Meydan-e Imam in Isfahan, Iran (14.05.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
8. August 200912. August 2009

Sonntag, 9. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Nairobi

Der Plan für heute war, dass wir uns vormittags in ein Café begeben und dort gemütlich Reiseführer lesen, Bericht schreiben und unser nächstes Tun besprechen. Mit diesem Vorsatz verlassen wir das Haus, landen jedoch stattdessen im Uhuru-Park westlich des Stadtzentrums. Hier gibt es viel Wiese mit Wegen dazwischen, mehrere Brunnen und sogar einen See. Wären wir im Iran, würden wir jetzt wohl, soweit das Auge reicht, Familien auf Teppichen sehen, hier hingegen flacken einfach nur vereinzelte Leute in Todespose auf der Wiese, während andere spazieren gehen. Das beste ist jedoch die Raucherzone gleich neben dem Eingang: Ein sechs mal sechs Meter großer Platz mit dem Schild »Smoking Zone«, der sogar mit Stacheldraht von der dahinter liegenden Wiese abgegrenzt ist. Die spinnen, die Kenianer!

Auf der Suche nach dem Eisenbahnmuseum stoßen wir auf fünf Jugendliche, die vorgeben, gerade aus dem Fußballtraining zu kommen. Sie wollen uns den Eingang zum Museum zeigen, wir merken jedoch recht schnell, dass sie eigentlich noch weniger Ahnung haben als wir. So landen wir zunächst am Bahnhof, wo einer der fünf sich verabschiedet, weil es ihm wohl zu blöd geworden ist, nichts peilend durch die Gegend zu latschen. Mit den anderen vier folgen wir nun doch endlich den Schildern, auf die wir zwar schon vor 20 Minuten hingewiesen haben, dabei jedoch astrein ignoriert wurden, und gelangen endlich zum Eingang. 400 für Touris, 100 für Einheimische, das sind die Preise. All unsere Versuche, die vier Typen vorher loszuwerden, sind gescheitert, bis wir hier nun an der Kasse stehen, klebten sie förmlich an uns. Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig, als auch ihren Eintritt zu bezahlen.

Während es uns in den ersten paar Minuten noch so vorkommt, als seien sie wenig interessiert und nur mitgekommen, weil sie hier von den Weißen etwas abzocken könnten, schwenkt ihre Attitüde schon nach kurzer Zeit in großes Interesse um. Wir sind sowieso von Anfang an interessiert, schließlich wollten wir ja auch wirklich hier hin. Eisenbahnmuseen sind immer wieder faszinierend, in Damaskus standen zum Beispiel zig alte Lokomotiven rum und im Hangar konnte man sehen, wie heute an den Teilen gearbeitet wird. Doch dieses Museum hier ist das bisher interessanteste, das ich besucht habe. Was aber nicht zuletzt an unserem Führer David liegt, der selbst der größte Eisenbahnfan von ganz Nairobi zu sein scheint, alle Fakten und Daten auswendig weiß und es einfach drauf hat, selbst mittelmäßige Geschichten spannend zu erzählen.

Was in Deutschland wohl der Horror jedes Museumsdirektors wäre, ist hier ganz normal: Alles darf angefasst, benutzt und ausprobiert werden. Ja, muss sogar, denn David besteht darauf. Wir setzen uns auf Stühle, wo bereits die Queen draufsaß, posieren auf dem Frontsitz einer Dampflokomotive, den schon Roosevelt benutzt hat, und lehnen uns an Tischen und Vitrinen an, die von irgendwelchen deutschen Kreuzern aus dem Weltkrieg stammen.

Draußen geht es genauso weiter. Dort stehen Lokomotiven und Waggons en masse, die alle begangen oder, im Falle mancher Lokomotive, bis zum Dach bestiegen werden können. Ein Foto von allen zusammen auf dem Kessel einer Dampflokomotive hat man ja auch nicht alle Tage. Während wir einen alten Viererwaggon besichtigen, erzählt uns David, wie genau an der Stelle, wo wir jetzt sitzen, drei Weiße auf einen Löwen gewartet haben, um ihn umzubringen. Der zur Wache eingeteilte schlief jedoch ein, der Löwe war schlauer – und so war es ein Weißer, der sein Leben ließ, nicht aber der Löwe. Und das alles in genau diesem Waggon!

