Wir Misters in der Naza Shopping Mall in Arbil/Hewler, Irak (14.06.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Dienstag, 18. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Mbita, Sena

Calle ist mal wieder vor mir wach, hat er sich doch auch schon Stunden vor mir pennen gelegt und offenbar sehr gut geschlafen. Als ich somit um kurz nach zehn mit Duschen fertig bin, hat er sogar schon Brot gekauft, auf das wir unser exklusives Bonzennutella streichen können. Für den kriminellen Preis von fast 500 Schilling haben wir das kleine Glas vor ein paar Tagen in Kisumu gekauft, doch es blieb uns echt nichts anderes mehr übrig! Bisher hatte ich im Urlaub nie Probleme, ein nutellaähnliches Produkt zu kaufen. Doch was von İstanbul bis Jerusalem, von Beirut bis Kairo anstandslos erledigt werden kann, ist hier offenbar unmöglich: Es gibt nur Erdnussbutter! Davon aber dann in jedem Supermarkt gleich ein ganzes Regal voll. Als wenn das nicht genug wäre, sind wir in Nairobi auch noch einem Irrtum aufgesessen, haben voller Freude ein Glas gekauft, wo groß »Chocolate« draufstand, dabei aber übersehen, dass gleich darunter – na was wohl? – »Peanut Butter« stand. Dabei sah das Glas doch so ganz anders aus als seine Nachbarn im Regal. In Kisumu haben wir es schließlich halbvoll im Zimmer zurückgelassen und das Nutella durfte seinen Platz im Rucksack einnehmen. Nochmal können wir uns solch einen Luxus auf dieser Reise jedenfalls nicht leisten.

Mittags machen wir uns auf den Weg, um einen kleinen Ausflug auf die Insel Mfangano zu machen. Wir sitzen auch schon im Boot, das sich nach und nach mit immer mehr Kenianern füllt, als uns ein Typ namens Patrick erzählt, dass die Überfahrt eine gute Stunde dauere und das letzte Boot am frühen Nachmittag zurückfahre. Ach so! Gut, dass wir uns so gut informiert haben und offenbar bestens Bescheid wissen.

Wir hüpfen also vom Boot, lassen sogar den Daypack drinnen, sagen, dass wir in 20 Minuten wiederkommen werden, und eilen zurück ins Gästehaus. Dort packen wir hurtig alles zusammen und Patrick findet es bereits lustig, dass wir als gute Deutsche fünf Minuten vor der von uns selbst veranschlagten Zeit fertig sind und nicht etwa erst eine halbe Stunde später. Ehrlich gesagt habe ich sowieso schon ein schlechtes Gefühl, die Leute auch nur 15 Minuten warten zu lassen, doch Patrick meint dazu nur: »Our life is all about waiting. That’s Africa!« Wie wahr.

Wieder am Anlegeplatz angekommen, schippert unser Boot mit unserem Rucksack aber gerade zweihundert Meter vom Ufer entfernt etwas planlos herum. Ich verstehe nicht ganz, was das soll, schließlich war ich mir sicher, dass die Bootstypen nicht nur nett, sondern auch wirklich interessiert sind, zwei Fahrpreise mehr zu kassieren. Patrick selbst will ja außerdem auch noch mit. Umso erstaunter bin ich, als man uns erklärt, dass der Bootsfahrer das normalerweise macht, um keine Passagiere zu verlieren. Würde er am Ufer bleiben, stiegen einige von ihnen nach längerer Warterei wieder aus und müssten entweder erneut eingesammelt werden oder würden womöglich an die Konkurrenz verloren gehen. Deshalb legt das Boot also ab, wenn die Laune der Passagiere sinkt. Klar, 200 Meter vom Ufer steigt auch keiner einfach mal aus. Und siehe da, kaum sichtet man uns mit Gepäck am Ufer, steuert die Kiste auch schon direkt auf uns zu. In Deutschland würde so ein Vorgehen wahrscheinlich als Straftat gelten, wegen Freiheitsberaubung oder sowas.

Die Fahrt auf der vielleicht 12 Meter langen Nussschale aus Holz erinnert mich irgendwie an die Abendnachrichten. Zwischen all den Schwarzen komme ich mir vor wie auf einem Schlepperboot vor Lampedusa, warte förmlich darauf, dass gleich ein Frontex-Schiff auftaucht und wir dann mit dem Versenken anfangen. Doppelt oder dreimal so viele Passagiere müssten es nur sein.

