Mittwoch, 19. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Sena, Ukinga, Uozi, Ukinga, Sena
Wen sehe ich heute als erstes, nachdem Mr. Calle um zehn an meine Tür klopft? Richtig. Patrick! Das kann doch echt nicht sein, dass dieser Typ schon wieder zum Nerven am Start ist! Ich bin noch nicht mal zwei Minuten wach, habe seit vielleicht 15 Sekunden die Tür aufgemacht, da fragt mich der Typ doch glatt schon so komplizierte Fragen wie, ob ich denn in der Nacht auch die starken Gewitter mitgekriegt hätte. Noch halb am Schlafen verstehe ich seine Frage nicht richtig und so quittiere ich diesen morgendlichen Überfall mit ätzend genervten Tonfall auf Deutsch: »Hey, ich weiß überhaupt nicht, was du von mir willst?!?« Da schaut er nur überrascht. Na, der Tag geht ja bestens los!
Zum Frühstück lässt er uns aus irgendeinem Grund alleine, ist aber auch egal warum, wir sind einfach nur froh. Schließlich schaffen wir es sogar, dass wir uns mit ihm auf den Mittag vertagen und somit noch knappe zwei Stunden zu unserer freien Verfügung haben. Ausgang sozusagen. Das ist echt schon wie im Knast.
Wir nutzen die Zeit für unser erstes Bad im Victoriasee. Eigentlich hatten wir vermutet, dass man sich dort alles Mögliche holen kann, irgendwelche Würmer, komische Bakterien oder Billharziose, wenn wir aber konkret danach fragen, kriegen wir als Antwort nur zu hören, dass Baden überhaupt kein Problem sei. Und es stimmt wirklich: Der Strand ist voll von badenden Kindern und erwachsenen Männern, von denen viele komplett nackt sind, sich vollständig mit Seife und Shampoo einschmieren – was bei der pechschwarzen Haut wegen des Kontrastes richtig cool aussieht – und im See waschen. Fließend Wasser oder gar Duschen hat hier fast keiner, geduscht wird auf besagte Weise und Wasser wird von Kindern in Kanistern ins Dorf geschleppt.
Und doch würde dieses Wasser einen Test vom deutschen Gesundheitsamt nicht überstehen. Stellenweise ist es so grün, dass wir uns beim Schwimmen vorkommen, als würden wir in einem Giftbecken unsere letzten Züge strampeln. Wer dieses Level in der zweiten Welt von Donkey Kong Country 2 auf dem Super Nintendo kennt, wo der lichtgebende Fisch Glimmer vorkommt und das Wasser nach giftig neongrün wechselt, wenn man nicht schnell genug auf den Rücken einer Robbe springt, weiß in etwa, wie es hier aussieht. Die ganzen Wasserhyazinthen, von denen der Victoriasee vor allem vor ein paar Jahren angeblich richtig überwuchert war, hinterlassen je nach Strömung auch hier ihre Spuren. In Kisumu soll es am meisten von den Dingern geben, doch an dem Autowaschabschnitt, wo wir vor ein paar Tagen waren, haben wir nichts dergleichen gesehen.
Interessant ist, dass man beim Rein- und Rausschwimmen aus den grünen Bereichen einen deutlichen Temperaturunterschied feststellen kann. Während das eher transparente Wasser die Sonnenstrahlen auch in tiefere Schichten vordringen lässt, nimmt das von den Algenpartikeln durchtränkte Wasser viel mehr Energie auf den obersten Schichten auf. Doch selbst das angeblich transparente Wasser ist nicht wirklich transparent. Als ich mir mal genauer ansehe, was ich alles in der Hand halte, wenn ich ein bisschen Wasser mit den Händen aus dem See hebe, überlege ich mir doch, was ich nun alles geschluckt habe: Von kleinen durchsichtigen Wenigzellern zu länglich geformten, ebenfalls transparenten, Fischen von der Länge eines Zentimeters bis hin zu weiteren undefinierten Partikeln ist echt alles dabei. In unseren Mägen fühlen sich diese Viecher sicher wohl.
Trotzdem ist es ein tolles Gefühl, hier baden zu können. Im größten See Afrikas, dem drittgrößten der Welt, dem zweitgrößten mit Süßwasser, dem Ursprung des Nils, ja einfach dem Victoriasee. Und wann hat man schon mal so ein schönes Panorama beim Schwimmen? Die eine oder andere weiter entfernte Insel, das Ufer mit allem möglichen Dschungelgrünzeug gleich nebenan und schließlich auch die vielen Inselbewohner, die sich entweder waschen oder selbst einfach nur baden wollen. Beim Brustschwimmen um die Wette mit uns geben sie aber offenbar ziemlich schnell auf. Jeder spricht uns hier an, wir sind die Attraktion des Moments, und nie zuvor kam ich mir so bleich, ja fast schon käseweiß vor.
