Anti-Amerika-Graffiti an der früheren US-Botschaft in Tehran, Iran (01.05.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Sonntag, 9. August 2009aus: Ostafrika & Ägypten 2009
Routenteil: Nairobi

Der Plan für heute war, dass wir uns vormittags in ein Café begeben und dort gemütlich Reiseführer lesen, Bericht schreiben und unser nächstes Tun besprechen. Mit diesem Vorsatz verlassen wir das Haus, landen jedoch stattdessen im Uhuru-Park westlich des Stadtzentrums. Hier gibt es viel Wiese mit Wegen dazwischen, mehrere Brunnen und sogar einen See. Wären wir im Iran, würden wir jetzt wohl, soweit das Auge reicht, Familien auf Teppichen sehen, hier hingegen flacken einfach nur vereinzelte Leute in Todespose auf der Wiese, während andere spazieren gehen. Das beste ist jedoch die Raucherzone gleich neben dem Eingang: Ein sechs mal sechs Meter großer Platz mit dem Schild »Smoking Zone«, der sogar mit Stacheldraht von der dahinter liegenden Wiese abgegrenzt ist. Die spinnen, die Kenianer!

Auf der Suche nach dem Eisenbahnmuseum stoßen wir auf fünf Jugendliche, die vorgeben, gerade aus dem Fußballtraining zu kommen. Sie wollen uns den Eingang zum Museum zeigen, wir merken jedoch recht schnell, dass sie eigentlich noch weniger Ahnung haben als wir. So landen wir zunächst am Bahnhof, wo einer der fünf sich verabschiedet, weil es ihm wohl zu blöd geworden ist, nichts peilend durch die Gegend zu latschen. Mit den anderen vier folgen wir nun doch endlich den Schildern, auf die wir zwar schon vor 20 Minuten hingewiesen haben, dabei jedoch astrein ignoriert wurden, und gelangen endlich zum Eingang. 400 für Touris, 100 für Einheimische, das sind die Preise. All unsere Versuche, die vier Typen vorher loszuwerden, sind gescheitert, bis wir hier nun an der Kasse stehen, klebten sie förmlich an uns. Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig, als auch ihren Eintritt zu bezahlen.

Während es uns in den ersten paar Minuten noch so vorkommt, als seien sie wenig interessiert und nur mitgekommen, weil sie hier von den Weißen etwas abzocken könnten, schwenkt ihre Attitüde schon nach kurzer Zeit in großes Interesse um. Wir sind sowieso von Anfang an interessiert, schließlich wollten wir ja auch wirklich hier hin. Eisenbahnmuseen sind immer wieder faszinierend, in Damaskus standen zum Beispiel zig alte Lokomotiven rum und im Hangar konnte man sehen, wie heute an den Teilen gearbeitet wird. Doch dieses Museum hier ist das bisher interessanteste, das ich besucht habe. Was aber nicht zuletzt an unserem Führer David liegt, der selbst der größte Eisenbahnfan von ganz Nairobi zu sein scheint, alle Fakten und Daten auswendig weiß und es einfach drauf hat, selbst mittelmäßige Geschichten spannend zu erzählen.

Was in Deutschland wohl der Horror jedes Museumsdirektors wäre, ist hier ganz normal: Alles darf angefasst, benutzt und ausprobiert werden. Ja, muss sogar, denn David besteht darauf. Wir setzen uns auf Stühle, wo bereits die Queen draufsaß, posieren auf dem Frontsitz einer Dampflokomotive, den schon Roosevelt benutzt hat, und lehnen uns an Tischen und Vitrinen an, die von irgendwelchen deutschen Kreuzern aus dem Weltkrieg stammen.

Draußen geht es genauso weiter. Dort stehen Lokomotiven und Waggons en masse, die alle begangen oder, im Falle mancher Lokomotive, bis zum Dach bestiegen werden können. Ein Foto von allen zusammen auf dem Kessel einer Dampflokomotive hat man ja auch nicht alle Tage. Während wir einen alten Viererwaggon besichtigen, erzählt uns David, wie genau an der Stelle, wo wir jetzt sitzen, drei Weiße auf einen Löwen gewartet haben, um ihn umzubringen. Der zur Wache eingeteilte schlief jedoch ein, der Löwe war schlauer – und so war es ein Weißer, der sein Leben ließ, nicht aber der Löwe. Und das alles in genau diesem Waggon!