Wir kommen in Sena, einem der vier Hauptdörfer von Mfangano an. 18.000 Menschen wohnen angeblich auf dieser Insel, doch wenn das hier der größte Ort sein soll, dann weiß ich auch nicht: Eine sandige Piste als Hauptstraße, um die auf einer Länge von vielleicht zweihundert Metern viele Blechhütten und einige Steinbauten stehen. Das ist Sena City Centre. Aus der ersten Hütte ertönt natürlich Reggaemusik und eine nette Type namens Jill heißt uns freundlich willkommen.

Sie und ein paar andere Hanseln hier scheinen aber auch die einzigen zu sein, die gut Englisch sprechen. Da mussten wir also wirklich erst in dieses verlassene Kaff kommen, um nach elf Tagen endlich mal ansatzweise Kommunikationsprobleme zu haben. Das gute Englisch der Stadtkenianer hat mich nämlich fast schon genervt, ersparte es uns doch meist das abenteuerliche Überwinden von Sprachbarrieren. Hier hilft hingegen nicht mal das »Kauderwelsch Swahili« weiter, in das wir bisher nur genau einmal reingeschaut haben, um den Plural von Mzungu zu überprüfen. Die Mehrheit hier spricht nämlich Leo und gehört zum gleichnamigen Stamm. Wie Barack Obama.

Zwei Traktoren, ein Auto und ein Matatu. Das ist die komplette Auflistung der Fahrzeuge, die sich neben Motorrädern auf der Insel befinden. Patrick meint, drei von vier Inselbewohnern wären indes auch nicht in der Lage, ein Auto zu steuern, setzte man sie in eines hinein. Ab und an bringt eine spezielle Fähre mal einen Bulldozer oder einen Bagger vorbei, damit die Pisten wieder in Schuss gebracht werden oder irgendetwas gebaut werden kann. Strom gibt es natürlich auch nicht, oder besser gesagt nur aus Generatoren oder Solarzellen. Wer sein Handy laden will, bringt es zu einer Baracke auf die Hauptstraße, wo sich der einzige Phone-Charging-Laden des Ortes befindet, der hier sogar nur tagsüber lädt. In unseren Zimmern – in Ermangelung von Doppelzimmern heute übrigens erstmals zwei Einzelzimmer – sind Kerzen das Mittel der Wahl. Nur die Musik, die läuft natürlich immer und man hört sie überall, selbst um ein Uhr nachts.

Beim Teetrinken lernen wir Collins kennen, einen 24 Jahre alten Sozialarbeiter, der uns auf einen kleinen Spaziergang mitnimmt. Wir sehen, wie ein Fischernetz vom Ufer aus wieder eingeholt wird, und kommen an Plätzen vorbei, die wir ohne ihn wohl nicht so schnell aufgesucht hätten. Dabei fällt uns vor allem auf, wie nett die Leute hier alle sind. Sobald wir Anstalten machen, die Hand zu heben oder unser typisches »Jamboooo!«, das so viel wie »Hi!« oder »Wie geht’s?« heißt, anbringen, grinsen uns die Leute an und grüßen herzlich zurück. Bisher wurde hingegen ziemlich wenig gegrinst. Sogar das Wörtchen »Danke« dringt hier unvermittelt in unsere Hörkanäle! Ja Hilfe, was geht denn hier?!? Haben wir uns vielleicht verhört? Nach den Erfahrungen der letzten elf Tage hatten wir das gar nicht mehr im aktiven Vokabular eines Kenianers erwartet.

Am Dorf ist der Umgang einfach besser. Wohl erst recht auf einer kleinen Insel, die es unmöglich macht, in die Anonymität zu flüchten, und wo jeder viel mehr auf die Anderen angewiesen ist als in Nairobi oder Kisumu. Auch das Leben an sich läuft hier nicht nur einen, sondern gleich zwei Ticks langsamer als in den Städten. Was will man auch schon groß tun? Nachts wird gefischt, tagsüber gechillt. Nicht zuletzt die Tatsache, dass wir etliche kleine Kinder glücklich machen können, indem wir ihnen einfach nur die Hand geben oder etwas Nettes sagen, zeigt, dass dieses Kaff so weit ab vom Schuss liegt, dass Weiße für das eine oder andere Kind als großes Kino mit Marsmenschen angesehen werden. Die Kleinen rennen uns richtig nach und strecken dann verschämt die Hand aus, wenn man sich nach ihnen umdreht. Einfach nur süß.

