Mittwoch, 18. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Sulemanya
Die Nacht war zwar eigentlich sehr warm, doch mit dem geöffneten Seitenfenster wehte die ganze Zeit ein angenehmer Luftzug durch den Camper, der das Liegen einigermaßen erträglich machte. Gut ausgeschlafen stehe ich also auf und stelle fest, dass Arne auf der Wiese nebenan bereits mit einem knappen Dutzend Leuten zugange ist, bei denen wir gleich mal einen Morgentee bekommen.
Zu unserer größten Überraschung steht Robert selbstständig und sogar bestens gelaunt zur völlig inhumanen Zeit von 10.30 Uhr auf, sodass wir beide nur noch baff dastehen und staunen können. Als wenn das nicht genug wäre, gesellt sich Calle wenige Minuten später ebenfalls unter die Aktiven, sodass wir heute vor elf ohne jedweden Weckaufwand bereits vollständig auf der Matte stehen. Wirklich krasse Sache!
Unsere erste Station ist das Surferzimmer 309 im Shahram Hotel, wo wir gleich nach dem Eintreten ein Ständchen für das heute 36 Jahre alt werdende Geburtstagskind singen. Den Namensteil im Happy Birthday versauen wir jedoch etwas, da wir seinen Namen nicht wissen und somit jeder einen anderen Namen singt. Robert singt »Shannon«, den Namen, den wir am ersten Abend verstanden haben und der seinem wahren Namen noch am nächsten kommen dürfte, auch wenn er definitiv falsch ist, Calle singt hingegen irgendeinen absichtlich unverständlichen Platzhalter und ich entscheide mich für »Surfer«, weil wir ihn eh die ganze Zeit so nennen. Erst wenige Minuten später sehen wir auf seinem Computer, dass er in Wirklichkeit Shaylan heißt. Bei einem für uns solch ungewöhnlichen Namen ist es kein Wunder, dass wir ihn bei der ersten Vorstellung nicht verstanden haben.
Der Reihe nach nutzen wir Shaylans Zimmerdusche und Robert versucht, mit dem kostenlosen Internetanschluss den Laptop, der sich gestern Abend ebenfalls noch verabschiedet hat, auf Vordermann zu bringen. Ansonsten heißt es, kurz E-Mails lesen und gegenseitig Internetauftritte zeigen. Das Blog der Amis, um das sich Simone kümmert, ist unter der Internetadresse ThankYouForMyEyes.com zu finden und angeblich sind wir auch schon mit eingearbeitet, doch nachgeprüft haben wir es nicht.
Zu fünft machen wir uns auf den Weg in die Innenstadt und den Souk, wo ich gefühlsmäßig eigentlich nichts anderes tue, als zu warten, bis die anderen drei bei jedem der en masse vorhandenen Mobilfunkläden anhalten und die Gerätepreise vergleichen. Die Telefone sind hier im Irak um teils bis zu hundert Euro billiger als beim billigsten deutschen Laden, und da die drei eh neue Geräte benötigen, würde es sich natürlich lohnen, diese hier zu besorgen. Selbst wenn man sie einfach nur für den Verkauf in Deutschland erwirbt, macht man wahrscheinlich einen guten Deal und verdient sich ein paar nette Moneten damit.
Das Problem ist nur, dass wir beim Gang von Laden zu Laden und nach dem Besuch eines Geldautomaten feststellen müssen, dass man auch hier offenbar kein Geld von außen bekommen kann, wenn man mal von Western Union absieht. Jedenfalls werden überall nur im Irak ausgestellte Visakarten oder Mastercards akzeptiert, jedoch nirgends ausländische. Und dass man hier eine Bank ewig und drei Tage suchen muss und nicht einfach wie im Iran das nächste oder vielleicht, wenn es hochkommt, das über- oder drittnächste Gebäude nimmt, macht die Sache auch nicht einfacher.
Shaylan, der uns inzwischen verlassen hat, da er um drei zusammen mit seinen Teammates einen Termin hatte, ruft an, ob wir mit zum Dreh vom zuvor angekündigten »no food place« wollten. Wir wussten schon, dass dies heute auf deren Todo-Liste steht und hatten einfach mal pro forma Interesse angemeldet. Etwas viel Besseres haben wir ja sowieso nicht zu tun und so treffen wir uns um halb fünf vor dem Palace Hotel, um die Yankees und noch einen lokalen Journalisten aufzusammeln.
