Trocken liegende Schiffe zwischen Bandar Bushehr und Bandar Gonaveh, Iran (27.05.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
9. Juli 200825. Juli 2008

Mittwoch, 16. Juli 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Ljubljana, [Slowenien / Österreich], Villach, Salzburg, [Österreich / Deutschland], Stockdorf

16.01 Uhr, Stockdorf. Bundesrepublik Deutschland. Wir sind daheim.

Ein interessantes Bild vom Balkan mit all seinen recht jungen Nationen konnten wir uns in der letzten Woche unserer dreimonatigen Reise machen. Angefangen bei den schönen Mädels in Mazedonien, über die tolle Landschaft und Natur in Montenegro, das europäisch anmutende Slowenien, bis hin zu den vielen noch offenen Kriegswunden in Bosnien und Herzegovina gab es vieles zu entdecken. Nicht zu vergessen der Kosovo, das junge Land, welches mit all den »Internationals« von UNMIK, OSCE, KFOR und Konsorten eher an eine große Spielwiese westlicher Nationen erinnert denn an einen souveränen Staat.

In Skopje, der Hauptstat Mazedoniens, verbrachten wir knapp einen Tag. Nach einer schönen, aber mit lauter einspurigen Baustellen etwas anstrengenden, Morgenfahrt stand das Team LT dort seit sechs Uhr still, wurde aber schon um elf Uhr mit der Ankunft des Teams Hano geweckt. Nach Pizza, Kaffee und Internet ging es los: Verplant zogen wir durch die Innenstadt, haben in der Fußgängerzone Fotos von uns und schönen Mazedonierinnen gemacht, sind bei der bekannten osmanischen Steinbrücke mit hochgekrempelten Hosen durch den Fluss Vardar gewatet, kämpften uns durch den Markt und machten uns über den »Yugo« – quasi der Paykan aus dem Hause Jugoslawien – lustig. Die Burg Kale haben wir besucht, wurden unsere letzten Lira nach längerem Durchfragen zu einem guten Kurs zugunsten von Euros los. Und prompt haben wir den mit ca. 400 Einheiten ausgeschilderten Preis für eine auf was weiß ich wie viele Stellen genaue Wage auf etwa 7 Euro, den Gegenwert von 400 Mazedonischen Denaren, geschätzt. Was wir nicht wussten: 400 Euro waren gemeint.

Noch am selben Abend fuhren wir weiter in den Kosovo. Bei der Einreise um 18 Uhr mussten wir zum ersten Mal auf dieser Reise Geld für eine KFZ-Versicherung ausgeben. Gezahlt wird dort in einer kleinen Bude – unter dem wohligen Blick Bill Clintons, der zusammen mit der Freiheitsstatue von einem Stars-and-Stripes-Plakat strahlt. 30 Euro und 25 Minuten später waren wir ohne größere Probleme drin, in der Republik Kosovo. Oder doch nur in der Autonomen Provinz Kosovo und Metochien, auf serbischem Staatsgebiet? Nur gut 40 der 192 UNO-Mitgliedsstaaten haben bisher die kosovarische Unabhängigkeitserklärung vom 17. Februar anerkannt. Allen voran Afghanistan, der Musterstaat der UNO und der Unabhängigkeit, die Referenz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, ach was rede ich, das Vorzeigekind der ganzen Welt. Das gibt zu denken.

»Was macht man also im Kosovo?« mag sich der eine oder andere nun fragen. Für uns, die wir zwei Wochen zuvor noch im Irak abhingen, stellte sich diese Frage nicht sonderlich. Wir fuhren nach Hause und der Kosovo lag halt nun mal auf dem Weg. Dass wir aber gleich dreieinhalb Tage dort verbringen würden, ahnten wir vorher wohl selbst nicht.

Als erstes kauften Robert und ich auf dem Weg nach Priština bei einem der zu beiden Straßenseiten unzähligen Schrottplätze einen neuen Scheinwerfer. Ungewohnt teure, aber letztendlich doch günstige, 20 Euro und der deutsche TÜV würde doch nicht »Einschussloch im Scheinwerfer vorne links« vermerken müssen. Das Team Hano stöberte derweil einen zentralen Platz in der Hauptstadt auf, von dem es nur einige Minuten zu einer der angesagtesten Diskotheken Prištinas war, dem Duplex. Zwei Abende in Folge verbrachten wir in dem Schuppen, machten ganz normal Party. Und das geht im Kosovo ziemlich gut! Denn für das Geld, das man in München allein für den Eintritt in einen Mistschuppen hinblättern muss, bekommt man im Kosovo schon zwei bis drei gute Cocktails. Selbst den schon seit der Ausreise aus dem Iran gesuchten Amaretto habe ich im Duplex für einen lächerlichen Preis bekommen.