Um kurz vor fünf verlassen wir das Museum und suchen etwas zum Essen. Spätestens jetzt müssen wir die »vier von der Tankstelle«, wie Calle sie getauft hat, loswerden. Eigentlich haben wir gerade schon klar gemacht, dass wir ihnen auf keinen Fall etwas zu essen zahlen werden, da wir sonst gar nicht wüssten, wo wir da hin kämen, wenn wir das nun wochenlang jeden Tag tun würden. Dem stimmen sie zwar zu, wirklich gecheckt haben sie es wohl aber immer noch nicht. Carl plädiert dafür, einfach in einem Restaurant zu verschwinden, während die anderen ein paar Meter vor uns herlaufen, ich stelle die Sachlage jedoch lieber mit ihnen klar: Wir gehen jetzt essen, und zwar allein, weil wir das so wollen. »And what about us?« fragt einer da auch noch dumm! Ja nix, Burschi, »nice to meet you« und bis bald, inshallah. Mit beleidigter Fresse ziehen sie ab. Dankbarkeit scheint aber sowieso keine Stärke der Kenianer zu sein.

Gerade noch rechtzeitig besuchen wir spontan die Aussichtsplattform auf dem Kenyatta Conference Centre, mit 29 Stockwerken und 105 Metern das zweitgrößte Gebäude Nairobis. Hier oben befinde sich der angeblich einzige Heliport Kenias und vor ein paar Tagen sei auch Hillary Clinton hier eingetroffen, erzählt uns der Typ, der uns über verwinkelte Treppen hier hoch geführt hat. Die Aussicht ist zwar schön, doch ehrlich gesagt gibt es genug Städte, die von oben aus interessanter sind als Nairobi.

Den frühen Abend chillen wir erst bei einem Platz mit Inlineskatern und danach noch zwei Stunden im Hotel. Eigentlich ist das hier ein Parkplatz, doch sonntags scheint er für Rollschuhfahrer und Rollschuhhockey reserviert zu sein. Drum herum sitzen Kenianer auf der Mauer und schauen zu, leicht abseits probt ein Chor irgendwelche Gesangsstücke. Hier haben wir zum ersten Mal den Eindruck, dass Nairobis Dasein nicht nur aus gehetztem Rumgelaufe besteht, sondern richtig lebt.

Gegen neun raffen wir uns auf, um noch ein bisschen Nairobis Nachtleben zu erkunden. Auf einer der Hauptclubstraßen in Uptown setzen wir uns auf die Terrasse eines Lokals und trinken ein Bier. Sehr viele Restaurants und Pubs haben im ersten Stock einen Balkon, von dem aus man gut die Straße beobachten kann. Als wir jedoch schon um elf rausgeschmissen werden, weil der Laden dicht macht, muss etwas Neues her. Über mehrere Umwege landen wir downtown in einem Club namens Gateway, nachdem wir in einen dubiosen Eingang getreten und eine Wendeltreppe in den zweiten Stock hochgelaufen sind.

Eine Liveband singt auf Swahili, einige Leute tanzen, doch allzu viel ist nicht los. Mit einem neuen Bier hocken wir uns in eine Ecke und beobachten, wie man in Nairobi feiert. Einige Mädels, die aus unserer Sicht nicht gerade mit Schönheit gesegnet sind, nerven uns an, die einzig annehmbare schaut immer nur etwas schüchtern herüber. Die Getränkeausgabe ist im Gateway – wie offenbar in so gut wie allen Lokalen Kenias – durch Gitter abgetrennt, nur durch ein kleines Loch kann man Flaschen und Geld durchreichen. Erinnert irgendwie an eine italienische Behörde. Was jedoch seinesgleichen sucht, ist der Metzger. Ja, direkt neben der Getränkeausgabe ist ein Metzgerschuppen! Darin hängen irgendwelche Fleischteile im ätzend weißen Neonlicht und gleich davor steht auch original ein Metzger in weißem Kittel. Dass die Kenianer spinnen, haben wir ja schon festgestellt, doch was Metzger in Nachtclubs zu suchen haben, ist uns wirklich nicht klar. Und wir werden in den nächsten Tagen noch mehr davon sehen.

