Mittwoch, 25. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Arbil, Nimrud, Dohuk
Hatten wir gestern Abend eigentlich noch geplant, um zehn Uhr abzufahren, so wird das heute nichts, da Mister Calle sich um sage und schreibe zwanzig Minuten verspätet, worüber der sich pünktlich am Start befindende Mister Robert nicht allzu glücklich ist. Die Fahrt in Richtung Nimrud verläuft wie jede andere Fahrt der letzten Tage im Irak mit dem einen oder anderen Checkpoint und manch verwunderten Blicken. Am letzten Checkpoint der Provinz Arbil müssen wir widerwillig etwas länger verweilen und Fanta trinken, da die Soldaten mal wieder ein bisschen mit uns quatschen wollen.
Dabei sitze ich mit überschlagenen Beinen auf der Couch und passe – wie bereits die ganze Zeit – auf, die Fußsohle nicht gegen eine andere Person zu richten, da das hier als sehr offensiv gewertet wird. Dass ich aber trotzdem Anschiss bekomme, ist mir zuerst unverständlich, den hinter dem Schreibtisch, zu dem meine linke Sohle gerichtet ist, sitzt nun mal niemand, doch umso verblüffender ist die gestische Erklärung eines der Soldaten: Auf dem Schreibtisch steht eine kurdische Flagge und die dürfe ich genauso wenig beleidigen. Na toll, tagelang passe ich als einziger richtig auf, während den anderen diese Spielregel eher egal zu sein scheint, und dann scheitere ich an einer kurdischen Wimpelflagge auf einem Schreibtisch.
Kurz nach diesem Checkpoint, dem wir übrigens gesagt haben, wir würden nur in das in dieser Provinz gelegene Gwer fahren, um uns keine ellenlangen Geschichten über die bösen Araber anhören zu müssen, erreichen wir die Provinzgrenze. Auf der anderen Seite einer mehrere hundert Meter langen Brücke erwartet uns der erste richtig arabische Checkpoint. Hier ist keine Spur mehr von kurdisch. Die Polizisten haben ein komplett anderes, eben arabisches Gesicht, sie tragen die blaue Uniform der irakischen Polizei und auf einmal wird Arabisch gesprochen.
Der nette Polizist, der uns hinter der aus Betonmauern gebauten S-Kurve empfängt, hat uns offensichtlich nicht erwartet, ist aber anscheinend auch so belustigt von unserer Präsenz, sodass er den Checkpoint komplett seinen Kollegen übergibt und sich nur um uns kümmert. Zehn Minuten lang läuft es erst mal wie üblich ab: Die Papiere werden durchgeschaut, das Auto wird zumindest ansatzweise unter die Lupe genommen und die inzwischen ziemlich langweilenden Fragen werden gestellt. Ich warte eigentlich darauf, dass uns davon abgeraten wird, in diese Provinz einzureisen, oder zumindest eine Warnung in gewisser Form ausgesprochen wird – vergeblich. Der Typ hat offenbar überhaupt kein Problem damit, dass wir jetzt ein bisschen in den arabischen Teil des Iraks fahren, noch dazu mit zwei internationalen Führerscheinen und nur zwei Reisepässen. Es ist wie immer: Die einen erzählen, die anderen seien böse und gefährlich, lernst du die anderen dann kennen, ist alles ganz normal und sie erzählen dir alsbald, die ersteren seien die Bösen und Gefährlichen.
Einfach gehen lassen kann man uns aber offenbar doch nicht, denn der Bulle steigt bei uns ein und gemeinsam fahren wir zur etwa einen Kilometer entfernten und ziemlich gut versteckten Polizeistation. Hier empfängt uns am mit massig Stacheldraht gesicherten Eingang ein vermummter und mit Sonnenbrille bekleideter Polizist, der so original als Terrorist in jedem Film mitspielen könnte. Im Büro des Chefs sitzen wir mit weiteren fünf oder sechs Polizisten auf den seitlichen Sofas, trinken Tee und warten darauf, dass man uns weiter lässt. Offenbar muss per Funk bei irgendeinem General angefragt werden, ob wir hier weiterfahren dürfen.
Eine gute halbe Stunde sitzen wir also rum, machen das eine oder andere Foto und ich komme mir vor wie in einer der vielen Fernsehdokumentationen über den Irak, wo von der irakischen Polizei berichtet und diese dafür eben auch besucht wird. Interessant, wie durch die Nachrichten die hiesigen Uniformen so vertraut wirken, obwohl ich noch nie zuvor hier war.
Schließlich gibt es vom General die Freigabe und wir können losziehen. Einige dutzend Kilometer müssen wir der Hauptstraße noch folgen und den folgenden Checkpoints reicht interessanterweise die kurze Anfrage per Funk, ob wir passieren dürfen, sodass wir jeweils innerhalb einer Minute weiterkommen. Da sollten sich die Türken echt mal eine Scheibe von abschneiden, denn etwas Sinnloseres, als achtmal am Tag die kompletten Reisepässe und Autodokumente abzuschreiben, gibt es echt nicht. Dabei könnte es so einfach sein, wie man hier sieht.
