Wir Misters in der Naza Shopping Mall in Arbil/Hewler, Irak (14.06.2008)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
23. Juni 200825. Juni 2008

Dienstag, 24. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Gali Ali Bag, Bechal, Arbil

Mehr als eine insektenfreie Nacht wird mir offenbar nicht gegönnt, denn um fünf Uhr wache ich vor lauter Jucken und Summen auf. Und wie ich aufwache! In voller Montur, mit allen Klamotten auf der Couch, ohne Bettzeug, ohne ausgezogenes Bett, quasi wie sonst im Wohnzimmer. Da bin ich wohl gestern einfach so eingeschlafen. Die Türen und Fenster sind zu, die Gitternetze zumindest noch einigermaßen haltend, wo also kommen diese ganzen Viecher her? Die eine oder andere Mücke erledige ich, doch eigentlich ist es sinnlos, denn ich will jetzt keine Action, sondern einfach weiterpennen. Waren ja erst drei Stunden bisher, und die waren nichtmal allzu toll. Nach einer guten Ladung Autan probiere ich es also doch nochmal mit dem Schlafen und zu meiner späteren Überraschung bin ich auch wieder sofort weg.

Um neun gibt es dann Aufstehen II. Diesmal viel besser ausgeschlafen und trotz der späten Zeit noch als erster. Auf unserem Campement zwischen den beiden Autos herrscht jedoch ein rechtes Chaos. Die sechs Stühle flacken alle durcheinander auf dem Boden, die zwei Skorpiongläser liegen ein paar Meter weiter hinter dem Bordstein, als wären sie extra dort hingelegt worden, und ein bisschen Müll liegt hier und da auch noch dazwischen rum. Als ich mir gerade den Frühstücks- und Schreibtisch im Schatten vom Hano einrichte, kommt auch Arne aus den Federn und zusammen warten wir im Schatten des Hanos schreibend, bis die anderen beiden aufstehen.

Als Abfahrtszeit haben die anderen drei gestern Abend elf Uhr ausgemacht. Und wir sind um elf auch alle fertig, würden loskommen, wenn wir doch nur wüssten, wohin. Wir sind in Gali Ali Bag, doch wo sind die Wasserfälle?

Hinter dem geschlossenen Restaurant nebenan finden Robert und ich drei Leute, die wir in allen möglichen Variationen, also vielen Sprachen und mit mehreren Gestikulationsversuchen, fragen, wo die Wasserfälle seien. Doch wir sind hier im Irak, in Kurdistan. So krass viele Leute sind hier einfach dumm. So auch hier. Das Einzige, was wir mit unseren Bemühungen ernten, ist ein verneinendes Winken mit der rechten Hand bei debil dreinschauendem Blick.

Unsere Rettung ist ein Auto aus Dubai, das gerade zufällig über den Parkplatz fährt und dessen zwei Insassen zumindest auch ein paar Wörter Englisch können. Wir folgen ihnen die Hauptstraße zurück und erreichen zwei Kilometer weiter in der Richtung, aus der wir gestern kamen, den Eingang. Neben einem gerade ankommenden Touribus und ein paar Kindern, die meinen, uns für das Parken Kohlen abzocken zu können, sind wir die einzigen auf dem Parkplatz.

Das hat auch seinen guten Grund. Die Wasserfälle, in Wikitravel als die höchsten des gesamten Nahen Ostens beschrieben, sind nichts als ein kümmerlicher, vielleicht zehn Meter hoher Wasserfall, um den ein bisschen Infrastruktur herum gebaut wurde. Gegenüber den Wasserfällen, die wir im Iran gesehen haben, einfach nur lächerlich – und Iran ist nach gängiger Definition auch Naher Osten bzw. englisch »Middle East«. Den Kerl, der den Müll in Wikitravel eingetragen hat, möchte ich auf alle Fälle echt gern mal sehen.

Der Ausflug hierher, für den wir ja letztendlich gestern stundenlang im Auto saßen, lohnt sich aber trotzdem: Der vor den Toren parkende Bus ist besetzt von einer Tourihorde aus Baghdad, mit der wir einigen Spaß haben. »Baghdad is safe? We’ll follow your bus!«, »Can you give us your phone number and address in Baghdad so we can call you when we’re hijacked?« oder »What? Only one million dollar per person? I am worth more!« lauten die Themen des Tages, über die wir zusammen bestens lachen können. Wie fast zu erwarten war, warnt uns, bis auf einen, eigentlich niemand so wirklich eindringlich vor Baghdad, denn für denjenigen, der selbst dort lebt, ist alles irgendwann Normalität.

Cool ist auch Hitlers Oma, eine alte Baghdaderin, die uns zu sich winkt, als wir gerade gehen wollen, und uns dann erst mal mit dem sinnlosesten Zeug überhaupt zulabert. Höhepunkt ihres Diskurses ist der Satz »I am like Hitler!«. Dass wir hier nicht arbeiten, in keiner Kompanie stationiert sind und so weiter, versteht sie in keinster Weise, und als wir gehen, werden sie und ihre zwei dabeihockenden Mitreisenden auf einmal richtig ärgerlich mit den Amerikanern, stecken sich den Zeigefinger quer zwischen die Zähne, beißen darauf und zischen »Amrikai, grrrr!«. Genug gelacht, die Oma wird uns zu dumm und wir ziehen weiter.

