Montag, 31. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Mbale, Lira
Unser heutiges Ziel ist eigentlich die Stadt Masindi im Westen Ugandas, die uns als Basis für einen Ausflug in den Murchison Nationalpark dienen soll. Da wir aber morgens noch in Mbale, also im tiefsten Osten, nur 35 Kilometer von Kenia entfernt, aufwachen, wundert uns das Verfehlen dieses hehren Zieles überhaupt nicht. Nach einer anstrengenden, sechsstündigen Fahrt steigen wir in der Stadt Lira, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Zentraluganda, um halb fünf aus dem Bus. Tatsächlich sollten wir zufrieden sein, denn angesichts der 217 zurückgelegten Kilometer hat sich unsere mittlere Geschwindigkeit auf Überlandfahrten damit von 23 auf 36 Kilometer pro Stunde erhöht.
Carl findet außerdem inzwischen einigen Gefallen daran, die Busfahrten zur Einkaufstour umzudeuten. Das ist auch nicht weiter schwer, wird doch sofort alles nur Erdenkliche durch Fenster und Türen angeboten, sobald sich der Bus irgendwo mehr als zehn Sekunden nicht bewegt. Von überall her scheinen die vielen Verkäufer mit Bananen, Tomaten, Keksen, Nüssen, Zuckerrohr, Lollies, Ananas und Jackfrucht auf den Schultern oder dem Kopf herbeizueilen. Hühner gibt es sogar in dreierlei Zuständen: Gebraten in der Waschschüssel, lebend im praktischen Mehrfachpack an den Füßen zusammengebunden und kopfüber getragen sowie ungeboren als Eier. Im Matatu nimmt das Angebot aufgrund der Nähe und gleichen Augenhöhe mit den Verkäufern bisweilen bizarre Ausmaße an, im viel höher gelegenen Bus muss man mit den Hühnern hingegen nicht auf Tuchfühlung gehen.
Carls Verdienst ist es auch, dass wir inzwischen immer Wasser da haben. Wenn es – wie komischerweise recht oft der Fall – nicht angeboten wird, ruft er einfach den nächstbesten Jungen zum Bus herüber und »bestellt« eine Flasche Wasser. Im Zweifelsfall reicht es auch einfach, »Water!« aus dem Fenster zu rufen und sofort eilt irgendjemand los, um nach etwa einer Minute mit einer von sonstwo herbeigeschafften Wasserflasche zurückzukommen. Service, der Spaß macht.
Die Unterkunftssuche gestaltet sich in Lira ungewohnt schwierig. Mehrere Leute empfehlen uns das »White House«, welches so weiß gar nicht mehr ist, doch die Rezeptionistin verlangt von uns beiden jeweils einen nicht gerade niedrigen, zweistelligen Dollarbetrag, der sich nicht nur extrem unangenehm auf unsere Reisekasse auswirken würde, sondern unserem Empfinden nach für die gebotene Leistung schlichtweg zu hoch ist. Zwischendrin landen wir zum Fragen auch in einem Fotostudio, dessen überdimensionale Alpenpanoramatapete für kurze Zeit ein heimeliges Gefühl aufkommen lässt. Unsere Suche endet schließlich dort, wo wir angefangen haben: nur zweihundert Meter vom Busbahnhof entfernt im »Lira Garden«-Gästehaus. Der Garten ist hier zwar wirklich Programm und wird von den anderen Gästen zum Beisammensitzen genutzt, doch unserem mit 18.000 Schilling nur mittelmäßig billigen Zimmer fehlt es unter anderem an Licht und fließendem Wasser, was vor allem in Bezug auf die immer voller werdende Kloschüssel unschön ist. Immerhin stehen zwei Betten drin – womit die Inventarliste jedoch auch schon vollständig wäre. Jetzt verstehen wir den Blick des Angestellten, als er einsah, dass er uns dieses ihm letztverbliebene Zimmer anbieten müsse.
Zum Abendessen hätten wir auch nicht bleiben sollen, denn mit Sicherheit hat das im »Garden« auch schon mal besser geschmeckt. Ich gehe sogar so weit, dass ich den Typen, welcher uns das Zeug gebracht hat, regelrecht zwinge, ein paar unserer rohen Kartoffelstreifen, pardon: Pommes Frites, zu probieren. Selbstverständlich stehe ich dafür auf und labere viel gestikulierend auf ihn ein. Artig probiert der Bursche eines der unessbaren Teile, erklärt es unbeirrt für gut und verduftet in dem Moment, als ich ihm durch mein Wiederhinsetzen signalisiere, dass er wegtreten kann. Carl meint, ich sei zu hart gewesen – und wahrscheinlich hat er damit auch recht.
Zum Ausgleich gönnen wir uns als Nachspeise zwei Eisbecher auf der Veranda eines indischen Restaurants, welche ihr Geld immerhin wert sind. Die ganze Straße hier scheint den Indern zu gehören und so gehen wir gegenüber dem Restaurant noch in einen indischen Supermarkt – klar, von wem sollte der Supermarkt denn sonst auch geleitet sein? – um lediglich Wasser zu kaufen. Doch ein anderes Objekt zieht meine Aufmerksamkeit an: das Zain-T-Shirt des Verkäufers!
In Mbale haben wir uns im Orange-Shop zwei coole Orange-Shirts ausgeben lassen, wofür Carl extra 20.000 Schilling an Gesprächsguthaben kaufen musste. Die schwarzen T-Shirts mit dem orangenen Firmenslogan »hello« vorne drauf haben uns schon vom ersten Tag an in Kenia an fasziniert. Zuhauf haben wir Kenianer mit diesem Werbeshirt gesehen, man kam ihnen eigentlich gar nicht aus, wenn man mehr als ein paar hundert Meter über Nairobis oder Kisumus Straßen gelaufen ist. Während die große Werbekampagne in Kenia jedoch bereits abgeschlossen ist, steht sie in Uganda noch bevor, und so verwundert es nicht, dass uns hier erst sehr wenige in schwarz-orange über den Weg gelaufen sind. In den nächsten Tagen werden wir mal ausprobieren, im Orange-hello-Partner-Look herumzulaufen.
Da Mobilfunk hier ja zur Kultur gehört, haben wir uns zum Ziel gesetzt, von allen Mobilfunkprovidern zwei T-Shirts als Souvenirs zu ergattern. Obwohl wir also schon aus dem Supermarkt wieder heraus sind, drehe ich noch mal um und frage den Verkäufer, wo man denn so ein pinkes Zain-Shirt herbekomme. Das könne man im Moment nicht kriegen, meint er, die Aktion sei vorbei, doch als er meinen traurigen Blick kreuzt, fährt er fort: »But I have another one!«, greift einfach unter die Ladentheke und knallt mir sein einziges weiteres Exemplar auf den Tisch. Gratis! Für Carl hat’s leider nicht gereicht, doch ich gehe strahlend und mehrmals dankend aus dem Supermarkt heraus. Noch ahne ich nicht, dass man mich selbst Wochen später in Kairo wegen der T-Shirts ansprechen wird.