Mittwoch, 18. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Sulemanya
Die Nacht war zwar eigentlich sehr warm, doch mit dem geöffneten Seitenfenster wehte die ganze Zeit ein angenehmer Luftzug durch den Camper, der das Liegen einigermaßen erträglich machte. Gut ausgeschlafen stehe ich also auf und stelle fest, dass Arne auf der Wiese nebenan bereits mit einem knappen Dutzend Leuten zugange ist, bei denen wir gleich mal einen Morgentee bekommen.
Zu unserer größten Überraschung steht Robert selbstständig und sogar bestens gelaunt zur völlig inhumanen Zeit von 10.30 Uhr auf, sodass wir beide nur noch baff dastehen und staunen können. Als wenn das nicht genug wäre, gesellt sich Calle wenige Minuten später ebenfalls unter die Aktiven, sodass wir heute vor elf ohne jedweden Weckaufwand bereits vollständig auf der Matte stehen. Wirklich krasse Sache!
Unsere erste Station ist das Surferzimmer 309 im Shahram Hotel, wo wir gleich nach dem Eintreten ein Ständchen für das heute 36 Jahre alt werdende Geburtstagskind singen. Den Namensteil im Happy Birthday versauen wir jedoch etwas, da wir seinen Namen nicht wissen und somit jeder einen anderen Namen singt. Robert singt »Shannon«, den Namen, den wir am ersten Abend verstanden haben und der seinem wahren Namen noch am nächsten kommen dürfte, auch wenn er definitiv falsch ist, Calle singt hingegen irgendeinen absichtlich unverständlichen Platzhalter und ich entscheide mich für »Surfer«, weil wir ihn eh die ganze Zeit so nennen. Erst wenige Minuten später sehen wir auf seinem Computer, dass er in Wirklichkeit Shaylan heißt. Bei einem für uns solch ungewöhnlichen Namen ist es kein Wunder, dass wir ihn bei der ersten Vorstellung nicht verstanden haben.
Der Reihe nach nutzen wir Shaylans Zimmerdusche und Robert versucht, mit dem kostenlosen Internetanschluss den Laptop, der sich gestern Abend ebenfalls noch verabschiedet hat, auf Vordermann zu bringen. Ansonsten heißt es, kurz E-Mails lesen und gegenseitig Internetauftritte zeigen. Das Blog der Amis, um das sich Simone kümmert, ist unter der Internetadresse ThankYouForMyEyes.com zu finden und angeblich sind wir auch schon mit eingearbeitet, doch nachgeprüft haben wir es nicht.
Zu fünft machen wir uns auf den Weg in die Innenstadt und den Souk, wo ich gefühlsmäßig eigentlich nichts anderes tue, als zu warten, bis die anderen drei bei jedem der en masse vorhandenen Mobilfunkläden anhalten und die Gerätepreise vergleichen. Die Telefone sind hier im Irak um teils bis zu hundert Euro billiger als beim billigsten deutschen Laden, und da die drei eh neue Geräte benötigen, würde es sich natürlich lohnen, diese hier zu besorgen. Selbst wenn man sie einfach nur für den Verkauf in Deutschland erwirbt, macht man wahrscheinlich einen guten Deal und verdient sich ein paar nette Moneten damit.
Das Problem ist nur, dass wir beim Gang von Laden zu Laden und nach dem Besuch eines Geldautomaten feststellen müssen, dass man auch hier offenbar kein Geld von außen bekommen kann, wenn man mal von Western Union absieht. Jedenfalls werden überall nur im Irak ausgestellte Visakarten oder Mastercards akzeptiert, jedoch nirgends ausländische. Und dass man hier eine Bank ewig und drei Tage suchen muss und nicht einfach wie im Iran das nächste oder vielleicht, wenn es hochkommt, das über- oder drittnächste Gebäude nimmt, macht die Sache auch nicht einfacher.
Shaylan, der uns inzwischen verlassen hat, da er um drei zusammen mit seinen Teammates einen Termin hatte, ruft an, ob wir mit zum Dreh vom zuvor angekündigten »no food place« wollten. Wir wussten schon, dass dies heute auf deren Todo-Liste steht und hatten einfach mal pro forma Interesse angemeldet. Etwas viel Besseres haben wir ja sowieso nicht zu tun und so treffen wir uns um halb fünf vor dem Palace Hotel, um die Yankees und noch einen lokalen Journalisten aufzusammeln.
