Unsere Camperfront in Monastir, Tunesien (05.04.2007)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?
22. Juni 200824. Juni 2008

Montag, 23. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Dokan-See bei Chosh(n)au, Sangasar, Soran, Gali Ali Bag

Zu meiner großen Verwunderung war die Nacht vollkommen flugverkehrfrei. Keine Insekten. Keine Fliegen, keine Mücken. Keine Stiche. Ich hatte fast schon vergessen, wie schön es sein kann, die Nacht gemütlich durchzuschlafen, in Ruhe aufzuwachen und selbst bestimmen zu können, ob ich weiterpennen will oder nicht. Sicher, um acht macht mir dann die Hitze einen Strich durch die Rechnung, doch immerhin besser die Hitze als irgendein Ufo.

Arne ist wenige Minuten nach mir auch auf den Beinen, geht jedoch erst mal schwimmen, während ich mir meinen Frühstücks- und Computertisch herrichte. Heute schreibe ich mal keine neuen Berichte, sondern gehe einige Texte aus den letzten Tagen durch, um die eine oder andere Kleinigkeit zu verbessern, bevor das Zeug hoffentlich morgen oder übermorgen online gehen kann.

Allzu viel davon schaffe ich aber nicht, da wir recht schnell von ein paar Kindern belagert werden, die sich auch in den Camper mit reinsetzen und recht interessiert daran sind, was wir so machen. Wenigstens wagen sie es nicht, irgendetwas in die Hand zu nehmen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. Nachdem Robert und Calle auch aufgestanden und wir alle schwimmen gegangen sind, hat sich die Zuschauerzahl auf gut zehn bis fünfzehn Kinder und Jugendliche erhöht.

Um halb drei wollen wir abfahren, doch ein unerwartetes Spektakel unterhält unsere Zuschauer weiter: Unser Reifen vorne links ist platt. Zwar nicht komplett, aber er hat so viel Luft verloren, dass Weiterfahren ein Schmarrn wäre. Außerdem wissen wir ja nichtmal die Ursache. Es ist auch keine große Überraschung, dass wir mit unserem im Iran gekauften Billigradkreuz die Schrauben keinen Millimeter bewegen können, sodass erst Arne mit gescheitem Werkzeug und einer anderthalb Meter langen Stange anrücken muss, um das Rad überhaupt abzukriegen. Das alte Rad entfernt, ist der Wechsel dann nur noch ein Kinderspiel und weitere zehn Minuten später kann es weitergehen auf der miesest erhaltenen Lochstraße östlich des Sees, in Richtung Norden, wo wir heute die Wasserfälle bei Gali Ali Bag erreichen wollen.

In Sangasar halten wir bei einem Supermarkt an, um zu schauen, ob er Sixpacks großer Flaschen Wasser anbietet, doch genau wie der ganze Rest dieser komischen Stadt bietet er nur Halbliterflaschen an. Mir kann doch keiner weiß machen, dass die Bewohner dieser Stadt ihr Trinkwasser alle nur in halben Litern beziehen. Das ist ja mal richtig sinnlos!

Als wir wieder losfahren wollen, ist vor dem Supermarkt richtig viel um unseren Karren los. Von einem Pickup, der neben uns gehalten hat, sind acht Soldaten abgestiegen, zwei Polizisten in Zivil tun wichtig rum und um die ganze Szene hat sich eine Traube mit ungelogen etwa dreißig oder mehr Zuschauern gebildet. Ohne dass uns etwas konkret gesagt wurde, gibt ein Soldat zu verstehen, dass ich einsteigen soll. Das mache ich gerne, denke ich doch, dass wir jetzt einfach weiterfahren und hier nicht rumstehen sollen, doch als ich auf dem Beifahrersitz Platz genommen habe, will er sich auch noch dazu setzen und hat bereits einen Fuß und seinen Oberkörper im Camper.

Ja halt! Diese ewigen Zeitverluste aufgrund von Checkpoints und dämlicher Kontrollen sind wir leid, genauso nichts verstehende, oftmals offensichtlich gelangweilte Polizisten und Soldaten, die meinen, sie müssten bei uns jetzt mal einen auf dicke Hose machen. Also schiebe ich den Soldaten, die Hand auf die Kalaschnikov und seine Brust drückend, zu seiner vollen Verwunderung geradewegs rückwärts raus, steige selber aus, knalle die Tür zu und frage laut genervt in die Runde, was denn eigentlich los sei. Zwei der Zuschauer fühlen sich zum Übersetzen berufen und teilen mir mit, dass der kleine dicke Polizist in Zivilklamotten neben mir uns gerne auf die Wache mitnehmen würde. »For some questions. It will only take five minutes.«

Ah ja, natürlich, nur fünf Minuten. Alles klar. »I don’t have questions, thank you!« ist meine freche Antwort auf seine stupide Forderung. Ich gebe außerdem zu verstehen, dass wir für solche Spielereien keine Zeit haben und nun gerne weiter nach Gali Ali Bag fahren würden. Der Bulle, der angesichts unserer Untergrabung seiner sowieso nicht vorhandenen Autorität immer planloser wird, gibt sich damit nicht zufrieden und scheint in recht ärgerlichem Ton seine Forderung zu wiederholen. Auf mein »Ah, YOU have questions? Ok, ask NOW!« gibt es nur ein ahnungsloses Gesicht und die nochmalige Forderung, dass wir zum Assaish, also der Polizei müssen.