Dass das Feiern unter Alkoholeinfluss in fremden Gefilden aber auch seine Nachteile hat, bekam ich am zweiten Abend zu spüren: Gerade aus dem Duplex gekommen, geriet ich in eine wohl selbst verschuldete Diskussion mit dem Beifahrer eines Autos. Ich hatte mit der flachen Hand auf die Motorhaube des Golfs gehauen, weil mir das penetrante Hupen von einem halben Meter Abstand ziemlich auf die Eier ging. Zu dicht, um die Gefahr in der Situation zu erkennen, und zu nüchtern, als dass ich gar nichts mehr hätte sagen können, diskutierten der ebenfalls betrunkene Typ und ich wohl etwa eine halbe Minute, ohne dem jeweils anderen zuzuhören, vor uns hin, bis der Kosovo-Albaner schließlich ausstieg und mir eine Faust aufs Kinn verpasste. Endlich zur Raison gekommen, rannte ich weg und hoffte, dass nichts mit dem Kiefer sei, der sofort höllisch weh tat. Ein paar Minuten später fragte ich Carabinieri von der KFOR um Rat, die dort wie in Italien in ihrem dunkelblau-weißen Defender rumfuhren, doch bis auf etwas moralische Unterstützung konnten sie mir nur ein gewisses Krankenhaus empfehlen und eine Wegbeschreibung dorthin bieten. Mehr könnten sie aufgrund ihres Mandats nicht tun. Was hätten sie auch tun sollen? Wir jedenfalls ließen das Krankenhaus sein, setzten uns eine Straße weiter in eine Bar und ich hielt den Rest des Abends ein Glas voller Eiswürfel an meine Backen. Dass ich die folgenden zwei Tage nicht kauen konnte und ein mehrere Tage dickes Kinn waren letztendlich glimpfliche Folgen für den ersten Personenschaden nach drei Monaten auf Tour.

Ansonsten war der Kosovo den kleinen Abstecher aber auf jeden Fall wert. Das Bemerkenswerteste ist wohl, dass dort so gut wie jeder Deutsch sprechen kann. Egal ob du nun den Weg zum Bill Clinton Boulevard erfragen willst oder dich vor einer anderen Disco bei drei Mädels nach der Stimmung in dem Schuppen erkundigst – sprich einfach Deutsch! Denn wenn du die Mädels auf Englisch ansprichst, wirst du zwei Sekunden später hören, wie die eine zur anderen sagt: »Is nich so toll, oder?«. Es kam uns so vor, als hätte jeder Kosovo-Albaner schon einmal in Deutschland gewohnt und sei gerade zum Urlaubmachen vor Ort oder aber abgeschoben worden. »Ich hab in Deutschland auf Marokkaner geschossen! Später bin ich dann zu schnell gefahren mit Auto und wurde abgeschoben.« So einer hat Calle und mich zum Duplex geführt. Mit solchen Leuten machen wir hier Party, in Deutschland schauen wir sie nichtmal an, machen einen großen Bogen um sie.

Dieter Merkur (* Name geändert) von der Deutschen Botschaft in Priština ist jemand, der sich genau um solche Leute kümmert. Er ist für Rückführungen zuständig, also für jene Kosovaren, die aus Deutschland abgeschoben werden oder auch freiwillig zurückkommen. Diese Leute werden vom Flughafen abgeholt und müssen ja erstmal irgendwohin. Jemand muss sich darum kümmern, dass sie nicht gleich auf der Straße landen, dass sie übergangsweise irgendwo unterkommen, dass sie sich in ihrer Heimat, die ihnen oftmals doch so fremd ist, überhaupt ansatzweise zurecht finden. Doch was soll man einem aus der Bundesrepublik abgeschobenen Jugendlichen sagen, an seinem ersten Tag in Priština, der Hauptstadt eines Landes, dessen Sprache er vielleicht gar nicht oder nur wenig spricht? Denn er spricht Deutsch, kein Albanisch. Was soll man ihm sagen?