Zum Verkehr im Irak habe ich mich zwar bereits ausgelassen, aber in Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Leute hier sind wirklich total fahrunfähig. Nicht nur, dass sie eben bescheuert hupen, nein, sie kommen auch wirklich nicht an kleinsten Hindernissen vorbei, ohne gleich zwei Spuren zu blockieren. Selbst gemachte Spuren wie im Iran gibt es sowieso nicht, das meiste läuft brav nach den am Boden aufgezeichneten Linien ab, ganz so, als seien die Leute hier genauso unfähig, selbstständig zu denken, wie die Deutschen.
Dazu kommen dann noch diese absolut überflüssigen Polizisten an jeder Kreuzung, die ihren Posten ausschließlich über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der untersten Kategorie bekommen haben können, da sie sich sonst nicht so behindert anstellen würden. Das Beste an ihnen ist, dass sie an jeder Kreuzung stehen und im Grunde Ampelfunktion haben. Ohne ihre Anweisung darf niemand fahren. Dumm nur, dass wir diese oft nicht mal verstehen.
Noch in keinem Land habe ich bisher gesehen, dass ein kleine Hand voll Menschen den Verkehrsfluss einer Stadt so krass stören können. Die Typen stehen auf ihrer Kreuzung, die sie wahrscheinlich Arbeitsplatz, ich aber eher Austob- und Chaotenplatz nennen würde, und halten nacheinander immer drei der vier Fahrtrichtungen an und geben die Fahrt für eine frei. Wenn sie ganz schlau sind, manchmal für mehrere, zum Beispiel entgegenkommende Linksabbieger oder alle Rechtsabbieger.
Was zum Teufel machen die da? Wer braucht diese Menschen? Im Iran funktioniert eine Kreuzung mit vier Straßen à zehn Spuren für beide Richtungen komplett von selbst ohne irgendwelche Steuerungsmaßnahmen, und hier hocken sie auf jede Kindergartenkreuzung irgendeinen Volldeppen, der nichts weiter kann, als alles aufzuhalten.
Ja halt, ich vergaß: Diese unnützen Polizisten können auch noch wunderbar pfeifen und belehren. Ordnet man sich auf der falschen Spur ein, zum Beispiel auf der nicht markierten, aber aus Gewohnheitsrecht bestehenden Rechtsabbiegerspur, pfeifen die Honks erst mal wütend rum und kommen dann höchstpersönlich rüber, um dich anzuscheißen. Das ist ja wohl noch lächerlicher als ein deutscher Polizist, der dem 4,56 Meter vor dem Zebrastreifen parkenden Auto einen Bußgeldbescheid verpasst. Und man bedenke, dass man in Tehran problemlos von der ganz rechten Spur nach links abbiegen kann oder umgekehrt – und das auf einer 18-spurigen Straße!
Anhalten, um nach dem Weg zu fragen, ist ebenfalls Todsünde und wird sofort durch wilde, von herbem Pfeifen unterstützte Gesten bestraft. Und um der Lächerlichkeit noch einen drauf zu setzen, hat sich gestern auch noch jemand beschwert, dass wir nicht angeschnallt waren. Burschi, schonmal drüber nachgedacht, dass wir seit fast 10.000 Kilometern unangeschnallt fahren? Und du selbst machst es sicher auch nicht anders.
Ohne das jetzt weiter ausführen zu wollen, muss leider festgestellt werden: Angesichts der relativ geringen Anzahl der Autos auf den Straßen ist der Irak das Land mit der bisher wohl schlechtesten Unterstützung des Verkehrsflusses und den für die hiesige Region wohl auch miesesten Ordnungshütern und Fahrern. Fatale Kombination.
Unsere Fahrt führt uns vor die Tore Sulemanyas zu einer Müllkippe. »This is not exactly what I expected« gibt Simone erstaunt zu Protokoll, kurz nachdem wir zu acht im Camper über die stinkende und brennende Müllkippe gefahren sind. Sie habe aber gar keine andere Wahl, denn dass sie mit ihrem Team überhaupt hier ist, sei quasi ein Gefallen, den sie jemandem schulde.
