Mittwoch, 12. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Nairobi, Kisumu
»Wecker brauchen wir morgen nicht« dachte ich mir gestern noch. Stimmt wohl aber nicht so ganz! Ich war zwar heute morgen schon ein paar Male wach und auch heute drang wieder schöne Musik aus der Kirche zu uns herein, doch jetzt schaue ich auf die Uhr und es ist bereits kurz vor elf. In zehn Minuten müssten wir eigentlich aus dem Zimmer draußen sein. Nun heißt es, sich beeilen und hoffen, dass die das da unten nicht ganz so genau sehen wie die Stadtverwaltung mit dem Rauchverbot.
Eine halbe Stunde später ist das Zimmer bereits geräumt, wir sind – wieder mit der richtigen Dusche – geduscht und befinden uns auf Frühstückstour. Wie so oft in den letzten Tagen artet auch diese trotz eigentlich klar definiertem Ziel – nämlich eben frühstücken – aus, denn auf der Suche nach morgendlich Essbarem stoßen wir, wie kaum anders erwartet, vor allem auf »Chicken Inn«, »Chicken House« und »Chicken Palace«. Hühnchen hier, Hühnchen da, Hühnchen überall, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Manchmal fragt man sich doch, wie die Leute sich hier eigentlich ernähren können, auch wenn uns diese Chicken-Manie ja nicht gerade neu ist.
Anstatt bei Essbarem landen wir vorerst mal beim Geldwechseln. Eigentlich stehen hier an jeder Ecke Automaten, in den Bankvorräumen oft sogar acht bis zehn nebeneinander, doch Carl muss seinen Barbestand ein bisschen abbauen und deshalb stehen wir nun in der Schalterhalle einer Bank. Es gibt hier um die zehn Schalter, alle ringsherum angeordnet, über jedem Schalter hängt fein säuberlich ein Schild mit der Aufschrift der Aufgaben, die am jeweiligen Schalter zu erledigen sind. Und an welchen zwei Schaltern gibt es die einzige, aber dafür mächtig lange Warteschlange? An den Einzahlungsschaltern! Möglicherweise sind Überweisungen, wohl erst recht Gehaltsüberweisungen, hier noch ziemlich out und viele nutzen die Bank wirklich als Bank in dem Sinne, dass sie da ihr Geld einzahlen, damit es sicher verwahrt und nicht kurz darauf dem Einkommen des nächstbesten Kriminellen zugerechnet wird.
Irgendwann stoßen wir schließlich doch auf einen leckeren Marmorkuchen, den wir kurz darauf in der Fußgängerzone vernaschen. Hier sitzen insgesamt gut über hundert Kenianer einfach auf den Randmäuerchen oder den vielen Bänken und tun – gar nichts! Außer andere Leute beim Vorbeilaufen oder Nichtstun beobachten. Krasse Chiller allesamt.
Da wir erst um sechs am Bahnhof sein müssen und daher noch gut fünf Stunden Zeit haben, besuchen wir einfach mal den »US Embassy Memorial Park«. In den letzten Tagen kamen wir nämlich immer zu spät, um noch hereingelassen zu werden. Dieser Park mit seiner sehr bescheidenen Größe befindet sich auf jener Fläche, wo früher die amerikanische Botschaft stand. Die nicht allzu jungen unter uns erinnern sich vielleicht noch, dass es diese Botschaft in Nairobi war, die am 7. August 1998 gleichzeitig mit der in Dar Es Salam von Al-Qaida attackiert wurde. Über 200 Menschen kamen damals allein hier bei dem bisher größten Anschlag auf dem afrikanischen Kontinent ums Leben. Amerikaner, denen der Terrorakt laut dem damaligen Aufruf vom Kollegen Bin Laden eigentlich gelten sollte, waren jedoch nur ein paar Hand voll darunter. Die große Mehrzahl der Toten und Verletzten waren hingegen Kenianer, die in einem angrenzenden Bürogebäude arbeiteten, welches im Gegensatz zur Botschaft komplett in sich zusammenfiel.