Zum Mittagessen bestellen wir Beef Fry, das uns noch als das Essbarste vorkommt, doch weil wir es anscheinend mal wieder mit einem Nullchecker zu tun haben, bekommen wir letztendlich Beef Stew. Das ist quasi gekochtes Fleisch in Suppe. Gegessen wird, wie fast überall in Kenia, mit den Händen. So wurde uns Besteck bisher nur in Nairobi und dem deutschen Restaurant in Kisumu ungefragt hingelegt. Da ist es klar, dass mehr Wert auf Händewaschen gelegt wird: In jedem Restaurant steht entweder ein Bottich, wo dies unter einem kleinen Rinnsal aus dem dort eingebauten Hahn möglich ist, oder aber es gehen extra Leute herum, die dir eine Schüssel unter die Hände halten und diese dann mit Wasser aus einer Karaffe begießen. Selbst Seife liegt immer bei.
Bei der Bezahlung will man uns mal wieder auf den Arm nehmen. 240 anstatt der erwarteten 210 Schilling stehen auf der Rechnung. Wir schauen den Typen verwundert an, rechnen nochmal kurz die einzelnen Beträge durch: 2 mal 10 für Tee, 2 mal 10 für Chapati, 10 für Ugali und zwei mal 80 für Beef Fry-Stew-Whatever. Carl nimmt daher seinen Stift, dreht die Rechnung um, schreibt die Zahl 210 drauf und unterstreicht diese zweimal. Daraufhin passiert, was so typisch für die Kenianer ist: Der Typ checkt, dass er uns nicht verarschen kann, versucht aber auch überhaupt nicht, sich rauszureden, zu rechtfertigen oder seinen Abzockversuch in irgendeiner Weise zu entschuldigen, sondern sagt einfach »Ok!« – und nimmt die 210 Schilling an. Einfach nur dreist. Dreißig Eurocent sind für uns natürlich nichts, für die aber hammerviel. Und in der Summe am Ende des Tages sind sie es auch für uns. Doch bei zwei Euro für ein Essen zu zweit wollen wir die Kirche dann doch mal im Dorf lassen.
Patrick ist inzwischen, wie vereinbart, mit zwei Motorrädern aufgetaucht. Wir rechnen damit, dass wir ihn besser loswerden, wenn wir heute etwas mit ihm unternehmen. Außerdem wollen wir uns auf der anderen Seite der Insel irgendwelche Höhlen sowie eine Bootswerft anschauen. Calle darf selbst fahren, macht seinen Fahrer zum Passagier, ich sitze bei Patrick hinten drauf.
Die Höhlen sind der Treppenwitz der Woche. Ich frage mich, wie man diese kleine, maximal fünf Meter tiefe Aushöhlung in der Felswand als Höhle oder gar Grotte bezeichnen kann. Mit ein bisschen Verstand ist das einfach – gar nichts! Patrick erzählt, dass vor einiger Zeit schwedische Touristen hier waren, die ziemlich entrüstet ob dieses kümmerlichen Schauspiels reagiert hätten. Von mir bekommt er zu hören, wie richtige Grotten aussehen: Kilometerlange unterirdische Wege zu Wasser und zu Land mit tollen geologischen Gesteinsformen, das sind Grotten. Ali Sadr im Iran oder auch Frasassi in Italien lassen grüßen. Und wenn er Höhlen sehen will, soll er mal nach Chemi Rezan im Irak fahren, wo er von vielen tausend Fledermäusen heimgesucht wird. Das hier ist echt kümmerlich.
Das Beste an dem ganzen Ausflug ist der Weg. Carl freut sich, Motorrad fahren zu dürfen, und die Landschaft, die wir die ganze Südküste der Insel entlang zu sehen bekommen, ist auch wunderbar. Ständig rufen uns Kinder »Mzungu!« hinterher, andere bleiben wie angewurzelt stehen oder ziehen eine derbe Fresse, wenn sie einen Mzungu am Steuer eines Motorradtaxis sehen. Auch der Fußweg von dem Dorf, in dem wir die Motorräder parken, bis zur angeblichen Höhle ist in gewisser Hinsicht spektakulär. Vorbei an Bananenbäumen und über eine paradiesisch anmutende Bucht geht es in Begleitung einer kleinen Horde Kinder, von denen die kleinsten, vielleicht vier oder fünf Jahre alten, barfuß laufen, dorthin und wieder zum Dorf zurück.
