Mittwoch, 2. September 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Masindi, Murchison Falls Nationalpark, Masindi
»Wieso tankt der jetzt diesen (!) Wagen voll?«
»Damit wir damit fahren!?!«
»Mit dem hier? So ein Assi, wir sollten doch den ›Jeep‹ nehmen!«
»Nein, der wäre noch teurer gekommen!«
»Wirklich? Das habe ich überhaupt nicht gecheckt! Und das hier«, frage ich noch etwas ungläubig und verwirrt, »ist also das ›saloon car‹?«
Wir sitzen in einem Toyota Corolla und warten auf Hassan, der ihn gerade betankt. Es ist ein paar Minuten nach sechs und ich bin noch ziemlich daneben, würde mich am liebsten sofort quer über die Rückbank ablegen und weiterschlummern, wenn Carl nicht auf der anderen Seite säße. Bis gestern Abend, oder vielleicht auch bis gerade eben, wusste ich nicht, dass das britische Wort »saloon car« eine Limousine bezeichnet. Aber ich dachte ja auch die ersten zwei Jahrzente meines Lebens, eine Limousine sei das, was man eigentlich Stretchlimousine nennt.
Bei den Verhandlungen gestern Abend ging es unter anderem entscheidend darum, welches Auto nun benutzt werden würde. Im Angebot waren ein Geländewagen und eine Limousine, sprich: ein »Jeep« und ein »saloon car«. Den Helikopter habe ich zu Hassans Unbehagen selbst dazugedichtet. Ich war jedenfalls bis vor wenigen Minuten der Meinung, dass wir uns auf den Geländewagen geeinigt hätten, und schaute deshalb etwas verwirrt drein, als wir in einen Corolla einsteigen sollten. Damit geht’s zum richtigen Wagen, dachte ich, doch wie man nun sieht, ist dem nicht so. Völlig abwegig, dass dieses Auto hier 15 Liter Sprit verbrauchen soll, die ich bei einem Geländewagen ja noch akzeptiert hätte. Carl jedoch beteuert, dass alles mit rechten Dingen zugeht und sich die gestrige Abmachung ganz klar auf die Limousine bezog. Nun ja, er muss es wissen, ich hingegen habe wohl einiges ziemlich missverstanden. Ich sage es noch einmal: diese Art Verhandlungen sind nichts für mich.
Alsbald lernen wir aber, zunächst schlafend, auch die guten Seiten der Limousine kennen, denn sie ist komfortabel und vor allem schnell. Außerdem ist es bei Strafe untersagt, die Pisten im Nationalpark zu verlassen, weswegen der fehlende Allradantrieb zusammen mit Hassans Fahrkünsten sowieso nicht ins Gewicht fällt. Nur etwas höher zu sitzen wäre schon recht angenehm.
Um viertel nach acht sind wir bereits im Park und warten auf die Fähre für die Nilüberquerung. Das letzte Mal, dass ich diesen Fluss in einem Boot überquert habe, war 6.000 Kilometer flussabwärts, als ich im Frühjahr planlos zum Kairener Zoo gefahren bin. Hier, mitten in der Natur, macht die Lebensader von Millionen Menschen aber einen ganz anderen Eindruck als in der ägyptischen Hauptstadt. Gemächlich, sauber und vor allem im Einklang mit seinem natürlichen Ufer scheint das Wasser sich seinen Weg durch vermeintlich unangetastete Landschaften zu bahnen. Die Fähre der Uganda Wildlife Authority (UWA), die den Victoria-Nil an dieser Stelle überquert, ist nur ein kleines Boot mit einer Rampe, auf dem gerade mal zwei Autos Platz finden würden, wenn denn außer unserem noch ein zweites da wäre. Außer uns und ein paar UWA-Leuten mit Gewehr sind lediglich noch vier Schwarze mit an Bord, die wohl zusammen zu einer Familie gehören.