Zum Verkehr im Irak habe ich mich zwar bereits ausgelassen, aber in Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Leute hier sind wirklich total fahrunfähig. Nicht nur, dass sie eben bescheuert hupen, nein, sie kommen auch wirklich nicht an kleinsten Hindernissen vorbei, ohne gleich zwei Spuren zu blockieren. Selbst gemachte Spuren wie im Iran gibt es sowieso nicht, das meiste läuft brav nach den am Boden aufgezeichneten Linien ab, ganz so, als seien die Leute hier genauso unfähig, selbstständig zu denken, wie die Deutschen.
Dazu kommen dann noch diese absolut überflüssigen Polizisten an jeder Kreuzung, die ihren Posten ausschließlich über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der untersten Kategorie bekommen haben können, da sie sich sonst nicht so behindert anstellen würden. Das Beste an ihnen ist, dass sie an jeder Kreuzung stehen und im Grunde Ampelfunktion haben. Ohne ihre Anweisung darf niemand fahren. Dumm nur, dass wir diese oft nicht mal verstehen.
Noch in keinem Land habe ich bisher gesehen, dass ein kleine Hand voll Menschen den Verkehrsfluss einer Stadt so krass stören können. Die Typen stehen auf ihrer Kreuzung, die sie wahrscheinlich Arbeitsplatz, ich aber eher Austob- und Chaotenplatz nennen würde, und halten nacheinander immer drei der vier Fahrtrichtungen an und geben die Fahrt für eine frei. Wenn sie ganz schlau sind, manchmal für mehrere, zum Beispiel entgegenkommende Linksabbieger oder alle Rechtsabbieger.
Was zum Teufel machen die da? Wer braucht diese Menschen? Im Iran funktioniert eine Kreuzung mit vier Straßen à zehn Spuren für beide Richtungen komplett von selbst ohne irgendwelche Steuerungsmaßnahmen, und hier hocken sie auf jede Kindergartenkreuzung irgendeinen Volldeppen, der nichts weiter kann, als alles aufzuhalten.
Ja halt, ich vergaß: Diese unnützen Polizisten können auch noch wunderbar pfeifen und belehren. Ordnet man sich auf der falschen Spur ein, zum Beispiel auf der nicht markierten, aber aus Gewohnheitsrecht bestehenden Rechtsabbiegerspur, pfeifen die Honks erst mal wütend rum und kommen dann höchstpersönlich rüber, um dich anzuscheißen. Das ist ja wohl noch lächerlicher als ein deutscher Polizist, der dem 4,56 Meter vor dem Zebrastreifen parkenden Auto einen Bußgeldbescheid verpasst. Und man bedenke, dass man in Tehran problemlos von der ganz rechten Spur nach links abbiegen kann oder umgekehrt – und das auf einer 18-spurigen Straße!
Anhalten, um nach dem Weg zu fragen, ist ebenfalls Todsünde und wird sofort durch wilde, von herbem Pfeifen unterstützte Gesten bestraft. Und um der Lächerlichkeit noch einen drauf zu setzen, hat sich gestern auch noch jemand beschwert, dass wir nicht angeschnallt waren. Burschi, schonmal drüber nachgedacht, dass wir seit fast 10.000 Kilometern unangeschnallt fahren? Und du selbst machst es sicher auch nicht anders.
Ohne das jetzt weiter ausführen zu wollen, muss leider festgestellt werden: Angesichts der relativ geringen Anzahl der Autos auf den Straßen ist der Irak das Land mit der bisher wohl schlechtesten Unterstützung des Verkehrsflusses und den für die hiesige Region wohl auch miesesten Ordnungshütern und Fahrern. Fatale Kombination.
Unsere Fahrt führt uns vor die Tore Sulemanyas zu einer Müllkippe. »This is not exactly what I expected« gibt Simone erstaunt zu Protokoll, kurz nachdem wir zu acht im Camper über die stinkende und brennende Müllkippe gefahren sind. Sie habe aber gar keine andere Wahl, denn dass sie mit ihrem Team überhaupt hier ist, sei quasi ein Gefallen, den sie jemandem schulde.
