Freitag, 28. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Tororo, Mbale
Schon wieder weckt uns irgendwer. Um neun klopft es an der Tür, erst einmal, dann nochmal. Und schließlich noch ein drittes Mal. Ich meine, wenn wir nicht aufmachen, wird das wohl heißen, dass wir nicht aufmachen wollen, oder? Aber nein, einfach schön weiterklopfen, nachdenken ist nicht drin. Als ich schließlich klein bei gebe und entnervt aufmache, starrt mich der angestellte Junge etwas ungläubig an und fragt, ob wir frühstücken wollten. Und wegen sowas weckt der uns?!? Nein danke, wir wollen pennen! Tür zu.
Auch heute vermasseln wir es also wieder. Anstatt am Morgen etwas Gescheites anzustellen, kommen wir erst um elf in die Gänge und starten den Tag in der größten Mittagshitze. Und zwar mit der Besteigung des Tororo Rocks! Eigentlich wollten wir mit der Seilbahn auf den markanten Felsen gelangen, der mit seinen 270 Metern Höhendifferenz über der Stadt thront. Im Gipsy steht nämlich, dass man diese mit entsprechend Bakschisch an die Angestellten trotzdem benutzen dürfe, obwohl sie eigentlich nur für Personal und Waren gedacht sei. Doch die Seilbahn ist seit einigen Jahren kaputt und die gut 25.000 Euro für die Reparatur können nicht aufgebracht werden. Wieder einmal höchst typisch: Die Seilbahn zu bauen, ist kein Problem, dass man sie aber auch unterhalten, pflegen und reparieren muss, daran hat vorher wohl keiner gedacht. Das ist ungefähr so, wie wenn man ein Auto kauft und davon ausgeht, dass für den Rest des Lebens keine Kosten mehr anfallen werden.
So müssen wir den Felsen also zu Fuß besteigen und schwitzen dabei wie selten zuvor in diesem Urlaub. Wenn wir wenigstens Wasser dabei hätten. Auf dem Gipfel kann man sich Gott sei Dank wunderbar im Schatten von Bäumen ausruhen und die in Miniatur erscheinende Stadt und ihr Treiben beobachten. Hier oben wohnen auch zwei Wachleute, die für die Sicherheit und den Betrieb der vielen zum dort befindlichen Funkturm gehörenden Apparaturen zuständig sind. Außerdem sind sie dafür da, hochlatschende Touristen um Geld zu bitten, doch von uns kriegen sie keinen Cent. Stattdessen fragen wir, was denn ihre für uns erbrachte Leistung gewesen sei, denn da müssten wir wohl etwas übersehen haben. Da es darauf nur den üblichen Nonsense von wegen »Just for one Soda!« zu hören gibt, beenden wir den halbstündigen Gipfelbesuch mit: »We are here for visiting Uganda, not for charity!«
Nach einem Mittagessen für zwei Euro fahren wir im Matatu nach Mbale, der weiter nördlich, mehr oder weniger am Fuße des Berges Elgon liegenden Stadt. Doch was die Ugandis hier beim Matatufahren veranstalten, ist uns wirklich schleierhaft. Während in Kenia manchmal der Matatutyp vorgibt, wo man sitzen soll, es sonst aber einigermaßen egal ist, scheinen hier die Fahrgäste selber einige Ansprüche zu haben. In der halben Stunde, die wir warten, setzt sich bis auf uns ungefähr jeder Fahrgast ein- bis zweimal um. Da kommt irgendwer und meint, er müsse am Fenster sitzen, dann kommen zwei Frauen an, die meinen, sie müssten zusammen sitzen, dann wiederum beschwert sich irgendwer, dass der Vordermann die Lehne nicht umklappen soll. Der reinste Zirkus.
Dafür gibt es aber keine Musik, und da auch sonst überhaupt niemand zu reden scheint, ist es mucksmäuschenstill. Zumindest sofern man vom Fahrgeräusch und dem ständigen Hupen absieht. Kein Reggae oder Radio wie in Kenia, keine lauten Diskussionen – stattdessen komme ich mir eher vor wie in einem Fahrzeug des deutschen ÖPNV. Wenn es denn nicht so eng wäre. Immerhin sind unsere Sitzplätze ausnahmsweise sogar halb gemütlich, sodass wir während der Fahrt eine gute Stunde schlafen und dösen können und kurz nach einem Regenschauer in Mbale ankommen.
Wir mieten uns im Traveller’s Inn ein. Im LP stehen zwar auch billigere Unterkünfte, aber als wir diesen Raum sehen, verschlägt es uns die Sprache: Ein etwa 25 Quadratmeter großes Zimmer, in dem zwei Tische stehen, drei Stühle, die Betten einladend gemacht sind, nicht zu vergessen zwei Ventilatoren, ein Fernseher und ein wirklich anständiges Bad. Kommt man sich oft eher vor wie in einem Kerker, so wird das Zimmer hier durch die zwei großen Fenster regelrecht lichtdurchflutet. Wir bleiben hier, für 30.000 die Nacht.
