Freitag, 27. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Dohuk, Zakhu, [Irak / Türkei], Silopi
Auf dem Reiseprogramm heute: Ausreise Irak, Einreise Türkei.
Nach einem guten Mittagessen im Restaurant, wo wir auch an unserem ersten Iraktag gegessen haben – übrigens heute mit Wiederholung des EM-Spiels Deutschland-Türkei – und einem letzten Tankstopp für billige 49 US-Cent pro Liter Diesel, erreichen wir die uns vom langen Aufenthalt vor zwei Wochen wohlvertraute Grenze. Manch einer kennt uns hier sogar noch beim Namen, begrüßt mich sofort mit »Mister Robert«, fast alle erinnern sich aber zumindest an unsere Gesichter und unsere Autos.
Hatten wir uns erhofft, dass die Ausreise schneller vonstatten gehen würde, als die Einreise, so war dies grobe Täuschung. Da bei unserer Ankunft gerade Mittagspause herrscht, ist der Grenzbetrieb quasi auf Null und es gibt niemanden, der sich um eines unserer vielen Anliegen – Autopapiere, Kennzeichen, Reisepässe etc. – kümmern könnte. So werden wir erst mal in ein Büro gebeten, wo wir die Zeit wenigstens bei voller Klimatisierung auf Sofas zusammen mit Berichten von der Europameisterschaft auf Al Jazeera rumbringen können.
Als die Grenzleute wieder alle am Start sind, geht es aber auch nicht viel schneller. Das Rumgelaufe toppt sogar noch das von der Einreise und wir können nur von Glück sprechen, dass uns wieder jemand durch den Dschungel an Büros, Schaltern und Hinterkammern in den diversen Gebäuden führt. Bei der Emigration gibt es dann auch noch eine kleine Überraschung: Da man uns in Sulemanya ein Exit-Visum erteilt hat, werden wir erst mal verwundert gefragt, ob wir vielleicht etwas angestellt hätten. Robert meint daraufhin nur, dass wir keinen Bluttest gemacht hätten, was dem Typen als Begründung offenbar plausibel erscheint. Wir könnten deshalb in Zukunft jedoch nicht mehr visafrei in den Irak einreisen, da wir sonst an der Grenze abgewiesen werden würden. Nicht dass wir das in naher Zukunft wieder vorhätten, außerdem ist es ja möglich, einen anderen Pass zu benutzen, wo kein irakisches Exit-Visum drinnen ist, aber nerven tut das schon.
Das waren sie also, unsere 15 Tage Irak. Was ist zusammenfassend zu sagen? Alles ist möglich. Außerdem kommt alles anders, als erwartet. Wer hätte gedacht, dass unser Irakaufenthalt quasi zu einem Badeurlaub mutieren würde? Wir erfrischten uns im Tigris, machten zwei Tage Strandurlaub an einem Stausee, fingen Skorpione, fanden neue Freunde, waren bowlen und manches Mal auch betrunken. Und was sind nun die größten Probleme im Irak? Parkplatzsuche, schlechter Verkehr, stechende Skorpione, dumme Leute, stundenlanges Rumhocken an Checkpoints und wenig Frauen auf der Straße.
Nach gut zweieinhalb Stunden sind wir fertig mit dem Irak und kommen auf die Grenzbrücke. Nun lautet die Devise erst recht »Geduld«. Nur langsam geht es auf der Brücke vorwärts, denn direkt dahinter gibt es schon die erste Zolldurchsuchung. Mehrere Türken in Blaumännern nehmen teils ganze Autoteile auseinander, um nach Waffen und Drogen zu suchen, für die der Irak ja einer der besten Plätze dieser Welt ist. Eine Kalaschnikov für 150 Dollar könnte man sich eigentlich schonmal zulegen.
Durch diese erste Durchsuchung kommen wir sogar recht schnell. Nur zehn Minuten lang schaut der Typ in jede Klappe rein und holt willkürlich Zeug heraus, das er dann nichtmal mehr einräumt, sondern einfach auf die Couch schmeißt. Schnell geht es aber nur, weil Robert unterschreiben muss, dass er damit einverstanden ist, dass das komplette Auto geröntgt wird. Soll uns nur recht sein, wenn das die Sache beschleunigt.
Selten oder gar nie haben wir uns bisher wohl so sehr in der Abfertigungszeit einer Grenze verschätzt. Sage und schreibe sechseinhalb Stunden brauchen wir für den Übertritt aus dem Irak in die Türkei, wobei der Großteil der Zeit bei der türkischen Einreise drauf geht. Nach der Durchsuchung gilt es, wie üblich erst mal einzureisen. Doch obwohl nichtmal allzu viel los ist beim Immigrationschalter, kommen wir nicht wirklich vorwärts, denn die ganzen Taxifahrer scheinen hier eine Art Sport zu praktizieren: Sie gehen keinen einzigen Meter, sondern rennen nur kreuz und quer hin und her, drängeln sich ohne irgendwelche Anstalten beim Schalter vor, indem sie die anderen beiseite schieben und ihre Papiere reinreichen. Als wir dann zu viert den Schalter abschirmen und die Leute mit Gewalt vor dem Weiterkommen hindern, werden manche sogar böse und wollen uns durch ihr »Dollar! Dollar!« wohl erklären, dass ihre Zeit pures Geld ist.
