Heute ist Chillen angesagt. Den ganzen Tag.
Außerdem werden wir Patrick los. Irgendeine Ann-Marie aus den US wird wohl am Abend ankommen und so schießt er uns ab. Endlich! Inzwischen erzählen wir auch jedem, mit dem wir etwas länger reden, dass wir nicht (!) Patricks Gäste sind. Das scheint nämlich jeder zu glauben. Uns passt dieser Gedanke jedoch gar nicht und letztendlich vermuten wir, dass er das extra so einfädelt, damit er sich an anderen Stellen Vorteile verschaffen kann. Woher sollen die Leute denn auch wissen, dass wir uns erst auf dem Boot kennen gelernt haben und nicht schon vorher?
Zum Mittagessen sind wir bei Jill zu Hause eingeladen, der 26-jährigen Pubbesitzerin, die uns bei unserer Ankunft hier auch in bestem Englisch begrüßt hat. Wir steuern lächerliche 100 Schilling zum Essen bei, damit sie davon Fisch für vier Leute kaufen kann, das Gemüse geht auf sie. Der frittierte Fisch mit Gemüse und Ugali ist einfach köstlich. Und man stelle sich vor, dass hier vier Leute von insgesamt vielleicht 1,50 Euro satt werden!
Jill ist Muslimin, spricht auch Arabisch, kommt ursprünglich aus Kisumu und ist eine – wir sehen es zumindest so – erfolgreiche Geschäftsfrau. Den Pub hat sie vor fünf Jahren mit ihrem Mann aufgebaut, demnächst will sie ein Restaurant eröffnen und sie vermietet bereits Teile ihres Landes. Das Krasse ist jedoch, um was für Beträge es hier geht: Den Pub selbst hat sie mit einem Kapital von 500 Euro gestartet. Das Land, auf dem dieser steht und das wir auf ein Viertel Hektar schätzen, hat sie damals für 800 Euro gekauft, nun ist es wohl um die 1.000 wert. Die jährliche Steuer dafür beträgt um die 12 Euro, die Miete für ihre 10 Quadratmeter große Bude, wo sie wohnt, beläuft sich auf 3 Euro monatlich. Um das Restaurant zu eröffnen, muss sie noch weitere 700 Euro aufbringen.
Da können wir nur sagen: bääm! Das sind Beträge, die wir hier und jetzt, einfach so, stante pede bar auf den Tisch legen könnten! Schon gestern hatten wir über einen Landkauf geredet, doch angesichts dieser Beträge wird die Sache noch interessanter. Wäre doch außerdem lustig, wenn wir aus unserem Backpackerurlaub zurückkommen und auf einmal Grundbesitzer in Kenia sind. Wohlgemerkt auf einer Insel im Victoriasee! Gleich neben dem Gästehaus, wo wir wohnen, gibt es etwa ein Drittel Hektar, der direkt an einer Ecke der Küste liegt und somit gleich an zwei Seiten Strand aufweist. Zum Dorfzentrum sind es von hier um die dreihundert Meter, und ein paar richtig schöne Bäume sind auch auf dem Grundstück. Der Besitzer der lokalen Tanke – getankt wird hier aus Kanistern mit Trichter und einem Stück Stoff als Filter – möchte es verkaufen. Für 2.700 Euro!
Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass sich der Kauf auch allein als Investition eignen würde, da vor allem dieses Stück Land in fünf bis zehn Jahren mindestens doppelt so viel wert sein dürfte, doch für eine reine Investition fehlt uns dann doch ein bisschen die Motivation und wohl auch der Mut. Obwohl das bei solchen Beträgen echt wurscht sein dürfte. Wären wir hingegen nicht in Deutschland verpflichtet und könnten nun sagen, dass wir einfach mal ein paar Monate hier bleiben, dann würden wir morgen wirklich anfangen, ins Geschäft einzusteigen.
Leider kann man mit einer Geschäftstätigkeit für deutsche Verhältnisse im Grunde so gut wie kein Geld verdienen. Es heißt, die Leute hier bräuchten einen Laden, wo sie Internet nutzen, kopieren und ähnliche Bürodinge erledigen können. Bisher muss man dafür immer auf’s Festland fahren. Wegen dem Geld braucht man sowas aber nicht anfangen, wenn überhaupt, dann nur, weil es einem Spaß macht. Fragt sich nämlich, wie man das Geld zusammenkriegt, um überhaupt mal nach Deutschland zurück zu fliegen.
Nachmittags sind unsere Gedanken wieder mehr bei profanen Dingen und wir hängen an der Hauptstraße ab, sitzen draußen und schenken den Kindern Luftballons. Zeitweise habe ich zig Kinder um mich rum, die mich fast unter sich begraben, als ich von anderen vorbeikommenden Kindern Fotos mit dem Teleobjektiv mache und den umstehenden Kindern zeige. Beim Durchscrollen der Bilder werden dann im Chor die Namen der jeweils Abgebildeten genannt, so als wären wir hier bei einer Kollektivausfrage in der Schule.