Viele Namen hat der Nil, nicht nur wegen der vielen Sprachen, sondern auch, weil jeder seiner Abschnitte eine andere Bezeichnung erhalten hat. Der Victoria-Nil, den wir hier überqueren, ist der Teil des Nils zwischen Victoria- und Albertsee. Während er an dieser Stelle geschätzte 300 Meter in der Breite misst, eröffnet sich uns kurz darauf beim Weiterfahren auch der Albert-Nil am Horizont. Ganze drei Kilometer ist der Fluss an dieser Stelle, kurz nach Verlassen des Albertsees, breit und erinnert mich beim ersten Anblick an meine Vorstellung des Amazonas, den ich noch nie zu Gesicht bekommen habe. Weiter flussabwärts gibt es dann irgendwann noch den Weißen Nil, den arabischen Nahr an-Nil, noch einen anderen arabischen Nil, der mir gerade nicht einfällt, bis schließlich die Ägypter einfach nur noch Nil zu ihm sagen.
Doch auch wenn mich der Nil fasziniert, sind wir doch vor allem im Nationalpark, um ein paar Tiere zu sehen. Neben den üblichen Antilopen, die man die ganze Zeit irgendwo rumspringen sieht und die übrigens in Wirklichkeit Impalas zu heißen scheinen, den Affen sowie den Elefanten, die wir nur in der Ferne sehen, laufen uns vor allem ein Haufen Giraffen – buchstäblich – über den Weg. Als ich drei solche Langhälse am Horizont fotografiere, die wie im Gänsemarsch hintereinander herlaufen, um zwei ihrer Kollegen zu erreichen, komme ich nicht umhin, »Nants ingonyama bagiti baba« und die folgenden Zeilen aus dem König der Löwen vor mich her zu summen. Das liegt nicht nur daran, dass mehr als die Hälfte all meiner Audio-CDs, nämlich sieben Stück, König-der-Löwen-Musik in der einen oder anderen Form sind, sondern insbesondere an den optischen Eindrücken, die auf mich wirken. Egal in welche Richtung ich in diesem Park schaue, es kommt mir ständig so vor, als würden Simba, Timon und Pumba gleich hinter dem nächstbesten Busch hervorspringen, so stark sind die Assoziationen zu den einschlägigen Bildern dieses wunderbaren Zeichentrickfilms. Die Zeichner haben ihre Arbeit, 1994 dürfte das gewesen sein, extrem gut gemacht, aber der Soundtrack von Hans Zimmer ist nochmal ein eigenes Kunstwerk für sich. Den alten Rafiki zitiere ich übrigens schon seit unserer Ankunft in Nairobi sowieso fast täglich: »Asante sana, squash banana!«
Einen »ingonyama« – das ist Swahili oder Zulu für »Löwe« – bekommen wir entgegen meinen Erwartungen sogar auch noch zu Gesicht. Wie oft wurde uns seit gestern Abend wiederholt, dass es keine Garantie gebe, einen Löwen zu sehen, ja dass es, zwischen den Zeilen gesagt, sogar recht unwahrscheinlich sei? Doch von einem UWA-Ranger in einem anderen Auto bekommt der unsrige einen Tipp, wo vermutlich gerade einer abhängt. Hassan und unser UWA-Typ meinen, wir müssten uns beeilen, so ganz glaube ich jedoch immer noch nicht dran. Doch tatsächlich stehen wir fünf Minuten später neben unserem Auto und blicken von Angesicht zu Angesicht in die Augen des großen Raubtiers. Weil sich das Kätzchen, ein ausgewachsenes männliches Exemplar, das zwischen ein paar Sträuchern Trübsal bläst, während die Gattin wohl etwas zu essen beschafft, offenbar von unserer Anwesenheit gestört fühlt, hat es sich sogleich aufgerichtet und atmet weithin sichtbar so schwerfällig vor sich hin, als hätte es gerade den halben Park bezwungen. Ich bin in diesem Moment sogar froh, das falsche Objektiv auf der Kamera zu haben, denn auf diese Weise bin ich nicht versucht, das knapp 15 Meter entfernte Tier nur durch den Sucher zu betrachten.
Nicht nur wir beobachten, auch die anderen Tiere in der Umgebung achten genau darauf, was um sie herum passiert. Anscheinend »stinkt« der Löwe dermaßen, dass viele von ihnen den Geruch auch über große Entfernungen wahrnehmen können. Während wir uns wieder von der Stelle entfernen, sehen wir sodann diverse Viecher, die ihren Kopf genau in Richtung der Löwenfundstelle gerichtet und sich offenbar schon seit Minuten um keinen Millimeter gerührt haben.