Zu Fuß geht es einmal quer über ein paar Berge von Müll, vorbei an einem Dutzend schlafender und dreckiger Hunde, von denen sie aber total angetan ist, zu einer Stelle, wo ziemlich viele Leute abhängen. Die meisten hier sammeln irgendwelche Wertsachen aus dem Müll heraus und machen damit etwa 15 Dollar Gewinn pro Tag. Sind sie anfangs noch etwas scheu, so gehen sie kurz danach aber umso mehr ab, als ich anfange, von ihnen Fotos zu machen, die sie danach anschauen können. Die wollen wirklich so viele Fotos, dass ich irgendwann selbst abbrechen muss, um heute überhaupt noch wieder weg zu kommen. Dazu kommt, dass das blonde, weiß gekleidete Mädel auf der Müllkippe natürlich ebenfalls eine seltene Attraktion darstellt.
Ich fotografiere also, Simone filmt, und die anderen – die anderen erzählen später, dass sie zu der Zeit mit dem verrückten Surfer Baseball mit Müllutensilien spielen.
Nachdem wir genug vollgestunken, verraucht und zumindest in Teilen dreckig sind, soll es nun zu wirklichen Heimatlosen gehen – sagt zumindest der Journalist. Zurück in der Stadt irren wir jedoch eine halbe Stunde zwischen allen möglichen Straßen rum, um endlich das Viertel zu finden, wo die Heimatlosen leben sollen. Doch genau hier liegt das Problem: Wenn die angeblichen Heimatlosen ihr eigenes Viertel haben und dort permanent leben, wie sollen sie dann noch heimatlos sein? Fehler in der Logik, wa?
So ist der Besuch für Simone auch überhaupt nicht lohnend, denn zum Filmen ist nicht mehr genügend Licht und heimatlos sind die Leute hier, auch wenn sie nur in billig hingefrickelten Betonhäusern wohnen, bestimmt nicht. Also Abmarsch – aber nicht ohne dass Arne und Calle den etwa drei Dutzend Kindern, die sich inzwischen um uns versammelt haben, die Bremsen der Fahrräder noch richtig einstellen.
Weiter geht es in eine Shopping Mall, wo wir mal wieder Prosumer spielen, indem wir vier Paletten Trinkschund sowie Chips und sonstwelches Zeugs mitnehmen, während die Amis hingegen für Shaylans Geburtstagsfeier einkaufen. Diese findet zu Hause bei Hama statt, einem Freund der Amis, der hier in Suli wohnt.
Er lebt in einem netten kleinen Haus mit Garten und großer Küche, in der sich er und Simone sogleich ans Kochen machen, während Se Germans im Wohnzimmer Alk konsumieren. Die anderen drei jeweils ihre Biere und ich Whiskey on the rocks. Bester Eindruck also, den wir hier im deutschen Namen hinterlassen.
Für das Abendessen draußen im Garten sind auch noch zwei andere Typen aus Hamas Familie da, mit denen ich mich aber nicht allzu sehr abgebe. Der beste Mann am Platz ist sowieso Shaylan, der mit seiner tollen Verrücktheit bestens als Vollzeitclown durchgehen könnte. Ich finde es echt beachtenswert, wie man von Natur aus so genial drauf sein kann. Das geht wahrscheinlich wirklich nur als hawaiianisches Kind zweier Hippies, die – auch mit den Kindern – viel rumgekommen sind. Er selbst ist nicht weniger rumgekommen, sein Reisepass ist voll mit Stempeln vor allem südamerikanischer Länder, außerdem ist er Helikopterpilot, betreibt Skydiving und was weiß ich noch für extreme Sportarten. Wenn er seine Geschichten und Erlebnisse erzählt, hört sich das nach einem sehr verrückten Leben an.
Nette Party also, doch Simones im Blog geschriebener Wunsch, nicht die einzige Frau zu sein, wurde nicht erhört. Sie zieht schon etwas früher am Abend ab und später machen sich auch das Geburtstagskind, Bill und wir auf den Weg nach Hause.
Robert und Calle kaufen dem Surfer im Hotel noch Dinare im Gegenwert von fünfhundert Dollar ab, da sie sie für eventuelle Telefonkäufe brauchen und es Shaylan auch ganz recht ist, wenn er nicht mit soviel Bargeld durch die Gegend fahren muss, sondern die Kohle auf seinem Paypalaccount hat. Ich hingegen ergebe mich im Camper gleich der Nacht und penne sofort ein.