Tastatur kaputt
Aus unerfindlichen Gründen wird mir in wenigen Tagen, wenn ich mit dem Schreiben am heutigen Datum angelagt bin, die Tastatur kaputt gehen. Das bedeutet leider auch, dass es nun für viele der folgenden Tage keine anständigen Berichte mehr geben wird. So sehr es mir auch leid tut, kann, oder besser gesagt: muss, ich dem täglichen Berichtsstress den Laufpass geben und darf mich auf mehr »Freizeit« freuen.
Man kann ja auch noch woanders tippen...
Gegenüber dem Traveller’s Inn frühstücken wir in einem kleinen Laden, nur wenige Meter von unserem gestrigen Abendessensrestaurant entfernt. Um ehrlich zu sein, handelt es sich hierbei gleichzeitig auch um unser Mittagessen. Der kleine Raum mit vier größeren, quadratischen Tischen ist recht voll und so setzen wir uns zu einem älteren Herrn, der nicht nur, wie alle anderen, erstaunt ist, zwei Wazungu in seinem Stammlokal vor sich stehen zu haben, sondern sich auch sichtlich darüber freut, dass wir ihn offenbar für einen würdigen Tischnachbarn halten. An der Wand gegenüber prangt die übliche handgeschriebene – meist auf einer Tafel oder anderweitig abwischbar – Speisekarte, die wir jedoch nicht lange studieren müssen: der höchste Betrag entspricht 50 Eurocent. Die vielen Chapatis, die wir im Folgenden bestellen, kosten natürlich nur einen Bruchteil und werden von uns weiterhin mit kräftig Zucker angereichert.
Angesichts solch offensichtlicher Unkenntnis der Genusskultur der fast nach nichts schmeckenden Chapatis runzelt unser Tischnachbar die Stirn und nutzt die Gelegenheit, um eine kleine Unterhaltung zu beginnen. Da sein Englisch jedoch nicht ausreicht, um thematisch über unsere Herkunft hinaus zu kommen, beglückt er damit wohl mehr die umsitzenden Personen als sich selbst. Es ist die typische Situation hier unten: Alle haben Spaß daran und lachen mit – oder aus, doch zu Hilfe kommen steht offenbar nicht auf dem Programm.
Fast nahtlos setzen wir unsere gestrige Beschäftigung fort und eilen von einem Mobilfunkladen zum nächsten. Zain-Flagship-Store am Clock-Tower, der Internetexperte ist nicht da. Orange-Shop eine Straße weiter, trotz permanentem Rechnerneustart infolge ständiger Stromausfälle zwei Nächte in der Pension Roma in Kairo reserviert. Zurück im Zain-Shop, der Experte ist entgegen aller Beteuerungen immer noch nicht aufgetaucht. Es kommt mir gerade so vor, als würde sich dieser Urlaub in den letzten Tagen mehr um APN, Volumenkosten, UMTS, Geschwindigkeiten, mobile Browser und Roaminggebühren drehen als um Land, Leute und Kultur. Doch gerade bei letzterer sind Zweifel angebracht, ob ich mit dieser Aussage nicht falsch liege. Denn wenn es etwas gibt, das den Eindruck von Uganda vom ersten Moment an prägt und in jedem Ort und jeder Straße stets unübersehbar den Einwohner wie auch den Touri begleitet, dann sind es die hiesigen Mobilfunkprovider.
Uganda Telecom, MTN, Zain, Orange und Warid – um sie nochmal vollständig aufzulisten – haben alle ihre eigenen Farben: Blau, Gelb, Pink, Schwarz-Orange sowie Rot-Weiß mit Karomusterübergang. Das wäre ja soweit wenig erwähnenswert, wenn nicht so gut wie jedes Gebäude in Uganda in einer dieser fünf Farbgebungen daherkommen würde. Ganz extrem war es bisher in der Hauptstraße von Busia, die zur kenianischen Grenze führt, sowie hier in Mbale. Nicht nur, dass, wie schon erwähnt, jeder Laden, egal ob er Gemüse oder Waschmaschinen verkauft, ein entsprechendes Schild an der Straße angebracht hat, weil es bei ihm Guthaben zu erwerben gibt. Nein, die Mobilfunkprovider streichen sogar die komplette zur Straße gerichetete Fassade in ihrer Farbe und platzieren darauf, auch wenn es dies eigentlich gar nicht mehr bräuchte, ihre Logos in regelmäßigem Abstand und den verschiedensten Größen.
