir recht sein – der stinkt eh zu krass! Mich grüßt er jedenfalls gerade mal und Carl wird auch nur in ein kurzes freundliches Gespräch verwickelt, bis der Bus mit kaum messbarer Verspätung schließlich auf der staubigen Straße erscheint.
Mit meinem Platz in der Mitte der letzten Reihe genieße ich eine bisher nie dagewesene Beinfreiheit und spiele nebenbei für die Kinder links und rechts von mir noch Kopfkissen. Die schlafen einfach an meiner Schulter und auf den Oberschenkeln ein, während Carl rechts vor mir sitzt, von wo er die Szenerie genau in dem Moment fotografiert, als ich aus meinem Dösen erwache und über meine Situation lachen muss. Ansonsten vergehen die fünf Stunden recht angenehm und um einiges komfortabler als bei allen bisherigen Fahrten. Der Preis dafür ist indes die fehlende Aussicht, die ich heute aber gerne zu zahlen bereit bin und ohne die ich nun endlich mal dazu komme, mir Alenas Blog vollständig durchzulesen. Dass wir aber auch in diesem Bus kontinuierlich, wohlgemerkt im Wortsinne, in die Luft geschleudert werden, die Augen ständig dem herumspringenden PDA folgen müssen und es deshalb eigentlich unmöglich ist, mehr als einen halben Satz am Stück zu lesen, hat zur Folge, dass ich damit auch fast die ganze Fahrt beschäftigt bin.
Die Dämmerung hat schon eingesetzt, als unser Bus in die Außenbezirke Kampalas eintaucht. Anstatt geradlinig auf der Hauptstraße zu irgendeinem Busbahnhof im Zentrum zu fahren, biegen wir zu unserer Überraschung für die letzten sechs Kilometer zur Stadtmitte auf diverse Nebenstraßen ein. Viele davon sind natürlich nicht geteert und manche davon sogar so eng, dass wir mehrmals warten müssen, bis ein Obststand abgebaut oder ein paar Autos umgeparkt wurden. Auch gibt es in der Metropole von der Einwohnerzahl Münchens wieder richtigen Verkehr, besser gesagt: Verkehrsstau, wie wir ihn von den letzten Wochen am beschaulichen Lande gar nicht mehr kennen. So ist es natürlich bereits dunkel, als der Bus schließlich im Zentrum sein endgültiges Ziel erreicht und wir dem Gepäckjungen mal wieder klar machen müssen, dass wir nicht für den Wiedererhalt unseres Gepäcks zahlen werden. Diese Situation stand bisher bei so ziemlich jeder Busfahrt auf der Tagesordnung, doch warum, fragen wir uns, sollen bitteschön nur wir zahlen, wenn doch die anderen 50 Insassen ebenfalls keinen einzigen Groschen da lassen. Dreisten Abzockversuchen wie diesen begegnen wir wie immer am besten mit einem kräftigen Auslachen, das in etwa sagen soll: »Mei, Burschi, netter Versuch, aber was Besseres ist dir echt nicht eingefallen?« Nicht wenige Male lachen die Ausgelachten mit, heben die Hand zum Einchecken und verabschieden sich dann noch freundlich. Dieses mal zwar nicht – aber es kann nun mal nicht jeder einsichtig sein.
Nach dem Abendessen auf dem Balkon eines Restaurants soll es auf Hotelsuche gehen. Blöd nur, dass ich meine Kamera auf dem Balkon vergessen habe. Zwar sind wir noch nicht weit weg, stehen gerade auf der Straße mit ein paar Studenten rum, die uns zum Platz der Konstitution führen wollen, doch ein bisschen Zeit ist schon vergangen. Ich renne also zurück in den dritten Stock des Gebäudes, und gerade als ich auf den Balkon hinaustreten will, kommt mir die Bedienung schon mit der Kameratasche in der Hand entgegen. Nochmal gut gegangen!
Die zwei Studenten führen uns schließlich wirklich zum genannten Platz, der das geographische Zentrum Kampalas darstellt. An die neuen Maßstäbe der Karten im Gipsy müssen wir uns erst wieder gewöhnen, denn ein Kartenzentimeter ist nun nicht mehr, wie in den letzten Wochen, in unter einer Minute abgelaufen. Das erinnert mich an unsere Ankunft in Tehran, wo wir für das Durchfahren einer einzigen Teilkarte mit dem Auto eine gute Stunde gebraucht haben. Am Telefon sagten wir kurz zuvor noch, wir seien »gleich da«. Von wegen.
Kampala macht seinem Hauptstadtdasein aus Backpackersicht alle Ehre, denn das Finden einer Unterkunft gestaltet sich wieder einmal schwieriger als gedacht. Die im Einsamen Planeten verzeichneten Billigabsteigen sind restlos voll und mit diversen anderen Läden können wir uns nicht einigen. Ein Inder bietet zum Beispiel eine sehr heruntergekommene Absteige zu einem für diese Verhältnisse überzogenen Preis an und lässt auch kein Stück mit sich verhandeln. Ob das wohl der Grund ist, warum er keinen einzigen Gast zu haben scheint? Wie bei Hassan, unserem Fahrer aus Masindi, frage ich mich, warum so oft keine Einnahmen den lediglich verringerten Einnahmen vorgezogen werden. Bei Schwarzen mögen wir das ja inzwischen gewohnt sein, aber der besagte Inder muss schon sehr »ugandisiert« sein, denn von ihm hätte ich es eigentlich nicht erwartet.
So beenden wir unsere Suche schließlich im Hotel Aponye, dem teuersten Schlafplatz unserer Reise. 55.000 Schilling pro Nacht zahlen wir hier für ein absolut sauberes Zimmer, gemütliche Betten, anständige Bettwäsche, einen großen Schrank, Fernseher, Zimmerservice, Frühstück, warmes Wasser und drahtlose Internetverbindung. Etwas anderes wäre schon in Ordnung gewesen, wenn wir es denn gefunden hätten. Aber wo wir nun schonmal hier sind, es spät ist, und das nette Mädel von der Rezeption uns sogar einen kleinen Preisnachlass gibt, bleiben wir vorerst da. Nicht ahnend, dass wir bis zu unserem Abflug in acht Tagen hier unterkommen werden, setzen wir damit der Serie unserer höchst unterschiedlichen Unterkünfte, von der 1-Euro-Blechbaracke bis zum Kolpinghaus mit mehreren Hektar gepflegtem Garten, ein gesittetes und würdiges Ende für knapp zwanzig Euro die Nacht.