Während der Park selbst neben der Gedenkwand mit den Namen der Toten, den wahrscheinlich vor fünf Tagen hier abgelegten Blumen und der einen oder anderen Skulptur auch als Minierholungsgebiet für gestresste Nairobis fungiert, wird im angrenzenden Gedenkmuseum, das nun an Stelle des damaligen Bürogebäudes steht, die Geschichte um den Anschlag in Wort, Bild und Video erzählt. Dort erfahren wir zum Beispiel, dass der Terrorist, der aus dem LKW ausgestiegen war, um die Öffnung des Tores zu erzwingen, seine Waffe auf dem Beifahrersitz vergessen hatte und deswegen einfach nur mit Händen und Füßen die Wache davon überzeugen wollte, den LKW herein zu lassen. Der Wachmann wiederum war auch unbewaffnet und während er dem Terroristen noch vorgab, er hätte die Schlüssel zum Tor gar nicht, ignorierte die Wache in der Botschaft offenbar seine Hilferufe, tat diese sogar als Scherz ab. Klingt nicht gerade nach amerikanischer Botschaft, oder? Auch dass das Tor nur wenige Meter vom Botschaftsgebäude entfernt war und dieses vom Bürogebäude ebenfalls nur wenige Meter trennten, forderte viele Menschenleben. Eigentlich gelten bei den Amis 30 Meter Mindestabstand zum Zaun, doch die Botschaft in Nairobi wurde vor der Einführung dieser Vorschrift gebaut. Heute versucht man das jedoch anscheinend auch bei bereits bestehenden Gebäuden durchzusetzen und sperrt kurzerhand einfach mal eine ganze Straße permanent – siehe Berlin!
Nach einem wunderbaren Essen im Lokal von gestern Abend besuchen wir auch gleich nochmal denselben Internetschuppen. Heute haben wir zwar Headsets, doch keines davon funktioniert oder die Einstellungen an den Kisten sind vollkommen daneben. Wie auch immer, wir sehen auch keinen der anderen telefonieren, die meisten hängen irgendwo auf Facebook oder Jobangebotsseiten für Afrika und den Nahen Osten rum. Neuigkeiten aus der Netzwelt gibt es trotzdem: Robert hat für September eine USA-Reise gebucht und wird, wenn überhaupt, somit wohl frühestens Anfang Oktober hier unten am Start sein, dafür sieht es jetzt so aus, als hätte Kati aus Marokko Interesse, sich uns anzuschließen. Das Beste jedoch ist ein von Robert geschickter Artikel, in dem von einer ernsten Panne an jener Boeing 707 der Eram Air berichtet wird, mit der wir letztes Jahr von Kish zurück nach Tehran geflogen sind. Nach den zwei nur einige Wochen zurückliegenden Unfällen mit Maschinen des Musters Tupolev 154, wie wir sie auf dem Hinflug damals hatten, rundet diese Nachricht unsere iranischen Flugerlebnisse bestens ab.
Pünktlich um sechs kreuzen wir mit den gerade im Hotel abgeholten Rucksäcken am Bahnhof auf. Ganz so viel wie gestern ist nicht mehr los, denn die meisten Pendler sind offenbar schon weg. Bevor wir aber den Bahnsteigbereich betreten können, müssen wir uns einen Zettel abholen, den sie hier Boarding Card nennen. Überhaupt scheint die ganze Zugticketbürokratie hier richtig kompliziert zu sein. Gestern noch musste die Type drei Blätter und zwei Pappbillets à la türkische TCDD, die hier jedoch sogar gestempelt werden, zusammentackern, heute werden unsere Namen manuell auf einer handgeschriebenen Passagierliste kontrolliert und eben diese zwei Bordkarten ausgestellt. Das Beste ist, dass darauf die Telefonnummer des »Train Managers« – also wohl des Zugführers – steht. Dieser kommt uns später sogar mal besuchen und sagt, wir sollten ihn anrufen, wenn es Probleme gäbe. Man stelle sich nur vor, auf jedem ICE-Ticket der Deutschen Bahn stünde die private Telefonnummer des Zugführers!