Als die Livemusik zu Ende ist, ziehen wir eine Straße weiter in den Monte Carlo Club. Hier ist nur Reggaemusik am Start und nicht wenige Gäste schauen mit ihren Rastas oder ihrer Graskleidung auch entsprechend aus. Damisch eng ist es und auf die Tanzfläche trauen wir uns gar nicht, da wir nicht wüssten, wo man da Platz finden sollte. Viele Leute sprechen uns an, aber die Verwunderung darüber, zwei Weiße in diesem Club zu sehen, steht wirklich jedem ins Gesicht geschrieben. Selbst von den Türstehern erfahren wir eine besondere Behandlung, denn alle zehn Minuten kommt jemand vorbei und fragt uns, ob alles in Ordnung sei.

Nairobi ist also bei Nacht nicht sicher? Die kümmern sich mehr um uns als in München! Interessant ist auch, wie die Türsteher ab und zu Leute rauswerfen. Es reicht, dass sie mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigen, damit dieser anstandslos einen Abgang macht. Während in München noch ewig à la »Sorry, das war aus Versehen, ich pass ab jetzt auf, das ist ungerecht!« diskutiert wird, wissen die Leute hier anscheinend, dass Diskutieren sinnlos ist.

Als Calle aufs Klo geht, wird er dort gleich mit »Mzungu Rasta!« begrüßt, als ich später dort auftauche, schreien einige Leute aus voller Kehle »White man! White man!« und ich bin froh, dass sie mich überhaupt pissen lassen. Ich glaube wirklich, die letzten Weißen sind vor Jahren hier gewesen.

Da kommen wir manchen Leuten natürlich ganz recht. Gerade noch rechtzeitig bemerke ich, wie jemand langsam meinen Geldbeutel in der Gesäßtasche nach oben schiebt. Als ich mich umdrehe, kann ich jedoch nicht sagen, wer es war. Also heißt es erst mal Wertsachen umpacken. Eine halbe Stunde später dann jedoch dasselbe Spiel: In meiner linken Hosentasche spüre ich auf einmal eine Hand und als ich mir aus dem Augenwinkel anschaue, wem diese gehört, sehe ich, wie von einem knutschenden Pärchen neben mir ein Arm zwischen den beiden hervorschaut, dessen Hand gerade nach Barem oder anderen Wertgegenständen bei mir sucht. Ich haue dem Typen auf die Schulter, die Hand ist schlagartig wieder weg, doch er dreht sich nicht einmal um, schaut mich nicht an, gar nichts! Er tut einfach so, als wäre nichts. Naja, soll mir recht sein. Und auch Carl hat heute Abend eine solche Erfahrung, doch als er den Langfinger erwischt, ist die einzige Reaktion ein blödes Grinsen, das in etwa folgendes ausdrücken soll: »Ups, hast du mich erwischt? Tja, was solls, ich habs halt versucht, ist ja mein gutes Recht, aber nix für ungut!«

Wir wollen eigentlich gerade nach Hause gehen und treten aus dem Monte Carlo auf die Straße, als die schüchtern schauende Type aus dem Gateway vorbeiläuft. Jetzt muss man schon mal miteinander sprechen und wir stellen uns kurz vor, doch es dauert keine Minute, bis ein besoffener Typ auftaucht, den wir auch schon aus dem Gateway kannten. Da hat er uns noch all seine Hilfe angeboten, jetzt scheint er sauer auf diese Jackie zu sein, weil sie nicht mit anderen reden soll. Dass er ihr Freund sei, wie er behauptet, verneint sie vehement. Und da der Typ, den wir aufgrund seines Berufes »Floor Manager« nennen, obwohl er offenbar auch der Chef vom Gateway ist, immer ungemütlicher wird, schlägt Jackie vor, in den Monte Carlo zu flüchten.

So treiben wir dort noch zwei weitere Stunden unser Unwesen. Jackie glaubt uns ums Verrecken nicht, dass wir Touris sind. Sie meint, dass es sonst absolut absurd wäre, dass wir hier im Monte Carlo abfeiern. Tja, da wissen wir auch nichts mehr zu sagen!

