In einer Studentenbude in Ardabil, Iran (21.04.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Montag, 17. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Kisumu, Ndori, Luanda Kotieno, Mbita

Heute ist Carl vor mir dran. Angeblich schon um achte – wir glauben es ihm mal – steht er auf, duscht und fängt an, seine Sachen aufzuräumen. Gestern Abend haben wir noch entschieden, dass wir heute aus Kisumu abdampfen wollen. Die Diskussion war etwas länger als erwartet, denn ich war auf dem Stand, dass wir weiterziehen in Richtung Uganda, doch Carl will nun auf jeden Fall noch mehr Zeit in Kenia verbringen, weil wir ja vielleicht doch nicht mehr zurückkommen. Danach habe ich noch bis zwei Uhr Bericht geschrieben und so fällt es mir heute schon schwer, auch nur um neun aufzustehen.

Bevor wir aber einen Abmarsch machen, gibt es noch ein klein wenig zu tun. Als wir gestern unten am See Fisch gegessen haben, war die Szenerie mit den vielen Autowäschern, Klebstoffjungen – von denen es in Kisumu unzählige gibt – und Bootsfahrern einfach sagenhaft. Doch wir waren leider ohne Kamera dort. Heute ist nun zwar nicht mehr Sonntag und damit sind wohl weit weniger Leute unterwegs, aber wir packen es trotzdem runter, um die Stimmung zumindest einigermaßen einzufangen.

Dass wir unter einem angenehm schattigen Baum bei einem Tee hängen bleiben würden, hatten wir nicht geahnt. Die Teeportionen hier sind einfach zu groß, die drücken einem immer gleich eine richtig fette Tasse in die Hand. Das Wasser dafür kommt aus einem offenen Plastikbottich, um den fast genauso viele Fliegen fliegen, wie auf dem kleinen Tischchen vor uns Reste abschlecken. Der Rest fliegt zwischen uns rum. Dass die Plastiktassen, in denen uns das Zeug serviert wird, nicht abgespült und auch sonst vorher in keiner Weise sauber gemacht werden, versteht sich ja von selbst. Gut schmeckt er aber trotzdem, der Tee. Das muss man ihm lassen.

Internet bräuchten wir auch mal wieder, also versuchen wir es nochmal beim »Kenshop«. Heute ist der Laden nicht nur Café, sondern hat sogar Internet. Die modernen Rechner taugen auch, doch Headsets sind mal wieder Fehlanzeige, nicht mal Skype läuft auf den Kisten hier. Bis jetzt waren so gut wie alle Internetcafés, die wir in Kenia besucht haben, für meine Bedürfnisse ziemlich unbrauchbar. Die Systeme sind alle dermaßen abgesichert, dass man im Grunde überhaupt nichts anstellen kann. Während ich es bisher immer gewohnt war, dass die Läden dir einfach eine uneingerichtete Windowskiste hinstellen, ist hier alles durchdacht – zu sehr durchdacht! Über eine eigens eingerichtete Oberfläche lassen sich meist die Rubriken Internet, Office und Games auswählen, doch eigene Programme lassen sich weder installieren noch starten, jegliche Tastenkombinationen sind deaktiviert und dem Anwender wird quasi alles nur vorgekaut zur Verfügung gestellt. Freiheit gleich Null.

Wobei ehrlicherweise gesagt werden muss, dass das auch seine Vorteile hat: Hier laufen die Rechner wenigstens! Zumindest für das, wozu sie eingerichtet sind, kann man sie auch wirklich benutzen. Bei den Arabern war fast jeder Rechner bis unter die Haube mit Viren infiziert. Genau einmal habe ich Kaspersky installiert gesehen, das war dieses Jahr in Palmyra, Syrien. Nicht selten musste ich statt dessen meine SD-Karte auf dem PDA erst mühsam wieder von Viren säubern, nachdem ich sie eingesteckt hatte, damit vor allem die Programme für Windows Mobile wieder ans Laufen gebracht werden konnten. Da will man im Bus dann Pathaway benutzen, um zu wissen, wann man aussteigen muss, doch anstatt auf Satellitendaten und Rasterkarten starrt man auf eine dämliche Fehlermeldung und das Programm startet nicht! Seitdem habe ich immer auch eine saubere Ersatzkarte dabei, von der zur Not die Originaldaten runterkopiert werden können.