Anscheinend treten die Firmen an die Gebäudebesitzer heran und bieten ihnen einen gewissen, wohl aber nicht allzu hohen, Betrag für das Bereitstellen ihrer Fläche an. Zusätzlich zum vermutlichen Obulus ist es für die Besitzer jedoch gleich ein dreifaches Geschäft, denn durch den Anstrich sind Teile des Gebäudes wieder weit besser gegen die Witterung geschützt und ihr in vielen Fällen ehemals vollkommen heruntergekommenes Gebäude wird dadurch wieder ansehnlich. Wobei man sich natürlich streiten kann, ob es als ansehnlich zu bezeichnen ist, wenn sich das Hinunterblicken entlang einer beliebigen Straße auf Pink-Gelb-Pink-Blau-Gelb-Pink-Pink reduziert.
Da es sich bei den Gebäuden meist um kleinere handelt, deren Fassade vielleicht ein bis anderthalb Stockwerke hoch und oft nicht mehr als zehn Meter breit ist, ist eine bunte Mischung stets garantiert. Umso mehr stechen die wenigen Ausnahmefälle heraus, in denen sich auch wirklich große Gebäudekomplexe, für lokale Verhältnisse zumindest, in einer Mobilfunkbemalung präsentieren. Prominentes Beispiel hierfür ist die »Budget Lodge« am oberen Ende einer Hauptstraße gleich neben unserem Gästehaus: Mit ihrem MTN-Gelb und ihrer über dem umliegenden Stadtteil thronenden Lage ist sie auch aus einigen Blöcken Entfernung noch unverkennbar. Aber damit nicht genug. Der gestrige Open-Air-Abend fand unter Zain-Beflaggung statt und Zain ist auch die Firma, die gestern schon den ganzen Tag lautstark einen Party-LKW durch die Stadt geschickt hat, der mit seinem tanzenden Völkchen eher an einen Karren aus dem Faschingsumzug zu Hause erinnert als an eine Mobilfunkwerbung. Und da soll noch jemand behaupten, Warid, MTN & Co. gehörten nicht zur Landeskultur.
Unser heutiger Besuch im »Rendezvous« ist einer von der langen Sorte. Schon gestern waren wir hier in dieser clubartigen Bar, haben drinnen auf den Sofas ein Bier getrunken, sitzen heute aber draußen auf der Veranda, beobachten das Treiben auf der Straße und schlürfen, wie inzwischen für uns üblich, an einer Cola mit Strohhalm. Die junge Bedienung setzt sich ab und zu bei – das ist übrigens Calle-Slang – und interessiert sich zu meiner größten Verwunderung ausgiebig für unsere Landkarte. Bisher mussten wir diese ja eher verstecken, um nicht zehn Minuten lang von irgendwelchen Vollpfosten aufgehalten zu werden, die zunächst die Hälfte der Zeit brauchen, um die Karte richtig herum zu halten. Das Mädel hier studiert hingegen ganz aufgeweckt die verschiedenen Regionen und unterbricht ihr Schweigen nur, um sinnvolle Anmerkungen zu machen.
Ein bisschen mehr schweigen und sich um ihre eigenen Dinge kümmern könnte sich auch die junge – oder auf jung machende – Dame, die mit zwei Männern am Tisch gegenüber sitzt. Schon beim Anblick ihres Auftretens wird klar, dass sie sich für etwas Besseres halten muss, und es dauert nicht lange, bis sie dies durch ihr Handeln unterstreicht. Sie ruft zwei Jungen nach, die gerade auf dem Bürgersteig vorbeigegangen sind, zwei etwa Zehnjährige, die beide ein paar Mappen oder Hefte unter dem Arm tragen: »Hallo, ihr Lieben, wie geht’s euch?« Die Jungen drehen sich um, stehen vor ihr, nur vom kleinen Zaun der Veranda getrennt, mustern ihre eher großstädtische Kleidung von oben bis unten und schauen sie dann verdutzt an. In ihrem recht guten Englisch, das man hier eher selten hört, fährt sie fort: »Geht ihr zur Schule?« – die Kleinen bejahen – »Oh, das macht ihr gut. Schule ist wichtig. Hier ist ein bisschen Geld für euch.« Mit ausgestreckter Hand hält sie den zweien nun in gönnerischer und zugleich mütterlicher Pose mehrere Münzen hin.
