Abendessen im Zelt bei Redjim Maatoug, Tunesien (26.03.2007)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Sonntag, 16. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Kisumu, Luanda, Siaya, Kogelo, Ndori, Kisumu

Heute steht der Besuch von Barack Obamas Großmutter auf unserem Programm. Unsere beiden Reiseführer können zwar nicht mit besonderen Details aufwarten, doch scheint es so, als wohne sie in Kogelo, einem kleinen Dorf in der Provinz von Siaya, um die 60 Kilometer von hier. Was wir dort anstellen und wie es dort aussehen wird – darüber haben wir uns nicht wirklich Gedanken gemacht. Wir denken, dass wir einfach das Haus ausfindig machen werden, ein paar Fotos schießen und dann wieder abdampfen. Doch bevor es losgehen kann, muss auf jeden Fall noch Nahrung her.

Und was isst man am Victoriasee? Natürlich Victoriabarsch. Die künstlich eingeführte Fischart hat inzwischen hunderte andere Arten des Sees ausgerottet, da sie keine natürlichen Feinde vorfindet. Durch verstärkten Fang scheint der Mensch das hausgemachte Problem inzwischen zwar wieder besser in den Griff bekommen zu haben, doch zurückkommen werden die ausgerotteten Arten so natürlich auch nicht.

Wir folgen der Hauptstraße bis runter an den See, wo es um die 15 Fischrestaurants gibt. Restaurants heißt: 15 aneinander gereihte Wellblechbaracken, die sich alle »Hotel« nennen. Warum in Kenia jede noch so kleine Bruchbude, wo man Essen oder auch einfach nur einen Tee bekommen kann, gleich mit Hotel betitelt wird, ist mir schleierhaft. Ist das in Großbritannien etwa so üblich oder wer hat diesen Unfug hierher gebracht? Jedenfalls kommen aus jeder zweiten Baracke bereits Leute heraus, »Welcome!«, »Good Tilapia!« oder einfach nur »Come here!« schreiend, als wir noch gute hundert Meter vor den Hütten die Bahnlinie überqueren.

Wir beachten die Schreihälse nicht, gehen um die Baracken herum direkt zum Wasser, und schon bietet sich ein anderes Bild: Von hinten sehen die vorne wenig einladenden Restaurants mit ihren Seeblickterrassen auf einmal richtig gemütlich aus. Zumal wir sowieso keinen großen Unterschied erkennen können, wählen wir zufällig eines aus und werden sogleich vor zum Fischtisch begleitet. Dort liegt Fisch in so ziemlich jeder Größe, von handflächengroß bis anderthalb Ellen lang, frittiert und appetitlich aufgereiht. Für ein Exemplar, das uns beide satt machen dürfte, meint der Typ, sage und schreibe 750 Schilling abknüpfen zu müssen. 400 ist unser Richtpreis, den wir beim Herkommen noch von unserem gestrigen Fahrer aufgeschnappt haben, den wir zufällig trafen. Obwohl sie sich über unsere Offerte erst allesamt einen ablachen, einigen wir uns schließlich auf runde 500. Die lohnen sich aber auch wirklich, denn es schmeckt einfach bestens. Doch nicht nur beim Geschmack könnte man sich woanders eine Scheibe abschneiden, auch das einfache Essen mit den Händen – Messer, Gabel oder irgendetwas dergleichen wird hier nur im Green Garden hingelegt – vermisse ich vor allem in Deutschland immer wieder sehr.

Mit dem kleinen Rucksack bepackt nehmen wir ein Matatu in Richtung Siaya. An der Matatustation reicht es, »Obama’s Place« zu sagen, und schon geht irgendwer vor einem her und ruft das so laut die Straße entlang, dass sich der Fahrer des entsprechenden Matatus hervortut.

Im Matatu sitzend steigt, genau wie gestern, die Lust, selbst mit dem Karren hier zu sein und endlich fahren zu können. Der Linksverkehr wäre zwar sicher erst mal gewöhnungsbedürftig, ansonsten scheint es aber durchaus Spaß zu machen. Doch wie jedes Land bietet auch Kenia seine Verkehrskuriositäten: Als wir gerade überholen und danach von zwei am Straßenrand stehenden Bullen rausgewunken werden, grinst der Fahrer nur etwas blöd und fährt anstandslos weiter. Außerdem werden wir in dem Moment eh schon wieder selbst überholt. Klar, denke ich mir, verfolgen können die einen zu Fuß ja eh nicht. Das erinnert mich an so manche Kontrolle im Iran. Als wir jedoch kurze Zeit später einen LKW überholen und wieder zwei Bullen, auf jeder Straßenseite einer, uns dabei ertappen, geschieht Unbegreifliches: Wir verlangsamen, fahren auf das Bankett, während der gerade überholte LKW, dessen Fahrer uns ziemlich komisch angrinst, wieder an uns vorbeizieht. Wir stoppen dort aber nicht etwa für ein Kontrolle oder Ähnliches, sondern sobald der LKW an uns vorbei ist, fahren wir wieder auf die Straße und setzen unsere Fahrt unbeirrt fort. So doof es auch klingt: Wenn man in Kenia unerlaubt überholt und dabei erwischt wird, scheint es so zu sein, als müsse man sich einfach rücküberholen lassen! Dass wir eine Minute später wieder an dem LKW vorbeifahren und ihn dann endgültig hinter uns lassen, versteht sich ja von selbst.

