U-Bahn-Station Piaţa Victoriei in Bucureşti, Rumänien (29.08.2007)
n48e11.de
was zum Teufel soll diese Adresse?!?

Donnerstag, 19. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Sulemanya

Die angenehme Nacht wird jäh von den hereinkommenden Fliegen beendet. Solange es nur eine ist, kann ich diese ja meist erledigen und weiterpennen, wenn ich aber sehe, dass drei oder mehr Viecher den Luftraum besetzen, ist es sinnlos. Schließlich wäre ich danach sowieso so wach, dass ich kaum mehr Lust auf Schlafen hätte oder überhaupt könnte. Also stehe ich um halb acht bereits auf der Matte, packe den PDA mit Tastatur und hocke mich in die kühle Hotellobby zum Schreiben.

Dazu komme ich aber so gut wie überhaupt nicht, denn es dauert nicht lange, bis Simone runterkommt. Bereits seit kurz nach fünf ist sie wach, vorher sogar schonmal um drei Uhr, wo sie mangels besserer Beschäftigung E-Mails gecheckt hat. Zwei Stunden labern wir über alles Mögliche, wobei ich es schön finde, mal wieder mit jemandem richtig kommunizieren und auch über viel Persönliches sprechen zu können, anstatt nur dem üblichen »Where do you?« beizupflichten. Ich weiß außerdem gar nicht, was meine drei anderen Germans so ein Problem mit Simones Art haben sollen, denn für mich ist sie eine der sympathischsten Personen, die wir auf der Reise getroffen haben. Shaylan und Bill tauchen erst um zehn Uhr auf, woraufhin das ganze Team kurz danach zu seinem ersten Termin abdampft.

Um halb elf geht’s wieder zurück in unsere Heimstraße, wo Arne und ich unsere beiden Pennsäcke wecken, damit wir es zum Einwohnermeldeamt packen und dort unsere Aufenthaltsgenehmigung verlängern können. Im Gegensatz zu gestern ist das Assaish, wie der Laden zu heißen scheint, trotz falscher Richtungsangaben der Kreuzungschaoten aka Polizisten, recht schnell gefunden.

Die Amis mussten für ihre Visa jeweils 30 Dollar zahlen und zusätzlich auch noch einen Bluttest für HIV machen lassen, es könnte also eine anstrengende Geschichte werden. Als wir mit einem scheinbar zuständigen Typen am direkt auf der Straße befindlichen Schalter sprechen, sagt der erst mal, dass wir jeweils zwei Fotos, eine Passkopie und das ausgefüllte Formular bräuchten. Wir teilen uns auf: Calle und Arne lassen Fotos machen, ich hole Fotos von Robert und mir aus dem Camper und Robert geht die Pässe kopieren. Gut, dass hier alles im Umkreis von einhundert Metern zu finden ist.

Die größte Überraschung hält jedoch der Fotoladen bereit. Da denkt man sich nichts Böses, will einfach nur in einem Fotoladen der Stadt Sulemanya ein paar Passfotos machen lassen, und was sieht man großformatig an der Eingangstür hängen? Die Fotos von Shaylan und Simone! Die hiesigen Fotoshops haben alle die Eigenart, ihre Schaufenster mit Beispielfotos vollzuhängen, und benutzen hierfür natürlich meist nur schöne oder interessante Fotos. Am häufigsten hängt eigentlich das Passfotoformat an den Scheiben, doch unsere beiden Freunde hängen hier in so was wie 15 mal 21 rum und stechen sofort ins Auge. Und als Robert ihnen am Telefon davon erzählt, wissen sie noch nichtmal davon.

Das Formular wird gegenüber dem Schalter an zwei Schreibtischen gekauft und bereits von den dort sitzenden Leuten ausgefüllt. Zehn Dollar kostet das, und wenn man jetzt noch die Foto- und Kopierkosten dazurechnet, kommen wir auf insgesamt unter 20 Dollar, was, sofern es dabei bleiben sollte, um einiges besser ist als die erwarteten 120. Jetzt heißt es aber, wir müssten am Sonntag nach gemachtem Bluttest wiederkommen. Krasser Mist. Sind wir da überhaupt noch hier? Zehn Minuten lang müssen wir mit dem Typen diskutieren, gehen mit unserer gewünschten Visazeit auch von zwei Wochen auf eine Woche runter, erklären, dass wir mit dem Auto unterwegs und nicht mehr in der Stadt sein werden und reiben ihm noch ein bisschen Honig zu Kurdistan um die Schnauze, bis er schließlich nachgibt und meint, dass wir eine Woche wohl auch ohne Test bekommen könnten. Wir sollten nach der Mittagspause auf Zimmer nur 16 im ersten Stock gehen, bekämen dort einen Stempel.