Zwanzig Kilometer weiter erreichen wir Bechal, ebenfalls einen Wasserfall, der aber meiner Meinung nach um einiges interessanter, wenn auch vollkommen touristisch erschlossen ist. Das Schönste ist, dass man die vielen kleinen Felsstufen dem Wasser entgegen hinauflaufen kann – sofern man sich eben nicht darum schert, dass die Hose komplett durchnässt wird. Links und rechts sind lauter kleine Terrassen hingebaut, wo man hinkommen und sein Barbequeue ausrichten kann, unten ist hingegen alles so voll von Shops und Imbisstischen, dass man sich fast vorkommt wie in einem richtigen Touri-Only-Bazar einer Touristadt. Und hier muss man von der Straße aus durch, kein Weg führt dran vorbei.

Bevor wir wieder losfahren, würden wir gerne noch etwas zwischen die Zähne bekommen, und so begehen wir den kapitalen Fehler, uns hier zum Essen hinzuhocken. Dass wir hierfür das Vermögen von sage und schreibe 51.000 irakischen Dinaren hinblättern werden müssen, kommt uns wohl gar nicht erst in den Sinn. Es ist ja schön und gut, dass wir im Iran damit aufgehört haben, aber nun müssen wir echt wieder anfangen, vorher nach den Preisen zu fragen. Sonst wird man hier gnadenlos abgezockt.

Wenn das Essen wenigstens gut wäre, so wie unser erstes Mittagessen im Irak zum Beispiel, wäre das ja noch nichtmal so schlimm. Doch vom hiesigen Kebabfraß kriegen wir inzwischen das Kotzen. Klar, im Iran gab es auch nur Kebab, mittags, abends, immer halt. Aber der hat gut geschmeckt! Hier im Irak haben alle unsere bisherigen Kebabs geschmeckt, als hätte man Gammelfleisch ersten Grades auf die Spieße gesetzt und darüber hinaus auch noch einen Nullchecker an den Grill gesetzt. Widerlich! Wir sollten echt wieder öfter selber kochen. Um des Geldes und des Magens willen.

Wir stehen nun vor der Entscheidung, ob wir nach Arbil oder nach Dohuk fahren sollen. Robert und Calle würden gerne Nimrud sehen, eine Ausgrabungsstätte etwas südlich von Mosul, welche jedoch nicht in einer der drei kurdischen Hauptprovinzen und darüber hinaus auch noch so nah an Mosul liegt, dass die Sicherheitslage etwas unklar ist. Wir haben zwar die letzten Tage jeden Dahergelaufenen dazu befragt, aber es ist genau wie vorhin mit den Baghdadern: Wer dort lebt, sagt, es sei kein Problem, die anderen warnen einen vor allen möglichen Gefahren, vor allem aber vor den dortigen Leuten. Das erinnert an Marokko: Die Berber warnen vor den Arabern, die Araber vor den Touaregs, die Touaregs vor den Berbern. Und hier warnen die Kurden vor den Arabern und den Türken, die Türken vor den Kurden und was weiß ich noch, wer vor wem. Was soll man daraus schließen? Alle gefährlich?

In Arbil angekommen parken wir erst mal am selben Platz wie letztes Mal, also vor Hotel Swan und Fastfood 2b2. Auch die Temperatur ist hier wie letztes Mal und so bleibt uns erst mal nichts anderes übrig, als eine Stunde im klimatisierten Coffeenet zweihundert Meter weiter zu verbringen, wo ich endlich auch mal die Berichte der letzten zwei Wochen hochlade, da ich die drei fehlenden Tage in der Türkei einfach mit Arnes Berichten »aufgefüllt« habe.

Zum Abend hin fahren wir mit dem LT ins Zentrum und gehen dort ein bisschen spazieren und in einem ziemlich guten Fastfood essen. Ja, sogar gutes Fastfood kann es geben, aber noch verwunderlicher ist der krasse Service, den sie uns hier bieten: Sie holen extra jemanden, der Englisch spricht, sie fragen ständig nach, ob uns irgendwas fehle oder sie etwas vergessen hätten, und Arne wird sogar fast geschlagen, als er versucht, sein Tablett selbst an den Tisch zu bringen, anstatt es vom Personal dorthin tragen zu lassen. Da können sich McDo und Co. ruhig mal eine Scheibe abschneiden.

Als wir bereits gute zwanzig Minuten dasitzen und uns unterhalten, dreht sich das kleine Mädel vom Nebentisch auf einmal um und sagt »Ich hab euch Deutsch sprechen gehört.« Calle ist gerade auf dem Klo, doch es ergeht ihm ähnlich: »Hey, wie geht’s, was machst du hier?« bekommt er auf einmal zu hören. Die fünfköpfige kurdische Familie hat neun Jahre in Kassel gelebt und überlegt gerade, wieder nach Kurdistan zurück zu ziehen. Auch wenn sie erst eine Woche hier sind, fragen wir nach der Sicherheitslage um Mosul herum und sind verwundert, dass der Vater, ohne mit der Wimper zu zucken, weiß, wo Nimrud liegt. Für die meisten anderen hier ist das nämlich nicht ohne weiteres ein Begriff. Er sagt, das sei unsichere Zone und Mosul selbst sei gefährlicher als Baghdad. Ah ja, dann sollten wir also doch lieber nach Baghdad fahren, oder?

Zurück in unserer Heimstraße hocken wir uns, wie üblich, auf die Sitzgarnituren vom Fastfood und plänkern ein bisschen auf den Telefonen, den Laptops und dem PDA rum. Was den Alkohol angeht, sitzen wir auf richtig trockenem Gebiet und müssen daher ohne auskommen, bis wir gegen zwölf ins Bett gehen. Morgen ist zehn Uhr Abfahrt für Nimrud angesagt.

23. Juni 200825. Juni 2008

Aktuelles ...

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Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.