Bezeichnend ist auch, dass der Ticketladen voll von Wazungu ist. Hier am Bahnhof laufen davon so viele rum, wie wir in den ganzen letzten fünf Tagen nicht gesehen haben. Während die meisten dieser Wazungu nach Mombasa fahren, sind die einzigen Weißen auf unserem Bahnsteig zwei deutsche Mädels, die ich mit »Habt’s ihr ’ne Ahnung, wie das hier läuft?« beim Vorbeigehen unvermittelt aufhalte. Alena und Amanda sind jeweils im Rahmen eines Praktikums hier und wollen für vier Tage nach Kisumu fahren. Mit dem neunten (sic!) Praktikum seit dem Abi macht zumindest die 22-jährige Alena dem Begriff »Generation Praktikum« alle Ehre. Backpacken geht hingegen trotz Thailand- und Senegal-Erfahrung mal gar nicht, ihr Rucksack sei eine Fehlinvestition gewesen, sagt sie, in Nairobi hat sie einen Hartschalenkoffer dabei. Na dann mal Prost!
Zugfahren macht mir ja sowieso immer Spaß und ist auch dieses Mal wieder ein echtes Highlight. Sofern es geht, sollte man das wirklich in allen Ländern, die man besucht, ausprobieren. Die kleine soziale Einheit eines Abteils, eines Waggons oder gar eines Zuges verrät oft viel über das Land an sich. Und wo lernt man besser Leute kennen, kann unbeschwert herumlaufen und mit jedem reden? Bestimmt nicht im Bus.
Ausnahmsweise haben wir aber mal nicht die unterste Kategorie genommen, denn in der 3. Klasse geht es anscheinend recht unangenehm zu. Allein schon den Massen nach zu urteilen, die sowohl in Nairobi als auch an den folgenden Stationen in die hinteren Wagen einsteigen, stelle ich mir das dreimal chaotischer als die unterste Klasse in der Türkei vor. Wir erinnern uns: Achterabteile, die zu elft und kurzzeitig sogar von mehr Leuten belegt werden. Dazu schlafende Leute auf dem ganzen Gang, die es mit den dazwischen liegenden Tüten unmöglich machen, auch nur auf die Toilette zu kommen. Und natürlich Gepäck ohne Ende. So in etwa, nur noch etwas härter, muss das hier wohl auch sein.
Wir sind heute also in der zweiten Klasse, ungefähr das, was man bei uns als Liegewagen bezeichnen würde. Sofort beim Betreten des Waggons fällt auf, dass der Gang sehr viel enger ist, als gewohnt. Carl bleibt mit seinem Rucksack sogar hängen und schleift sich dann irgendwie bis zu unserem Abteil mit dem Buchstaben D durch. Gegenüber der normalen Breite fehlen sicherlich um die 30 Zentimeter oder mehr. Wo die genau verloren gehen, ist uns nicht ganz klar. Die Betten erscheinen mir beim Liegen zwar gute zehn Zentimeter länger, da ich mich gerade noch so ausstrecken kann, doch das allein kann es nicht sein. Da die Bahn hier aber mit einer gegenüber dem europäischen System kleineren Spurbreite von nur einem Meter arbeitet, könnte ich mir vorstellen, dass auch das Lichtraumprofil der Strecke enger und damit die Breite der Wagen insgesamt kleiner ist.