Interessant ist, dass meine zwei Übersetzer sowie auch andere Zuschauer mich von sich aus, also nicht nur um der Übersetzung willen, zu bitten scheinen, den Anweisungen des Bullen zu folgen. Ganz so, als hätten sie Angst, selber Stress zu bekommen, wenn wir hier nicht alles richtig machen. Die Zivilisten bleiben zwar freundlich zu mir, aber die Verwunderung und wohl auch das Unverständnis über meine Reaktion ist ihnen anzumerken.

Aber warte mal, waren wir nicht schon beim Assaish? Da haben wir doch unser Visazeug gemacht. Eine Genervtheitsstufe höher hole ich meinen Pass aus der Tasche und halte dem inzwischen telefonierenden Bullen unser bis zum 27. Juni gültiges Exit-Visum vor die Nase und schwalle ihn dabei direkt und ohne Übersetzung zu. Das scheint zu helfen. Verplant scheint er in sein Telefon zu erzählen, was sich gerade abspielt, liest auch ein paar Zeilen des Visums vor und wartet die Antwort ab.

Was nun passiert, hatte ich selbst nicht erwartet: Er scheint die aus lediglich einem Satz bestehende Antwort aus dem Telefon für die 30 umstehenden Leute zu wiederholen und mit einem Mal ändert sich alles! Er grinst uns an, die Soldaten machen sich schleunigst aus dem Weg und die Zivilisten üben sich plötzlich in Demut, indem sie sich am laufenden Band entschuldigen und mit »Boshe. Ok. All ok.« zu verstehen geben, dass alles in Ordnung sei. Ja, was ist denn da passiert? Da hat doch offenbar wirklich der Vorgesetzte am Telefon ein Machtwort zu unseren Gunsten gesprochen und auf einmal werden wir nicht mehr wie Verbrecher, sondern wie Könige behandelt. Von Polizisten, Soldaten und Zivilisten.

Ein bisschen Gegenwind haben diese Leute jedenfalls nötig. Vielleicht könnten sie ihre Autorität steigern, wenn sie etwas mehr peilen und nicht so dermaßen offensichtlich planlos mit uns umgehen würden. Wie soll man denn vor so jemandem Respekt haben?

Bei den Checkpoints, durch die wir hier alle Nasen lang durchmüssen, läuft es oft sehr ähnlich ab. Hier machen wir uns aber inzwischen einen Spaß daraus, den Leuten irgendeinen Scheiß zu erzählen oder zu zeigen. Wenn jemand auf kurdisch nach unseren Dokumenten fragt, geben wir ihm einfach irgendetwas, das gerade bei uns vorne in der Kabine rumliegt. Das letzte Mal war es die Landkarte, die kommentarlos akzeptiert und mit gleichzeitigem Weiterwinken zurückgegeben wurde.

Fragt man uns aber nach Passport, geben wir irgendeinen der vier internationalen Führerscheine ab. Egal, wer der Fahrer ist und ob die Person überhaupt mit im selben oder im anderen Auto sitzt. Man mag es zwar kaum glauben, aber das klappt normalerweise tadellos und ist weit weniger stressig als mit den richtigen Pässen, von denen wir im Zweifelsfall eh nur zwei haben und bei denen sich die Leute an allen möglichen Kleinigkeiten auf den Stempel- und Visaseiten aufhängen können. Die größte Beanstandung zum Führerschein war bisher »Is this passport?«, woraufhin Robert auf sein Bild zeigte, »This is me!« sagte und die Sache damit gegessen war.

Was halten wir also fest? Der Irak ist bestens mit internationalem Führerschein zu bereisen, kein anderes Dokument ist vonnöten. Und wahrscheinlich klappt der Trick überall auf der Welt, wo planlose Soldaten planlose Kontrollen nur um der Kontrolle willen durchführen.

Mit einer löchrigen Serpentinenfahrt geht es für uns nach Suran. Zwischenzeitlich waren wir mal wieder auf anderthalbtausend Metern. Höhenmeter, von denen wir uns langsam auch wieder beeindrucken lassen, obwohl sie im Iran meist sogar mehrfach auf der Tagesordnung standen. Wenn nur wenigstens die hiesigen Straßen auch iranische Qualität aufweisen würden.

