Die Tagesplanung haben wir mal wieder voll vercheckt. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, dass wir mittags nicht mehr in der Gegend rumstreunen, der Mittagshitze mehr entfliehen, stattdessen im Gästehaus Siesta machen oder woanders drinnen hocken. Morgens das Kisumu Museum, mittags Essen und Internet, dann wieder ins Hotel – so hatten wir uns das ungefähr vorgestellt. Dass das aber so nicht klappen kann, wenn wir erst um elf mit dem Programm anfangen, sollte eigentlich klar sein. Naja, man darf ja auch mal träumen.
Wir beginnen also mit dem Kisumu Museum, das uns zwar auch heute nicht verbilligten Eintritt gewährt, wenigstens aber wieder Strom hat. Neben einem typischen Ausstellungsraum, wo ausgestopfte Tiere sowie alte Gegenstände wie Waffen oder Musikinstrumente gezeigt werden, erinnert dieses Museum ein bisschen an einen Zoo. Hinter sechs Glasscheiben gibt es lebende Schlangen zu besichtigen, von denen die meisten gelangweilt in kargen Käfigen rumdösen. Wirklich was los ist nur bei den Kobras, die jedoch offenbar zu lahm für die zwischen ihnen herumhüpfenden Frösche sind. Auch der Königspython macht keinen besseren Eindruck, fällt er doch einfach so kopfüber vom Fenstersims zurück auf den Käfigboden. Nebst Schlangen gibt es außerdem noch eine ganze Menge Salat fressende Schildkröten sowie auch zwei Krokodile, die in ihrer jeweiligen Wasserpfütze ein Unterwassernickerchen halten. Wie lange dauert es eigentlich, bis die Viecher wieder auftauchen und nach Luft schnappen müssen? Die zweieinhalb Minuten des Kairoer Nilpferds im April toppen sie jedenfalls lässig.
Nachdem wir schließlich auch noch den Fischkeller besucht haben, in dem um die 20 teils viel zu kleine Aquarien rumstehen, fahren wir – natürlich wie auf dem Hinweg mit Boda-Boda – zurück ins Stadtzentrum. Nahrungsaufnahme steht auf dem Programm. Und zwar bei dem Fastfoodladen, wo wir gestern Abend nochmal den Italiener aus dem Zug getroffen haben. Inzwischen haben wir gelernt, dass wir explizit nach Schenkeln oder Brust fragen müssen, wenn wir nicht gerade irgendeinen unessbaren Shit vom Huhn bekommen wollen. Und siehe da, es funktioniert wirklich! Schade nur, dass es letztendlich zu wenig Fleisch ist und der Teller voller viel zu fettiger Pommes überquillt.
Es ist bereits drei – wir erinnern uns: das ist immer noch das Morgenprogramm – und wir sind dermaßen fertig, dass wir uns sofort und ohne weiteres sofort ablegen könnten. Trotzdem schleppen wir uns noch in ein Internetcafé. Eigentlich sogar in zwei, denn das erste Internetcafé war in dem Moment nur Café, hatte also kein Internet. Beim zweiten ist die Software jedoch mal wieder dermaßen assi eingerichtet, dass außer Firefoxbenutzung rein gar nichts möglich ist. Folglich dampfen wir nach 14 Minuten für 14 Schilling auch schon wieder ab.
Zurück im Lakeside Guest House wäre nun wirklich Ablegen angesagt. Doch Carl befiehlt mir, Bericht zu schreiben, wenn wir denn schon mal extra zu Hause sind. Recht hat er ja, nur irgendwie kostet es umso mehr Überwindung, je mehr ich im Rückstand liege – und natürlich auch je müder ich bin. Nach einer Weile auf dem Balkon geht Carl zur Assi-Bar direkt gegenüber, um ein Tusker und ein Redd’s zu holen. Dabei lässt er den Bartypen auch gleich in dem Glauben, im Hotel warte nun eine geile Ische auf ihn, da Redd’s angeblich nur von Frauen getrunken wird.
Auf dem Balkon wartet aber keine Ische, sondern eben ein müder Daniel, der heute offenbar so neben der Stange ist, dass er die Dose Redd’s kurze Zeit später über seine Tastatur kippt. Diesmal aber wirklich: Prost mitanand! Nicht, dass mir das zu Hause nicht auch passieren würde. Ganz im Gegenteil, einmal im Monat gibt es zu Hause leckeren Tee auf den Tasten und dann ist schnelles Reagieren angesagt. Meist geht es auch gut. Und wenn nicht, mei, dann gibt’s halt mal ne neue Tastatur. Aber das hier ist anders: Ich werde kaum einfach in den nächsten Laden gehen und mir eine faltbare Tastatur für einen sechs Jahre alten PDA holen können, wie ich sie schon vor über zwei Jahren nur noch über Umwege – für mein Modell gibt es nämlich eigentlich gar keine Tastatur – auf eBay gefunden habe. Die schnelle Reaktion und die einigermaßen geschlossene Bauweise des Gehäuses zahlen sich aus: Mein mit Spannung erwarteter Test morgen früh wird ergeben, dass alle Tasten einwandfrei funktionieren, die Tastatur ihre Feuer- oder, besser gesagt, Bierprobe also bestens bestanden hat.