Kennen gelernt haben wir Dieter auf der Terrasse des OSCE-Hochhauses. An der Pforte wollte man uns erst nicht reinlassen, nur Leute von der OSCE, den UN und sonstigen internationalen Organisationen, außerdem Diplomaten und wer auch immer Wichtiges hätten Zutritt. Wir sagten, wir seien Bürger der FRG, doch es half nichts. Wir wollten gerade wieder gehen, als Robert auf Arne zeigte und sagte: »He is a former German soldier!« So lächerlich es auch ist, das war scheinbar genau der an den Haaren herbeigezogene Grund, auf den der Pfortentyp gewartet hatte, denn mit einem etwas spitzbübischen Grinsen winkte er uns zur Ausweiskontrolle. Dass Robert anstatt des Reisepasses nur seinen Führerschein abgeben konnte und Arne rein gar kein Dokument vorzuweisen hatte, störte auf einmal auch nicht. Wir bekamen Besucherausweise und durften den Fahrstuhl zur Restaurant-Etage ganz oben nehmen, wo man von der Terrasse den wohl besten Blick über Priština bekommt. Dieter war der dritte Deutsche, dem wir dort oben begegneten. Er erklärte uns einige Dinge zu den Stadtvierteln, zum Land an sich, zu seinen Bewohnern, und er spendierte uns ein Bier. Doch als wäre das nicht genug, lud er uns und seinen Kollegen sogar noch zum Pizza-Abendessen weiter unten an der Straße ein. Und auch das war wohl nicht genug, denn danach gingen wir in einen offenbar ziemlich angesagten Schuppen, der irgendetwas zwischen Bar, Pub und Restaurant darstellte, und tranken dort weiter – eingeladen, versteht sich. Mit Dieter als unterhaltsame und lustige Begleitung in den Abend.

Ausländer zu sein ist im Kosovo nichts Besonderes. Im Gegenteil, manchmal beschlich uns das Gefühl, Kosovare zu sein sei abnormal. Schaut man sich die vorbeifahrenden Autos an, weiß man warum: UN, UNMIK, OSCE, KFOR, IFOR, SFOR, EUFOR, EAR, NATO, EULEX und weiß der Geier, wie sie alle heißen, das sind die Namen der Organisationen, Missionen und Institutionen, die auf jedem fünften Fahrzeug kleben. Manches hat man daheim schon mal gehört, manches auch nicht, doch dass UNMIK »United Nations Mission in Kosovo« heißt, muss man vor Ort spätestens nach 10 Minuten wissen, denn jeder redet davon. Entsprechend liest sich auch das Kennzeichenwirrwarr, wo ich mich doch frage, wer in diesem Dschungel an Kraut und Rüben überhaupt einen Überblick bewahren soll. Dazu kommen außerdem noch viele Ausländer, die nicht bei NGOs, sondern privat angestellt oder gar selbstständig sind, zum Beispiel im Rahmen von Sicherheitsfirmen. Ein großer Spielplatz für die so genannten Internationals eben.

In Prizren, der Stadt im Süden, wo das deutsche KFOR-Kontingent stationiert ist, ging es schon etwas behutsamer zu. Zwar lief uns hier bei unserem Rundgang durch die Stadt gleich mehrfach dieselbe Gruppe an bestens gelaunten Pressemilitärs über den Weg – übrigens mit der Amerikanerin als einziger Frau – und auch sonst begegneten wir alle paar Minuten mal einem Bundeswehrfahrzeug, doch Prizren strahlt eine wohltuende Ruhe und Gemütlichkeit aus. Keine Spur von der Hässlichkeit und Unüberschaubarkeit Prištinas, stattdessen ein kleines Städtchen mit schönem Zentrum und landschaftlich schöner Umgebung. Doch so schön es auch war, wir wollten noch am selben Tag weiter. Nach einem guten Essen, einem schönen Rundgang und einem Besuch in einem Internetschuppen, wo ich mir einfach mal pro forma die direkte Route zum Nordkap berechnen lies – man weiß ja nie! – fuhren wir schließlich noch schnell beim deutschen KFOR-Camp vor, wo sich die Wache wahrscheinlich wunderte, was die zwei Zivilkarren zehn Minuten lang 100 Meter vor dem Eingang dumm rumstehen. Dass wir versuchten, die Soldaten über unsere irakischen Funkgeräte zu grüßen, haben sie höchstwahrscheinlich nicht mitbekommen.