Zu Fuß geht es einmal quer über ein paar Berge von Müll, vorbei an einem Dutzend schlafender und dreckiger Hunde, von denen sie aber total angetan ist, zu einer Stelle, wo ziemlich viele Leute abhängen. Die meisten hier sammeln irgendwelche Wertsachen aus dem Müll heraus und machen damit etwa 15 Dollar Gewinn pro Tag. Sind sie anfangs noch etwas scheu, so gehen sie kurz danach aber umso mehr ab, als ich anfange, von ihnen Fotos zu machen, die sie danach anschauen können. Die wollen wirklich so viele Fotos, dass ich irgendwann selbst abbrechen muss, um heute überhaupt noch wieder weg zu kommen. Dazu kommt, dass das blonde, weiß gekleidete Mädel auf der Müllkippe natürlich ebenfalls eine seltene Attraktion darstellt.
Ich fotografiere also, Simone filmt, und die anderen – die anderen erzählen später, dass sie zu der Zeit mit dem verrückten Surfer Baseball mit Müllutensilien spielen.
Nachdem wir genug vollgestunken, verraucht und zumindest in Teilen dreckig sind, soll es nun zu wirklichen Heimatlosen gehen – sagt zumindest der Journalist. Zurück in der Stadt irren wir jedoch eine halbe Stunde zwischen allen möglichen Straßen rum, um endlich das Viertel zu finden, wo die Heimatlosen leben sollen. Doch genau hier liegt das Problem: Wenn die angeblichen Heimatlosen ihr eigenes Viertel haben und dort permanent leben, wie sollen sie dann noch heimatlos sein? Fehler in der Logik, wa?
So ist der Besuch für Simone auch überhaupt nicht lohnend, denn zum Filmen ist nicht mehr genügend Licht und heimatlos sind die Leute hier, auch wenn sie nur in billig hingefrickelten Betonhäusern wohnen, bestimmt nicht. Also Abmarsch – aber nicht ohne dass Arne und Calle den etwa drei Dutzend Kindern, die sich inzwischen um uns versammelt haben, die Bremsen der Fahrräder noch richtig einstellen.
Weiter geht es in eine Shopping Mall, wo wir mal wieder Prosumer spielen, indem wir vier Paletten Trinkschund sowie Chips und sonstwelches Zeugs mitnehmen, während die Amis hingegen für Shaylans Geburtstagsfeier einkaufen. Diese findet zu Hause bei Hama statt, einem Freund der Amis, der hier in Suli wohnt.
Er lebt in einem netten kleinen Haus mit Garten und großer Küche, in der sich er und Simone sogleich ans Kochen machen, während Se Germans im Wohnzimmer Alk konsumieren. Die anderen drei jeweils ihre Biere und ich Whiskey on the rocks. Bester Eindruck also, den wir hier im deutschen Namen hinterlassen.
Für das Abendessen draußen im Garten sind auch noch zwei andere Typen aus Hamas Familie da, mit denen ich mich aber nicht allzu sehr abgebe. Der beste Mann am Platz ist sowieso Shaylan, der mit seiner tollen Verrücktheit bestens als Vollzeitclown durchgehen könnte. Ich finde es echt beachtenswert, wie man von Natur aus so genial drauf sein kann. Das geht wahrscheinlich wirklich nur als hawaiianisches Kind zweier Hippies, die – auch mit den Kindern – viel rumgekommen sind. Er selbst ist nicht weniger rumgekommen, sein Reisepass ist voll mit Stempeln vor allem südamerikanischer Länder, außerdem ist er Helikopterpilot, betreibt Skydiving und was weiß ich noch für extreme Sportarten. Wenn er seine Geschichten und Erlebnisse erzählt, hört sich das nach einem sehr verrückten Leben an.
Nette Party also, doch Simones im Blog geschriebener Wunsch, nicht die einzige Frau zu sein, wurde nicht erhört. Sie zieht schon etwas früher am Abend ab und später machen sich auch das Geburtstagskind, Bill und wir auf den Weg nach Hause.
