Marrakesh, Marokko (05.09.2006)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Dienstag, 25. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Homa Bay, Mbita

Meiner Schweinegrippe geht es schon wieder bedeutend besser. Vor allem Calles Nasenspray wirkt Wunder, und ich habe die Nacht im Gegensatz zu ihm auch richtig dick eingepackt geschlafen. Recht spät kommen wir in die Gänge, da ich noch bis elf an uralten Berichten aus Nairobi schreibe, die deshalb auch einfach nur schlecht werden. Entweder das Zeug wird bis zum darauf folgenden Tag geschrieben oder es wird schlecht wie saure Milch, weil dann die vielen kleinen Eindrücke und Gedanken, die man über den Tag hinweg gesammelt hat, nicht mehr wirklich präsent sind. Im Grunde verkommen Berichte, die ich erst mehrere Tage später schreibe, zu einer reinen Handlungsauflistung, die ungefähr so spannend zu lesen sein dürfte wie die Bedienungsanleitung eines Toasters.

Um halb zwölf verlassen wir das Gästehaus, sagen der Chefin Margareth noch auf Wiedersehen und suchen uns einen Laden, wo wir unser inzwischen übliches Frühstück einnehmen. Tee und Chapati. Letzteres ist eine Art dünner Pfannenkuchen, der nach Crêpe schmeckt, doch anstatt ihn einfach so zu essen, wie das hier alle tun, hauen wir seit einigen Tagen noch ordentlich Zucker rein. Seitdem schmeckt’s uns richtig gut.

Gegen zwölf fragen wir nach einem Matatu nach Mbita, werden jedoch auf einen Bus verwiesen. Bis jetzt haben wir keine Erfahrungen mit Bussen und es ist auch kein üblicher Reisebus, sondern eher ein Siebeneinhalbtonner mit Busaufbau. Im Grunde fungiert das Teil nur als etwas größeres Matatu. Uns werden die Plätze gegenüber vom Eingang zugewiesen und abkassiert wird auch gleich. Die Sitzreihen sind jedoch so eng, dass ich schief auf dem Gangplatz hocken und die Knie in den Gang halten muss.

Wir warten geschlagene anderthalb Stunden, in denen Carl von der Sonne durchgeröstet wird, bis der Bus endlich voll ist und der unfähige Fahrer komisch bremsend vom Platz tuckert. Doch wer jetzt glaubt, wir würden endlich losfahren, liegt vollkommen falsch. Zweihundert Meter weiter halten wir am Straßenrand und jemand kommt in den Fahrgastraum, um die Batterie abzuklemmen. Verwundert schauen wir aus dem Fenster und bekommen die Lösung des Rätsels serviert: Jetzt muss erst mal geschweißt werden! Federbruch. Wahrscheinlich läuft das jeden Tag so und der Bus hat ein Dauerabonnement beim Mechaniker, elf mal schweißen zum Preis von zehn oder so ähnlich.

Mit wieder angeklemmter Batterie setzt sich der Bus nach einer weiteren halben Stunde endlich in Bewegung – um ein paar hundert Meter später wieder zu stoppen! Diesmal ist Tanken angesagt und wir können von Glück reden, dass dafür nur wenige Minuten drauf gehen. Nun geht es wirklich los – glauben wir zumindest. Schon nach anderthalb Kilometern steigen die Ersten wieder aus, deren Ladung muss vom Dach geholt werden und neue Leute werden eingesammelt. Wer bitteschön wartet über eine Stunde, um nur einen Kilometer zu fahren? Also manchmal wissen wir auch nicht weiter. Einen Kilometer später dieselbe Geschichte. Da der Bus ja viel mehr Sitzplätze hat als so ein Toyota-Kleinbus, sich jedoch genau wie ein Matatu verhält, also alle nasenlang Leute rein und raus lassen muss, kommen wir so gut wie überhaupt nicht weiter.