In Luanda steigen wir in ein anderes Matatu um. Wie teils auch schon in Syrien regeln die Fahrer unter sich das Finanzielle, das heißt der ursprüngliche Fahrer zahlt dem des zweiten Matatus, in das man umsteigt, den Teilpreis für die Strecke. Korrekt und anständig, Transport läuft einfach immer. Als wir kurz darauf mal wieder anhalten, um Fahrgäste ein- und auszuladen, wird Calle von einem am Straßenrand sitzenden jungen Mann mit einer üblichen Floskel wie »You have something for me?!« angesprochen. Eher zum Scherze nimmt er daraufhin seinen Lolli aus dem Mund und hält ihn kurz in Angebotsgeste aus dem Fenster. Umso überraschter ist er, als der Mann wirklich aufspringt, ihm das Ding aus der Hand nimmt und sofort im eigenen Mund verschwinden lässt. Der Lacher für das ganze Matatu ist gesichert! Wenn ich nicht irre, bedankt sich der Typ sogar – in Kenia eine Seltenheit. Wohlgemerkt: Hier tut er es für einen gelutschten Lutscher.

In Siaya realisieren wir, dass wir zu weit gefahren sind. Vor 14 Kilometern hätten wir angeblich aussteigen sollen, meinen die umstehenden Leute. Wir stehen mitten auf dem Marktplatz und mir kommt es so vor, als würden hier sehr selten Weiße verplant herumstehen. Manche Leute bleiben einfach stehen und begaffen uns. Helfende Hände sind jedoch auch gleich zur Stelle und organisieren uns ein Motorradtaxi, das uns direkt bis zum Haus von Mama Sara – so wird Obamas Großmutter in Kenia genannt – fahren soll.

Für 300 Schilling geht es zu dritt auf einer Maschine los. Das ist hier zwar genauso verboten wie woanders auch, und uns wird später erzählt, dass sowohl die Fahrer als auch die Beifahrer im Falle einer Kontrolle dran sind, doch was soll’s? Auf dem Motorrad voranzukommen macht hier richtig Spaß und es ist umso lustiger, wenn die Leute uns als Weiße erkennen und die Kinder »Mzungu« hinterherschreien. Nach zwei Dritteln der Strecke wird der Fahrer kurz vor Kogelo jedoch irgendwie unsicher und wir fangen an, in Kurven und bei größeren Unebenheiten schwammig herumzuwackeln. Als wir schließlich an einer Stelle ankommen, wo am Straßenrand gerade ein Fahrrad repariert wird, fragt der Fahrer die Typen, ob wir einen Platten hätten. Ja, haben wir wirklich.

Die Typen am Straßenrand sind aber nicht zufällig da, sondern dieser staubige Platz mit zwei als Bank benutzten Brettern nebendran ist quasi eine Werkstatt! Hier werden am laufenden Band Reifen geflickt. Alles, was man in Kenia dafür braucht, ist ein abgenagter Maiskolben zum Abreiben und Säubern des Gummis, alte Reifen, aus denen man ein Stück zum Aufkleben rausschneiden kann, der Kleber selbst, und natürlich eine Luftpumpe. Die Räder werden gar nicht erst abmontiert, sondern direkt an den Motorrädern repariert, und so sind wir hier nach 15 Minuten wieder startklar, während es in Deutschland wahrscheinlich erstmal einen Werkstatttermin, zwei Tage und einhundert Euro gebraucht hätte, um weiterfahren zu können. Calle musste sogar pumpen.

In Kogelo passieren wir eine Schule, die den Namen »Senator Obama« trägt, kurz danach sehen wir vor zwei größeren Zelten ein Schild, das diese als Polizeistation kenntlich macht, und wenige hundert Meter später werden wir von unserem Fahrer mitten in der Pampa vor einem Tor abgeladen. Als ich letzten November auf CNN die Wahl verfolgt habe, gab es am Morgen auch eine Liveschaltung nach Kenia. Doch in meiner Erinnerung sah das hier irgendwie anders aus – oder die Bilder stammten von den Feierlichkeiten im Dorf selbst und nicht vom Wohnsitz der Oma?

Wir treten durch das Tor und müssen erst mal an einem Touristand vorbei, wo eine Type Armbänder und sonstigen Kram verkauft. Zehn Meter dahinter sitzen zwei Polizisten mit einem Radio an einem Plastiktisch und verlangen doch glatt unsere Reisepässe! Da kann man in diesem Land offenbar so ziemlich alles machen, ohne sich auszuweisen, und dann braucht man auf einmal einen Reisepass, um Obamas Oma zu besuchen! Wir sind den beiden jedoch zu Dank verpflichtet, da sie uns außerhalb der »offiziellen Besuchszeiten« hereinlassen. Von neun bis fünf sei hier offen, sagen sie, jetzt um sechs könnten sie uns nur ein paar Minuten geben, dann müssten wir wieder weg. Ich bin mir sicher, es hat Eindruck gemacht, dass wir mit einem Motorrad vorgefahren sind und nicht in einem schneeweißen Tourijeep.

