Kinder am Camper in Şırnak, Türkei (11.06.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Mittwoch, 26. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Mbita, Luanda Kotieno, Ndori, Bondo, Siaya, Busia

Wir sind gerade mit Frühstücken fertig. Da uns noch eine gute Stunde bleibt, bis die 10-Uhr-Fähre nach Luanda Kotieno ablegt, entscheiden wir uns, spontan zum Scheißegrubeprojekt von Frederik, Albert, Nadine und Tanja zu fahren. Mit zwei Motorradtaxifahrern handeln wir je 200 Schilling für Hinfahren, Warten und Zurückbringen aus, womit, wie es aussieht, sowohl wir als auch die beiden sehr zufrieden sind.

Eine Viertelstunde später stehen wir auf dem Gelände der Mina Academy, doch anstatt ein Dutzend hart schippende Freiwillige zu sehen, laufen hier nur ein paar Kinder rum und wir werden von Mina höchstpersönlich begrüßt. Auf Englisch! Haben die anderen nicht gesagt, sie sei auch Deutsche? Spätestens als wir mitteilen, dass wir uns nur schnell innerhalb einer halben Stunde einen kleinen Überblick über das Projekt verschaffen wollen, sind wir bei ihr unten durch. »And you think this is possible in half an hour?« fragt sie etwas scharf zurück. Die latente Freundlichkeit, die gerade noch da war, spüre ich jetzt jedenfalls nicht mehr. Vielmehr verhält sich Mina ziemlich afrikanisch zurückhaltend.

Um ehrlich zu sein, sind wir ja nicht nur wegen des Projekts gekommen, sondern auch, oder gar vor allem, um mal zu sehen, wer hier sonst noch so als Freiwilliger arbeitet. Das Einzige, was wir aber von den Ideologen sehen, ist ein verschlafener Albert, der kurz vor seine Hütte tritt, die Hand zum Gruß hebt und sofort wieder nach drinnen entschwindet. Die scheinen um halb zehn doch glatt alle noch zu pennen! Hätten wir gestern vielleicht doch noch mit Fahne und Kasten aufkreuzen sollen?

Gute zwanzig Minuten führt uns Mina über das Gelände des Gemeinschaftsprojekts. Im Grunde ist es eine Schule mit im Moment etwa 80 Schülern, die auf lange Sicht erweitert werden soll. Ein bereits 12 Meter tiefer Brunnen ist gerade im Bau, wie natürlich auch die Biogastoilette, welche auch Duschen beinhaltet. Später soll hier einmal die ganze Gemeinschaft aufs Klo gehen können. Dass Mina das Projekt nur leitet, letztendlich jedoch die Gemeinschaft – wen genau die »Community« umfasst, wird uns aber nicht ganz klar – zum freiwilligen Arbeiten herkommt, ist ihr besonders wichtig.

Nachdem wir einmal über das Gelände gestapft sind, fragt sie uns schließlich, ob wir einfach eine Tour machten und quasi auch warum. Wir sagen wie üblich, dass wir uns einfach mal einen ersten Eindruck verschaffen wollten und deshalb ein bisschen kreuz und quer reisen würden. Wir vermissten es außerdem, mit dem Auto hier zu sein, da man sich als Backpacker ja doch eher an den Städten orientiert, als auf dem Land herumzureisen. Wir seien zum Beispiel mehrere Tage in Nairobi und Kisumu gewesen. Sogleich werden wir aber belehrt: »That is not the real Africa!« Hier hingegen, so wie die Leute hier leben würden, das sei wirklich Afrika. Ah ja, alles klar! Nairobi liegt also in Europa, oder wie? Und Kisumu am Mittelmeer. Scheißegruben und Dorfgemeinschaften von Kapstadt bis Casablanca, das ist also Afrika, oder wie? Wir verkneifen uns den Einwand, dass Metropolen genauso dazu gehören wie das Dorfleben, um die Gute nicht zu sehr mit unseren Ansichten zu schockieren. Und selbst Remba mit Betrunkenen und Bekifften gehört dazu, doch da war sie natürlich in den drei Jahren, die sie hier ist, noch nicht.

Schließlich stellt sich auch noch heraus, dass das 25-jährige Mädel im Saarland aufgewachsen ist. Wieso wir denn dann die ganze Zeit Englisch reden würden, frage ich erstaunt. »Oh, I live here, and I don’t like the German language.« Da fehlen uns ehrlich gesagt die Worte. Das ist alles eindeutig zu viel! Mit so jemandem kommen wir nicht wirklich zurecht. Jemand, der eine komplett andere Haltung zu Afrika hat als wir, jemand, der aus sozialer Ideologie hier herunter fährt, mag sich bestens über Stunden mit Mina unterhalten können. Zwischen uns ist hingegen alles gesagt.

Doch unsere Zeit ist eh um. Mit den Motorrädern fahren wir zurück nach Mbita und steigen auf die Fähre. Die nächsten sechs Stunden verbringen wird damit, von Luanda Kotieno mit Bussen – wir dürfen sogar eine Fahrt vorne im Führerhaus sitzen – und Matatus die 140 Kilometer bis nach Busia zurückzulegen, wo wir um sieben Uhr wenige hundert Meter vor der ugandischen Grenze ankommen.