Die Bootswerft ist auch recht interessant. Carl erkundigt sich genau nach den einzelnen Schritten, um aus ein paar Holzbrettern ein fertiges und seetaugliches Boot herzustellen. Damit wir es für unseren Trip nach Kairo selbst bauen können, meint er. Es schadet aber auch nix, für 270 Euro eine anständige 17-Fuß-Nussschale oder gar für 390 Euro einen 23-Fuß-Kahn zu kaufen. Fehlt uns eigentlich nur noch der dritte Mann, damit das Boot nicht verloren geht, wenn einer dem anderen hinterherspringen muss. Robby, bist du am Start?
Zurück in Sena gönnen wir uns trotz akuter Geldknappheit ein Tusker. Der ganze Ausflug heute hat uns um die 15 Euro gekostet und heute Mittag hatten wir ausgerechnet, dass uns bei zwei weiteren Nächten auf der Insel noch um die 400 Schilling Puffer bleiben, die wir zur freien Verfügung haben oder für Unerwartetes ausgeben können. Vier Euro! Das ist unser Sicherheitspuffer. Denn auf der Insel gibt es keine Bank, und als wir gestern in Mbita los sind, dachten wir ja ursprünglich nur an einen Tagestrip. Nun bleiben den reichen Weißen also noch um die 3000 Schilling, um über die Runden und auch wieder von der Insel weg zu kommen. Die neueste Nachricht ist jedoch, dass es angeblich auch Boote von hier bis nach Uganda gibt, die nachts eine Insel nach der anderen anfahren und irgendwann morgens in Entebbe ankommen. Da müssen wir uns morgen wohl mal genauer informieren und vielleicht doch versuchen, auf irgendeine Weise Geld zu tauschen.
Während wir bei Jill im Laden sitzen und das für uns luxuriöse Bier genießen, prasselt die Sintflut auf das Wellblechdach und die ganze Insel runter. So einen Regen habe ich selten, wenn nicht gar noch nie gesehen! Das ist einfach unbeschreiblich! Für eine knappe halbe Stunde schüttet es wie aus Kübeln, und die Tropfen, ach was, der tropische Wasserschwall kommt in einer derartigen Geschwindigkeit und Energie herunter, dass eine Unterhaltung in der Blechhütte so schwer ist wie in einer Diskothek.
Patrick hat uns natürlich auch beim Tusker heimgesucht. Es gibt offenbar doch kein Entkommen! Wir bezahlen ihm sein Bier und machen innerlich Schluss mit der Bezahlerei. Erstens haben wir nix mehr und zweitens geht der Typ uns dermaßen auf den Geist, dass wir nicht mal ein schlechtes Gewissen haben. Es ist ja nicht so, dass wir ihm bisher viel bezahlt hätten, in Zahlen belaufen sich die Ausgaben für ihn bisher auf maximal zweieinhalb Euro, und da bin ich mir sicher, dass er normalerweise von Wazungu weit mehr durchgefüttert wird, doch der Typ hat es einfach nicht verdient.
Drittens kommt hinzu, dass noch eine gute Tat unsererseits aussteht: Obwohl es gerade ganz nett am Tisch ist, wir langsam Hunger bekommen und Calle das auch deutlich mitteilt, hetzt Patrick uns über die absolut verschlammte und eigentlich nicht begehbare Straße, auf der unser Schuhwerk schnell zu doppelt so schweren Plateauschuhen mutiert, zu einem Freund. Dessen Computer ist von Viren befallen, aber auch sonst liegt an dem Gerät so einiges im Argen. Da das aber einer der wenigen Computer auf der Insel ist und viele Leute hierher kommen, um Internet als Freundschaftsdienst oder teils auch gegen Bezahlung zu nutzen, ist dieser Computer für Teile des Dorfes offenbar essentiell. Während Carl ein Mandala repariert, mache ich mich also an den Rechner ran und bin an der lahmen Kiste knapp drei Stunden beschäftigt, bis sie wieder einigermaßen in Schuss ist. Ohne Internet, eigenen Rechner und eigene Programme bekomme ich ihn zwar nicht wirklich sauber, aber immerhin läuft der Laden nun bedeutend schneller als zuvor.