In Peja, der letzten größeren Stadt kurz vor der montenegrinischen Grenze, verbrachten wir den Abend und die Nacht. Als wir dort um 22 Uhr ankamen und einen Schlafplatz suchten, verursachte Arne den ersten KFZ-Fremdsachschaden dieser Reise: Etwas übermüdet einerseits und andererseits wohl doch die Breite des Hanoaufbaus unterschätzend fährt er an einer Engstelle los, obwohl der Hano gar nicht durchkommen kann. Zum Leidwesen eines roten Opel Kadetts, dem der Hano links hinten über dem Kotflügel eine schöne Beule verpasst hat. Der Kadett-Fahrer blieb erstaunlich ruhig, Passanten blieben stehen, die Polizei war nach gut fünf Minuten da. Nur weitere 10 Minuten später war die »Regelung« des Schadens vollzogen: Wohl auch aufgrund unseres Ausländerbonuses sah die Polizei das Ganze als Bagatellschaden an und wies den Opel-Fahrer an, weiterzufahren. Ohne jedwede Entschädigung. Bei einem Schaden, der in Deutschland wohl vierstellig ausgefallen wäre! Eigentlich fast schade, hätten sich ansonsten die 30 Euro für die kosovarische Versicherung wenigstens gelohnt.

Den Rest des Abends verbrachten wir an der zentralen Meile des Ortes. Dort reihen sich Bars, Cafés und sonstige Weggehläden dicht aneinander und zu beiden Seiten der Straße flanierten vorwiegend junge Menschen. Die Straße ist jedoch eine Sackgasse, und so staunten wir nicht schlecht, dass die Einwohner dieses Städtchens abends offenbar nichts Besseres zu tun haben, als Stunden lang in bester Proletenmanier eben diese wenigen hundert Meter auf und ab zu fahren. Dabei entstand ein regelrechter Stau, sodass sie in einer Minute immer nur wenige Meter vorwärts kamen. Vom protzigen Benz bis hin zum abgeschriebenen Opel Astra, getuned und nicht getuned, alles ist vorhanden. Und die ganz Verrückten schufen sich durch Warten ein bisschen Platz zum Vordermann, mussten natürlich Reifen quietschen lassen, beschleunigten in absurdem Maße und vertrauten dann auf ihr ABS, um wenige Zentimeter vor dem Vordermann wieder zu stehen zu kommen. All das zwei Meter neben uns und all den anderen Leuten, die an den Tischen der Bars und Cafés saßen.

Am Sonntag fuhren wir rüber nach Montenegro. Ein landschaftlich wunderschönes Land, zum Teil sehr bergig, aber durchwegs saftig grün und in weiten Teilen doch noch sehr unberührt. Die Durchfahrt kann man in vollen Zügen genießen, wenn man nicht gerade den Anspruch hat, schnell vorwärts zu kommen. Denn es geht quasi ständig bergauf oder bergab, fährt man mal mehr als 500 Meter eben, ist das eine höchst seltene Besonderheit. Und unser vor Motorisierung strotzender Karren macht die Sache auch nicht viel besser. Dazu kommt außerdem, dass es im Grunde nur zwei bis drei Hauptstraßen gibt, die diesen Namen den Verhältnissen nach auch wirklich verdient haben, was dazu führt, dass wir einen großen Zickzack durch das Land fuhren. Vom Grenzübergang erst ewig nach Norden, dann etwa hundert Kilometer nach Süden zur Hauptstadt Podgorica, von dort wieder Richtung Norden über Nikšić zur Grenze mit Bosnien und Herzegovina.

Podgorica ist eine recht interessante Stadt. Wir parkten dermaßen zentral am Platz der Republik, dass es zentraler gar nicht mehr hätte gehen können. Zu Fuß erkundeten wir die nähere Umgebung, überquerten die Millennium-Brücke, stolperten zufällig an der Deutschen Botschaft vorbei, unterhielten uns mit den Angestellten eines kleinen Kiosks und aßen Eis und Kuchen in einem Café mit grottenschlechter Bedienung. Für unsere einzige montenegrinische Nacht hätten wir kein besseres Datum und auch keinen besseren Ort wählen können. An jenem Abend spielte die montenegrinische Nationalmannschaft gegen Serbien im Finale der Wasserball-Europameisterschaft – und gewann! In einem spannenden 6 zu 5 besiegte Montenegro in Málaga den großen Bruder Serbien, von dem es sich vor erst zwei Jahren unabhängig erklärt hat. Was für ein Fest! Und wir mittendrin!