Von Patrick sind wir, Mr. Calle vorneweg, inzwischen ziemlich angenervt, doch für das Abendessen kommen wir nicht um ihn herum. Am Nachmittag hat er für uns in einem Laden etwas bestellt, da er sicher gehen wollte, dass wir gutes Essen bekommen. Er meint es schon echt gut mit uns, hat uns sowohl auf dem Boot als auch beim Finden einer Unterkunft geholfen, doch wirklich schlau werden wir aus ihm nicht. Der Typ labert außerdem einfach zu viel! Ob das daher kommt, dass er angeblicher Chief guide im Inselmuseum ist, oder daher, dass er hier sowas wie der lokale Matador, der Oberwurschtler, sozusagen der geheime Bürgermeister zu sein glaubt? Wir wissen es nicht. Eigentlich sind die Diskussionen auch interessant, da geht es zum Beispiel um den Aufstellwinkel von Satellitenschüsseln oder um die Tochter von Tony Blair, die er angeblich eine Woche lang geführt hat, ohne zu wissen, wer sie in Wirklichkeit ist. Doch der Typ ist einfach anstrengend.

Beim Abendessen mit ihm und Collins sitzt auch noch Francis, ein 40-jähriger Lehrer, mit am Tisch. Der kriegt sich gar nicht mehr ein, als wir nach Bootspreisen sowie den Modalitäten zum Bootskauf fragen, um dann unseren neusten Plan zu präsentieren: Nussschale kaufen und den Nil bis Kairo runterschippern. Wenn das früher ging, sollte es jetzt doch auch gehen. Ein Monat dürfte reichen, meinen die drei, immer noch dauergrinsend. Wir glauben weit mehr. Für das Boot müssen wir um die 400 Euro berappen, können außerdem auch extra eines in Auftrag geben. Produktionszeit: 4 Tage! Wie es mit der durchgängigen Navigierbarkeit aussieht, weiß leider keiner so recht, doch es sollte schon gehen. Ein paar Mal muss das Boot dann halt getragen werden. Keine weiteren Fragen? Bei Erfolg dann bitte aus Kairo melden. Ahoi.

Auch heute geht es jedoch ums Geld. Wie immer halt. Ungefragt bekomme ich die Rechnung für den ganzen Tisch und muss mich sogleich versichern, ob ich wirklich richtig gelesen habe. Schlappe 480 Schilling? Von 4,50 Euro sind somit fünf Personen satt geworden und haben anschließend noch Tee getrunken. Damit ist dies mein wohl billigster Restaurantbesuch! Dass sich die drei selbst eingeladen haben, ist zwar trotzdem mal wieder überhaupt nicht in Ordnung, doch angesichts dieses Preises und der Tatsache, dass zwei von ihnen uns heute auch schon geholfen haben, können wir die Rechnung gerne begleichen. In den letzten Tagen haben wir schließlich oft allein zu zweit schon das Doppelte ausgegeben. Und sogar ein mehrfaches Danke gibt es heute dafür, vor allem von Francis.

Da wir aber keine Lust haben, alle auch noch auf ein paar Tusker einzuladen, genauso wenig schon wieder über Geld diskutieren wollen, verabschieden wir uns und verlassen das City Centre der Megametropole. In drei Buden läuft zwar Musik, sie sind jedoch geprägt von gähnender Leere. Zu zweit machen wir noch einen kleinen Strandspaziergang, sind erstaunt über die vielen Lichter der Fischer auf dem See und schauen auch einer Fischerfamilie zu, wie sie vier Paraffinlampen auf selbst gebauten Bojen montiert und die beiden etwa 16-jährigen Jungs anschließend ablegen, um in ihrer Nussschale gen Dunkelheit zu paddeln. Ein guter Zeitpunkt, um gute Nacht zu sagen und noch einige Zeit auf dem Bett im Schutz des Mückennetzes Bericht zu schreiben.

Wenn aber wieder so ein fetter Salamander, Lizard, Gecko, was auch immer es nun war, von der Decke fällt, wie heute Nachmittag, als ich gerade zum ersten Mal eintrat, hilft das Netz auch nicht mehr viel.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.