Um kurz vor fünf verlassen wir das Museum und suchen etwas zum Essen. Spätestens jetzt müssen wir die »vier von der Tankstelle«, wie Calle sie getauft hat, loswerden. Eigentlich haben wir gerade schon klar gemacht, dass wir ihnen auf keinen Fall etwas zu essen zahlen werden, da wir sonst gar nicht wüssten, wo wir da hin kämen, wenn wir das nun wochenlang jeden Tag tun würden. Dem stimmen sie zwar zu, wirklich gecheckt haben sie es wohl aber immer noch nicht. Carl plädiert dafür, einfach in einem Restaurant zu verschwinden, während die anderen ein paar Meter vor uns herlaufen, ich stelle die Sachlage jedoch lieber mit ihnen klar: Wir gehen jetzt essen, und zwar allein, weil wir das so wollen. »And what about us?« fragt einer da auch noch dumm! Ja nix, Burschi, »nice to meet you« und bis bald, inshallah. Mit beleidigter Fresse ziehen sie ab. Dankbarkeit scheint aber sowieso keine Stärke der Kenianer zu sein.

Gerade noch rechtzeitig besuchen wir spontan die Aussichtsplattform auf dem Kenyatta Conference Centre, mit 29 Stockwerken und 105 Metern das zweitgrößte Gebäude Nairobis. Hier oben befinde sich der angeblich einzige Heliport Kenias und vor ein paar Tagen sei auch Hillary Clinton hier eingetroffen, erzählt uns der Typ, der uns über verwinkelte Treppen hier hoch geführt hat. Die Aussicht ist zwar schön, doch ehrlich gesagt gibt es genug Städte, die von oben aus interessanter sind als Nairobi.

Den frühen Abend chillen wir erst bei einem Platz mit Inlineskatern und danach noch zwei Stunden im Hotel. Eigentlich ist das hier ein Parkplatz, doch sonntags scheint er für Rollschuhfahrer und Rollschuhhockey reserviert zu sein. Drum herum sitzen Kenianer auf der Mauer und schauen zu, leicht abseits probt ein Chor irgendwelche Gesangsstücke. Hier haben wir zum ersten Mal den Eindruck, dass Nairobis Dasein nicht nur aus gehetztem Rumgelaufe besteht, sondern richtig lebt.

Gegen neun raffen wir uns auf, um noch ein bisschen Nairobis Nachtleben zu erkunden. Auf einer der Hauptclubstraßen in Uptown setzen wir uns auf die Terrasse eines Lokals und trinken ein Bier. Sehr viele Restaurants und Pubs haben im ersten Stock einen Balkon, von dem aus man gut die Straße beobachten kann. Als wir jedoch schon um elf rausgeschmissen werden, weil der Laden dicht macht, muss etwas Neues her. Über mehrere Umwege landen wir downtown in einem Club namens Gateway, nachdem wir in einen dubiosen Eingang getreten und eine Wendeltreppe in den zweiten Stock hochgelaufen sind.

Eine Liveband singt auf Swahili, einige Leute tanzen, doch allzu viel ist nicht los. Mit einem neuen Bier hocken wir uns in eine Ecke und beobachten, wie man in Nairobi feiert. Einige Mädels, die aus unserer Sicht nicht gerade mit Schönheit gesegnet sind, nerven uns an, die einzig annehmbare schaut immer nur etwas schüchtern herüber. Die Getränkeausgabe ist im Gateway – wie offenbar in so gut wie allen Lokalen Kenias – durch Gitter abgetrennt, nur durch ein kleines Loch kann man Flaschen und Geld durchreichen. Erinnert irgendwie an eine italienische Behörde. Was jedoch seinesgleichen sucht, ist der Metzger. Ja, direkt neben der Getränkeausgabe ist ein Metzgerschuppen! Darin hängen irgendwelche Fleischteile im ätzend weißen Neonlicht und gleich davor steht auch original ein Metzger in weißem Kittel. Dass die Kenianer spinnen, haben wir ja schon festgestellt, doch was Metzger in Nachtclubs zu suchen haben, ist uns wirklich nicht klar. Und wir werden in den nächsten Tagen noch mehr davon sehen.