Es gibt außerdem nur vier Betten pro Abteil und der Abstand zwischen der Sitzbank bzw. den Betten links und rechts ist bedeutend größer, als dies in den mir bekannten europäischen Wagen der Fall ist. Schön ist auch, dass man unten immer noch sitzen kann, wenn oben schon gepennt wird, da es kein mittleres Bett gibt, das das Sitzen einschränkt. In jedem der nur sechs Abteile – die Wagen hier sind auch kürzer – gibt es außerdem ein mittig angeordnetes Waschbecken. Eigentlich wären wir zu viert in unserem Abteil, doch die etwa sechsjährige Tochter unseres Abteilkollegen wird schon kurz nach Abfahrt in Nairobi von einer Schaffnerin in ein anderes verlegt. Dass die Geschlechtertrennung so rigide durchgehalten werden muss, finden wir aber doch ein klein wenig übertrieben. Die beiden Mädels sind hingegen nur zu zweit in ihrem Abteil, sodass wir den Abend eher drüben abhängen.
Typisch ist mal wieder die Fülle an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die im Zug zum Zuge kommen. So werden unsere Tickets dreimal kontrolliert, wobei von jedem Typen irgendein anderer Abschnitt geprüft oder abgerissen wird. Es gibt außerdem extra Leute, die sich, so sieht es für mich zumindest aus, nur um das Bettzeug kümmern, sodass wir bei der Rückkehr aus dem Speisewagen unsere perfekt gemachten Betten vorfinden. Doch dass mal jemand auf die Idee kommen würde, die defekte Elektrik zu reparieren, ist offenbar ein allzu abwegiger Gedanke. Der ganze Zug ist nämlich ohne Strom. Und weil die Kenianer wohl meinen, es sei einfacher, jeden Abend etliche Akkulampen an alle Abteile zu verteilen, die dann natürlich auch aufs Klo mitgenommen werden müssen, die tagsüber geladen werden müssen, die also einfach stressig sind, wird es wohl auch in Zukunft keinen Strom geben. Wohlgemerkt in einem Zug, der immer nur nachts fährt!
Selbst im Speisewagen wird auf diese Weise Licht gemacht. In unseren 1.750 Schilling pro Person sind nämlich auch Frühstück und Abendessen enthalten. Freundlich werden wir empfangen und dürfen uns an den bisher bestgedeckten Tisch dieser Reise setzen. Anständige Porzellanteller, gescheites Besteck, das nicht erst bestellt werden muss und dann nicht kommt, saubere Tischdecke, kurzum: alles ziemlich anständig. Zu essen gibt es ein Stück Brot, Tomatensuppe, Reis sowie Rindfleisch oder Huhn. Ach, und für Vegetarierin Amanda sogar ein bisschen gekochtes Gemüse.
Spätestens im Speisewagen merken wir außerdem, dass die ganze Bude schaukelt wie eine Segelyacht, wahrscheinlich sogar mehr. Das unebene Gleisbett und die genauso mies verlegten Schienen lassen grüßen. So wird man auch beim Laufen dauernd hin- und hergeschüttelt. Und dass man so nicht schneller fahren kann als die TCDD in Ostanatolien, ist auch klar. Meist tuckern wir nämlich mit etwa 35 Kilometern pro Stunde gen Victoriasee – mit kurzzeitigen Spitzen, die es laut GPS auf immerhin 65 km/h bringen. Da ist es kaum verwunderlich, dass es auf diese Weise 14 Stunden braucht, um die 381 Kilometer nach Kisumu zurückzulegen.
Doch wenigstens kommen wir so nicht mitten in der Nacht an.
Donnerstag, 13. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Nairobi, Kisumu
Gegen sechs wird es auf einmal richtig kalt. Dazu kommt, dass die Zugbremse einen Schluckauf bekommen zu haben scheint, denn am Ende jedes Bremsvorganges, kurz bevor der Zug zum Stillstand kommt, rüttelt es die ganzen Wagen so durch, als befände sich die große Schlange aus Metall in ihren allerletzten Zügen. Ich versuche, zumindest der Kälte mit einer sinnvolleren Nutzung meiner Decke zu begegnen, wieder einschlafen geht trotzdem nicht.