Den Typen hinterm Schalter interessiert das Ganze überhaupt nicht, er sieht es ja sowieso tagtäglich und ist es wohl gar nicht anders gewohnt. Als er aber korrekterweise nicht akzeptieren will, dass die Soester mit unserer zweiten Grünen Karte einreisen, wo unser Kennzeichen und Roberts Name drauf steht, wird Carl richtig sauer. Die etwas befremdliche Szene, die er trotz des besseren Wissens, dass er im Unrecht ist, hinlegt, wirkt erst etwas peinlich, hilft aber letztendlich doch, die 70 Euro für eine Extraversicherung zu sparen. Er wird von einem mit Blaulicht angefahrenen Wagen abgeholt und weggebracht. Verhaftet wegen Beamtennervens? Nein, er zeigt in irgendeinem Büro dem Chef unsere Grüne Karte, der wiederholt Carls ständiges »No Problem!« und die Sache ist gegessen.
Und wieder sehen wir: Alles ist möglich. Checkpoints passieren mit Führerschein, den man als Reisepass präsentiert. Mehrfaches Einreisen ohne Grüne Versicherungskarte. Und und und.
Schließlich geht es noch zum Röntgen. Hatten wir gedacht, dass das eine schnelle Sache werden würde, so haben wir uns darin sehr grob geirrt. Zuallererst warten wir an der Röntgenstelle für die Einreise eine gute halbe Stunde auf unseren aufgestellten Stühlen zwischen den LKW, bis sich irgendwelche Mitarbeiter unser erbarmen und uns zur Röntgenstelle für die Ausreise mitnehmen, wo wir sofort drankommen können.
»Sofort« ist gut, denn geröntgt wird hier anscheinend nur bei vollkommen ausgeleerten Karren. Die zwei Polizisten sind zwar sehr nett, beharren jedoch darauf, dass wir alles ausräumen müssen. Für uns kommt das jedoch nicht in Frage, eher campen wir noch ein paar Tage hier auf dem Grenzgebiet, als dass wir jetzt in stundenlangen Aktionen alles aus- und danach wieder einräumen. Das Röntgen komplett streichen kann man jetzt auch nicht mehr, da einmal im Computersystem eingegeben, ein Auto nicht mehr von der Röntgenpflicht befreit werden kann.
Schließlich haben die beiden nach unserem halbstündigen Einreden wohl doch Mitleid sowie auch Angst um ihren Feierabend, dass sie uns komplett bepackt in die Röntgenhalle schicken und danach einzelne Stellen manuell kontrollieren. Diese »einzelnen Stellen« sind zwar recht viele und letztendlich räumen wir doch den halben Camper aus, weil auf den Röntgenbildern viele verdächtige Stellen zu sein scheinen, doch mit einer weiteren Stunde ist auch diese Sache für beide Autos getan.
Die beiden sind sogar so lustig, dass sie uns einen Megaschock verpassen: Als Arne in einer Zarge-Box rumwühlt, um dem Bullen den Inhalt der Werkzeugkiste zu zeigen, liegt zwischen irgendwelchen Lappen und Ersatzteilen auf einmal eine Pistole! Der Bulle springt auf und fragt »What is that?!?«. Arne weiß überhaupt nicht, was los ist, wie die Waffe in seine Kiste kommt und wie viele Jahre er jetzt im Gefängnis verbringen wird, als der Bulle die Situation auflöst, indem er einfach die Waffe nimmt und wieder an seinen Gürtel hängt. Es ist seine! Unbemerkt hat er sie vorhin in der Box versteckt, um ein bisschen Spaß mit uns zu haben. Voll gelungen, Mister Zollbeamter.
Zwischen sechs und sieben sind wir schließlich durch mit dem Grenzshit und fertig in der Türkei eingereist. Wurde auch Zeit. Eigentlich wollten wir heute noch bis Qamishli kommen, um uns dort zu informieren und vielleicht sogar heute noch nach Syrien einzureisen, doch daraus wird aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nun sicher nichts mehr. Stattdessen stellen wir uns in Silopi auf unseren Platz von vor 15 Tagen, gehen essen und Geld am Automaten zocken. Ich lasse mir nach über einem Monat außerdem den Bart abrasieren, da er erstens inzwischen ziemlich langweilt und ich zweitens auch kein Interesse mehr daran habe, möglichst unbemerkt oder lokalzugehörig durchzugehen. Hat im Irak aber wirklich gar nicht so schlecht geklappt.