Um fünf Uhr morgens kommen wir schließlich ins Hotel zurück. Die Wächter staunen nicht schlecht, als sie für uns um diese Zeit aufmachen müssen. Die Quintessenz des Tages ist somit: Nairobi ist bei Nacht viel interessanter als tagsüber. Von wegen nicht bei Dunkelheit rausgehen!

Montag, 10. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Nairobi

Wie nicht anders zu erwarten war, schlafen wir heute bis 13 Uhr. Kevin und Gregor sind offenbar einfach so abgezogen, ohne uns Bescheid zu sagen. Gregor belegt jetzt offiziell nur noch ein Zimmer – nämlich unseres. Zumindest laufen die Rechnungen, die wir bekommen, immer auf seinen Namen und so haben wir uns schon gefragt, ob wir nicht noch eine fette Party bei uns feiern sollten. Schäden gehen dann quasi aufs Haus. Oder aber die beiden haben im Laufe des Morgens geklopft und wir haben nichts gehört. Es ist ja sowieso immer laut hier, jeden Morgen hören wir nebst normaler Musik auch einen Kirchenchor, der heute glücklicherweise besonders schöne Lieder im Programm hatte.

Während Mr. Calle noch pennt, will ich eigentlich duschen, doch nach dem Aufdrehen des Hahns tut sich unter der Dusche genau so wenig wie vorher. Zum ersten Mal auf dieser Reise haben wir kein Wasser. Da können wir uns aber sicher gleich mal richtig dran gewöhnen, denn ich bin mir sicher, dass das den Rest der Reise in etwa so weitergehen wird.

Für heute behelfen wir uns damit, dass wir drei Stockwerke weiter unten in irgendwelchen freien Räumen duschen. Wir brauchen somit das Wasser in den Leitungen auf, das aus den oberen Stockwerken in die unteren fließt. Bei mir reicht es leider nur für eine halbe Minute, keine Chance für die langen Haare, aber Calle hat in seinem Raum offenbar etwas mehr Glück und bekommt noch ein paar Sekunden extra.

Jackie ruft unterdessen an – auf der deutschen Nummer! Wir haben keine Ahnung, wie sie sich das leisten kann, was sie überhaupt dazu treibt, doch Tatsache ist, dass sie einfach anruft und gerade noch irgendetwas wie »I want to meet you!« rausbringt, bevor die Verbindung abbricht. Kein Wunder, hat sie doch sicher ihr ganzes Guthaben im Handumdrehen verbrannt.

Wir gehen es trotzdem locker an, latschen erst mal ein bisschen in der Stadt rum und kaufen eine lokale SIM-Karte von Safaricom. Für nur einen Euro ist das der billigste Mobilfunkanschluss, den ich bisher gekauft habe. Alle bisherigen SIM-Karten auf Reisen waren sechs bis fünfzehn mal so teuer.

Zum Mittagessen suchen wir das Bridges auf, ein Ökolokal, das in Carls DuMont empfohlen wird. Verdauen wollen wir die Ökokost im Uhuru-Park und da wir nun endlich billig telefonieren können, machen wir mit Jackie aus, dass wir uns dort treffen. Schon als wir ankommen, ist es jedoch irgendwie kalt, und als die Type dann auch eine gefühlte halbe Ewigkeit nicht auftaucht, rufen wir sie an, um zu fragen, wo sie bleibt. Sie sei in zehn Minuten da, stellt sie uns in Aussicht. Dass man Kenianer nie danach fragen darf, wann sie da sind, sondern danach, wo sie gerade sind, werden wir erst später erfahren. Entsprechend taucht sie auch nicht auf. Per SMS weisen wir darauf hin, dass wir nun einen Abgang machen werden und wir uns gegebenenfalls zum Abendessen sehen können.

Dieses ist schrecklich! Im Accra-Hotel in der Accra Street, nur 150 Meter von unserer Bleibe entfernt, hocken wir uns auf einen nairobitypischen Balkon. Wieder mal eines der Lokale, die nichts und niemandem über den Weg trauen. Wir haben uns ja inzwischen daran gewöhnt, dass wir immer sofort nach Lieferung von Essen oder Getränken eine Rechnung bekommen, die oftmals auch sofort bezahlt werden muss. Doch dass wir die Bestellung gar nicht erst aufgeben können, wenn wir nicht schon im Vorhinein Geld für die zwei Tusker auf den Tisch legen, geht uns eigentlich schon zu weit!