Mit einem kurzen Zwischenstopp zum Essen und zum Beine Vertreten in Nikšić ging es weiter nach Norden, wo wir den Piva-See erreichten. Entlang dieses wunderschönen Stausees, der seinen Namen vom gleichnamigen Fluss erhält, schmiegt sich auf über zehn Kilometern Länge eine Straße, von welcher aus wir dank des wunderbaren Lichtes einen herrlichen Ausblick hatten. Alle paar hundert Meter durchfährt man dabei einen der unzähligen, lediglich in den Felsen gehauenen Tunnel, in denen es offensichtlich auch nicht gerade wenig Steinschlag gibt. Direkt hinter uns ist ein PKW auf einen Stein aufgefahren. Ergebnis: Reifenplatzer. Die Staumauer, der Mratinje-Damm am nördlichen Ende des Sees, war ebenfalls ein Spektakel. Über 200 Meter hoch, eine der höchsten Europas, faszinierte sie uns so sehr, dass wir die Autos auf ihr parkten und eine halbe Stunde zu Fuß die Umgebung erkundeten. Das Sekundenzählen beim Runterwerfen von Steinen war dabei genauso interessant wie die vielen Relikte von Wegen und Tunneln im Felsen, die wohl für den Bau vonnöten waren.

Um 16.07 Uhr erreichten wir Bosnien. Keiner scherte sich groß um unsere Ausreise aus Montenegro, einmal Servus gesagt und das war’s, dafür aber sehr wohl um unsere Einreise nach Bosnien und Herzegovina. Viel los war zwar nicht, aber fix waren die Beamten dort genauso wenig. Doch ich wäre es wohl auch nicht, wenn ich eine Brücke mitten in der schönsten Natur bewachen müsste. Dass ökonomisch zwischen Montenegro und Bosnien Welten liegen, merkten wir bereits nach ein paar hundert Metern. Waren wir kurz zuvor noch auf einer neu asphaltierten zweispurigen Straße, dümpelten wir nun auf einer knapp drei Meter breiten Schotterpiste gen Sarajevo. Wohlgemerkt: Dies ist eine, ja sogar die einzige, Hauptverbindung zwischen zwei europäischen Hauptstädten – eine Europastraße, die E762. Zum Glück war nicht allzu viel Verkehr, auch wenn wir zeitweise einen Reisebus vor uns hatten und kurz darauf noch die dümmste Autofahrerin der letzten drei Monate trafen, die es mit ihrer roten A-Klasse partout nicht schaffte, eine zweieinhalb Meter breite Engstelle zu passieren. So was muss man echt gesehen haben!

Offensichtlich will man die Touristen in diesem Land am Wiederaufbau des maroden Staatshaushaltes teilhaben lassen. Denn kurze Zeit später wartete die nächste Überraschung auf uns: Wir wurden angehalten und sollten 60 Mark – ja, dort gibt es noch Mark, und zwar Bosnische Konvertible Mark zum D-Mark-Wechselkurs von 1,95583 – zahlen, weil wir nicht angeschnallt waren. Unerhört! Nach 96 Tagen in 12 Ländern dieser Erde, über 17.000 Kilometern Strecke, so gut wie immer unangeschnallt, sollten wir nun 30 Euro zahlen, weil zwei Dorfbullen schlechte Laune hatten? Nichtmal in die eigene Tasche wollten sie es stecken, wir hätten nämlich mit einem Zettel zur Polizeistation von Foca – also auch noch einen Umweg – fahren und dort zahlen müssen, der Bestechungsversuch à la »Can we pay here?« fruchtete ebenfalls nicht. Umso überraschter waren wir, als die beiden uns nach zwanzig Minuten des Rumdiskutierens einfach so eine gute Fahrt wünschten, obwohl Roberts Name und unser Kennzeichen bereits auf dem Strafzettel vermerkt waren. Einfach nur lächerlich und endlich vorbei, dachten wir uns – und erlebten anderthalb Stunden später in Sarajevo dasselbe Spiel nochmal. Diesmal sollten Calle und Arne 100 Mark zahlen, weil sie entgegen den gesetzlichen Bestimmungen bei helllichtem Tage nicht mit Abblendlicht fuhren. Da uns diese Forderung noch viel lächerlicher erschien, lachten wir den Polizisten beinahe aus und konnten uns nach einer Passkontrolle binnen weniger Minuten seinen Fängen entziehen.