Gerne hätten wir Lust, nun eine Rechnung über 6.000 Schilling nach gewohntem Stundensatz zu präsentieren, denn entgegen unserer Vermutung hat man sich nicht mal um Essen für uns gekümmert. Irgendwie scheint hier keiner zu verstehen, dass wir nicht von der Wohlfahrt sind und auch nicht für ein Hilfsprojekt einer NGO hier rumtollen. Wir sind nicht zum Helfen hier, sondern zum Urlaubmachen! Klingt hart, ist aber so. In diesem Urlaub braucht es nicht etwa »No Schengen!«-Shirts, sondern welche mit dem Aufdruck »We are on holiday!«. Was uns dabei am meisten stört, ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir irgendwas erledigen sollen, in Deutschland werben sollen, dort Organisationen kontaktieren sollen, hier dauerend »promoten« sollen, überhaupt irgendwie die ganze Zeit nur zum alleinigen Vorteil der Kenianer handeln sollen. Man kann ja gerne mal behilflich sein, aber dann muss sich der andere auch erkenntlich zeigen. Er muss verstehen, dass das jetzt eine besondere Leistung war, die man ihm geschenkt (!) hat, die einem Mühe, Geld oder was auch immer gekostet hat. Eine Leistung, die aber keinesfalls selbstverständlich war. Eine Leistung, über die er sich freuen sollte.
Der Computertyp ist für kenianische Verhältnisse gar nicht mal so schlimm. Er bedankt sich artig und stellt in Aussicht, dass er uns morgen Abend vielleicht zum Essen einlädt. Also wenn ich jemanden »maybe« zum Essen einlade, heißt das für mich soviel wie: »Danke, aber zum Essen lade ich dich nicht ein.« Auch gut, wir wollen nämlich morgen einen absolut patrickfreien Tag zelebrieren, den ganzen Tag entspannen und einfach nur für uns selbst da sein.
Patrick, der Oberchecker, der Manager von allem, der sich selbst als »President of the United States of Mfangano« bezeichnet und auch sonst vor Bescheidenheit strotzt, immer meint, alles im Griff zu haben, hat indes voll unser Abendessen vercheckt. Als wir um zehn wieder im Dorf aufkreuzen, hat noch genau ein Schuppen Musik laufen und zu essen gibt es eigentlich nichts mehr. Gut gemacht, Mister Oberchecker! Sagten wir nicht schon vor drei Stunden, wir hätten Hunger? Schließlich bringt er uns noch in einen Schuppen, dessen Besitzer schon am Dösen ist, und bittet darum, dass uns noch zwei Essen warm gemacht werden. Da hätte er vorher mal lieber fragen sollen, was wir wollen, denn als ein paar Minuten später zwei Fischköppe auf unseren Tellern landen, ist für uns endgültig Schluss. Mag ja sein, dass die meisten genau den Kopf wollen, aber uns ist das um zehn Uhr abends und bei richtig Kohldampf endgültig zu viel. In einer köstlichen Aktion stehen wir also auf und sagen dem Mister Wichtig, dass wir das nicht essen könnten, vor allem nicht um diese Zeit – und gehen raus. Offenbar hat er von uns immer noch nicht genug, will mit uns für morgen um drei einen Termin ausmachen, doch er soll bitteschön erst einmal Anrufen. Dann wird weitergesehen. Ende, Mr. President, gute Nacht.
Vor unseren Schlafzimmern essen wir schließlich noch unsere letzte Packung Kekse sowie eine Packung Mandelschnitten auf, betreiben »Plan B« und schmieden außerdem gemeine Pläne für morgen: Wir müssen uns einfach so assi benehmen, dass der Typ selber von uns die Schnauze voll hat. Oder wir bombardieren ihn alle zehn Minuten mit anrufen und bringen dreiste Bitten hervor, die er uns nicht ablehnen kann. Der Spieß muss umgedreht werden. Auch dass er uns heute groß und breit erzählt hat, dass er ja bei allen beliebt ist und uns deshalb jeder vertrauen würde, weil er ja schließlich für uns als seine Gäste bürge, können wir gleich mal auf perfide Weise ausnutzen: Wir werden einfach in allen Shops auf Pump Zeug kaufen, werden Patrick als Bürgen nennen, nachts ein paar Boote aufs Wasser treiben lassen und mit einem anderen schließlich von der Insel abhauen. Später lesen wir in der Zeitung davon, dass Patrick X. im Gefängnis gelandet ist sowie des Präsidentenamts enthoben wurde und nun fünf NGOs zum Helfen ins Dorf kommen mussten, um den von den Wazungu verursachten Schaden zu reparieren, während wir längst über alle Berge sind.
Man darf ja auch mal träumen, gell?