Gegen zwölf sind wir endlich soweit. Wir suchen uns ein Matatu, dass angeblich nach Mbita fährt, schmeißen unsere Rucksäcke aufs Dach und hoffen, dass der Typ, der sie dort mit einem anscheinend uralten Seil festschnallt, einigermaßen weiß, was er tut.

Es dauert nicht lange, bis wir merken, dass wir nicht dahin unterwegs sind, wo wir eigentlich hinwollen. Die Strecke ist nämlich dieselbe vom gestrigen Rückweg, nur eben in die andere Richtung und ein Blick auf den PDA bestätigt denn auch unsere Vermutung, dass wir gerade nördlich der Bucht nach Westen fahren – anstatt südlich, wo es eigentlich nach Mbita gehen würde. Auf Nachfrage erzählt man uns aber, dass das die bessere Strecke sei und wir in Luanda Kotieno die Fähre nehmen sollten, um ans Südufer zu gelangen. Nun ja, ändern können wir jetzt eh nichts mehr und im Grunde wird es schon stimmen, was unser Sitznachbar hier sagt. Und wenn nicht, dann geht es eben morgen nach Uganda.

Während wir so dahinfahren, unterschiedliche Orte, Menschen und Landschaften sehen, kann ich einfach nicht glauben, dass wir hier irgendwo in Schwarzafrika sind. Klar, alles sieht danach aus, die Frauen balancieren nonchalant zig Kilogramm auf ihren Köpfen, auf jeder Straße laufen hunderte Menschen zu beiden Seiten, obwohl es kilometerweit keine Ortschaften gibt, der Rest fährt Fahrrad, alle sind schwarz, die Straßen sind voller Löcher und meist nicht asphaltiert, die Vegetation ist extrem gemischt und erinnert den Mitteleuropäer eher an ein Gewächshaus oder eine Fernsehdokumentation – und doch fühlt es sich für uns nicht an wie Afrika.

Ich möchte jetzt nicht langweilen und schon wieder mit derselben Leier beginnen, doch ich kann es nur wiederholen: Fliegen ist ein absoluter Kackmist! Richtig dreckiger Scheiß! Anders kann ich es leider nicht ausdrücken. Es kann einfach nicht sein, dass wir vor zehn Tagen noch zu Hause in unseren Betten aufgewacht sind und nun zwischen Bananenstauden, Affen und pechschwarzer Bevölkerung am Äquator rumtollen. Das geht einfach nicht! Und der Körper weiß das, genauso wie der Geist. Von der Entfernung her habe ich das Gefühl, wir seien in der Türkei oder Südspanien, keinen Meter weiter. Dass das Wetter hier dem von zu Hause weit ähnlicher ist als jenes meiner anderen Urlaube, verstärkt dieses Gefühl außerdem ungemein. Genau das ist aber schade, denn so geht das Gespür für das Besondere verloren und man fühlt sich oft eher wie vor einer Fernsehdoku denn vor Ort. Wir jedenfalls kommen auch nach zehn Tagen echt noch nicht darüber hinweg.

Ich kann wirklich nur hoffen, dass mich die nächste Reise wieder per Land ans Ziel bringt!

In Luanda Kotieno bleiben uns noch fast zwei Stunden bis zur Ankunft und Abfahrt der Fähre. Das Dorf scheint ganz nett, sieht mit den vielen am Hafen liegenden Booten und der gemächlichen Atmosphäre wirklich nach einem Fischerdorf aus, doch die Leute sind hier irgendwie anders. Es geht damit los, dass hier auf einmal nicht mehr jeder Englisch spricht. Als ich den Namen von Früchten auf einem Baum in Erfahrung bringen will, stehen die vier kenianischen Jungs einfach nichtspeilend vor uns da, meinen gar, wir wollten uns eine der Früchte von ihnen herunterholen lassen. Aber auch die allgemeine Einstellung gegenüber Fremden scheint hier ganz anders zu sein, als wir es bisher gewohnt sind. Keiner spricht uns von sich aus an und wenn wir es tun, gibt es entweder gar keine Antwort oder aber einen ernsten, absolut grinsefreien Blick, der wohl in etwa »Wer bist du eigentlich und was zum Teufel fällt dir ein, hier Fragen zu stellen?« bedeuten soll.