Das Übrige tut die Straße. Schlaglöcher, soweit das Auge reicht, ein Meer an lose herumliegenden Brocken in Pflastersteingröße, ab und zu mal felsspaltenähnliche Vertiefungen und gebirgsartige Erhebungen, alle paar hundert Meter eine Kuhherde – der Straßenzustand ist das, was einem das Reisen in Afrika wirklich vergrault. Knapp 40 Kilometer sind es nach Mbita, fast anderthalb Stunden braucht der Bus allein, um anzukommen, die ganze Warterei kommt da noch dazu. Weit kommt man bei so einem Schnitt nicht. So müssen wir uns auch noch daran gewöhnen, die Karten richtig zu lesen. Rote Hauptstraßen sind zwar asphaltiert, doch ob es auf diesen schnell zugeht, ist Glückssache. Gelbe Nebenstraßen hingegen, die sonst meist bestens zu befahren sind, markieren hier eine Schlamm- und Geröllpiste. Während es woanders kein Problem ist, sich mal einen Vormittag für 400 Kilometer durch die Wüste in einen Bus zu hocken, kann in Afrika der ganze Tag auch mal für 50 draufgehen. Wirklich rumkommen tut man so jedenfalls nicht, vielmehr lernen wir immer mehr die Vorteile der Bootsfahrten der letzten Tage schätzen.

Zum dritten Mal und für die vierte Nacht mieten wir uns im Elk Guest House in Mbita ein. Ich frage direkt nach Zimmer Nummer 18, da wir von hier den besten Ausblick haben und auf dem Balkon auch nicht von anderen Gästen gestört werden. In Mbita fühlen wir uns einfach wohl! Die Leute hier sind freundlich, das Leben scheint genau in der richtigen Geschwindigkeit gelebt zu werden und da wir nun schon zweimal hier waren, begrüßt man uns mancherorts sogar mit Namen. Die sympathische Kleinstadt, in der kein einziger Quadratmeter asphaltiert ist, wo dauernd der Strom ausfällt und der allerletzte Generator jede Nacht ein paar Minuten vor zwölf abgeschaltet wird, war in den letzten zehn Tagen unser Drehkreuz und Bezugspunkt. Schade, dass dies nun die wohl letzte Nacht hier sein wird.

Im Restaurant vor dem Elk treffen wir nachmittags auf Nadine und Tanja. Eigentlich Deutsche, erstere jedoch halb ägyptisch, letztere halb russisch und in Kasachstan geboren. Die beiden staunen nicht schlecht, als wir direkt zum Einstieg fragen, ob sie nicht zufällig hier seien, um eine Scheißegrube auszuheben; pardon, um eine Biogastoilette zu bauen. So schwer war es nun aber auch nicht zu erraten, dass die beiden zum selben Projekt gehören müssen wie Frederik und Albert, die wir letzte Woche gleich eine Straße weiter getroffen haben. Dass wir stinknormale Touris sind, wird wie immer etwas ungläubig zur Kenntnis genommen, doch spätestens als wir anfangen, dumme Fragen über das Volunteering zu stellen, ist klar, dass wir nicht zum Helfen hier sind. Wie man denn auf sowas komme, warum sie das Land nicht einfach so bereisten, sondern lieber acht Stunden am Tag Erde schippten, und nicht zuletzt, wo genau eigentlich die Motivation liege. Alles Fragen, die wir uns nun schon seit Wochen stellen, bisher jedoch keine befriedigende Antwort erhielten. Und auch diesmal kommen wir nicht wirklich weiter. Tanja wollte »in den Semesterferien etwas Soziales tun«, hat sich dann als zweite Wahl für Kenia entschieden, weil sie nicht wisse, wie sie das Land sonst kennen lernen sollte. Ja wie jetzt? Wie wäre es mit Rucksack packen und losziehen? Oder von mir aus gerne auch mit einem Hartschalenkoffer.

Nadine scheint zumindest etwas mehr auf unserer Wellenlänge zu liegen, hat sie doch wohl eher recht spontan und unwissend zugesagt, der Tanja hierher zu folgen, ohne ein Buch über die dahinter liegende Ideologie schreiben zu können. Über Landwege haben die beiden indes auch noch nie nachgedacht, doch als wir die vielen fehlenden Eindrücke auf Flugreisen beschreiben, stimmen sie uns sogar einigermaßen zu. Sie dachten eigentlich, der fehlende Bezug zum Ort, zur Entfernung und den sonstigen Unterschieden liege daran, dass es zu viele Eindrücke auf einmal seien, doch die Begründung, es liege am Fliegen, gefällt ihnen offenbar recht gut. Dass Tanja hingegen penibel schaut, ob ihr Glas sauber ist, und Nadine nicht glauben kann, dass wir uns, wenn überhaupt, nur so in etwa einmal am Tag die Hände waschen und auch das von anderen Leuten bereits angesabberte Zeug – wie Gläser, Luftballons und dergleichen – in den Mund nehmen, ist wieder eine andere Geschichte. Mag sein, dass man in ihrem komischen Camp auf so etwas aufpassen kann, aber wenn ich eine Hygienereise machen will, mache ich lieber einen Besuch in einem deutschen Privatkrankenhaus als eine Reise durch Afrika. Naja, jeder, wie er meint.