Robert und Calle kaufen dem Surfer im Hotel noch Dinare im Gegenwert von fünfhundert Dollar ab, da sie sie für eventuelle Telefonkäufe brauchen und es Shaylan auch ganz recht ist, wenn er nicht mit soviel Bargeld durch die Gegend fahren muss, sondern die Kohle auf seinem Paypalaccount hat. Ich hingegen ergebe mich im Camper gleich der Nacht und penne sofort ein.
Donnerstag, 19. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Sulemanya
Die angenehme Nacht wird jäh von den hereinkommenden Fliegen beendet. Solange es nur eine ist, kann ich diese ja meist erledigen und weiterpennen, wenn ich aber sehe, dass drei oder mehr Viecher den Luftraum besetzen, ist es sinnlos. Schließlich wäre ich danach sowieso so wach, dass ich kaum mehr Lust auf Schlafen hätte oder überhaupt könnte. Also stehe ich um halb acht bereits auf der Matte, packe den PDA mit Tastatur und hocke mich in die kühle Hotellobby zum Schreiben.
Dazu komme ich aber so gut wie überhaupt nicht, denn es dauert nicht lange, bis Simone runterkommt. Bereits seit kurz nach fünf ist sie wach, vorher sogar schonmal um drei Uhr, wo sie mangels besserer Beschäftigung E-Mails gecheckt hat. Zwei Stunden labern wir über alles Mögliche, wobei ich es schön finde, mal wieder mit jemandem richtig kommunizieren und auch über viel Persönliches sprechen zu können, anstatt nur dem üblichen »Where do you?« beizupflichten. Ich weiß außerdem gar nicht, was meine drei anderen Germans so ein Problem mit Simones Art haben sollen, denn für mich ist sie eine der sympathischsten Personen, die wir auf der Reise getroffen haben. Shaylan und Bill tauchen erst um zehn Uhr auf, woraufhin das ganze Team kurz danach zu seinem ersten Termin abdampft.
Um halb elf geht’s wieder zurück in unsere Heimstraße, wo Arne und ich unsere beiden Pennsäcke wecken, damit wir es zum Einwohnermeldeamt packen und dort unsere Aufenthaltsgenehmigung verlängern können. Im Gegensatz zu gestern ist das Assaish, wie der Laden zu heißen scheint, trotz falscher Richtungsangaben der Kreuzungschaoten aka Polizisten, recht schnell gefunden.
Die Amis mussten für ihre Visa jeweils 30 Dollar zahlen und zusätzlich auch noch einen Bluttest für HIV machen lassen, es könnte also eine anstrengende Geschichte werden. Als wir mit einem scheinbar zuständigen Typen am direkt auf der Straße befindlichen Schalter sprechen, sagt der erst mal, dass wir jeweils zwei Fotos, eine Passkopie und das ausgefüllte Formular bräuchten. Wir teilen uns auf: Calle und Arne lassen Fotos machen, ich hole Fotos von Robert und mir aus dem Camper und Robert geht die Pässe kopieren. Gut, dass hier alles im Umkreis von einhundert Metern zu finden ist.
Die größte Überraschung hält jedoch der Fotoladen bereit. Da denkt man sich nichts Böses, will einfach nur in einem Fotoladen der Stadt Sulemanya ein paar Passfotos machen lassen, und was sieht man großformatig an der Eingangstür hängen? Die Fotos von Shaylan und Simone! Die hiesigen Fotoshops haben alle die Eigenart, ihre Schaufenster mit Beispielfotos vollzuhängen, und benutzen hierfür natürlich meist nur schöne oder interessante Fotos. Am häufigsten hängt eigentlich das Passfotoformat an den Scheiben, doch unsere beiden Freunde hängen hier in so was wie 15 mal 21 rum und stechen sofort ins Auge. Und als Robert ihnen am Telefon davon erzählt, wissen sie noch nichtmal davon.