Schließlich landen wir aber doch mit ein paar netten Fischerjungen in einer Bar. Harrison, der Chef und Bootsbesitzer ist 24 Jahre alt, die anderen erscheinen uns noch etwas jünger. Wie selbstverständlich bieten sie uns zwei Gläser ihers hochprozentigen Alks an und haben im Gegenzug aber auch einen Haufen Spaß mit uns. Die privaten Bilder, die ich wie immer mitgebracht habe, stoßen hier in Kenia auf noch viel größeres Interesse als auf meinen bisherigen Reisen. Die abgebildeten Leute sind alle weiß, Schnee ist noch viel exotischer als dies für einen Damaszener oder jemanden aus Marokko der Fall ist und generell gehört all das, was die Bilder vermitteln, einer ganz anderen, viel weiter entfernten Welt an.

Eine weitere richtig sympathische Geste ist offenbar, wenn wir den Leuten unsere Kameras in die Hand drücken und sie ermutigen, Fotos zu machen. Das war schon im Eisenbahnmuseum in Nairobi so, und das ist auch die ganzen letzten Tage so weitergegangen. Genauso auch jetzt, wo der eine erst gar nicht mehr aufhören mag, auf den Auslöser zu drücken und dann alle zusammen fasziniert das Ergebnis seiner Bemühungen auf dem Bildschirm betrachten.

Wenn man sich so gut versteht und Spaß miteinander hat, vergisst man auch mal, dass es den meisten Leuten hier eigentlich nur oder zumindest vordergründig ums Geld geht. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um bei uns irgendetwas abzustauben. Als die Flasche der Jungs leer ist, meint Harrison, dass wir ihnen doch eine neue kaufen könnten. Ja bitte, geht’s noch? Wir haben insgesamt höchstens ein Glas von dem Zeug getrunken und nun soll eine neue Flasche her? Für Ex-Iranreisende und Fans der arabischen Welt ist das echt hart zu verdauen!

Ich gehe mal davon aus, dass auch Afrikaner Respekt und Würde als hohes Gut ansehen. Doch wenn es um Geld geht, sind all diese Überlegungen nichtig – da zählt nur das Geld. Ungeniert und aus Sicht eines Europäers ohne jeden Anstand wir hier nach Geld gefragt, selbst wenn es gar nicht um Betteln oder Abstauben geht und es aus unserer Sicht daher offensichtlich überflüssig ist, das Thema überhaupt anzusprechen.

So hat die Leiterin des Gästehauses die letzten vier Tage immer gleich bei der ersten Begegnung des Tages nach dem neuen Tausender für die nächste Nacht gefragt. Anstatt dass sie mal einen guten Morgen wünscht, kriegt sie nur »You stay one more night? You must give me one thousand!« raus. Ach ne, hätten wir ja gar nicht gedacht, dass wir die weitere Nacht auch bezahlen müssen! Dass außerdem die meisten Leistungen, ja selbst Bestellungen im Restaurant, im Vorhinein bezahlt werden müssen, hatte ich ja schon erwähnt. Als Europäer fühlt man sich daher ständig auf den Schlips getreten, wenn man so rüde nach Geld gefragt wird, das man selbstverständlich sowieso noch gegeben hätte. Für mich, der sich bisher eher arabisch angepasst hat, ist es indes umso schwerwiegender. Bei allem Verständnis, ich wüsste nicht, wie ein Araber hier auch nur halb zurechtkommen sollte, ohne sich extrem anzupassen. Jede zweite Äußerung der Schwarzen wäre für ihn eine schwerwiegende Beleidigung.

Wer jetzt denkt, dieses Verhalten wird nur gegenüber Weißen an den Tag gelegt, der liegt falsch. Untereinander läuft das offenbar genauso. Niemandem wird getraut, bei Geld hört jeder Spaß auf. Dass wir aber als Wazungu in dieser Hinsicht noch mit weit mehr Problemen zu kämpfen haben, liegt auf der Hand. Die Leute denken nämlich wirklich, jeder Weiße sei Millionärskind, und viele versuchen, daraus persönlichen Profit zu schlagen. Ohne irgendwelche Umschweife befehlen uns teils wildfremde Menschen, Geld rauszurücken. Sozusagen weil es Naturgesetz ist. Ist doch ganz klar, oder? »Just for promoting me!« heißt es dann oft von diesen. »To promote« ist damit auch schon fast zum Unwort des Urlaubs erkoren, bedeutet es für uns doch nichts anderes als »Geld ohne Gegenleistung an dreiste Leute verschenken«, während die Kenianer eher etwas wie »Berechtigterweise Geld von Fremden einstecken, weil es sich so gehört« darunter zu verstehen scheinen.

