Sonnenuntergang am Evan-See, Iran (25.04.2008)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?
2. September 20094. September 2009

Donnerstag, 3. September 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Masindi

Bis in den Nachmittag hinein hocken wir am Frühstückstisch im Garten des Kolpinghauses und genießen die seltene Ruhe. Man mag zwar anderes vermuten, aber letztlich wird man hier eher zu wenig als zu viel bedient. Immerhin kommt es un in diesem Fall zu pass. Wir wollen außerdem mit einem Typen telefonieren, dessen Nummer wir aus dem Lonely Planet haben, bekommen aber zunächst nur irgendeine Frau an die Strippe, die uns einen Rückruf versichert. Es geht um einen Besuch eines, wie es der Gipsy nennt, »genuine eco-tourism project«, eines nur fünf Kilometer von Masindi entfernten Miniregenwaldes in privatem Besitz. Nicht zuletzt weil es mehr als zwei Stunden dauert, telefonisch irgendetwas in Erfahrung zu bringen und schließlich für fünf Uhr etwas auszumachen, kommen wir erst nachmittags in die Gänge.

Drei Stunden bleiben uns, um ein bisschen durch Masindi zu ziehen. Carl lotet in einem Fotogeschäft das Interesse am Kauf seiner Kamera aus. Da sie mit der Speicherkarte offenbar einige Macken macht – hier sei an den Tag im Kakamega-Regenwald erinnert – will er versuchen, sie noch vor dem Rückflug los zu werden. Der Besitzer des spärlich eingerichteten Fotoladens zeigt zwar Interesse, sieht aber nicht unbedingt so aus, als könne er sich das Gerät leisten. Schließlich hat er sogar soweit Gefallen an einem möglichen Deal gefunden, dass Carl Probleme hat, ihm klar zu machen, dass er das Gerät vorerst noch selbst braucht. Das sind gewiss gute Aussichten für Kampala.

Wir suchen auch Musik. »She’s so dangerous, dangerous girl«, »Yegwe« und Konsorten haben uns fest im Griff, ersteres Lied schon seit Kenia. Ob im Matatu, einem Handyladen oder der nächstbesten Imbissbude, fast jeden Tag bekamen wir es dort irgendwo zu hören und festigten unseren Ohwurm, den wir nun nicht mehr los werden. In Uganda kennt es aber irgendwie niemand. In einem Laden, der die halbe Straße mit seinen draußen aufgestellten Lautsprechern beschallt, sitzen zwei Leute vor einem PC und brennen unentwegt Musik auf silberne Scheiben. Zweifellos ist das nicht das erste Geschäft dieser Art, das uns unterkommt, aber doch das erste, in dem wir uns einfach auf die Couch flacken und mal eine Viertelstunde beobachten, wie das überhaupt so abläuft. Wo bei uns sofort die GEMA, ach was, natürlich die Polizei vor der Tür stehen würde, da wird hier stinknormal und mit entsprechender Werbung auf dem Ladenschild unter den Augen aller raubkopiert.

Die Kunden kommen rein, zählen ihre Wunschlieder auf oder suchen diese gemeinsam am PC aus, warten fünf Minuten, bis die CD gebrannt ist, und dampfen dann samt Silberling wieder ab. Interessanterweise werden in diesen Läden meist Videos und nicht mp3-Dateien oder andere Audioformate gebrannt. Die Qualität ist dabei oft derart mies, dass es eigentlich an Augen wie Ohren weh tun müsste, nicht zuletzt weil viele der Musikvideos so aussehen, als seien sie mit einer TV-Karte mehr schlecht als recht direkt von einem Musiksender aufgenommen worden. Unbegreiflich erscheint uns aber, wie man ein solches digitales Chaos akzeptieren und nähren kann, wenn man damit sein täglich Brot verdient. Die Festplatten sind in all diesen Läden in solch einem Ausmaß zugemüllt, dass die Mitarbeiter so gut wie keinen Titel auf die Schnelle finden können, ja meist sogar nicht einmal wissen, ob sie ihn überhaupt haben. Nicht nur, dass überhaupt keine Systematik in der Ordnerstruktur herrscht, auch die Suchfunktion ist angesichts der kryptisch gelassenen Dateinamen absolut nutzlos. »[akon]_cb2m_(2oo8)-[www.RnB4U.in].avi« mag vielleicht ein cooler Name sein, mit dem irgendein Styler seine CD bestückt, doch in dem Moment, wo die Datei auf meinen Computer kommt, benenne ich sie doch bitteschön sinnvoll und einem System entsprechend um. Es ist dieselbe Geschichte wie mit der Schubkarre und den Stromadaptern, kein Mensch sieht einen Sinn darin oder scheint auch nur je auf die Idee gekommen zu sein, sein täglich genutztes Werkzeug auf Vordermann zu halten. Nur zu, dann sollen sie halt dreihundertmal am Tag durch alle Ordner scrollen, wenn ihnen das lieber ist!