Das Formular wird gegenüber dem Schalter an zwei Schreibtischen gekauft und bereits von den dort sitzenden Leuten ausgefüllt. Zehn Dollar kostet das, und wenn man jetzt noch die Foto- und Kopierkosten dazurechnet, kommen wir auf insgesamt unter 20 Dollar, was, sofern es dabei bleiben sollte, um einiges besser ist als die erwarteten 120. Jetzt heißt es aber, wir müssten am Sonntag nach gemachtem Bluttest wiederkommen. Krasser Mist. Sind wir da überhaupt noch hier? Zehn Minuten lang müssen wir mit dem Typen diskutieren, gehen mit unserer gewünschten Visazeit auch von zwei Wochen auf eine Woche runter, erklären, dass wir mit dem Auto unterwegs und nicht mehr in der Stadt sein werden und reiben ihm noch ein bisschen Honig zu Kurdistan um die Schnauze, bis er schließlich nachgibt und meint, dass wir eine Woche wohl auch ohne Test bekommen könnten. Wir sollten nach der Mittagspause auf Zimmer nur 16 im ersten Stock gehen, bekämen dort einen Stempel.
Was sich so einfach anhört, artet in über zwei Stunden Warterei und Rumgelaufe von einem Zimmer ins andere aus. Es gibt hier offenbar dermaßen viele inkompetente Typen, dass man die ganze Behörde schließen und neu besetzen sollte. Es fängt natürlich gleich damit an, dass wir keinen Bluttest vorweisen können und die Leute schon dabei sind, uns wieder wegzuschicken. Obwohl das eigentlich ja schon unten abgesprochen war. Gott sei Dank lässt sich ein angestelltes Mädel, das auch einigermaßen Englisch spricht, überreden, dass wir den wirklich nicht brauchen. Nach ein paar von uns genannten Daten auf Farsi beziehungsweise Kurdisch schlägt sie uns von sich aus sogar neun Tage anstatt einer Woche vor.
Wir kommen uns außerdem echt so vor, als seien wir die ersten und einzigen Leute seit Menschengedenken, die hier mit dem Auto eingereist sind, denn keiner kommt mit Roberts und Calles Passersatz zurecht. Die Pässe und Fahrzeugpapiere liegen bei der Grenze und an deren Stelle hat jeder von den beiden nur drei zusammengetackerte Wische, auf denen sowohl Auto wie auch Person vermerkt sind. Doch um die Verwirrung noch komplett zu machen, hat der Grenzbeamte letzte Woche die Blätter falsch zusammengetackert, also den Hano zum Robert und den LT zum Carl. Das gibt dem sich hauptsächlich um uns kümmernden Sachbearbeiter wirklich den Rest, denn dauernd kommt er aus seinem Raum raus, um zum x-ten Mal zu fragen, zu wem jetzt welches Foto gehöre und wer jetzt überhaupt wer sei.
Ständig werden wir nach unseren Pässen gefragt, doch Arnes und meiner sind irgendwo in Räumen unterwegs und die anderen beiden haben eben sowieso keinen. Erklärt man ihnen dann, dass sie aus dem gerade genannten Grund der Autoeinreise keinen haben können, tun die Leute immer so, als wüssten sie natürlich Bescheid, doch in Wirklichkeit checken sie gar nichts.
Der amerikanischen Familie mit dem kurdischen Vater, die ebenfalls zugegen ist und drei Wochen hier bleiben will, geht es nicht viel besser. Der Kurde war seit etwa 20 Jahren nicht mehr hier in seiner Heimat und ist geschockt von so ziemlich allem: Der schmutzigen Stadt, den unfreundlichen Leuten, der nicht funktionierenden Bürokratie. Die Enttäuschung über seine Heimat steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Abgesehen von den dreien gibt es hier aber sogar auch noch einige Leute, die Deutsch sprechen. Ein Kurde, der in Paderborn lebt, und einer, der gerade in Holland versucht, eine deutsche Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.
Als es schließlich irgendwann genug ist und Calle anfängt, ärgerlich zu werden, einen der Inkompetenten herausfordernd fragt, ob es denn ein Problem gäbe, geht es schließlich doch recht schnell. Kaum geht es an deren Ehre, peilen sie dann wohl doch etwas mehr. Die Ische vom Anfang drückt uns unsere Pässe und Wische mit bis zum 27. Juni gültigen Ausreisevisa in die Hand und wünscht uns einen schönen Tag. Na bitte, geht doch. Und es geht sogar billig. Nur 20 Dollar sowie viel Geduld und Nerven.
