Freitag, 21. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Sena, Mbita
Aufstehen um kurz nach vier. In der Ferne erhellen gelegentliche Blitze die ansonsten stockdunkle Nacht. Verschlafen packen wir unsere Sachen und sind etwa fünf Minuten vor fünf unten am Strand, wo wir mit dem Boot vor drei Tagen angekommen sind. Kein Aas ist da. Sollte das erste Boot des Tages nicht sogar recht gut besucht sein? Ich setze mich auf eines der hier liegenden Fischerboote, Calle macht es sich auf einer Kabelrolle mehr oder weniger gemütlich. Wir hören einen Motor, erkennen die Silhouette eines Bootes in einigen hundert Metern Entfernung – sie fährt vorbei. Kurze Zeit später wieder ein Motorengeräusch auf dem Wasser, diesmal aus der richtigen Richtung, von hinten rechts, doch wir können nichts erkennen.
Dass es fast die ganze Nacht über irgendwo über dem See blitzt, sind wir inzwischen gewohnt. Doch um kurz nach fünf hebt sich auch der typische Gewitterwind und die Blitze kommen immer näher. Wir fangen an, in Richtung Dorf zurückzulaufen und kommen nach gut zweihundert Metern gerade an der ersten Behausung mit Vordach an, als uns das Gewitter erreicht.
Um zu wissen, wie in den Tropen ein Gewitter aussieht, muss man es echt gesehen haben. Innerhalb von wenigen Sekunden wechselt der Regen von einem sporadischen Tröpfeln in einen nicht vorstellbaren Platzregen, Sturmböen oder Dauerwind inklusive. Unter dem kleinen Vordach ist gerade so viel Platz, dass wir unsere Rucksäcke abstellen und selber noch an der Hauswand – wie immer natürlich einfach nur Wellblech – trocken stehen können.
Anderthalb Stunden verbringen wir so!
Calle schläft im Stehen, ich höre Musik, ab und zu kontrolliere ich mit der Lampe, dass Rucksäcke und Schuhe noch trocken bleiben. Die von uns zuvor verlassenen Zimmer sind von hier eigentlich nur hundert Meter und ein Tor entfernt, doch bei diesen Wassermengen, die vom Himmel fallen, würden wahrscheinlich drei bis fünf Sekunden reichen, um von oben bis unten und bis auf die Unterhose komplett durchnässt zu sein.
Anfangs hoffen wir außerdem noch darauf, dass das Boot auftaucht – auch wenn wir gar nicht so recht wissen, warum wir eigentlich noch hoffen. Wie soll das denn bei diesem Regen eigentlich aussehen? Auf der Hinfahrt haben wir gesehen, dass auf dem Kahn eine recht große Plane rumlag. Wird dieses Ding vielleicht einfach über alle drübergestülpt, jeder hält über sich einen Teil fest, und gut ist’s? Oder muss jeder den Regen über sich ergehen lassen und kriegt zusätzlich noch einen Eimer zum Lenzen, so wie es auch sonst ab und zu getan werden muss, weil die Nussschalen sowieso undicht sind? Wir wissen es nicht, wollen es aber eigentlich auch gar nicht herausfinden. Lieber stocksteif unter diesem Vordach stehen als über eine Stunde mit Sintflut von oben auf einem kleinen Holzkahn. Es ist ja auch nicht gerade so, dass es allzu warm wäre.
Die Zeiger stehen bereits auf halb sieben, als sich endlich eine Gelegenheit bietet, zurück in unsere Zimmer zu kommen. Wir machen aus, dass wir mit dem zweiten oder dritten Boot fahren wollen, stellen unsere Wecker auf neun Uhr und legen uns in voller Montur ab. Gleich danach geht auch der Regen weiter.