Vor dem Suraner Ortseingang wollen wir am LT den Luftdruck der Reifen überprüfen lassen und stoßen dabei auf den wohl krassesten Vollidioten der letzten Tage. Nicht nur, dass der Typ uns die ersten fünf Minuten warten lässt und einfach nicht mit der Arbeit anfängt, obwohl er nichts zu tun hat, er scheint auch noch dermaßen lustlos, dass man das Gefühl hat, man habe ihm jetzt den Gefallen des Monats abverlangt. Dabei ist das sein Job! Und den kann er nichtmal. Nachdem er den Reifen vorne rechts auf abenteuerliche sieben Bar aufgepumpt und dann wieder auf unter vier abgelassen hat, mit einem Druckmesser auf unprofessionellste Weise den Druck im Reifen hinten rechts geprüft und fälschlicherweise für in Ordnung befunden hat, meint er, er sei fertig. Ja hallo? Schonmal davon gehört, dass ein Auto vier Reifen hat. In unserem Falle sogar noch drei mehr?

Unser entsprechender Hinweis veranlasst ihn nur, einen genauso wenig checkenden Gesellen vorzuschieben, der seine Arbeit ebenfalls so mies verrichtet, dass es uns zu viel wird. Wir bedanken uns, labern ihn noch auf Deutsch zu, wie krass mies der Laden ist, und ziehen – natürlich ohne zu bezahlen – ab. Weiter geht es durch Suran, wo wir erst mal 36 große Flaschen Wasser kaufen und uns zwanzig Minuten lang falsch durch den Stau leiten lassen, bis wir schließlich doch noch die richtige Ausfallstraße finden.

An Gali Ali Bag fahren wir erst vorbei, erreichen dann aber schließlich einen großen Parkplatz, von dem wir denken, dass es der richtige ist. Die paar anwesenden Hanseln, zwei Soldaten und auch ein paar Zivilisten, die gerade wegfahren wollen und ein bisschen Deutsch können, sagen jedenfalls auch, wir seien am genannten Ort.

Zum Abendessen gibt es von Arne zubereitete Bratkartoffeln, die köstlich schmecken und auf jeden Fall öfter mal auf dem Abendspeiseplan stehen sollten. Danach hocken wir wie immer weiter rum und auch die beiden Soldaten laden wir auf etwas zu trinken ein. Als wir von unserem Haustier erzählen, erwartet uns erst mal nur wie üblich Gelächter, doch als wir den Skorpion rausholen und den beiden vor die Nase halten, sieht die Sache schon ganz anders aus. Da der Kleine richtig schlapp und ausgehungert scheint, fangen wir ihm ein fettes Insekt, das wir ihm in seinem Glas zum Fraß vorwerfen.

Es ist wie der beste Dokufilm: Kaum ist das Viech drinnen, sticht der Skorpion mehrfach zu, wartet danach einige Minuten reglos und beginnt dann den wahrscheinlich schon nicht mehr erträumten Festschmaus zu verspeisen. Mit der linken Zange den Kopf des Vieches fest haltend, den rechten Arm lässig um den Rest des Körpers schwingend, isst er in der Mitte des Körpers unter den Flügeln seine Vorspeise. Morgen früh wird nichts mehr da sein von dem grünen Viech.

Die beiden Soldaten, von der Szenerie und unserem starken Interesse für komische Tiere wohl etwas verwundert, weisen uns auf einmal auf etwas hin, das vor unserem LT liegt. Ein Schildkrötenpanzer. Leider ist der Bewohner sehr scheu und lässt sich in der nächsten halben Stunde so gut wie überhaupt nicht blicken, was ihn für uns ziemlich uninteressant macht. Da lobe ich mir die sieben Schildkröten in unserem italienischen Garten, die man hochheben und ihnen in die Augen schauen kann, die richtig cool drauf sind und im Sommer auch noch den ganzen Tag so laut durch die Gegend vögeln, dass man es in der Küche hört.

»Leute, da läuft ein Skorpion!« wirft Calle währenddessen einfach in die Runde, doch da er diesen Witz fast täglich anbringt, ist er nicht mehr lustig. – Zumindest wäre er nicht mehr lustig, wenn es wirklich ein Witz wäre: Zwei Meter weiter läuft wirklich ein Skorpion, den Stachel stolz in die Höhe haltend durch die Gegend. Wir verfolgen das Viech, das um einiges größer als unser eigenes Tier ist, mehrere Minuten lang über den gesamten Parkplatz hinweg und fangen ihn dann ein. Schnell ein zweites Glas freigemacht und schon haben wir zwei Haustiere.

Irgendwann lege ich mich auf die Couch und habe eigentlich vor, der Diskussion weiter zu folgen, doch innerhalb der ersten Minute penne ich in voller Montur und ohne Zähne zu putzen oder das Bett hergerichtet zu haben, einfach weg. Solang mich morgen kein Skorpion weckt, ist auch alles ok.

22. Juni 200824. Juni 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.