Von der Hauptstraße nehmen wir die links abzweigende Piste nach Nimrud, die durch ein oder zwei Dörfer führt und nach etwa acht Kilometern schließlich Nimrud erreicht. Roberts Vater ist vor dreißig Jahren wahrscheinlich genau auf derselben Straße gefahren, deren wenige Asphaltreste davon zeugen, dass sie in dieser Zeit wahrscheinlich nicht erneuert wurde. »To visit Nimrud take this way« weist uns schließlich ein wohl kaum neueres Schild den Weg zum Ziel.
Mehrere Leute mit diversen Uniformen und in Zivil sind zugegen, als wir auf dem Hauptplatz des Ausgrabungsareals ankommen. Zwei scheinen von irgendeiner Organisation zum Schutz von Kulturgütern zu sein, einer ist wohl normaler Polizist und zwei sind sozusagen die Hüter der Ausgrabungsstätte. Allesamt machen sie große Augen, als unsere zwei Autos vorfahren und wie selbstverständlich vor dem Eingang parken, wie wenn es jeden Tag hunderte Autos und Reisebusse gäbe, die das genauso machen. Wir werden aber das Gefühl nicht los, dass wir seit sehr vielen Jahren die ersten ausländischen Freaks sind, die hier individuell mit dem Auto aufkreuzen. Selbstfahrende Europäer auf Urlaub im Irak? Wer im Internet nach so etwas sucht, wird zumindest für die Zeit ab 2003 nicht fündig werden.
Nimrud ist eine nette Stätte, deren Wurzeln angeblich bis zu 7.000 Jahre zurückreichen. Sie war die Hauptstadt des Babylonischen Reiches vor Babylon. Wir bekommen eine persönliche Führung und werden im Wärterhäuschen auch auf eine Cola eingeladen, während Robert aus dem Blauen Führer »Mittlerer Osten« von 1966 zitiert. Vom nahegelegenen Hügel, unter dem sich auch noch einige Reste des darunter befindlichen Ziggurats (Stufenturms) identifizieren lassen, haben wir zudem eine wunderbare Aussicht auf das umgebende Nichts der Wüste einerseits und den grünen Streifen des nur zwei Kilometer entfernten Tigris andererseits.
51 Grad zeigt unser Thermometer – kein einziges Grad kälter fühlt es sich an. Der wohl heißeste Ort dieses Urlaubes drückt die letzten Schweißreste aus uns heraus und steigert unser Verlangen nach einem Bad ins Unermessliche. Da kommt uns der Tigris gerade recht.
An einem weiteren Checkpoint vorbei fahren wir zu diesem Fluss, der bei Nennung in den Medien immer unerreichbar weit entfernt scheint, jetzt aber nur ein paar Felder weiter vorbeifließt. An der Stelle, wo wir mit unseren Autos direkt das Ufer erreichen, ist das Wasser sehr flach, doch es reicht, um unseren irakischen Badeurlaub mit ein paar Schwimmzügen fortzusetzen. Viel mehr gefällt uns aber das gegenseitige Bewerfen mit dem vielen am Grund wachsenden oder vorbeifließenden Grünzeug, das den Fluss auf den ersten Blick auch dreckiger erscheinen lässt, als er eigentlich ist. Ein paar Meter weiter chillt, behütet von einem kleinen Jungen, eine Herde Kühe auf einer kleinen Insel ab und interessiert sich, genauso wie die paar Leute am gute hundert Meter entfernten anderen Ufer, nicht die Bohne für unseren Badespaß.
Was macht man also so im Irak? Im Tigris baden natürlich.
Nach Norden an Mosul vorbei fahren wir rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit nach Dohuk. Auf diesem Weg ist von einer klar definierten Provinzgrenze, besser gesagt von einer klar definierten Verwaltungs- und Machtgrenze, wie sie auf dem Hinweg eindeutig vorhanden war, nichts zu merken. Stattdessen gibt es mit teils einem Checkpoint alle dreihundert Meter die höchste Checkpointdichte des Urlaubs. In die zuerst rein arabischen Checkpoints mischen sich nach und nach immer mehr kurdische Kontrollposten, bis in der Provinz Dohuk irgendwann keine arabischen Checkpoints mehr auftauchen und die Dichte auch wieder merklich geringer wird.
In Dohuk stellen wir uns auf unseren altbewährten Platz, kaufen letztmalig im Irak nochmal etwas billigen Alk und kochen unter Arnes Leitung ein deliziöses Abendessen. Bis sieben Uhr morgens sitzen einige von uns noch zwischen den Karren und beobachten nach einer lebhaften Diskussion, wie Dohuk bei Sonnenaufgang wieder zum Leben erwacht.
Tenor des Tages: Auch außerhalb Kurdistans gilt »Iraq is safe!«. Außerdem sind mir die Araber sowieso weit lieber als die Kurden. Eigentlich heißt es jetzt: Baghdad calling. Aber wir fahren übermorgen raus.