Unser erster Eindruck von Mbale ist durchaus positiv. Das Städtchen fühlt sich an, als würde alles gemütlich seinen Lauf gehen. Zwischen die Schwarzen mischen sich viele arabische und indische Gesichter, sodass ich aus dem Augenwinkel manchmal fälschlicherweise meine, einen richtigen Mzungu zu sehen. Eine ganze Reihe von Moscheen zeugt von der arabischen Präsenz, die auch darin zum Ausdruck kommt, dass sich hier der Hauptcampus der Islamischen Universität in Uganda befindet.
Positiv ist auch unsere Erfahrung mit einer uns neuen Frucht namens »Jack«. Als wir am Straßenrand die bis zu einem halben Meter langen und mit gut zwei Dutzend Zentimetern Durchmesser der Form einer Fliegerbombe ähnelnden Objekte entdecken, sind wir zunächst ratlos. Mein erster Gedanke dreht sich eher um das vermutlich sehr hohe Gewicht eines solchen Exemplars, denn die grün-gelbliche und mit groben Noppen übersähte Schale erinnert eigentlich gar nicht an etwas Essbares. Doch das Innenleben, welches der Verkäufer herausschneidet und in kleine Tüten abpackt, entpuppt sich als geradezu deliziös. Das gelbe, faserige Fruchtfleisch ist zuckersüß und liegt vom Geschmack her irgendwo zwischen Banane und Mango. Wir kaufen sofort eine Tüte und da wir hier in Afrika sind, stört es uns auch nicht, dass wir beim Laufen alle paar Meter die recht großen Kerne vor uns auf den Gehweg – und vor der anderen Leute Füße – ausspucken müssen. Schließlich macht das hier jeder so. Dass die Hände extrem pappig werden und wir eigentlich nichts mehr anfassen können, ohne dass es sofort verklebt, ist hingegen eine andere Geschichte.
Schnell kennen wir fast alle Straßen des Stadtzentrums und so verlegen wir uns auf eine unserer neuen Lieblingsaktivitäten: SIM-Karten kaufen. Das mobile Internet mit MTN bekommen wir einfach nicht ans Laufen und außerdem ist es teuer. Wir kaufen eine Karte von Orange, mit der Carl für nur 15 Eurocent pro Minute in deutsche Fest- und Mobilfunknetze telefonieren kann – was zum Teil billiger ist, als von einem deutschen Anschluss anzurufen. Verrückt! Der Orange-Shop ist nicht minder auffällig als der Preis: Genau so, wie er hier steht, abgeschleckt sauber, übersichtlich eingerichtet, die Möbel relativ gut verarbeitet, drei Rechner mit Flachbildschirmen und Internet zur freien Kundenverwendung, genau so könnte er auch in Europa stehen. Schade nur, dass Orange hier erst in ein paar Monaten einen mobilen Internetzugang anbieten wird.
Ein paar Meter weiter kaufen wir deshalb auch eine Karte von Zain, dem früheren CelTel. Etwa 44 Eurocent pro Megabyte soll hier die Internetnutzung kosten und der Techniker, der uns die Funktionsweise erklärt, ist auch der bisher kompetenteste in Sachen Datenübertragung. Das lässt sich eigentlich gut an, doch als wir uns später verbinden wollen, geht natürlich gar nichts. Die dumme Zain-Webseite, auf der man den Tarifplan auswählen soll, ist einfach zu mies programmiert. Drei ugandische Mobilfunkanschlüsse nennen wir so schon am Tag zwei unser eigen, doch zwei davon sind vorerst leider sinnlos. Da muss morgen Abhilfe geschafft werden.
Abends gehen wir noch in den Sports Club – eine Art Clubhaus mit Garten und Pool am Rande der Stadt – zum Zain-Open-Air-Konzert names »Dance with the Stars«, wo viele mehr oder weniger lokale Künstler auftreten. Die Stimmung hebt und senkt sich je nach der Gruppe, die gerade auf der Bühne steht. Höchstinteressant, wie die Schwarzen feiern. Vieles, was ich sonst eher als Klischee bezeichnen würde, trifft hier voll und ganz zu. Der für meine Begriffe total überdrehte Moderator, den Carl jedoch supercool findet und ihm auf dem Klo sogar die Hand schüttelt, benimmt sich wie aus einem schwarzen Amifilm entsprungen, macht dauernd komische Laute und meint in meinen Augen, er sei der Coolste. Die Künstler checken ständig mit den vor der Bühne stehenden Leuten ein, wenden sich außerdem auch immer direkt an den DJ, wenn sie mit »Let’s go, DJ!« ihr Playback starten lassen. Ich muss sagen, dass manches, was ich bisher eher als Produkt amerikanischer Hollywoodköpfe betrachtet habe, in der Realität wirklich zuzutreffen scheint. Mehr Coolness geht gar nicht. Besser gefallen tut es mir deswegen aber nicht unbedingt. Und es stellt sich letztendlich auch die Frage, inwieweit diese Leute hier, ihre Kultur, in dieser Hinsicht nicht selbst von genau jenen Hollywoodköpfen beeinflusst wurden. Wer ist also nun das Original?