Während alledem sagt Alena unser Essen für heute Abend ab. Die Familie, wo die beiden untergekommen sind, hat sie für dies und jenes eingeplant, doch morgen Abend soll es angeblich sicher klappen. Sie hätten quasi extra Freizeit angemeldet. War ja eigentlich klar, dass es so enden würde. Für ein paar Tage eingeladen zu sein und dann noch denken, dass man alles Mögliche machen könne, ist ein bisschen so, wie die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Geht mir oft nicht anders. Da fällt mir nur mein kleiner Gastfreundschaftsexkurs im Bericht von Tuyserkan vom letzten Jahr ein. Wer den liest, weiß Bescheid.
Unser gesundes Mittagessen toppen wir mit einem mindestens genauso gesunden Abendessen im Fastfood Al-Hussein. Ausnahmsweise gibt es hier aber mal kein Hühnchen, sondern dubios schmeckenden Kebab, fade Würstchen und auf kuriose Weise frittierte Kartoffelscheiben. Und auch meiner heutigen Rolle als Tollpatsch werde ich weiter gerecht, als ich fast vom Hocker falle, dabei den Tisch umhaue und Calle mir schließlich beim Gehen auch noch den Pulli hinterhertragen muss.
Von der Ausbeute unserer Nachttour sind wir heute etwas enttäuscht. Der Gipsy lobt diese Stadt als gute Partystadt an Wochenenden, doch dafür, dass heute Freitag ist, ist entweder viel zu wenig los oder wir sind einfach am falschen Ort. Locals fragen, steht deshalb auch überall geschrieben. Genau das tun wir vor dem Octopus-Club, der sogar im LP angepriesen wird. In diesem selbst ist aber nichts los, also bietet sich eine Type an, uns woanders hinzuführen. Eigentlich ist es doof, wenn sie uns da hinführt, denn uns ist klar, dass wir dann mal wieder ein Bier bezahlen müssen. Doch egal wie oft wir uns vornehmen, genau darauf zu achten – in der entsprechenden Situation ist es oft einfach zu schwer, darum herum zu kommen.
150 Meter weiter folgen wir der Type in ein vollkommen schäbiges Treppenhaus mit herausgebrochenenen Fenstern in den dritten Stock hinauf und landen dort in einer Bar, die sich Mombasa House nennt. Eine nette Aussicht auf die Lichter des Sees, Reggaemusik auf Anfrage und billiges Bier machen den Laden zwar ganz nett, mehr los als woanders ist hier aber mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil, eher weniger. Die Type bekommt von uns ausnahmsweise kein Redd’s, sondern ein Guiness, doch ihre Freundin, die uns angeblich sofort gefolgt ist, wegen ihren Stöckelschuhen aber erst zehn Minuten später aufkreuzt, geht selbst nach nerviger Diskussion leer aus – und schmollt dann beleidigt am Tresen.
Die Type bei uns, die ich bestimmt nicht als hübsch oder irgendetwas in der Art bezeichnen würde, ist aufgrund zweier Dinge interessant: Zum einen kommt sie aus Uganda, kann uns ein bisschen was über das Land erzählen und schreibt uns auch gleich die drei ihrer Meinung nach angesagtesten Clubs in Kampala auf. Das Monte Carlo kennt sie, wie übrigens viele andere hier, natürlich auch. Das scheint echt einer der bekanntesten und wichtigsten Clubs von ganz Kenia zu sein.
Zum anderen gibt die Type aber Interessantes von sich, als sie nach einigem Nachfragen anfängt, von ihrer Arbeit zu erzählen. Für den interessierten Leser (O-Ton DB-Camping-Kemper) hier also die Fakten: Einmal Blowjob macht 200 Schilling, also ganze 2 Euro. Volles Programm »shorttime« gibt es für um die 5 Euro. Die Verhandlung für die ganze Nacht beginnt bei 15 Euro, endet aber letztendlich bei 10 oder gar weniger. Bei älteren Wazungu wird nicht verhandelt, die zahlen meist sowieso freiwillig mehr, legen am Morgen auch mal 10.000 Schilling hin. Selbstredend ist die Konkurrenz sehr groß, allein im und vor dem Octopus, das hier bezeichnenderweise eher Octopussy genannt wird, tummeln sich oftmals mehrere zig Nutten. Von der Kohle drückt sie 400 Schilling pro Tag für das Guest House ab, in dem sie zusammen mit einer Arbeitskollegin wohnt. Ach ja, und dass die schmollende Typ von vorhin, die sich inzwischen verzogen hat, auch eine Kollegin ist, versteht sich ja von selbst.
Da soll sich nun jeder selbst seinen Teil dazu denken. Klar ist nur, dass hier selbst Klamottenwaschen mehr bringen kann als sich selbst zu verkaufen. Andererseits strampeln sich Boda-Boda-Fahrer auch mal eine halbe Stunde für 25 Schilling auf dem Fahrrad ab. Ein Bier kostet um die 110, ein anständiges Essen bisher mindestens 200. Man rechne also selbst.
Die gute Nachricht des Abends ist, dass Alena und Amanda morgen nun doch für eine Tour am Start sein werden. Zusammen mit zwei französischen Freundinnen werden wir zu sechst zum Kakamega-Regenwald ein Stück weit nördlich von hier fahren und dort mehr oder weniger den Tag verbringen. Morgen früh um halb zehn gibt es dann mehr Infos, doch bis dahin ist nun erst mal ein wenig Erholung angesagt. Wir sind folglich noch vor elf im Bett.