Die Bedienung ist zwar ganz süß, doch leider eine absolute Nullcheckerin. Sie versteht weder, was wir wollen, noch weiß sie überhaupt, was der Laden anzubieten hat. Die Karten in Kenia zählen nämlich offenbar recht wenig, da steht einfach alles drauf, was der Laden mal gehabt hat oder irgendwann in ferner Zukunft mal anbieten wird. Deshalb müssen wir eigentlich immer erst fragen, was wir denn überhaupt bestellen könnten. Doch wenn selbst die Bedienung nicht weiter weiß, wissen wir es auch nicht.

Das ganze Drumherum könnte man ja alles noch ertragen, wenn wenigstens das Essen gut wäre. Doch als wir schließlich unser Chicken Stew bekommen, dreht sich mir der Magen schon beim Anschauen um. Keiner von uns beiden hat etwas Essbares auf dem Teller, stattdessen schwimmen da jeweils zwei undefinierbare Hühnchenteile in einer schlecht schmeckenden Soße. Noch wissen wir nicht, dass man bei der Bestellung von Huhn immer mit angeben muss, welchen Teil des Huhnes man will, um nicht mit den Resten der anderen abgefertigt zu werden. Weiß jemand eigentlich, was mit dem Rest des Huhnes in Deutschland passiert? Vielleicht McDonalds?

Inzwischen ist auch Jackie hinzugestoßen und uns ist nicht ganz klar, ob sie gerne gegessen hätte oder nicht. Erst gibt sie an, Hunger zu haben, aber als wir dann nicht explizit sagen, dass wir sie einladen, will sie doch nichts. Besser so! Das Mädel ist außerdem so dermaßen ungesprächig, dass Carl und ich uns schon die ganze Zeit angrinsen müssen. Ich mein, da sitzt sie mit zwei Wazungu am Tisch und will irgendwie überhaupt nichts wissen, nichts über Deutschland, nichts über Reisen und auch nur extrem wenig über uns. Wir wiederum können nichts anderes tun, als Fragen zu stellen, doch wenn es dann zu viele werden, will sie auf einmal wissen, warum wir denn so viel fragen würden. Ja hallo?!? Wir können uns auch gerne anschweigen. Ein Glück, dass Roberts Anruf auf dem Funk die Stimmung aufheitert und gleichzeitig neuen Gesprächsstoff bringt.

Wir fragen uns immer noch, ob sie nicht vielleicht einfach aufs »Geschäft« aus ist, auch wenn sie angeblich etwas ganz anderes macht und eigentlich auch andere Dinge dagegen sprechen, da landen wir nach dem Accra-Hotel in einer Bikinishow mit angeschlossenem Puff. Jackie wollte uns hier eigentlich irgendeiner Freundin vorstellen, doch – glücklicherweise – ist sie nicht da. Oder am Arbeiten? Keiner weiß es. Nach einem Bier machen wir jedenfalls wieder einen Abgang und verlegen uns von Downtown nach Uptown, wo wir ins Simmers gehen. Das ist der reinste Wazunguschuppen, hier tummeln sich etliche Weiße! Wahrscheinlich war nicht einmal die Hälfte von denen jemals downtown in einem der Clubs, sondern hängt immerzu jeden Abend nur hier ab. Der Laden selbst ist ganz nett gestaltet, denn im Grunde ist es nur eine Art Garten, in dessen Mitte eine Bar steht und man drumherum unter Sonnenschirmen sitzt. Jackie ist inzwischen auch gesprächiger, doch Calle wird von irgendeiner Tuse vereinnahmt, die erst kurz bevor wir gehen abhaut, nämlich als ihr klar wird, dass wir ihr kein Bier ausgeben werden.