Den Abend in Sarajevo verbrachten wir in einem etwas teuren, aber dafür sehr guten Lokal, dessen älterer Besitzer sich allem Anschein nach wie ein Schnitzel freute, uns bei sich zu haben. Ansonsten war der Laden bei unserer Ankunft auch gähnend leer. Wir bekamen eine kostenlose Nachspeise und der sympathische Typ stellte uns sogar einen Wimpel mit deutscher Flagge auf den Tisch. Höchst persönlicher Service! Während Arne und ich um ein Uhr ins Bett gingen, zogen Robert und Calle noch auf Sauftour los, ließen sich erst um sieben Uhr morgens entsprechend angeheitert bei unserem Parkplatz am Fluss Miljacka blicken. Und dann ging es auch schon wieder los. Ein sehr dürftiges Frühstück später begaben wir uns zur Lateinerbrücke, wo mit der Ermordung Franz Ferdinands quasi der Erste Weltkrieg eingeleitet wurde, und besuchten anschließend das Historische Museum Bosniens, dessen Sammlung über die Kriegsjahre in den 90ern mir sehr gut gefallen hat. Man muss nicht in den Irak fahren, um zerstörte Städte zu sehen, im Gegenteil, in Sarajevo ist der Krieg noch allgegenwärtig. Jede zweite bis dritte Hausfassade ist übersät mit Einschusslöchern, teilweise fehlen kleine Ecken von Gebäuden, nur wenige von den vollständig zerstörten sind jedoch geblieben. Wo nur noch Trümmer waren, wurde inzwischen wieder aufgebaut, wo jedoch nur »geringe« Schäden festzustellen waren, kleine Löcher in der Häuserwand oder eben die vielen komplett zerschossenen Fassaden, da wurde meist alles beim Alten belassen. Sarajevo selbst ist da schon krass, doch auf unserem Weg in Richtung Kroatien sahen wir auf dem Lande ebensoviel Zerstörung. Draußen sind die Kriegsfolgen zwar nicht so allgegenwärtig, dafür aber umso heftiger sichtbar. Denn die Ruinen von irgendwelchen freistehenden Häusern auf Wiesen hat niemand wieder aufgebaut.

Da Bosnien und Herzegovina nur gut 15 Kilometer Autobahn – und selbst darüber waren wir höchst überrascht! – vorzuweisen hat, braucht es ein bisschen, bis wir um halb fünf an die Kroatische Grenze kommen. Der Staat Bosnien und Herzegovina besteht komplizierterweise aus der Föderation Bosnien und Herzegovina sowie aus der Republika Srpska (und noch irgendeinem Sonderverwaltungsdistrikt), und so waren auf einmal wieder alle Schilder auf Kyrillisch, als wir die Föderation verließen. Geholfen hat das nicht gerade, stattdessen verfuhr ich mich sogar, weil ich glaubte, etwas zu lesen, das gar nicht da stand. Bis zum nächsten Mal werde ich die Schrift aber lernen. Versprochen!

Bereits um acht Uhr verließen wir Kroatien wieder, blechten an der Grenze über 30 Euro für die slowenische Autobahnmaut, welche es auf der Hinfahrt noch nicht gab, und erreichten um zehn Uhr abends Liubljana. Oder Leibach, wie Robert jetzt sagen würde. Mit Calle und Arne feierten wir unseren erfolgreichen Urlaub mit einem letzten Essen beim Italiener und verabschiedeten uns dann von den beiden. Denn während Robert und ich noch eine kleine Runde zu Fuß drehten und über die unerwartete Schönheit der Stadt, in der wir unsere letzte von 97 Nächten verbringen sollten, etwas verwundert waren, fuhren die beiden Soester weiter. Sie hatten ja auch noch einige hundert Kilometer mehr vor sich als wir.

Erst um halb zehn Uhr morgens setze ich mich also wieder ans Steuer, werde in Österreich zum ersten Mal auf dieser Fahrt von zwei LKWs penetrant angehupt, weil ich nicht schneller fahren kann, und wünsche einem erst in Deutschland aufstehenden Robert Siebeck einen guten Morgen.