Den beiden Jungen stehen die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, sie schauen sich an und müssen wohl denken, dass sie im falschen Film gelandet sind. Jedoch nicht etwa wegen des generösen Angebots, sondern aufgrund dieser Frau. Mit einem mehr gezwungenen als freundlichen Dank lehnen die beiden das Geld ab und setzen ohne weitere Worte ihren Weg fort, während die Frau den zweien noch eine halbe Minute nachblickt und dabei aussieht, als würde sie gerade ihren eigenen Kindern zum letzten Mal nachschauen. Dass den Kindern gezeigt wird, wie wichtig der Besuch der Schule ist, mögen wir ja sogar unterstützen, aber dass diese mutmaßliche Kampalerin hier in diesem Städchen auftaucht und sich verhält, als sei sie der Heilsbringer von Gottes Gnaden, ist schon ’ne ziemlich starke Nummer. Selbst die Bedienung muss damit erstmal klar kommen.
Wir machen uns indes auf den Weg, die Außenbezirke der Stadt besser zu erkunden. Der Slum, den wir sehen, so man ihn überhaupt so nennen kann, hat hier nichts mit Kibera gemein, sondern besteht aus Reihenhäusern mit Steinmauern. Fenster fehlen zwar meist, aber diese Häuserreihen, die aussehen, als würden sie mal Teil einer besseren Arbeitersiedlung gewesen sein, bieten sogar reichlich Grünfläche drum herum. Auf der Straße davor werden wir mal wieder fast zusammengefahren, obwohl massig Platz zum Ausweichen wäre, sodass ich Carl schließlich recht geben muss, dass die Leute hier einfach absolut schlecht fahren. Meiner Meinung nach jedoch nicht etwa, weil sie es technisch nicht können, sondern weil es einfach ihrer Mentalität absolut fern liegt, rücksichtsvoll zu fahren. Auf den ersten Blick sieht es aus wie bei den Arabern oder den Persern. Auf den zweiten ist es jedoch grundlegend anders: In Tehran oder Kairo zwängeln sich Blechlawinen in meist geordnetem und schlauem Chaos durch die Straßen, hier reicht ein Zehntel der Automenge, um durch extrem dumme Fahrweise eine höhere Gefährdung zu kreieren.
Zum Abendessen finden wir uns im »Dutch Pub« ein, kommen jedoch nicht etwa mit einem Holländer ins Gespräch, sondern mit zwei Mädels. Ihr gemeinsamer Stiefvater, der Holländer und Pubbesitzer, ist nämlich gerade gar nicht da. Während im Hintergrund tolle Musik der Südafrikanerin Chaka-Chaka läuft, reden wir fünf Stunden lang mit Robinah und Monica über alles Mögliche und freuen uns, nach vielen Tagen endlich mal wieder eine anständige und ausgereifte Unterhaltung führen zu können. Die zwei haben nicht nur viel Ahnung von lokalen Gegebenheiten, sondern weisen auch einen beachtlich weiten Horizont und Weltblick auf, der eine sinnvolle Konversation über einen Großteil der Themen ja überhaupt erst ermöglicht. Für morgen laden sie uns zu sich nach Hause ein.
Uganda scheint uns jedenfalls mit jedem Tag mehr zu gefallen. Kein Vergleich zu Kenia, wo es gerade auf der menschlichen Ebene viel schwieriger war und der gefühlte Anteil an Besoffenen und Bekifften mindestens doppelt so hoch lag wie hier. Obwohl Uganda unseres Wissens nach viel ärmer ist als Kenia und die entsprechenden Ranglisten wie HDI und Konsorten dies entsprechend widerspiegeln dürften, scheint das Leben hier ein angenehmeres zu sein. Allein schon die Tatsache, dass hier nicht allerorten Wellblech zu sehen ist, sondern mit Stein, Lehm und ähnlichem gebaut wird, macht Uganda aus unserer Sicht einen ganz Schritt lebenswerter.
Wir hängen von morgens bis abends zu Hause bei Robinah, Monica und deren Schwester ab.