Zwei Uhr dürfte es nun schon sein, wir sind mal wieder mitten in Nairobi unterwegs und werden sogar weniger angenervt als Jackie. Wieso das Kind, das nach Geld fragt, ausgerechnet sie anspricht und nicht uns Weiße, können wir beim besten Willen nicht verstehen. Die Straßen erwecken jedenfalls keinesfalls einen ungemütlichen oder bedrohlichen Eindruck. Im Gegenteil, da vor jedem zweiten Laden, also letztendlich alle zehn Meter, irgendein Typ von einer privaten Sicherheitsfirma liegend oder manchmal auch sitzend pennt, um so die ganze Nacht über Einbrüche zu verhindern, ist man nie alleine auf den Straßen unterwegs. Dass diese Leute im Ernstfall wirklich behilflich sein könnten, darf durchaus bezweifelt werden, doch allein die Tatsache, dass selbst mitten in der Nacht eigentlich immer einige Menschen im näheren Umkreis sind, lässt uns in gewisser Hinsicht wohl fühlen.

Vor unserem Hotel angekommen, wollen wir uns eigentlich von Jackie verabschieden, doch da wir gerade vor einer Minute noch über Schnee gesprochen haben, schlagen wir ihr vor, dass wir ihr unsere Bilder zeigen. Ich habe ja immer ein paar Dutzend Bilder aus der Heimat dabei, um sie auf Reisen herumzuzeigen. Da ist ein bisschen von allem dabei. Familie, Freunde, Heimatorte, mein Zimmer, Bilder von anderen Reisen – und natürlich Schneefotos! Mit denen ist es immer so eine Sache: Während sie in Syrien der Renner waren, da bin ich quasi ohne Schneebilder aus dem Shami abgezogen, weil mir die Krankenschwestern alle abgenommen hatten, hat sich im Iran kein Aas für sie interessiert. Die haben halt selber genug Schnee, da braucht es keine Fotos.

Jackie scheint jedenfalls sowohl die Schneefotos als auch alle anderen interessant zu finden. Überraschenderweise endet der Abend so, dass Carl auf dem Boden schläft, weil er der Tuse sein Bett angeboten hat – selber schuld, hätte ich nie und nimmer gemacht! – während sich für mich und mein Bett nichts ändert. Warum sie nicht mehr nach Hause gefahren ist, stattdessen mehr oder weniger wie angewurzelt mit den Fotos sitzen geblieben ist, bleibt uns schleierhaft. Oder auch nicht? Sie spricht ja eh so wenig. Aber mei, was soll’s, solange sie uns weder nervt noch etwas klaut, und dafür schläft Carl extra direkt vor der Tür, soll es uns recht sein.

Morgen machen wir aber dann wohl doch lieber wieder etwas alleine.

Dienstag, 11. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Nairobi

Jackie verabschiedet sich gegen elf und Calle kann sein Bett wieder übernehmen. So wirklich schlau werden wir nicht aus der ganzen Aktion, aber das ist uns jetzt eigentlich auch egal.

Wasser haben wir immer noch nicht, doch Leitungsduschen in anderen Stockwerken ist heute ebenfalls nicht mehr möglich. Irgendein Typ vom Hotel versichert uns, dass es um zwei Uhr Wasser geben wird, doch ehrlich gesagt glauben wir da keinen Deut dran. Da kann er noch so oft »At time two, I tell you the truth!« beteuern. Derweil ist für uns Dösen, Abhängen und Nichtstun angesagt. Ohne Dusche kommen wir heute einfach nicht in die Gänge, denn so urdreckig, wie wir uns fühlen, wollen wir eigentlich nicht in die Stadt ziehen. Vor allem zumal es heute um einiges wärmer zu sein scheint. Letztendlich müssen wir feststellen, dass wir Recht hatten: Zwei Uhr verstreicht und aus der Leitung kommt kein Tropfen.

Doch auf einmal meint der Hoteltyp, er könne uns Wasser bringen. Zwar nicht auf die Leitung, aber in Kanistern und sogar warm. Auf dem Dach werde nämlich Regenwasser gesammelt. Ach!? Früher konnte er das nicht sagen? Zwanzig Minuten später haben wir also zwei Eimer, davon einen mit brennend heißem Wasser, im Bad stehen und können zum Duschen schreiten. Die im Zimmer stehende Karaffe aus Glas wird kurzerhand zum Duschkopf umfunktioniert und erstaunlicherweise duschen wir erstmals in diesem Urlaub wirklich gut und komfortabel. Lieber habe ich nämlich warmes Wasser in einem Eimer als kaltes aus einer miesen Dusche. Zudem erstaunt mich immer wieder, dass für eine komplette Dusche 10 bis 15 Liter locker ausreichen. So viel Wasser, wie ich im Frühjahr für 10 mal auf diese Weise duschen in Damaskus verbraucht habe, reicht mir in Deutschland wahrscheinlich gerade mal bis zum Schampoo.