Um 16.01 Uhr erreichen wir nach 98 Tagen, 13 Ländern und 18.714 Kilometern Stockdorf.

Wir sind daheim – und kein Aas ist da.

Einige Gedanken zum Schluss

Reisen ist schön – nach Hause kommen ist auch schön. Drei Monate waren wir nun also unterwegs und hatten eine wunderbare Zeit fern der Heimat. Wir sind in fremde Kulturen eingetaucht und haben neue Sprachen gelernt. Unzählige Menschen lernten wir kennen, jeder von ihnen mit seiner eigenen kleinen Geschichte, die uns nicht wenige Male beeindruckt hat. Fast überall wurden wir freundlich aufgenommen und so gut wie immer halfen uns freundliche Mitmenschen weiter – auch wenn wir an der einen oder anderen Stelle mal nicht wussten, wie wir uns zu verhalten hatten. Überraschend wenig war zu spüren von den Feindseligkeiten und falschen Vorstellungen, die von Medien und Machthabern überall auf dieser Welt – vor allem aber auch im Westen! – täglich genährt und weiter gesponnen werden. Oft hat man keine Ahnung oder glaubt falsche Dinge, einfach nur deshalb, weil sie einem so erzählt werden. »You have to come and see with your own eyes!« war somit eine meiner Standardantworten, wenn wir danach gefragt wurden, warum wir solch eine Reise unternehmen. Denn Reisen ist wohl die beste Form des kulturellen Austauschs. Und auch wenn es dem Menschen mehr abverlangt, als einfach vor dem Fernseher zu hocken – es gibt ihm auch weit mehr zurück!

Über das Reisen zu berichten hat mir durchaus Spaß gemacht und ich werde es gewiss auch wieder tun. Doch all die Zeilen schreiben sich natürlich nicht von selbst und so war das tägliche Verfassen der Berichte manchmal auch eine recht nervtötende Sache. Schreibt man einen Tag mal nicht, warten am nächsten Tag gleich zwei Einträge, und so schrieb ich »aus Angst vor dem nächsten Tag« an manchem Abend auch noch weiter, als ich schon längst im Bett sein wollte. Die größte Motivation war jedoch, in einigen Jahrzehnten meine eigenen, dann wohl sehr löchrigen, Erinnerungen wieder auffrischen zu können, etwas zu haben, das man seinen Kindern erzählen oder zum Lesen geben kann. Natürlich bin ich nicht der geborene Schreiber. In der Schule gab es keine Aufsatzform, die ich mehr gehasst habe als die Erlebniserzählung. Und auch die Stimmung ist nicht immer die richtige zum Schreiben, manchmal fehlte selbst das kleinste Fünkchen Inspiration, und so bitte ich um Nachsicht, wenn der zur Tastatur gebrachte Text streckenweise eher den Charakter eines Logbuchs aufweist denn den eines flüssig zu lesenden Reiseberichts.

Tagein tagaus mit einem anderen Menschen auf den immer gleichen vier Quadratmetern zu leben, ist eine Herausforderung für beide Beteiligten. Fast vollständig ist man vom anderen abhängig, kann weder Zähne putzen und ins Bett gehen, ohne den anderen im Weg zu haben, noch einfach mal schnell wo hinfahren, um einen Happen zu essen oder einfach nur auf die Toilette zu gehen. In fast allen Dingen ist man voneinander abhängig, kann nur gemeinsam Entscheidungen treffen, muss am laufenden Band Kompromisse schließen. Dass das oft nicht einfach ist, weiß der Weltenbummler nicht nur aus eigener Erfahrung, unterwegs haben wir auch Reisende kennen gelernt, bei denen der Haus- oder Campersegen komplett schief hing. Und es ist nicht gerade ein kleiner Unterschied, ob es gerade mal zwei Wochen oder auch über drei Monate gut geht. Deshalb möchte ich zum Schluss natürlich meinem ständigen Reisepartner Robby, ohne den diese Reise so nicht möglich gewesen wäre, sowie unseren beiden Freunden Calle und Arne, die unseren Urlaub mehr als alles andere bereichert haben, herzlichst danken.

Es war toll! Und es hat Spaß gemacht!

9. Juli 200825. Juli 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.