Wohl aus demselben Grund gibt es hier auch keine Kultur des Danke-Sagens. Sicher, in Deutschland ist es vielleicht schon etwas zu weit gediehen damit, von Arabern und Persern wollen wir hier erst gar nicht sprechen, doch so ein kleines »Danke« wäre hier und da schonmal ganz angebracht. Wir fühlen uns immer noch komisch, wenn beim Überreichen von Gegenständen kein Wort fällt, wenn wir uns wortlos von der Kassiererin im Supermarkt abwenden oder wenn wir jemandem Platz machen und uns dieser Mensch nicht mal eines Blickes würdigt. Das wäre ja noch alles zu verkraften, wenn diese Unsitte nicht so weit gehen würde, dass sich die Leute oft auch nicht mal im Geringsten erkenntlich zeigen, wenn man ihnen etwas schenkt! Ob das nun das Bier ist, das mehr als ein Zehntel Wochenlohn darstellt, oder die 20 Schilling Restgeld, die wir einem netten Händler erlassen, es ist offenbar von der Gesellschaft so gedacht, dass hier ein »Danke« rein optional, in Informatikersprache »syntaktischer Zucker«, ist.

Es nervt jedenfalls mit der Zeit, dass man am Anfang eines Gesprächs meist nicht weiß, was der andere wirklich im Schilde führt. Ist er nur an einem kurzen Wortwechsel oder gar an dem interessiert, was wir von Deutschland oder anderen Orten zu erzählen haben, oder ist seine Intention einfach nur abzuzocken? Wenn jemand im dritten Satz mit irgendeiner dämlichen Geschichte à la Nigeria-Connection anfängt, denken wir uns einfach »Alles klar, Burschi, wir sagen dann mal wieder Servus!« und die Sachlage ist klar. Manchmal kommt die Überraschung aber auch erst sehr spät, wie zum Beispiel jetzt bei Harrison, der nach einer Stunde, in der eher wir ihn als er uns unterhalten hat, nach einer Flasche fragt.

Das scheint bei den Menschen hier einfach so drin zu sein, so als würde es zu den Genen gehören. Sie halten dieses Verhalten gegenüber Weißen für absolut normal und sehen sich keineswegs im Unrecht. Dabei ist das im Grunde doch ganz einfach: Leistung wird bezahlt, keine Leistung eben nicht. Selbst auf vielen Schulhäusern oder gar den Weg zu den Schulen weisenden Schildern stehen Dinge wie »Motto: Hard work and discipline pays!«. Na bitte, geht doch. Müssen wohl nur alle einmal nachsitzen.

Wer sich bei uns so verhält, bekommt daher auch kein Trinkgeld oder anderweitige Unterstützung, sondern geht leer aus. Die hier höchst seltene Bescheidenheit zahlt sich hingegen aus, da sind wir dann auch mal großzügiger.

Um sieben kommen wir nach einer guten halben Stunde auf der Fähre kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit in Mbita am Südufer an. Mindestens 20 Motorradtaxifahrer wollen uns natürlich mitnehmen und dafür teils unverschämte 100 Moneten kassieren, doch in diesem Kaff kann man sowieso alles zu Fuß laufen. Die aus Stein gebauten Häuser kann man an zwei Händen abzählen, die nächste asphaltierte Straße ist wahrscheinlich zig Kilometer entfernt und der Strom fällt alle Nasen lang aus. Über die nur von Motorrädern beleuchtete Hauptstraße zu schlendern und dabei zu beobachten, wie lange die Menschen brauchen, um uns als Wazungu zu identifizieren, ist aber auch ein kleines Abenteuer.

Um Mitternacht wird schließlich selbst der allerletzte Generator abgeschaltet, sodass ich außer einer Katze, die ein Huhn zu ärgern scheint, keinen Mucks mehr höre. Nach anderthalb weiteren Stunden Rumgetippe auf der zum Hauptplatz des Ortes ausgerichteten Veranda vor dem Elk-Hotel packe ich es dann auch endlich ins Bett. Morgen ist Gott sei Dank Ausschlafen nach Belieben angesagt.

Ach ja: Drei Gramm gutes Gras bekommt man hier für 20 Cent. Wieso kommen eigentlich alle nur zum Brunnenbauen und Wasserfiltern hierher?

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.