Was sich so einfach anhört, artet in über zwei Stunden Warterei und Rumgelaufe von einem Zimmer ins andere aus. Es gibt hier offenbar dermaßen viele inkompetente Typen, dass man die ganze Behörde schließen und neu besetzen sollte. Es fängt natürlich gleich damit an, dass wir keinen Bluttest vorweisen können und die Leute schon dabei sind, uns wieder wegzuschicken. Obwohl das eigentlich ja schon unten abgesprochen war. Gott sei Dank lässt sich ein angestelltes Mädel, das auch einigermaßen Englisch spricht, überreden, dass wir den wirklich nicht brauchen. Nach ein paar von uns genannten Daten auf Farsi beziehungsweise Kurdisch schlägt sie uns von sich aus sogar neun Tage anstatt einer Woche vor.

Wir kommen uns außerdem echt so vor, als seien wir die ersten und einzigen Leute seit Menschengedenken, die hier mit dem Auto eingereist sind, denn keiner kommt mit Roberts und Calles Passersatz zurecht. Die Pässe und Fahrzeugpapiere liegen bei der Grenze und an deren Stelle hat jeder von den beiden nur drei zusammengetackerte Wische, auf denen sowohl Auto wie auch Person vermerkt sind. Doch um die Verwirrung noch komplett zu machen, hat der Grenzbeamte letzte Woche die Blätter falsch zusammengetackert, also den Hano zum Robert und den LT zum Carl. Das gibt dem sich hauptsächlich um uns kümmernden Sachbearbeiter wirklich den Rest, denn dauernd kommt er aus seinem Raum raus, um zum x-ten Mal zu fragen, zu wem jetzt welches Foto gehöre und wer jetzt überhaupt wer sei.

Ständig werden wir nach unseren Pässen gefragt, doch Arnes und meiner sind irgendwo in Räumen unterwegs und die anderen beiden haben eben sowieso keinen. Erklärt man ihnen dann, dass sie aus dem gerade genannten Grund der Autoeinreise keinen haben können, tun die Leute immer so, als wüssten sie natürlich Bescheid, doch in Wirklichkeit checken sie gar nichts.

Der amerikanischen Familie mit dem kurdischen Vater, die ebenfalls zugegen ist und drei Wochen hier bleiben will, geht es nicht viel besser. Der Kurde war seit etwa 20 Jahren nicht mehr hier in seiner Heimat und ist geschockt von so ziemlich allem: Der schmutzigen Stadt, den unfreundlichen Leuten, der nicht funktionierenden Bürokratie. Die Enttäuschung über seine Heimat steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Abgesehen von den dreien gibt es hier aber sogar auch noch einige Leute, die Deutsch sprechen. Ein Kurde, der in Paderborn lebt, und einer, der gerade in Holland versucht, eine deutsche Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Als es schließlich irgendwann genug ist und Calle anfängt, ärgerlich zu werden, einen der Inkompetenten herausfordernd fragt, ob es denn ein Problem gäbe, geht es schließlich doch recht schnell. Kaum geht es an deren Ehre, peilen sie dann wohl doch etwas mehr. Die Ische vom Anfang drückt uns unsere Pässe und Wische mit bis zum 27. Juni gültigen Ausreisevisa in die Hand und wünscht uns einen schönen Tag. Na bitte, geht doch. Und es geht sogar billig. Nur 20 Dollar sowie viel Geduld und Nerven.