Als der Wecker zum zweiten Mal weckt, ist es schon wieder viel zu warm – und vor allem extrem schwül. Am Strand erklärt man uns, das nächste Boot nach Mbita gehe erst um zehn Uhr, das zweite hätten wir hingegen schon verpasst. Ah ja, alles klar, kann uns vielleicht irgendjemand erklären, wie das hier mit diesen dummen Booten funktioniert? Es gibt feste Zeiten, die so fest jedoch nicht sind und manchmal kommt ein Boot auch gar nicht, oder wie? Wir hätten uns doch unser eigenes kaufen sollen!
Wir gehen frühstücken im »Town Hotel«, der ersten Wellblechbaracke oben rechts im Dorf, wo wir jeden Tag tollen Tee mit Chapati zu uns nehmen. Collins taucht auch auf und labert irgendwas über die Boote, doch es ist wie üblich: Entweder die Leute checken unsere so simplen Fragen nicht oder sie sind einfach doof. Außerdem kann es doch gar nicht sein, dass man hier auf dieser Kuhkaffinsel lebt und keine Ahnung vom Bootsverkehr hat. Fallen nun manchmal Boote aus oder nicht? Fahren die Boote auch bei Sturm und Regen? Hmm, ja, vielleicht, heute nicht, gestern schon, maybe, nein, oder doch! Am krassesten langweilt dabei diese kenianische Eigenart, die Antwort auf eine Frage mit »Ok« einzuleiten. Da fragt man »How old are you?« und bekommt zu hören: »Okäääääy, how old? Maybe... I’m twenty four.«
Rechtzeitig geht es wieder runter zum Strand. Wir wollen nicht auch noch das dritte Boot verpassen. Als wir jedoch zwei Typen fragen, ob das nächste Boot wirklich um zehn fahre, wird mal wieder behauptet, es fahre um elf. Viel wichtiger jedoch: Beiläufig fügt der Typ noch hinzu, dass das Boot nicht hier abfahre, sondern an der anderen Anlegestelle, ein paar hundert Meter weiter um die Ecke rum, gleich hinter dem Tankstellenladen. Ups! Das Motorengeräusch heute früh, aus der richtigen Richtung! Tja, kein Wunder, dass wir das dumme Ding nicht erwischen, wenn wir an der falschen Stelle aufkreuzen.
Um elf steigen wir endlich an der richtigen Stelle in das richtige Boot und legen eine gute Stunde später in Mbita an.
An eine Rückfahrt bis nach Remba ist heute nicht mehr zu denken, also mieten wir uns sofort wieder im Elk Guest House ein und danach wird das volle Programm erledigt. Es gibt wieder einen Geldautomaten, aus dem Bargeld fließt, in einem kleinen Schuppen essen wir für fast so kleines Geld wie in Sena anständig zu Mittag und den Rest des Nachmittags verbringen wir mit ein paar Tees an der Straße sitzend und beobachten Leute.
In diesem stromlosen Kaff – welches uns jetzt, nach drei Tagen auf Mfangano, wie eine kleine Metropole erscheint – Internet zu finden, ist quasi unmöglich. Von Laden zu Laden fragen wir uns durch, bis wir schließlich so weit sind, einfach mal auszutesten, ob hier Internet über Mobilfunk einigermaßen benutzbar und vor allem auch bezahlbar ist. Auch hierfür fragen wir uns wieder durch, doch die Tarife kann einfach kein Aas nennen und auch die Zugangsdaten scheint hier keiner zu kennen. Die meisten scheinen nicht einmal den blassesten Schimmer zu haben, wovon wir überhaupt reden. An jedem dritten Laden steht zwar groß und breit weiß auf grün »Safaricom«, doch die ganzen Nullchecker bringen nur Sim-Karten und Guthaben an den Mann, sind jedoch in Wahrheit Gemüsehändler oder dergleichen.
