Samstag, 21. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Darbandichan, Sulemanya
Meine Befürchtungen waren nicht unbegründet. Ein Schließen der Tür und der vorderen Fenster, die ich alle offen gelassen hatte, hätte sicherlich aber auch nichts gebracht. Außerdem ist Schlafen bei 38 Grad schon anstrengend genug, da muss man nicht noch alles zumachen und die letzte Brise Wind fernhalten. Ich habe also über die Nacht ein paar Dutzend Stiche bekommen und nun werde ich um kurz vor sieben schon dermaßen von Fliegen angenervt, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als aufzustehen.
Wer jetzt glaubt, dass es zu dieser Zeit frisch ist, irrt. Schon um neun sind 42 Grad erreicht und der Wind bläst bereits mit gefühlten mittäglichen 45 daher. Da bleibt schließlich nichts anderes übrig, als das Frühstücken und Schreiben zu beenden und stattdessen baden zu gehen. Hier erwartet uns jedoch das genaue Gegenteil: Eiseskälte!
Die Stelle, an der wir uns am Fluss befinden, liegt nur etwa einen Kilometer hinter der Staumauer des Stausees, an dem wir gestern eigentlich unser Lager aufschlagen wollten. Im Tagesrhythmus wird hier erst gestaut und dann Strom erzeugt. Als wir gestern Abend badeten, war der Fluss auf seinem höchsten Stand und die Strömung war so groß, dass man nach dem Reinspringen sofort wieder aufs Ufer zuschwimmen und sich rausziehen musste, wenn man nicht gerade von irgendeiner hunderte Meter entfernten Stelle zurücklaufen wollte. Nun aber liegt der Pegel um etwa anderthalb Meter niedriger als gestern und mit bloßem Auge ist überhaupt keine Strömung zu erkennen. Mehr als eine halbe Minute Schwimmen ist aber trotzdem nicht angesagt, denn das eiskalte Wasser scheucht uns fast genauso schnell wieder raus wie die gestrige Strömung. Gerade, dass man über die aalglatten Steine noch rechtzeitig rauskommt, bevor die Füße vor Kälte richtig wehtun.
Um halb eins machen wir uns auf den Weg zurück nach Suli, wo wir knappe zwei Stunden später ankommen und natürlich direkt zum Shahram Hotel fahren. Simone, Shaylan und Bill haben heute einen freien Tag, ihren letzten vor den sehr arbeitsintensiven verbleibenden Wochen, und ich freue mich bereits darauf, mit ihnen etwas zu unternehmen. Die Begeisterung der anderen darüber hält sich zwar in Grenzen, da sie von den Yankees nicht so viel halten, und so werden wir wohl vorwiegend wegen mir heute in Suli bleiben und nicht noch weiter nach Norden fahren. Ich finde es nämlich bereits jetzt schade, dass es unser letzter gemeinsamer Abend werden wird.
Kaum in der Hotellobby angekommen, kommt der Surfer zum Surfen runter. Der weiß schon, warum er seinen Laptop mitnimmt, wenn Se Germans alle mit einem Wlan-fähigen Gerät unten hocken. Auch der übliche Stromausfall fehlt natürlich nicht, während wir die nächsten Stunden mit Schreiben, Surfen und Herunterladen verbringen. Die Stromversorgung hier steht auf sehr wackligen Beinen. Nur acht Stunden am Tag gibt es main power, also den üblichen Strom aus der Steckdose vom Staat. Weitere acht Stunden gibt es Generatorstrom auf Stadtviertelebene. An jeder größeren Ecke und vielen sonstigen Stellen stehen hier in den Städten riesige Generatoren, teils von der Größe unseres Campers, die jeweils ein Stadtviertel mit Strom versorgen.
Man stelle sich das Straßenbild vor! Es ist fast unmöglich, ein paar Straßen entlang zu laufen, ohne dass irgendwo eine kleine Generatorfarm steht, meist mitten auf der Straße, manchmal aber auch auf einem extra umzäunten Grundstück. Nicht nur, dass das sowieso nicht allzu schöne Stadtbild dadurch verschandelt wird, die Abgase müssen ja auch irgendwo hin. Auf dem Weg vom Hotel zu unserem Schlafplatz zwei kleine Straßen weiter werde ich regelmäßig von feinsten Dieselabgasen eingerußt, weil das Zeug natürlich einfach auf die Straße ausgestoßen wird. Voller Luxus ist es, wenn sich vielleicht noch irgendjemand darum gekümmert hat, ein zwei Meter langes Rohr oben drauf zu montieren, um die Luft wenigstens etwas höher zu verpesten.
Steht man an einem erhöhten Punkt irgendwo in einer Stadt, wie zum Beispiel in Arbil auf der Zitadelle, wird einem das Ausmaß erst richtig bewusst: Überall steigen kleine, schwarze Rauchschwaden auf, als ob an jeder dritten Straßenecke und jedem fünften Innenhof ein Feuer angezündet worden wäre. Es hat sozusagen jeder sein kleines Kraftwerk um die Ecke. Doch wer will schon neben einem Kraftwerk wohnen?