Ich versuche den Brennmenschen zu fragen, wie das eigentlich rechtlich funktioniert und wodurch sich Künstler finanzieren, scheitere jedoch mal wieder an Kommunikationsschwierigkeiten. Als ich zum Beispiel nebenbei frage, wieviel ihn ein Rohling kostet, antwortet er zum fünften Mal 3.000. Das ist aber der Preis, zu dem er den Rohling inklusive Musik verkauft, nicht sein Einkaufspreis. Carl sagt, ich solle nochmal von vorn anfangen, nicht so viel und vor allem nicht so schnell fragen, dann ginge es vielleicht. Doch selbst im Kamillenteemodus komme ich nicht weit, zumal der Typ nun so verschreckt von mir zu sein scheint, dass er den Mund gar nicht mehr aufmacht. Immerhin konnte ich herausfinden, dass die Brennshops wohl eine Pauschalabgabe an eine Art Verwertungsgesellschaft zahlen und somit das Geld zumindest teilweise und auf irgendwelchen Wegen bei den Künstlern ankommt. Wie die pauschal erhaltenen Summen auf die Beteiligten verteilt werden sollen, bleibt uns jedoch schleierhaft. Dafür können wir uns sicher sein, dass der Typ keinen Geschäftssinn hat, kauft er doch die Rohlinge einzeln für einen vierstelligen Schillingbetrag, wo er sie beim Inder um die Ecke für 800 Schilling pro Stück in der Spindel bekommen könnte.

Vor einem Handyladen, in dem wir abermalig nach dem billigsten Handy fragen und dessen Verkäufer, genau wie alle anderen, nicht den Schimmer einer Ahnung hat, auf welchem Frequenzband die ugandischen GSM-Netze arbeiten, treffen wir einen »obercoolen« Rastafari mit Jamaika- und Grasklamotten. Carl versteht sich gleich bestens mit dem stinkenden Rastaman, ich komme mit so etwas hingegen ziemlich wenig klar. Entsprechend trennen wir uns und gehen bis fünf lieber eigene Wege. Umso erstaunter bin ich, als Carl später mit zwei VIP-Eintrittskarten für einen gegenüber vom Kolpinghotel gelegenen Club aufkreuzt, die ihm der dortige Besuch mit Rastaman – das ist sein einfallsreicher Künstlername – eingebracht hat. Der nur scheinbar selbst ernannte Musiker ist offenbar doch eine kleine Lokalgröße und in Uganda zumindest etwas mehr als gar nicht bekannt. In Masindi, seiner Heimatstadt, kennt ihn offenkundig jeder.

Wie versprochen werden wir um fünf abgeholt und die kurze Strecke zum Kigaju-Wald gefahren, der einer der billigsten und am einfachsten erreichbaren Plätze ist, um Schimpansen zu sehen. Der Besitzer soll ursprünglich vorgehabt haben, den ganzen Wald abzuholzen, weil seine natürlichen Bewohner ihm die umliegenden Zuckerrohrfelder verwüsteten, doch er wurde überredet, vorerst davon abzusehen. Die lokale Dorfgemeinschaft, welche ebenfalls in wohl bedeutendem Maße von diesem kleinen, vielleicht 15 Hektar großen Waldstück abhängig ist, versucht seither, ihm über die Schiene des Ökotourismus eine zusätzliche Daseinsberechtigung zu geben. Das sagt jedenfalls unser Führer, der um keine Erklärung verlegen ist und erstaunlicherweise jede unserer Fragen auf Anhieb versteht.