Die drei, oder nur zwei von ihnen, denn Monica haust eigentlich woanders, wohnen etwa 8 Fußminuten vom Stadtzentrum entfernt. Bis wir jedoch zusammen mit Monica den einen Kilometer dorthin zurückgelegt haben, vergehen an die 20 Minuten. Wir kennen kein Volk, das so langsam geht wie die Ostafrikaner. Wie man es überhaupt schafft, so langsam unterwegs zu sein, gemächlich einen Fuß vor den anderen zu setzen und dabei die Schrittweite ja nicht zu groß werden zu lassen, ohne umzufallen, ist uns schleierhaft. Und selbst wenn die Physik mitspielt, ist es im Extremfall einfach nur stinklangweilig, quasi die ganze Zeit auf der Stelle zu treten! Selbst nach mehreren Wochen hier unten und obwohl wir – vor allem ich – unsere Geschwindigkeit schon deutlich anpassen mussten, empfinde ich es in den meisten Situationen immer noch extrem anstrengend, in afrikanischem Schneckentempo dahinzuwatscheln.
Nicht erst beim Eintreten in den Garten des Hauses merkt man, dass dieses Viertel zu Kolonialzeiten erbaut wurde und als wohlhabend durchgehen könnte, wenn die Behausungen in einem weniger verfallenen Zustand wären. Auf je einem viertel Hektar saftig grüner Gartenfläche steht ein Gebäude mit gut 150 Quadratmetern Grundfläche, das zu seinen besseren Zeiten wohl als anständige Villa für gut verdienende Beamte fungierte. Umso mehr überrascht es, dass die Besitzerfamilie, die nun darin wohnt, angeblich bitterarm ist und sich nichts leisten kann. Von den vielleicht zehn Bewohnern bekommen wir hin und wieder eines der Kinder zu sehen, die herauskommen, um nach ihrem Vater zu schauen, der im Garten aus zwei kaputten Stihl-Motorsensen eine funktionierende zu bauen versucht.
Unsere Gastgeber gehören nicht zu diesen Bewohnern, sondern leben zur Miete in der angeschlossenen Garage mit zweieinhalb mal vier Metern Grundfläche. Mit der Couch, zwei Matratzen, einem kleinen Tisch sowie der angeschlossenen Kochnische ist es sogar heimeliger, als es von draußen aussehen mag.
Fast den ganzen Tag läuft der Fernseher, und wenn nicht gerade irgendeiner der billigen Musiksender läuft, dann flimmert eine billige Soap aus den Vereinigten Staaten auf der Mattscheibe. Angesichts dessen, dass ich selbst so gut wie nie fernsehe, mag meine Meinung zum hiesigen Fernsehkonsum etwas unilateral sein, aber größtenteils sehe ich auch hier, nicht anders als in anderen Ländern, nur Schrott im Programm. Mit jedem Tag wird uns außerdem mehr bewusst, wie unwirklich das Medium Fernsehen für die Bevölkerung sein muss. Das merken wir zum Beispiel an dem kleinen Aha-Effekt, den der plötzliche Anblick der Weißen auf dem Schirm auf uns hat. Während es einem europäischen Zuschauer daheim wahrscheinlich zunächst gar nicht groß auffällt beziehungsweise sowieso egal ist, ob die Soap und der Spielfilm nun in München, Mailand oder Miami spielen, ist das, was hier in diesem kleinen Kasten gezeigt wird, eine vollkommen andere Welt, die nur sehr wenig mit dem Hier und Jetzt gemein hat. Was für Monica in Mbale »Sex and the City«, das ist für Bill aus Boston wohl die Mondlandung: fremd, weit weg und isoliert.
Kurz vor der Dämmerung führt uns Robinah noch zum »C.U.R.E. Children’s Hospital in Uganda«, in dem sie einen recht anständig entlohnten Verwaltungsjob hat. Eigentlich sind wir hier, um unseren USB-Stick mit der Musik ihres Arbeitscomputers zu füllen. So ganz klappen tut’s zwar nicht, da auf der Hälfte der Übertragung der Strom ausfällt, doch es ist auch interessant, mal ein Krankenhaus zu besuchen. Mit nicht einmal zehn Jahren Alter, peinlichst genau gepflegtem Rasen, Blumenbeeten am Wegrand und einer mutmaßlich guten Ausstattung taugt dieses auf Neurochirurgie spezialisierte Kinderspital, in dem vor allem Wasserkopf und Epilepsien behandelt werden, jedoch nicht unbedingt als repräsentatives Beispiel. Es sei die einzige neurochirurgische Institution Afrikas südlich der Sahara und selbst aus anderen Kontinenten kämen Patienten zur Behandlung, lesen wir später über die endlich doch zum Laufen gebrachte Internetverbindung von Zain.