Die Ampèrezahl, die ein Kunde verbrauchen darf, ist übrigens genau festgelegt und naturgemäß nicht gerade die höchste. Es bleiben außerdem noch acht weitere Stunden pro Tag, die nicht unter main power und generator power fallen. Was dann passiert? Nichts. Es gibt keinen öffentlichen Strom. Wer in diesen acht Stunden unbedingt Strom braucht, muss sich sein eigenes Gerät in den Garten stellen oder zusätzlich zusammen mit anderen Nachbarn noch einen größeren Block auf die Straße stellen.
So geht also zu den Übergangszeiten zwischen den einzelnen Stromquellen buchstäblich immer das Licht aus. Überall. Die Hotellobby wird mehrmals am Tag einfach dunkel, der Fernseher geht aus, die USV des Computers an der Rezeption beginnt zu piepen und der Rezeptionist nimmt das Telefon in die Hand, um dem Generatorboy in der Garage mitzuteilen, dass er die Maschine anschmeißen soll. Eine halbe Minute später wird es wieder hell, der Fernseher geht an, der vorherige Kanal wird manuell eingestellt und das Leben geht weiter wie zuvor.
Mit den Amis geht es heute doch nicht, wie geplant, to the mountains, sondern raus auf die Straße zu Sulemanyas fête de la musique. Die findet hier offenbar jedes Jahr zur Sonnenwende statt und entlang der Hauptstraße gibt es viele kleine Gruppen, die Musik machen. Das ist quasi der Trost dafür, dass ich den heutigen Sommeranfang im Irak feiere und nicht am Planegger Johannisfeuer.
Um sieben ziehen Simone, Shaylan, Bill und ich los, während der Rest der Germans in der Lobby zurückgelassen wird. Zum einen haben sie noch am Netz zu tun und zum anderen sind sie wohl auch lieber alleine. Im Bus auf dem Weg zum Zentrum, wo Shaylan allein vorne sitzend die neu Hereinkommenden mit »What’s up, buddy?« begrüßt, ist auch mal wieder ein Deutsch Sprechender: Der junge Bursche, vielleicht so alt wie ich, hat acht Jahre in Bremen gelebt, ist aber nun schon einige Zeit wieder hier. Er ist der erste, wenn es hochkommt vielleicht zweite Kurde, der, ohne mit der Wimper zu zucken, sofort versteht und akzeptiert, dass ich hier Tourist bin. Bei null Verständigungsschwierigkeiten aber auch kein großes Wunder.
Den Abend verbringe ich fast ausschließlich mit Simone, vorwiegend irgendwo auf der Straße rumhockend und über Gott und die Welt labernd. Was auch immer der anderen Meinung über sie ist, wir verstehen uns gut und können uns bestens unterhalten. Es ist aber schon lustig, wie sehr die Anstarrquote zunimmt, nur weil eine langhaarige Blonde neben einem sitzt. Auf mich wird inzwischen nämlich sowieso immer weniger geachtet, da ich mit meinem seit Shiraz nicht rasierten Bart schon recht gut assimiliert bin. Selbst in Kirkuk könnte ich ohne die drei anderen Germans gefahrlos alleine rumlaufen, sagte man mir hier.
Shaylan und Bill hören länger einem Orchester zu, in dem ein Ami, der ebenfalls im Shahram-Hotel logiert, das Piano spielt. Zwischenrein tauchen irgendwann auch mal die restlichen Germans auf und wir gehen miteinander essen. Als Simone und kurz darauf auch Calle danach vor dem Restaurant zur kurdischen Musik abgehen, haben wir innerhalb von fünf Minuten ungelogen um die dreißig Zuschauer um uns, die lediglich dastehen, um ein paar verrückte Deutsche, aber doch wohl vorwiegend die Blonde, zu beobachten. Wie die besten Iraner stehen sie alle mit der Kamera da und filmen, und selbst als wir weitergehen, ziehen wir ein paar Minuten noch ein paar Groupies hinter uns her. Wer in fünf Minuten der Star der Stadt werden will, komme am besten hierher.
Auf der Rückfahrt stellt ein Kurde mal wieder das miserable irakische Verkehrsverständnis zur Schau, als Robert an einer Ampel normalnah an ein stehendes Taxi heranfährt und der Fahrer doch glatt aussteigt, um sich das Ganze anzuschauen, weil er doch allen Ernstes zu glauben scheint, dass wir ihm aufgefahren seien. Ein Taxifahrer, der die Dimensionen seines Autos nicht kennt? Das kann echt nur hier passieren. Genau wie gestern, als ich beim Abbiegen hinter einem Pickup vorbeifuhr, der uns ein paar hundert Meter weiter zum Anhalten zwang, weil er ebenfalls glaubte, wir hätten seinen Karren gestreift. Das war wohl der Treppenwitz des Tages! Die Iraker sollten alle mal einen Pflichtmonat in Tehran verbringen, bevor sie auf der Straße ihre Unfähigkeit unter Beweis stellen.
Um halb zwölf sind wir wieder im Hotel, hocken noch kurz gemeinsam in einer Sitzecke rum und verabschieden uns dann von unseren Freunden. Diesmal endgültig. Fällt mir nicht leicht, muss ich sagen. Never see you again? Inshallah.
Erst mal geht es ins Bett, denn ich penne fast schon auf der Hotelcouch ein.