Nachdem unsere Rundfahrt beendet ist, machen wir an der Stelle, wo wir vorhin den Victoria-Nil überquert haben, in einem Restaurant Mittag. Ja, richtig, in einem Restaurant. Das fügt sich mit seinem Strohdach einigermaßen gut in die Umgebung ein und dient hier offenbar als Basis für die einen oder anderen Tagesausflügler wie auch für Leute, die es sich leisten können, mehrere Tage Eintritt zu bezahlen, und folglich ihre Nacht im Park verbringen. Auch wenn ich sagen muss, dass die paar Zelte, die wir davor stehen sehen, nicht unbedingt sehr komfortabel aussehen. Wir lassen jedenfalls kein Geld hier, sondern sitzen nur gemütlich da und knabbern an unserem mitgebrachten Proviant, während wir zwei andere Tourgruppen, die Vögel auf unserem Tisch und das ständig um uns her streunende, extrem hässliche Wildschwein beobachten.
Um vierzehn Uhr kommen wir zum letzten, aber keinesfalls weniger interessanten Programmpunkt dieses schon bisher erlebnisreichen Tages. Gemeinsam mit einem Dutzend anderer – auch schwarzer – Touris legen wir in einem kleinen Touriboot ab und fahren flussaufwärts in Richtung der Namensgeber des Parks, zu den Murchison-Wasserfällen. Die anderthalbstündige Fahrt ist großes Kino pur. Unzählige Nilpferde, ja ganze Nilpferdhorden würde ich sie nennen, plantschen tollpatschig am Flussrand herum oder dösen, meist nur Ohren, Augen und Nasenlöcher über der Wasseroberfläche sichtbar, gelangweilt an Ort und Stelle. Den Oscar für die beste Darstellung erhält jedoch eines dieser tonnenschweren Exemplare, das sich mit vollem Landanlauf ins Wasser stürzt – und von uns mit einer entsprechenden Bilderserie bedacht wird.
Man weiß gar nicht, ob man nun vor den Flusspferden oder den Krokodilen mehr Angst haben soll. Letztere sitzen vor allem gelangweilt im Schatten und halten ihr Maul auf. Man erzählt uns, dass sie in dieser Position auf Vögel warten, die ihnen die Zähne polieren, doch wir fragen uns, ob wir das nun glauben sollen. Haufenweise stehen auch afrikanische Büffel am Rand herum, auf denen nicht selten der eine oder andere Vogel sitzt. Die Liste ließe sich natürlich mit Schweinen, Impalas und sonstwelchen Viechern fortsetzen, doch mindestens genauso toll wie die Fauna ist der gesamte Eindruck, den das Heraufschippern des Nils mit seinen schönen Ufern und der scheinbar endlosen Natur vermittelt.
Nach 13 Kilometern werden wir aus dem Boot geschmissen. Nicht ins Wasser, aber auf ein paar Felsbrocken am Flussrand, von wo ein kleiner Pfad weiter nach Osten zu den Wasserfällen führt. Die sind nämlich noch anderthalb Kilometer entfernt, man kann sie gerade einigermaßen in der engen Schlucht weiter vorne erkennen, und trotzdem fahren bis auf uns und drei Spanier alle Bootsinsassen wieder zurück. Mag sein, dass die anderen keinen Hassan haben, der auf der anderen Seite mit dem Auto wartet, oder womöglich scheuen sie die Wanderung, doch wir würden uns ehrlich gesagt richtig verarscht fühlen, wenn wir mit dem Boot nur bis hierhier gefahren und dann unter Hinweis auf die Strömung wieder hätten umdrehen müssen.