Es braucht uns nicht zu verwundern, dass der Tag wie im Flug vergeht. Bei dem Rhythmus, den wir zur Zeit drauf haben, kombiniert mit den gerade mal 12 Stunden Sonnenschein, bleibt nicht mehr allzu viel Zeit, um bei Tageslicht etwas zu tun.

Abends gehen wir Bahntickets für morgen nach Kisumu kaufen. Genau wie der Rest des Bahnhofs sieht auch das Fahrkartenbüro aus, als wäre in den letzten 50 Jahren rein gar nichts daran verändert worden. Die Angestellte fragt uns, welche Klasse wir buchen und ob wir auch Abendessen und Frühstück mit dabei haben wollten. Verpflegung nehmen wir für 250 Schilling pro Essen komplett dazu, bei der Klasse entscheiden wir uns hingegen für die zweite als goldene Mitte zwischen der bonzigen ersten und der anscheinend sehr anstrengenden dritten, von der uns die Frau dringend abrät. Doch peinlicherweise können wir nicht bezahlen!

Eigentlich hatten wir extra vor, vorher noch Geld abzuholen, doch irgendwie haben Carl und ich uns dann missverstanden, sodass bis gerade eben jeder meinte, der andere habe noch einen oder zwei Tausender. Tja, Pustekuchen, meine Taschen sind quasi komplett leer und Carls Vermögen deckt gerade mal eine der beiden Fahrkarten ab. Die Frau am Schalter staunt daher nicht schlecht und fragt nur ungläubig »You don’t have money?!?«. Ich denke mal, Wazungu, die nicht zahlen können, sind nicht gerade an der Tagesordnung. Schnellen Schrittes suchen wir irgendwo eine Bank auf und kommen sogar noch rechtzeitig zurück, um die Fahrkarten doch noch abzuholen. Eigentlich ist nämlich schon geschlossen und entsprechend müssen unsere Papiere auch aus einem bereits abgeschlossenen Schrank wieder herausgeholt werden.

Am Bahnhof ist um diese Zeit richtig viel los. Es gibt pro Abend offenbar mehrere Pendlerzüge, die von vorne bis hinten mit Menschen vollgestopft sind. Viele hängen in den Türen, manche sitzen in den Fenstern, selbst der rostige Bremswagen am Ende des Zuges ist proppevoll. Auch während der Fahrt springen noch viele auf den fahrenden Zug auf, solang sie auf einem der Trittbretter überhaupt noch Platz finden oder von anderen reingezogen werden, bis wirklich gar nichts mehr geht. Vor dem Bahnhof werden hingegen die Tickets für diese »Commuters« verkauft, und zwar von einer Horde Ticketverkäufer, die auf gut 30 Metern Länge hinter einem gespannten Seil stehen. Jeder dieser Verkäufer verdient irgendeinen Minibetrag pro verkaufter Fahrkarte und so kann man sich leicht ausmalen, wie es aussieht, wenn 50 dieser Menschen versuchen, möglichst ein Ticket von genau ihrem Fahrkartenblock an den Mann zu bringen. Doch eins muss man dem System lassen: Es funktioniert super! Die auf den Bahnhofseingang zulaufenden Pendler laufen einfach an dem Seil vorbei, welches nur dazu da ist, das Verhalten der Verkäufer zu reglementieren, geben kurz ein paar Münzen in eine der vielen entgegengestreckten Hände und erhalten eine Sekunde später eine Fahrkarte zurück. Ich schätze mal, dass zeitweise bis zu fünf Karten pro Sekunde verkauft werden. Das soll man denen mal nachmachen.