Als ich es endlich nach einigem Rumprobieren doch hinbekomme, Anschluss an den Rest der Welt zu finden, staunen wir nicht schlecht: Die Verbindung steht – und zwar per UMTS! Doch als wenn das nicht schon genug des Guten wäre, sinkt unser Guthaben nach Maillesen, ewigem, nicht zum Ziel führenden Rumklicken auf Uniseiten sowie Facebook und Konsorten, Onlinebanking und dem Aktualisieren der Homepage um gerade mal knappe 40 Schilling. Das ist quasi billiger als im Internetcafé! Wieso kommen wir da erst jetzt nach zwei Wochen drauf?
Nach mehreren Tagen haben wir heute außerdem mal wieder Wazungu getroffen. Die letzten waren drei Amis in Kisumu, die Fliegengitter gekauft haben, um damit Trinkwasser zu filtern. Auch diese zwei Weißen sind natürlich zum Helfen hier. Frederik aus Deutschland und Albert aus Österreich bauen sechs Kilometer weiter von hier eine Biogastoilette. Ah ja, sicher! Genau das braucht Afrika. In diesem Kaff hier gibt es so gut wie nie Strom, die staubige Hauptstraße staubt den ganzen Ort ein, die Post und die Bank sind offenbar nur per bidirektionaler Satellitenverbindung mit der Außenwelt verbunden – doch wir bauen eine Biogastoilette, damit die Kenianer mit den Ausdünstungen ihrer Scheiße lecker Essen kochen können.
Carl bringt es in unseren Diskussionen immer wieder auf den Punkt: Die beste Hilfe, die man diesen Leuten geben kann, wären mehr Anreize, dass sie selbst mehr Geld verdienen wollen. Der Großteil der Leute ist ja den halben Tag nur am abchillen! Und das bisschen Geld, was sie vom Fischfang oder sonst wo her haben, versaufen viele gleich abends mit für hiesige Verhältnisse sündteuren Tuskern. Ein Motorradtaxifahrer auf Mfangano kann laut eigener Aussage täglich um die 500 Schilling verdienen, wobei er dafür lediglich geschätzte drei bis vier Stunden wirklich arbeiten muss. Auf Nahrung umgerechnet ist dies pro Stunde etwas mehr als ein Essen im Restaurant. Verdient ein Taxifahrer in Deutschland etwa mehr?
Das Problem hier ist unserer Meinung nach nicht, dass hier alles assi ist, keine Möglichkeiten bestehen oder die Menschen einfach nur vom Schicksal her benachteiligt sind. Die meisten hier sind einfach nur faul! Oder, um es besser auszudrücken, sie erachten es einfach nicht als nötig, mehr zu arbeiten. Das beste Beispiel dafür, dass es auch anders geht, ist Jill auf der Insel. Mit der richtigen Denke, vor allem aber auch mit dem richtigen Ehrgeiz, baut sie sich nach und nach ihre Zukunft auf und ist mit ihrem Leben, so sagt sie zumindest, sehr zufrieden. Lieber arbeitet sie hart und kann sich etwas mehr leisten, als dass sie die Hälfte der Zeit nur abhängt. Ebenfalls bezeichnend ist, dass jeder zweite größere Laden, der hier in der Region gut läuft, von Indern geleitet wird. Ich erwähnte ja schon, »Hard work pays!« steht auf vielen Grundschulen und das kommt sicher nicht von ungefähr. Würden deutsche Erwerbstätige so viel abhängen und so wenig Arbeitsmoral zeigen, wie es hier gang und gäbe zu sein scheint, könnte das BIP wohl um eine Zehnerpotenzstelle gekürzt werden.
Wir teilen uns unterdessen eine Portion Abendessen. Meat Fry mit Ugali, wie auch schon heute Mittag. Jetzt, wo wir wieder Bares haben, können wir uns sogar jeweils ein Tusker dazu leisten. Da wir diesmal ein Zimmer im ersten Stock bekommen haben – übrigens mal wieder ohne fließend Wasser – folgen zwei nette Stunden auf dem Balkon, und gegen Mitternacht fangen wir an, den heute Morgen sinnlos verlorenen Schlaf nachzuholen. Morgen gilt dann: Uganda via Remba, Verusch Nummer zwei.