Das Tageslicht bietet wieder ein paar gute Gelegenheiten zum Fotografieren. Heute sind es aber vor allem Landschaftsfotos und irgendwelche Dorfbahnhöfe. Gestern sind wir hingegen kurz nach Abfahrt erstmal eine halbe Ewigkeit durch Kibera, den angeblich größten Slum Afrikas, gefahren. Eine Barackenwelt aus endlosem Blech, hügelauf, hügelab, soweit das Auge reicht. Dazwischen immer wieder Schneisen mit Bergen aus Müll. Das Ganze teilweise nur einen halben Meter von der Bahnlinie entfernt, wo sich das Leben so stinknormal zwischen Müllfeuern, Geschäftsbaracken, wo auch DVDs verkauft werden, und schlammigen »Marktplätzen« abspielt, dass man es als Weißer wohl kaum näher erleben kann, ohne dass die eigene Sicherheit gefährdet ist. Ich bezweifle zudem sehr, dass sich dort irgendein normaler afrikanischer Städter reintrauen würde.
Und doch ist man selbst im Zug nicht sicher: Der fünfte Mzungu im Zug, ein Italiener in der ersten Klasse, wurde von einem Jungen beim Versuch, die aus dem Fenster gehaltene Kamera zu ergattern, so angesprungen, dass er eine kleine Verletzung an der Hand abbekam. »Das hätte ich nie erwartet!« hat er uns später erzählt, doch ehrlich gesagt finden wir, dass das hier vorprogrammiert ist, wenn man an diesem Flecken Erdenelend die Kamera zum Fotografieren aus dem Fenster hält.
Der Italiener und seine kenianische Freundin liefern heute nach unserer Ankunft in Kisumu auch gleich eine interessante Fortsetzung: Nachdem er von Calle und mir ein Foto vor der Lok gemacht hat, bittet er uns ebenfalls um ein Foto von ihnen. Die beiden stellen sich also vor die Lok, während wir den Auslöser drücken. Doch auf einmal ist die Lok in Bewegung! Nur, wir merken es nicht. Zum Glück kommen auch gerade die beiden Mädels vorbei und fangen an zu rufen. Der Italiener dreht sich daraufhin nur kurz um, erkennt ebenfalls, dass die Lok auf ihn zufährt und springt dann mit seiner Freundin gerade noch rechtzeitig auf den Bahnsteig. Anderthalb Sekunden mehr und der Kuhfänger hätte die beiden an den Beinen aufgegabelt!
Alena und Amanda werden von einer Familie abgeholt, bei der sie auch unterkommen, wir ziehen hingegen mit unseren Rucksäcken in die Stadt und landen recht schnell beim Lakeside Guest House, wo wir für 1.000 KSh ein extrem sauberes Zimmer bekommen. Dass die Betten absolut durchgelegen sind, das Licht im Bad nicht funktioniert und auf dem Duschhahn 220 Volt anliegen, merken wir erst später. Richtig reizvoll ist hingegen der allgemein benutzbare Balkon des Hauses, von dem aus sowohl das Straßentreiben zu beobachten ist, der aber auch einen sehr schönen Blick auf die Ausläufer des Victoriasees bietet.
Kisumu ist die drittgrößte Stadt des Landes, wobei sie überhaupt erst vor acht Jahren zur Stadt ernannt wurde. Barack Obamas Vater kommt aus einem Dorf in der Nähe. Die Obamas waren 2006 auch hier und haben sich öffentlich auf HIV testen lassen, um die Bevölkerung zu ermutigen, dasselbe zu tun. Jeder fünfte hier ist laut Schätzungen infiziert. 250.000 Einwohner soll die Stadt haben – uns kommt es vor wie 60.000. Niedrige Häuser mit Arkaden im Kolonialstil und die Boda-Boda genannten Fahrradtaxis prägen das Stadtbild. Für 10 bis 25 Schilling kann man mit diesen auf den hinten angebrachten, recht großen und gemütlichen Sitzkissen quer durch die Stadt kommen, dabei Fotos machen oder eine rauchen, während sich der Fahrer abstrampelt. Vor allem bergauf! Da kostet es aber oft auch etwas mehr.