Vor dem Tor, das zum Bahnsteigsbereich führt, findet dann die eigentliche Fahrkartenkontrolle statt. Hier drängen sich zig Menschen durch den Spalt von einem Meter Breite, wobei jeder auch noch sein Ticket hinhalten muss. Wir bestaunen eigentlich nur gerade die Szenerie, als zufällig David vom Eisenbahnmuseum vorbeikommt und uns anbietet, den Bahnhof zu zeigen. Dafür öffnet er ein weiteres Tor, um eigentlich nur uns durchzulassen, doch ehe wir uns es versehen, stecken schon 15 bis 20 Kenianer zwischen den Gittern und drängen ohne Kontrolle auf den Bahnsteig. Es braucht reichlich physische Durchsetzungskraft, damit auch wir es hindurch schaffen und es braucht noch mehr Kraft, damit David das Tor trotz des Andrangs hinter uns wieder schließen kann. Da sind doch glatt innerhalb weniger Sekunden 20 bis 30 Schwarze in das nur für uns geöffnete Tor durchgekommen. Irgendwie unheimlich.

Das Abendessen findet heute endlich ohne Experimente statt. Nachdem wir mit dem Fleisch heute Mittag wieder einen vollen Griff ins Klo gelandet haben, haben wir nun mit dem Restaurant Steak & Ale gleich hinter dem Century-Kino endlich ein richtig gutes Restaurant gefunden, das gutes Essen zu vernünftigen Preisen und in ausreichender Menge anbietet. Selbst die Bedienungen sind hier um Welten anders.

Ohne die Kameras ins Hotel zurückzubringen, laufen wir anschließend ein bisschen durch die Stadt. Grobe Route: Einmal zum Uhuru-Park und zurück. Diesen ganzen Shit mit der nächtlichen Ausgangssperre für Touris, von der vor unserer Abreise so ungefähr jeder gesprochen hat, können wir immer weniger verstehen. Im Gegenteil, nachts treffen wir die interessanteren Leute. So werden wir zum Beispiel, als wir auf einer Kreuzung Fotos machen, quer über die ganze Straße von einer Frau angeschrien, die eigentlich nur will, dass wir mal zu ihr rüber kommen und uns vorstellen. Ihr Mann schiebt dort gerade Wache vor einem Laden und sie leistet ihm dabei Gesellschaft. Auch keine schlechte Idee.

Eigentlich wollen wir uns auch das New Florida anschauen, aber 300 Eintritt für den Club sind uns angesichts dessen, dass wir eh nicht lange bleiben würden, zu viel. Letztendlich gehen wir nochmal kurz ins Simmers, um auf die Toilette zu schauen. Heute sind noch weit mehr Wazungu am Start als gestern. Eine ganze Gruppe junger Mädels, von denen die meisten ein T-Shirt mit der Aufschrift »Kenzania 2009« tragen, hat gerade ihren Spaß - doch ansprechen brauchen wir sie nicht. Eine Diskussion mit denen würde höchstwahrscheinlich wegen zu unterschiedlicher Ansichten im Debakel enden, darauf können wir fast wetten.

Als wir wieder rausgehen und uns durch die Barhocker schlängeln, gibt uns ein etwa fünfzigjähriger Weißer mit britischem Akzent noch ein »You guys are brave!« mit auf den Weg. »Because of the cameras?« – Ja, natürlich wegen den Kameras, viel Glück.

Ja mei, tut uns leid, dass wir vorher nicht mehr im Hotel waren und außerdem auch mal ein paar Nachtfotos machen wollen. Wir glauben langsam, keiner könne uns überfallen, da die potentiellen Täter bass erstaunt und mit offener Kinnlade stehen bleiben, wenn sie sehen, wie wir hier rumlaufen.

Vielleicht ein Trugschluss, jedoch auch heute folgenlos. Schon um zehn sind wir heute auf dem Zimmer. Mit den Kameras. Und auch selbst noch vollständig. Es gibt dringend Schlaf nachzuholen.

8. August 200912. August 2009

Aktuelles ...

Aktuelles

Samstag, 20. März 2010
Donnerstag, 22. April, 18:00 Uhr
İzmir, [Türkei / Deutschland], München, Planegg

Berichte von Syrien & Libanon 2010 werden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.