Fünfzig Meter weiter oben, zwischen zwei Schatten spendenden Bäumen, sitzt Familie Obama in einem großen Stuhlkreis, und wir wissen gar nicht so recht, was wir außer »Jambo!« sagen sollen. Nichts haben wir uns vorher überlegt, haben keinen Plan, was wir überhaupt anbringen wollen. Wir dachten eh nicht, dass man mit der Großmutter oder der Familie einfach so reden kann.

Dabei läuft hier alles irgendwie so halb offiziell: Die Familie macht gerade einen Abgang ins Haus, als man uns sagt, dass jetzt noch der »Sprecher« herauskäme. Hä? Die Oma hat einen Pressesprecher?!? Kurz darauf erscheint ein Typ, der sich als Enkel der Oma ausgibt – er müsste folglich Obamas Cousin sein – und uns dann an einen kleinen Herrn Namens Nelson verweist. Dieser ist der Einzige, der mit uns und der Oma da bleibt, und als er die Diskussion mit »Is there a message you want to bring or something you want to know from Mama Sara?« beginnt, fühlen wir uns reichlich unwohl auf dem falschen Fuß erwischt. Irgendwie erwartet sich der Typ jetzt nämlich schlaue Sätze von uns. Wir haben aber keine Nachricht zu überbringen und Barack Obamas Oma ist halt auch nur Barack Obamas Oma, bestimmt keine Wahrsagerin, die wir nun nach unserer Zukunft befragen müssen. In Ermangelung guter Einfälle stelle ich der Großmutter des Präsidenten der Vereinigten Staaten also eine absolut belanglose Frage zur Umzäunung des Areals. Eine Frage zum Zaun! Selten wurde ich so doof angeschaut. Auch im Folgenden winden wir uns etwas unglücklich in den Formulierungen und ziehen die Diskussion etwas mehr ins Informelle, was auch der Oma durchaus zu taugen scheint. Den besten Lacher landen wir, als Nelson für Sara unser tägliches Sätzchen übersetzt: »Wisst ihr, Deutschland ist Papst, aber Kenia ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Ihr seid Präsident!« Das sitzt. Die Oma lacht sich einen Ast ab. Der Zaun ist hoffentlich vergessen.

Nachdem Nelson noch in für hiesige Verhältnisse professioneller Manier zig Fotos von uns und Sara gemacht hat, geht diese schließlich auch ins Haus. Mit Nelson führen wir hernach noch die wohl ernsteste Diskussion des bisherigen Urlaubs und ich habe auch das Gefühl, dass es bei ihm nicht gut ankommt, dass wir hier nicht Frewilligendienst oder sonstigen Shit machen, sondern einfach Urlaub. Für den Rückweg bestellt er uns extra ein Motorradtaxi, da es hier in der Pampa bei Dunkelheit sonst schwer werden würde, schnell weiterzukommen. Außerdem sieht es auch so aus, als pisse es bald.

Die Rückfahrt mit Motorrad und Matatu verläuft gut, außer dass wir in Kisumu vergessen, an der entsprechenden Stelle zu klopfen. Wie auch bei vielen Arabern klopft man hier einfach an die Karosserie oder haut mit einem Stück Metall darauf, um dem Fahrer zu signalisieren, dass man aussteigen will. Wir dachten, das Matatu würde eh dort halten, wir heute Mittag auch eingestiegen sind, doch das ist nicht der Fall. Naja, so müssen wir halt ein paar hundert Meter mehr laufen.

Abends sind wir richtig fertig und gehen nur noch im Grillhouse essen. Der Laden ist direkt neben der Cafeteria Al-Noor, in der wir ja schon vor ein paar Tagen gegessen haben, und dem Laughing Buddha, das vornehmlich von Indern besucht wird. Von denen gibt es hier übrigens ziemlich viele, da sie von den Briten nach Kisumu gebracht wurden, um die Eisenbahn fertig zu bauen. Komisch sind sie ja schon, die Inder: Da essen manche einfach im Auto, das sie direkt vor dem Restaurant geparkt haben. So als wäre es ein Drive-in, obwohl gemütliche Tische und Stühle zum Sitzen einladen. Die aufgestylten jungen Inderinnen, die hier rumlaufen, sind indes ein krasser Kontrast zu den Kenianern, die wir inzwischen seit gut einer Woche tagein tagaus zu Gesicht bekommen. Über dem Buddha ist offenbar auch ein Club, in den wir gehen könnten, genauso könnten wir aber auch der Einladung einer Kellnerin folgen, die uns zu einer Abschiedsparty von einer Kollegin eingeladen hat.

Hin- und hergerissen zwischen all den möglichen Optionen entscheiden wir uns letztendlich aber für die dritte: Wir gehen ohne weitere Anstalten ins Bett.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.