Während Calle mit Collins einen lokal und illegal gebrauten Schnaps probieren geht, flacke ich mich gegen fünf ein bisschen auf’s Bett und schaffe es nach etlichen Tagen endlich mal, einen zusätzlichen Bericht zu schreiben. Nun gibt es nur noch drei anstatt vier Tage nachzuholen. Und zwar genau jene ersten drei aus Nairobi, wo ich noch nicht diszipliniert genug war, um mich jeden Tag vor die Tastatur zu setzen.
Damit ich hier auf dieser Insel überhaupt schreiben kann, muss ich ständig den PDA laden. Für das GPS habe ich ein paar mehr Akkus und ich brauche ja auch nicht zu tracken, wenn ich aufs Klo gehe. Doch Strom gibt es in unseren Zimmern nicht und auch sonst ist es eher rar, dass irgendwo abends ein paar Generatoren laufen. Licht wird vorwiegend mit Öl oder Paraffin gemacht. Auf der Hauptstraße gibt es jedoch einen Laden, der ziemlich genau einen Quadratmeter groß ist und auf dessen Wellblechdach drei Solarpaneele liegen. Hier lädt das ganze Dorf Mobilfunktelefone. Als ich gestern den PDA hier abgab, habe ich 19 andere angeschlossene Telefone gezählt, plus etwa weitere 20, die wahrscheinlich schon geladen waren. Man bekommt außerdem bei Abgabe eine korrekte Quittung, die gleichzeitig als Abholschein gilt. Selbst hier hat erstaunlicherweise alles seine Ordnung, da komm ich echt noch nicht drüber hinweg. Der Name des Geräts, mein Name, also »Mzungu«, und der zu zahlende Betrag stehen darauf: 20 Schilling für einmal voll laden.
Am Abend gehen wir noch ein letztes Mal am Strand spazieren, denn wir haben uns entschieden, morgen früh um fünf das erste Boot nach Mbita zu nehmen. Ich weiß, das klingt ein bisschen verrückt, aber wir wissen einfach nicht so recht, wie wir weiter vorgehen sollen. Eigentlich gefällt es uns hier ja sehr gut und wir würden sicher auch noch ein paar Tage länger bleiben, doch wir müssen dabei auch aufpassen, dass wir nicht in einen Trott geraten, der uns hier dann für Wochen festhält. Andererseits fällt es uns auch nicht leicht, hier abzuhauen, da wir inzwischen richtig das Gefühl haben, zum Dorf dazuzugehören. Jeder kennt uns, jeder weiß, dass wir da sind, und jetzt, da wir Patrick endlich los sind, haben wir auch guten Kontakt zu allen möglichen Leuten. Den Besten der bisherigen Reise.
Ausschlaggebend und der eigentliche Grund, warum morgen unbedingt irgendwie gehandelt werden muss, ist die Tatsache, dass wir nun quasi blank sind. Hier Geld zu tauschen haben wir heute nicht hinbekommen. Das ist auch wieder so eine typisch kenianische Sache: Egal, wen wir gefragt haben, alle Antworten laufen darauf hinaus, dass es hier nicht geht und wir zur nächsten Bank aufs Festland müssen. Würde man einen Araber so etwas fragen, würde der einen so lange bei der Hand nehmen, Brüder, Cousins, Tanten und Freunde anrufen, bis er irgendeinen Weg gefunden hat, das Problem zu lösen. Hier hingegen wird gar nicht hinterfragt. Geld tauschen? Das geht nur in Mbita! Über andere Lösungswege hat noch nie jemand nachgedacht und es ist offenbar auch keiner in der Lage, dies auf Nachfrage zu tun.
So werden wir morgen also mit all unseren Sachen nach Mbita fahren, dort Geld holen und einkaufen, dann womöglich wieder ein Boot hierher zurücknehmen, von hier auf eine andere Insel namens Remba fahren und dann versuchen, mit einem Boot weiter nach Entebbe und Kampala in Uganda zu kommen. Wie das alles laufen soll, wissen wir nicht. Und ob das mit der Einreise am Hafen – sofern das Boot überhaupt etwas ansteuert, das diesen Namen verdient – klappt, ist auch fraglich, vor allem weil man uns irgendwo auch ein ugandisches Visum ausstellen muss. Aber genau solche Dinge machen das Abenteuer auf so einer Reise aus, und so werden wir das morgen einfach mal versuchen. Vielleicht entscheiden wir uns ja auch schon in Mbita wieder anders.