Mit dem Surfer treffen wir uns auf dem Platz vor dem Palace Hotel. Gleich gegenüber vor dem Gebäude der Universität ist hier gerade eine Demonstration von Studenten im Gange. Mitten unter der prallen Sonne hocken sie stundenlang einfach nur am Rande der Kreuzung und halten Transparente in die Luft. Und wisst ihr, für was sie demonstrieren? Für einen Studiengangwechsel! Ja, die Leute sitzen hier rum und lassen sich seit Stunden in der Mittagssonne braten, nur weil sie von Informatik auf Maschinenbau wechseln wollen. Warum man dafür demonstrieren muss und nicht einfach wechseln kann, kann uns jedoch niemand erklären, obwohl eigentlich alle zumindest in Maßen Englisch sprechen. Bezeichnend ist übrigens, dass es an einer kurdischen Kaffuniversität im Irak allein im Studiengang Informatik mehr gut aussehende Mädels gibt als in der ganzen MPI-Fakultät der Technischen Universität München. Wie auch schon im Iran scheint Informatik ein richtiger Mädelstudiengang zu sein.

Nachdem wir uns ein paar Döner reingepfiffen haben, geht es – was konnte man anderes erwarten – wieder zu einem Mobilfunkladen. Robert und Calle kaufen jeweils ein E51, das zu unserer Überraschung sogar komplette Unterstützung für Deutsch, also sowohl Telefonsprache als auch T9, anbietet, zusätzlich aber natürlich Arabisch sowohl in der Software als auch auf der Tastatur aufweist. Im Gegensatz zu Deutschland zwar gut Geld gespart, doch damit ist das gestern bei der Surferbank erworbene Geld auch schon wieder dahin.

Am späten Nachmittag verbringen wir noch einige Zeit in einem Coffeenet und Arne findet einen Laden, wo man ihm innerhalb von einer Stunde für 150 Dollar seinen kaputten Notebookbildschirm repariert. Jetzt kann ich dank gelöstem Ressourcenkonflikt also vom PDA wieder auf den EeePc umsteigen, da er wieder seinen eigenen Rechner zum Tippen hat. Außerdem beheben wir den Umstand, dass wir komplett auf dem Trockenen saßen: In beiden Autos gab es weder Wasser zum Waschen, Duschen oder Trinken.

Den Abend verbringen wir wieder zusammen mit... es darf geraten werden: Shaylan, Simone und Bill. Und was macht man so abends im Irak? Klar, Bowlen gehen. Shaylan fragt mal wieder einfach so wie selbstverständlich »Hey mate, where’s the bowling alley?!?« aus dem fahrenden Auto heraus und bekommt natürlich keine sinnvolle Antwort von den kurdischen Autofahrern. Mit ihm vergehen echt keine drei Minuten, in denen es für mich nicht etwas zu lachen gibt. Nach einem gehörigen Umweg finden wir die Halle jedenfalls auch so. Es ist interessant zu beobachten, wie hier die Leute am Eingang alle ihre Waffen abgeben und dafür einen Zettel mit einer Nummer bekommen, ganz so, wie man in Deutschland seine Jacke an der Garderobe abgibt.

Im angeschlossenen Pseudorestaurant gibt es für uns auch noch ein akzeptables, aber vor allem spaßiges Abendessen und danach geht es zu den Bahnen. Für 5.000 Dinar pro Kopf spielen wir eine Partie in zwei Teams. Der Gewinner ist wie erwartet Bill. Am verrücktesten wirft unser Surfer, aber am interessantesten Simone: Während es bei allen anderen so aussieht, als würden sie sich den Arsch abrackern, um die Kugel in die richtige Richtung zu bringen, tänzelt sie gemütlich in langsamen Schritten vor zur Abwurflinie, macht einen kleinen Schritt nach links und lässt die Kugel dann vollkommen nonchalant auf die Bahn fallen – und macht auf diese Weise Strike! So hab ich das echt noch nicht gesehen.

Zurück am Hotel verabschieden wir uns prophylaktisch mal von den Amis, da es sein könnte, dass wir morgen Suli verlassen. Ich glaube es zwar nicht wirklich, aber lieber einmal zu viel verabschiedet als gar nicht. In der Hotellounge nutzen wir dann noch bis tief in die Nacht hinein das erst heute eingerichtete, kostenlose Wireless Internet oder schreiben Berichte, bis es für Calle und mich als letztes um kurz vor drei ins Bett geht.

Aktuelles

Montag, 27. September 2010
Tunis, [Tunesien / Italien], Fiumicino, Oriolo Romano

Fotos aus Äthiopien und Somaliland von der letzten Reise sind nun online. Jemen und der Nahe Osten folgen noch.

Berichte von Sana'a und Amman werden später noch nachgeliefert.