Wir hängen von morgens bis abends zu Hause bei Robinah, Monica und deren Schwester ab.
Die drei, oder nur zwei von ihnen, denn Monica haust eigentlich woanders, wohnen etwa 8 Fußminuten vom Stadtzentrum entfernt. Bis wir jedoch zusammen mit Monica den einen Kilometer dorthin zurückgelegt haben, vergehen an die 20 Minuten. Wir kennen kein Volk, das so langsam geht wie die Ostafrikaner. Wie man es überhaupt schafft, so langsam unterwegs zu sein, gemächlich einen Fuß vor den anderen zu setzen und dabei die Schrittweite ja nicht zu groß werden zu lassen, ohne umzufallen, ist uns schleierhaft. Und selbst wenn die Physik mitspielt, ist es im Extremfall einfach nur stinklangweilig, quasi die ganze Zeit auf der Stelle zu treten! Selbst nach mehreren Wochen hier unten und obwohl wir – vor allem ich – unsere Geschwindigkeit schon deutlich anpassen mussten, empfinde ich es in den meisten Situationen immer noch extrem anstrengend, in afrikanischem Schneckentempo dahinzuwatscheln.
Nicht erst beim Eintreten in den Garten des Hauses merkt man, dass dieses Viertel zu Kolonialzeiten erbaut wurde und als wohlhabend durchgehen könnte, wenn die Behausungen in einem weniger verfallenen Zustand wären. Auf je einem viertel Hektar saftig grüner Gartenfläche steht ein Gebäude mit gut 150 Quadratmetern Grundfläche, das zu seinen besseren Zeiten wohl als anständige Villa für gut verdienende Beamte fungierte. Umso mehr überrascht es, dass die Besitzerfamilie, die nun darin wohnt, angeblich bitterarm ist und sich nichts leisten kann. Von den vielleicht zehn Bewohnern bekommen wir hin und wieder eines der Kinder zu sehen, die herauskommen, um nach ihrem Vater zu schauen, der im Garten aus zwei kaputten Stihl-Motorsensen eine funktionierende zu bauen versucht.
Unsere Gastgeber gehören nicht zu diesen Bewohnern, sondern leben zur Miete in der angeschlossenen Garage mit zweieinhalb mal vier Metern Grundfläche. Mit der Couch, zwei Matratzen, einem kleinen Tisch sowie der angeschlossenen Kochnische ist es sogar heimeliger, als es von draußen aussehen mag.
Fast den ganzen Tag läuft der Fernseher, und wenn nicht gerade irgendeiner der billigen Musiksender läuft, dann flimmert eine billige Soap aus den Vereinigten Staaten auf der Mattscheibe. Angesichts dessen, dass ich selbst so gut wie nie fernsehe, mag meine Meinung zum hiesigen Fernsehkonsum etwas unilateral sein, aber größtenteils sehe ich auch hier, nicht anders als in anderen Ländern, nur Schrott im Programm. Mit jedem Tag wird uns außerdem mehr bewusst, wie unwirklich das Medium Fernsehen für die Bevölkerung sein muss. Das merken wir zum Beispiel an dem kleinen Aha-Effekt, den der plötzliche Anblick der Weißen auf dem Schirm auf uns hat. Während es einem europäischen Zuschauer daheim wahrscheinlich zunächst gar nicht groß auffällt beziehungsweise sowieso egal ist, ob die Soap und der Spielfilm nun in München, Mailand oder Miami spielen, ist das, was hier in diesem kleinen Kasten gezeigt wird, eine vollkommen andere Welt, die nur sehr wenig mit dem Hier und Jetzt gemein hat. Was für Monica in Mbale »Sex and the City«, das ist für Bill aus Boston wohl die Mondlandung: fremd, weit weg und isoliert.
Kurz vor der Dämmerung führt uns Robinah noch zum »C.U.R.E. Children’s Hospital in Uganda«, in dem sie einen recht anständig entlohnten Verwaltungsjob hat. Eigentlich sind wir hier, um unseren USB-Stick mit der Musik ihres Arbeitscomputers zu füllen. So ganz klappen tut’s zwar nicht, da auf der Hälfte der Übertragung der Strom ausfällt, doch es ist auch interessant, mal ein Krankenhaus zu besuchen. Mit nicht einmal zehn Jahren Alter, peinlichst genau gepflegtem Rasen, Blumenbeeten am Wegrand und einer mutmaßlich guten Ausstattung taugt dieses auf Neurochirurgie spezialisierte Kinderspital, in dem vor allem Wasserkopf und Epilepsien behandelt werden, jedoch nicht unbedingt als repräsentatives Beispiel. Es sei die einzige neurochirurgische Institution Afrikas südlich der Sahara und selbst aus anderen Kontinenten kämen Patienten zur Behandlung, lesen wir später über die endlich doch zum Laufen gebrachte Internetverbindung von Zain.