Wir gehen langsam, halten öfter an, lassen die ständig wechselnde Aussicht auf uns wirken oder vergreifen uns am Schädelskelett eines Nilpferdes, aus dessen Unterkiefer wir trotz aller Bemühungen und unter Zuhilfenahme von diversen Steinen keinen der beiden Zähne herausbringen. Um den ganzen Unterkiefer mitzunehmen ist er wohl doch ein bisschen zu groß. Etwas später kommt uns ein UWA-Ranger entgegen und begrüßt uns freudig mit »Oh, you are here!«. Kennen wir den etwa? Es stellt sich heraus, dass Hassan ihn uns »geschickt« hat. Ob er uns damit nun etwas Gutes tun wollte oder einfach nur beiläufig gesagt hat, dass wir wohl auf dem Weg zu den Wasserfällen sind, wir wissen es nicht. Doch vorhin haben wir schon gemerkt, dass Hassan etwas zu sehr in Eile zu sein scheint: Als er meinte, er erwarte uns in drei Stunden an den Fällen, sagte ich, es könne auch eine halbe Stunde länger brauchen. »No, three hours!« entgegnete er korrigierend, worauf ich mich veranlasst sah, mit einem bitterernsten Blick und der Wiederholung meiner Aussage klar zu machen, dass er sich bei 170 US-Dollar Entlohnung gefälligst nach unserem Gutdünken zu halten habe. Und zwar ohne Widerrede.
Der UWA-Horst ist zwar sehr nett, merkt aber wohl auch recht schnell, dass wir nicht so richtig Bock auf ihn haben. Alleine ist es ja wohl auch am schönsten, zumal es nicht alle Tage vorkommt, sich auf einem kleinen Pfad durch ansonsten wildes Nilufer hindurchzuschlängeln und dabei das permanent lauter werdende Rauschen von Wasserfällen in den Ohren zu haben. So lässt uns der Horst dann auch einigermaßen in Ruhe und drängt uns nicht mehr zu schnellerem Gehen – mir kommt es immer mehr so vor, als hätte Hassan ihn geschickt, um uns zu »holen« – welches in dieser Situation völlig unangebracht wäre.
Die Wasserfälle sind beeindruckend! Unter ihnen liegt ein großes Becken, in das sowohl die Hauptfälle als auch die weit kleineren, etwas nördlich gelegenen Nebenfälle ihr Wasser ergießen. Über den Pfad geht es an diesem Becken vorbei auf die obere Ebene, wo man direkt bis zum rauschenden Wasser hinschreiten und die schmale Schlucht, in die es dort fließt, hinunterblicken kann. Gleich mehrmals werden die Wassermassen darin von hineinragenden Felswänden und -brocken in ihrer Richtung umgeleitet, sodass durch die immense Gischt die Luft der eines Dampfbades ähnelt. So sind die Kameras auch in dem Moment, wo wir sie aus unseren Taschen herausholen, schon fast tropfend nass.
Da wir nicht, wie viele andere, hier sind, um uns umzubringen – bei der Naturgewalt wundert es mich nicht, dass dies ein populärer Suizidplatz sein und erst kürzlich ein Engländer hier sein letztes Bad genommen haben soll – brechen wir schließlich wieder in Richtung Heimat auf. Hassan, der übrigens zuvor auch das Argument der Helligkeit hervorgebracht hatte, obwohl es jetzt bei Weitem noch hell genug ist und selbst bei unserer Rückkehr nach Masindi noch sein wird, ist darüber sichtlich erfreut. Der UWA-Horst bekommt qua Preisliste noch je zehn Dollar für die Benutzung des Pfades und ich glaube zu sehen, dass er sich über das fehlende Trinkgeld wundert, doch endgültig stört es ihn, dass wir auch noch eine Quittung dafür wollen. Tja, wenn wir schon zahlen sollen, dann soll die Kohle doch auch bitteschön dem Park und nicht irgendwelchen Leuten zu gute kommen.
Bei unserer Einfahrt in Masindi steht ein Pulk Menschen auf einer Seite der Hauptstraße, in ihrer Mitte ein sitzender Mann, der sich die Beine festhält – und daneben ein Bettlaken, das jemanden für seine letzte Ruhe abdeckt. »You see?«, sagt Hassan, »Accident, one dead. Normal in Uganda.« Ein Unfallwagen ist nicht zu sehen, ein Krankenwagen erst recht nicht, auf der Straße machen sie einen kleinen Bogen um die Menschen, fahren aber alle weiter. Wie lange ist das jetzt schon her? Vielleicht hat sich der Unfallfahrer gleich aus dem Staub gemacht?
Wir erfahren es nicht. Denn auch wir fahren weiter.