Zum Mittagessen gehen wir in ein deutsches Restaurant, das uns die Mädels und der Reiseführer empfohlen haben. Schon allein die Karte liest sich so schmackhaft, dass wir vor lauter lecker klingenden Gerichten gar nicht wissen, was wir überhaupt nehmen sollen. Schließlich landen wir bei Lasagne. Der Besitzer hier ist Deutscher und scheint sein Personal sehr gewissenhaft auszuwählen und auch gut zu instruieren, denn hier werden wir gut bedient, der Kellner verhält sich normal und abgezockt werden wir auch nicht.
Sonst funktioniert das nämlich meist so: Für jede Teilbestellung bekommt man eine eigene Rechnung. Zwei Tusker? Rechnung! Essen? Rechnung! Nochmal zwei Tusker? Nochmal Rechnung. Und so läuft das oft den ganzen Abend. Wenn es ganz hart kommt, wollen die sogar bezahlt werden, bevor irgendetwas gebracht wird. Jeden Tag fragen wir uns deshalb: Sehen wir so wenig vertrauenswürdig aus? Mit dem Wechselgeld ist das auch so eine Sache. Das braucht schon mal gut 20 Minuten, bis es am Tisch liegt. Spekulieren die darauf, dass wir nullcheckerhaft abhauen und ihnen noch 100% Trinkgeld draufgeben, oder gehört sich das in Kenia so? Naja, all das gibt es in diesem Lokal – »Green Garden« heißt es – endlich mal nicht. Und das Wichtigste ist sowieso, dass es hier sehr gut schmeckt.
Wir fahren mit den Boda-Bodas, die zwar überall rumstehen, zusätzlich aber auch quasi an festen Taxiständen stehen, zum Kisumu Museum. Leider jedoch vergeblich, da der Laden keinen Strom hat und uns der Typ nicht mal vor diesem Hintergrund ermäßigt reinlassen will. Dann sollen wir halt morgen wieder kommen. Nun wollen wir eigentlich mit zwei anderen Boda-Bodas zurück ins Stadtzentrum fahren, doch die Verständigung klappt überraschenderweise mal überhaupt nicht. Als wir realisieren, dass die beiden Null Ahnung haben, wo wir hinwollen, und wohl einfach nur frei nach Schnauze fahren, müssen wir sie mit Hilfe des GPS zurück in die richtige Richtung dirigieren. Der Track schaut am Ende nach einer halben Stadtrundfahrt aus: Dreieinhalb Kilometer Fahrt für eigentlich anderthalb Kilometer Strecke. Na wenigstens freuen sich die beiden extrem über unseren Hunderterschein, den wir ihnen für die große Mühe da lassen. Wieviel er ihnen aber bringt, ist fraglich, denn die Hälfte davon müssen sie wahrscheinlich sowieso gleich in Wasser investieren.
Irgendwann am Nachmittag pennen wir im Zimmer ein. Der kurze Schlaf im Zug macht sich bemerkbar, aber auch die fast senkrecht stehende Sonne macht uns ziemlich fertig. Wir befinden uns gerade mal auf sechs Minuten südlicher Breite, also fast auf dem Äquator. Rechnet man noch den Sonnenstand ein, den ich um diese Jahreszeit mal auf so elf Grad Nord schätzen würde, kommt man auf elf und ein paar Zerquetschte. Also immerhin so senkrecht, wie wir es beide noch nie erlebt haben.
Als wir aufstehen, pisst es gerade in Strömen. Wir warten also noch ein bisschen und gehen dann auf Essenstour. Diese endet schließlich in einem arabischen Restaurant names Al-Noor, bei dem wir uns eine Portion Kebab bestellen. Sogar Carl isst Kebab! Obwohl wir bisher fast jeden Tag die Kebabdiskussion auf dem Tisch hatten: Ich fand sieben Wochen Kebab im Iran super, er konnte das Zeug hingegen seitdem nicht mehr sehen. So unterschiedlich sind die Eindrücke einer Reise.