Als die Livemusik zu Ende ist, ziehen wir eine Straße weiter in den Monte Carlo Club. Hier ist nur Reggaemusik am Start und nicht wenige Gäste schauen mit ihren Rastas oder ihrer Graskleidung auch entsprechend aus. Damisch eng ist es und auf die Tanzfläche trauen wir uns gar nicht, da wir nicht wüssten, wo man da Platz finden sollte. Viele Leute sprechen uns an, aber die Verwunderung darüber, zwei Weiße in diesem Club zu sehen, steht wirklich jedem ins Gesicht geschrieben. Selbst von den Türstehern erfahren wir eine besondere Behandlung, denn alle zehn Minuten kommt jemand vorbei und fragt uns, ob alles in Ordnung sei.

Nairobi ist also bei Nacht nicht sicher? Die kümmern sich mehr um uns als in München! Interessant ist auch, wie die Türsteher ab und zu Leute rauswerfen. Es reicht, dass sie mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigen, damit dieser anstandslos einen Abgang macht. Während in München noch ewig à la »Sorry, das war aus Versehen, ich pass ab jetzt auf, das ist ungerecht!« diskutiert wird, wissen die Leute hier anscheinend, dass Diskutieren sinnlos ist.

Als Calle aufs Klo geht, wird er dort gleich mit »Mzungu Rasta!« begrüßt, als ich später dort auftauche, schreien einige Leute aus voller Kehle »White man! White man!« und ich bin froh, dass sie mich überhaupt pissen lassen. Ich glaube wirklich, die letzten Weißen sind vor Jahren hier gewesen.

Da kommen wir manchen Leuten natürlich ganz recht. Gerade noch rechtzeitig bemerke ich, wie jemand langsam meinen Geldbeutel in der Gesäßtasche nach oben schiebt. Als ich mich umdrehe, kann ich jedoch nicht sagen, wer es war. Also heißt es erst mal Wertsachen umpacken. Eine halbe Stunde später dann jedoch dasselbe Spiel: In meiner linken Hosentasche spüre ich auf einmal eine Hand und als ich mir aus dem Augenwinkel anschaue, wem diese gehört, sehe ich, wie von einem knutschenden Pärchen neben mir ein Arm zwischen den beiden hervorschaut, dessen Hand gerade nach Barem oder anderen Wertgegenständen bei mir sucht. Ich haue dem Typen auf die Schulter, die Hand ist schlagartig wieder weg, doch er dreht sich nicht einmal um, schaut mich nicht an, gar nichts! Er tut einfach so, als wäre nichts. Naja, soll mir recht sein. Und auch Carl hat heute Abend eine solche Erfahrung, doch als er den Langfinger erwischt, ist die einzige Reaktion ein blödes Grinsen, das in etwa folgendes ausdrücken soll: »Ups, hast du mich erwischt? Tja, was solls, ich habs halt versucht, ist ja mein gutes Recht, aber nix für ungut!«

Wir wollen eigentlich gerade nach Hause gehen und treten aus dem Monte Carlo auf die Straße, als die schüchtern schauende Type aus dem Gateway vorbeiläuft. Jetzt muss man schon mal miteinander sprechen und wir stellen uns kurz vor, doch es dauert keine Minute, bis ein besoffener Typ auftaucht, den wir auch schon aus dem Gateway kannten. Da hat er uns noch all seine Hilfe angeboten, jetzt scheint er sauer auf diese Jackie zu sein, weil sie nicht mit anderen reden soll. Dass er ihr Freund sei, wie er behauptet, verneint sie vehement. Und da der Typ, den wir aufgrund seines Berufes »Floor Manager« nennen, obwohl er offenbar auch der Chef vom Gateway ist, immer ungemütlicher wird, schlägt Jackie vor, in den Monte Carlo zu flüchten.

So treiben wir dort noch zwei weitere Stunden unser Unwesen. Jackie glaubt uns ums Verrecken nicht, dass wir Touris sind. Sie meint, dass es sonst absolut absurd wäre, dass wir hier im Monte Carlo abfeiern. Tja, da wissen wir auch nichts mehr zu sagen!

Um fünf Uhr morgens kommen wir schließlich ins Hotel zurück. Die Wächter staunen nicht schlecht, als sie für uns um diese Zeit aufmachen müssen. Die Quintessenz des Tages ist somit: Nairobi ist bei Nacht viel interessanter als tagsüber. Von wegen nicht bei Dunkelheit rausgehen!

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.