Mit dem Surfer treffen wir uns auf dem Platz vor dem Palace Hotel. Gleich gegenüber vor dem Gebäude der Universität ist hier gerade eine Demonstration von Studenten im Gange. Mitten unter der prallen Sonne hocken sie stundenlang einfach nur am Rande der Kreuzung und halten Transparente in die Luft. Und wisst ihr, für was sie demonstrieren? Für einen Studiengangwechsel! Ja, die Leute sitzen hier rum und lassen sich seit Stunden in der Mittagssonne braten, nur weil sie von Informatik auf Maschinenbau wechseln wollen. Warum man dafür demonstrieren muss und nicht einfach wechseln kann, kann uns jedoch niemand erklären, obwohl eigentlich alle zumindest in Maßen Englisch sprechen. Bezeichnend ist übrigens, dass es an einer kurdischen Kaffuniversität im Irak allein im Studiengang Informatik mehr gut aussehende Mädels gibt als in der ganzen MPI-Fakultät der Technischen Universität München. Wie auch schon im Iran scheint Informatik ein richtiger Mädelstudiengang zu sein.
Nachdem wir uns ein paar Döner reingepfiffen haben, geht es – was konnte man anderes erwarten – wieder zu einem Mobilfunkladen. Robert und Calle kaufen jeweils ein E51, das zu unserer Überraschung sogar komplette Unterstützung für Deutsch, also sowohl Telefonsprache als auch T9, anbietet, zusätzlich aber natürlich Arabisch sowohl in der Software als auch auf der Tastatur aufweist. Im Gegensatz zu Deutschland zwar gut Geld gespart, doch damit ist das gestern bei der Surferbank erworbene Geld auch schon wieder dahin.
Am späten Nachmittag verbringen wir noch einige Zeit in einem Coffeenet und Arne findet einen Laden, wo man ihm innerhalb von einer Stunde für 150 Dollar seinen kaputten Notebookbildschirm repariert. Jetzt kann ich dank gelöstem Ressourcenkonflikt also vom PDA wieder auf den EeePc umsteigen, da er wieder seinen eigenen Rechner zum Tippen hat. Außerdem beheben wir den Umstand, dass wir komplett auf dem Trockenen saßen: In beiden Autos gab es weder Wasser zum Waschen, Duschen oder Trinken.
Den Abend verbringen wir wieder zusammen mit... es darf geraten werden: Shaylan, Simone und Bill. Und was macht man so abends im Irak? Klar, Bowlen gehen. Shaylan fragt mal wieder einfach so wie selbstverständlich »Hey mate, where’s the bowling alley?!?« aus dem fahrenden Auto heraus und bekommt natürlich keine sinnvolle Antwort von den kurdischen Autofahrern. Mit ihm vergehen echt keine drei Minuten, in denen es für mich nicht etwas zu lachen gibt. Nach einem gehörigen Umweg finden wir die Halle jedenfalls auch so. Es ist interessant zu beobachten, wie hier die Leute am Eingang alle ihre Waffen abgeben und dafür einen Zettel mit einer Nummer bekommen, ganz so, wie man in Deutschland seine Jacke an der Garderobe abgibt.
Im angeschlossenen Pseudorestaurant gibt es für uns auch noch ein akzeptables, aber vor allem spaßiges Abendessen und danach geht es zu den Bahnen. Für 5.000 Dinar pro Kopf spielen wir eine Partie in zwei Teams. Der Gewinner ist wie erwartet Bill. Am verrücktesten wirft unser Surfer, aber am interessantesten Simone: Während es bei allen anderen so aussieht, als würden sie sich den Arsch abrackern, um die Kugel in die richtige Richtung zu bringen, tänzelt sie gemütlich in langsamen Schritten vor zur Abwurflinie, macht einen kleinen Schritt nach links und lässt die Kugel dann vollkommen nonchalant auf die Bahn fallen – und macht auf diese Weise Strike! So hab ich das echt noch nicht gesehen.
Zurück am Hotel verabschieden wir uns prophylaktisch mal von den Amis, da es sein könnte, dass wir morgen Suli verlassen. Ich glaube es zwar nicht wirklich, aber lieber einmal zu viel verabschiedet als gar nicht. In der Hotellounge nutzen wir dann noch bis tief in die Nacht hinein das erst heute eingerichtete, kostenlose Wireless Internet oder schreiben Berichte, bis es für Calle und mich als letztes um kurz vor drei ins Bett geht.