Um es vorweg zu nehmen: Schimpansen sehen wir nicht. Es gibt viele andere Affen, aber keiner der an zwei Händen abzählbaren hier wohnenden »Chimps« lässt sich blicken. Trotzdem ist der Besuch für uns einer der Höhepunkte unseres bisherigen Ugandaaufenthaltes, ist doch die Regendwaldigkeit – um den Grad regenwaldartiger Erfahrung mal in ein Wort zu fassen – nochmal um einiges größer als vor zwei Wochen in Kakamega. Hier muss man sich an manchen Stellen wirklich durchkämpfen, über kleine Bäche springen, durch tunnelähnliche Gestrüppe und Büsche hindurchgehen – und vor allem ständig darauf aufpassen, nicht von roten Ameisen befallen zu werden.

»Red ants« nennen sie hier die Viecher, die so rot eigentlich gar nicht sind und mit den bekannten Feuerameisen meiner Meinung nach nichts zu tun haben. Von diesen Biestern gebissen zu werden tut, je nach Stelle, furchtbar weh! Gut anderthalb Zentimeter lang, verteidigen sie ihr Territorium effektiv gegen Menschen und andere Eindringlinge, indem sie über das Schuhwerk hochkrabbeln und sich dann mit etwas, das wie eine Zange aussieht, in die Haut festbeißen. Das Fiese ist, dass sie sich durch dieses Zangenwerk vorerst auch »nur« am Schuh festbeißen können und dann womöglich erst sehr viel später, wenn man meint, diese kleine und doch sehr große Gefahr gebannt zu haben, weiter nach oben klettern. Selbst recht dicke Socken helfen übrigens nichts: es tut zwar weniger weh, den Biss spürt man trotzdem. Der einzige Weg, mit diesen Biestern umzugehen, ist möglichst schnell weit weg zu kommen, mit möglichst wenig und nur kurzen Bodenberührungen. Wir tanzen also durch den Urwald und bleiben ab und zu stehen, um in panischen Bewegungen die hartnäckigen Exemplare abzuschütteln.

Jetzt ist mir auch klar, wieso uns die sandalentragende Alena damals am Fluss mit einem blutenden Zeh empfangen hat. Wenn man die Tiere einfach gewaltsam von der Haut abzieht, reißt man sich ein gutes Stück davon heraus, möglicherwise sogar inklusive Fleisch. Unser Führer zeigt uns, dass man ihnen erst den Kopf abtrennen und dann auf bessere Zeiten warten soll, um die Zange wieder vorsichtig herauszunehmen. Die Ureinwohner bedienten und bedienen sich dieses Umstands übrigens, um ihre offenen Wunden zu nähen: Ameise dranhalten, zubeißen lassen, Kopf abtrennen, zu ist und bleibt die Wunde. Na dann mal Prost!

Unser Führer ist etwas peinlich berührt, wirbt das Ökoprojekt doch hauptsächlich oder gar nur mit den Schimpansen – die jetzt gar nicht da sind. Ihm scheint zu entgehen, dass wir trotzdem sehr zufrieden und vor allem auch froh sind, endlich mal umstandslos sachkundige Antworten zu erhalten. Auf Nachfrage bekommen wir Mangobäume und einen Jackfruchtbaum gezeigt. Wir konnten es uns bisher nicht wirklich vorstellen, aber die zehn Kilo schweren Früchte hängen wirklich einfach so am Baum, als wären es Äpfel. Endlich sehen wir auch mal, wie eigentlich Ananas wächst. Überall, wo wir hinkommen, wird an der Straße frische Ananas verkauft, doch die Pflanzen haben wir bisher wohl immer übersehen, sind sie doch nur kniehoch.

Zurück auf dem Parkplatz des Kolpinghauses möchte ich unserem Führer die abgemachten 120.000 Schilling, knapp 60 Dollar, für Besuch und Transport geben. In diesem Fall bezahlen wir das gerne, kommt es doch, wie wir gesehen haben, wirklich direkt den dortigen Bewohnern zugute und wird nicht erst in den Tiefen irgendwelcher Organisationen umhergeschoben. Außerdem lässt man sich andernorts so eine kleine Tour mit Führer durchaus noch einiges mehr kosten. Doch mit »That is enough!« werde ich schon gestoppt, als ich nur den 100.000er-Schein in der Hand halte. Ob es das wirklich sei, frage ich ihn. »Yes, yes, that is enough! Thank you a lot!«

Offenbar ist es ihm immer noch extrem peinlich, dass die Schimpansen heute Besseres zu tun hatten.

2. September 20094. September 2009

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Samstag, 20. März 2010
Donnerstag, 22. April, 18:00 Uhr
İzmir, [Türkei / Deutschland], München, Planegg

Berichte von Syrien & Libanon 2010 werden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.