Etwa eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit machen sich die beiden wieder auf den Weg zu ihrem Projekt, der Mina Academy. Ich frage mich wirklich, ob von diesen ganzen Freiwilligen dort auch nur einer jemals in Mbita bei Nacht unterwegs war. Wir malen uns aus, was wohl passieren würde, wenn wir später halb besoffen mit einem Kasten Bier dort auftauchen würden, verwerfen den Gedanken aber recht schnell wieder, damit wir nicht auf noch mehr dumme Ideen kommen.

Nach der Kontrolle der trocknenden Wäsche sowie etwas Internet und sonstigem Geschreibsel auf dem Balkon gehen wir um halb neun Abendessen. Doch unser Restaurant hat zu! Mit dem Abendessen ist das in Kenia echt stressig, ungefähr so wie im Iran. Bei Heckers wird angeblich immer um sieben gegessen, bei Schmidt-Loebes im Sommer auch mal erst nach neun. Doch um neun ist hier Sense, Feierabend, fast alle Buden haben zu. Es kommt uns so vor, als gingen Kenianer kurz nach Sonnenuntergang zu Bett und stünden auch mit der Sonne wieder auf. Quasi von sieben bis sieben Uhr. Selbst wenn wir zu so früher Stunde wie halb neun in der Früh noch schlafen, werden wir oft verdutzt angeschaut und mit einer dummen Frage wie »Ach, ihr schlaft noch? Jetzt wirklich?« wird die Verwunderung untermalt. So geschehen heute morgen in Homa Bay, noch schlimmer erlebt in der 100-Bob-Wellblechbaracke vor zwei Tagen: Dort hat eine Type vom Barackenladen so heftig an unserer Tür gerüttelt, dass man meinen musste, die ganze Wellblechbude stürze gleich ein, und mir nichts anderes übrig blieb, als zwei Sekunden nach dem Aufwachen in voller Lautstärke »Habt’s ihr alle 'nen Schatten oder was?!?« auszurufen. Aufmachen mussten wir dann trotzdem – nur damit die Type Carl blöd angrinsen konnte und dann weiterging.

Die sind echt fertig, die Kenianer!

Heute Abend haben wir jedoch Glück. Nur wenige Meter von unserem Gästehaus entfernt finden wir eine Restaurantbaracke, die wir bisher immer übersehen hatten. Es gibt zwar kein Beef Fry, aber eine Portion annehmbares Beef Stew, eine Portion Bohnen, und natürlich Ugali. Das ist das Beilagenpendant zum Chapati und ist mit »Nach nichts schmeckender weißer Klumpen aus gekochtem Weizen« noch am besten beschrieben. Sozusagen der Sattmacher und gleichzeitig auch der Besteckersatz.

Höchst überrascht sind wir heute Abend jedoch, wie sehr man sich um uns kümmert! Ich könnte mir gut vorstellen, dass in diesem Laden noch nie ein Weißer gegessen hat, so wie sich die drei Angestellten benehmen. Während sie den Schwarzen einfach ihr Zeug hinstellen, wird bei uns ständig gewischt, auf Sauberkeit geachtet, und man bietet uns sogar Besteck an, das wir dankend ablehnen. Doch als wir Tee bestellen, schießen sie echt den Vogel ab: Aus der Thermoskanne kommen irgendwelche schwarzen Stückchen mit in die Tassen, die uns eigentlich überhaupt nicht weiter stören, doch man bringt uns sofort neue Tassen und schüttet nochmal ein. Wieder schwarze Klumpen! Ich erkläre noch, dass uns das wirklich egal sei, dass wir hier sowieso fast alles trinken und essen, das sei eben Afrika, doch der Typ besteht darauf, das sei so nicht in Ordnung. Kurz darauf ist er für zwei Minuten weg und taucht schließlich mit einem Sieb wieder auf, das er wohl gerade gekauft oder ausgeliehen haben muss, um uns damit den Tee einzuschenken. Man könnte meinen, die glaubten, wir seien aus Zucker, doch es sieht so aus, als meinten sie es einfach nur gut mit uns. Außerdem ist ihre Freude, zwei Wazungu in diesem Wellblechladen zu empfangen, nicht zu übersehen.

Wie gesagt, Mbita ist uns einfach sympathisch.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.