Busia erscheint uns höchst beschäftigt. Hier sind richtig viele Leute auf der Straße, laufen, fahren Boda-Boda oder verkaufen Zeugs. Selbst nach Einbruch der Dunkelheit ändert sich daran nichts, was für uns eine neue Erfahrung in Kenia darstellt. Möglicherweise liegt es daran, dass hier sehr viele Muslime leben und vor ein paar Tagen Ramadan begonnen hat.

Noch während wir eine Unterkunft suchen, kommen wir mit den Rucksäcken an einem Stand vorbei, wo jemand mit Mikrophon den ganzen Ramsch bewirbt, der auf den Tischen vor ihm ausgebreitet liegt. »Keyholder, 10 Bob!« ruft er gerade in die Runde, als er uns direkt anspricht, ob wir nicht einen Schlüsselanhänger kaufen wollten. »No Key!« sagt Calle nur, und hat den ersten Lacher auf seiner Seite. Der Verchecker steigt sofort darauf ein, fragt, ob wir denn kein Zuhause hätten – woraufhin wir auf unsere Rucksäcke zeigen. Das geht mit »And when it rains?« und ähnlichen Dingen dann noch zwei Minuten so weiter, bis alle umstehenden Leute zuhören und viele vorbeikommende extra anhalten, um der Szene beizuwohnen. Der Typ mit dem Mikrophon übersetzt zwischendurch sogar noch das meiste auf Swahili! Den Schlüsselanhänger kaufen wir aber trotzdem nicht.

Nachdem wir uns im Green Bay Guesthouse eingemietet haben, das von den vier angeschauten zwar das teuerste, gleichzeitig aber auch das einzig akzeptable ist, machen wir uns auf zu einem Abendspaziergang. Der Musik folgend landen wir zuerst in einer Kirche. Selbst Gotteshäuser sind hier aus Wellblech, aber immerhin anständig groß und offensichtlich recht gut gebaut, der üblichen Barracke nicht gerade ähnlich. Auf den ungefähr 150 Plastikstühlen hocken insgesamt etwa zehn Hanseln, daneben sind noch ein paar Kinder am Start und auf der maximal 15 Zentimeter hohen Bühne bringen ein Keyboarder und drei singende Frauen gerade eine richtig tolle Musik zu Stande, die uns an das morgendliche Aufwachen in Nairobi erinnert. So sieht hier Gottesdienst aus. Wir werden sofort nett begrüßt, setzen uns hin, und wohnen der Veranstaltung bei. Selbst als zwischendrin der Strom ausfällt, wird einfach ohne Mikro weitergesungen. Im Gegenteil, es wird noch besser: Das ausgefallene Keyboard wird durch die restlichen Anwesenden ersetzt, die sofort anfangen, in die Hände zu klatschen und eine Art spontanen afrikanischen Chor zu bilden. Nach gut zehn Minuten endet die Musik mit einer Art Fürbitten, das von einer der Sängerinnen, in einer für nicht des Swahili Mächtigen recht aggressiv erscheinenden Tonlage, vorgetragen wird. Als jedoch angefangen wird, aus der Bibel zu lesen, und auch uns ein Exemplar gereicht wird, ist unsere Zeit gekommen. Wir stehen auf und gehen.

Das letzte Abendessen in Kenia ist ungenießbar. Hühnchen mit Pommes bestellen wir – direkt im Restaurant, das unter unserem Gästehaus liegt. Pommes bekommen wir zwar, aber ob das Hühnchen wirklich Hühnchen ist, bleibt fraglich. Mit dem Fleischstück könnte man einen Nagel in die Wand hauen, so hart ist das Ding. Zu lange auf’m Feuer gelassen, oder was? Wir hätten jedenfalls doch in irgendeine Wellblechbude an der Straße gehen sollen.

Den Abend verbringen wir im Innenhof zwischen irgendwelchen UN-Fahrzeugen, wegen denen Carl sich gleich unsicher fühlt. Das sei der erste Platz für einen Anschlag, meint er. Dieses schundige Gästehaus hier? Naja! Wir rufen nochmal Alena an, um zu hören, wie es so geht und ob sie und Amanda schon im Monte Carlo waren. Für die nächsten vier oder fünf Tage fahren sie nach Mombasa und in 18 Tagen geht es für Alena auch schon zurück in die Heimat – natürlich nur, um dann gleich mit der Planung für das überübernächste Praktikum zu beginnen – doch im Monte Carlo waren sie noch nicht. Immerhin haben sie sich aber schon erkundigt, wo es überhaupt liegt.

Kaum zu glauben, aber kurz bevor wir zu Bett gehen, taucht im Innenhof der Koch des Restaurants auf – und fragt doch glatt, ob uns das Hühnchen geschmeckt habe! Wir lachen uns fast kaputt. Und der Typ mit uns. Auf die Frage, wie er das Fleisch denn so krass hinbekommen habe, weiß er jedoch auch keine Antwort.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.