Dienstag, 17. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Dokan-See bei Gardasuran, Sulemanya
Pieks! Argh! Aufspring!
So werde ich aus meinem morgendlichen Halbschlaf herausgerissen. Calle und ich sind draußen auf unseren Feldbetten, es ist fünf nach sechs, die Sonne ist bereits aufgegangen und ich verspüre auf einmal einen krassen Schmerz am rechten Mittelfinger.
Mir ist sofort klar, dass es irgendein Viech sein könnte, welches sich da unter meine Decke geschlichen hat, und so reiße ich diese weg, springe auf, schüttele die Hand einmal in die Landschaft und erkenne auf der leeren Liege neben mir einen Skorpion. In einer ziemlich panischen Reaktion – schließlich bin ich ja erst seit zweieinhalb Sekunden wach, die Hand schmerzt mit jeder halben Sekunde mehr und ich hab eigentlich noch gar keinen Peil, was überhaupt abgeht – springe ich ins nächstgelegene Auto, den Hano, und werde dort vom gerade wach gewordenen Arne festgehalten, damit ich nicht mehr wie wild durch die Gegend hüpfe.
Calles Frage, was denn los sei, habe ich in der Aufregung gar nicht bemerkt, aber während Arne beginnt, die vermeintliche Wunde auszusaugen, sieht er den Skorpion noch auf der Liege herumlaufen und beschreibt ihn. Robert wurde inzwischen auch geweckt, und da Calle seine Homies nicht erreicht, ruft Robert seinen Vater an, um zu fragen, was zu tun sei. Das fette Erste-Hilfe-Buch, welches wir dabei haben, schweigt sich über Skorpione komplett aus und gibt zu Tierbissen beispielsweise als erstes den absolut wichtigen und sicher höchst wertvollen Hinweis, dass man keine fremden Hunde streicheln solle. Ein wirkliches Buch der Extraklasse!
Vom Matthes heißt es auch nur, wir sollten kühlen, hochhalten und gegebenenfalls einen Arzt aufsuchen. Außerdem nicht schwimmen. Kann also alles nicht so schlimm sein eigentlich. Es vergehen weitere zehn Minuten, in denen wir nicht so recht wissen, was wir machen sollen. Die nächste Stadt ist knappe zwei Stunden Autofahrt von hier entfernt, hier ist außer ein paar Wachposten und einem kurdischen Kaff nichts in der Nähe, aber das Brennen im Finger beginnt, langsam schwächer zu werden. Man sieht auch bis auf einen kleinen Punkt überhaupt keine Wunde, lediglich die Fingerkuppe ist rot geworden, und wenn man die Fingerspitze berührt, brennt es umso mehr. Sieht eigentlich eher nach einem Biss aus als nach einem Stich, aber wieso brennt es dann so?
Die Situation wird erst mal aufgelockert, als der von uns eigentlich für gestern Abend bestellte Fischer mit seinem Boot ein paar Meter weiter anlegt. Er hat mehrere richtig große, noch lebende Fische zu verkaufen, der kleinste davon einen knappen halben Meter lang. Der ist eine Minute später dann auch für 20.000 Dinar unserer.
Direkt vor unseren Augen wird das Viech dann am Ufer mit einem Stein betäubt – oder auch getötet – aufgeschnitten und ausgenommen. Interessant zu beobachten, aber selbst würde ich es aber im Moment nicht machen wollen. Nachdem der Fisch – oder das, was von ihm bleibt – in der Kühlbox verschwunden ist, legen sich die anderen drei nochmal ab und ich kühle noch ein bisschen den Finger, bis der Schmerz eine Stunde später eigentlich komplett aufhört. Es sieht so aus, als würden wir hier also unseren Tag ganz normal weiter verbringen.
Um zehn Uhr, Arne ist inzwischen wieder aufgestanden, kommen auf einmal ein Haufen Soldaten auf uns zugelaufen, die etwas weiter mit einem Boot angelegt haben und von denen wir nur die zwei Leute vom oberen Wachposten kennen. Nur mit diesen ist die Begrüßung herzlich, da wir uns ja schon einigermaßen kennen und sie gestern auch bei uns dabei saßen, aber die anderen kommen mir für meine Maßstäbe ziemlich distanziert vor.
Einer von ihnen hält mir gleich nach der Begrüßung ein Telefon hin, wo ein gebrochen Englisch sprechender Typ die üblichen Fragen rauskrächzt: »They want to know who you are and what you are doing there!« Als wenn die beiden Wachpostenleute das noch nicht wüssten, erkläre ich ihm also, dass wir deutsche Urlauber sind und hier an diesem irakischen See zum Baden und Ausruhen abhängen. Daraufhin meint er nur, dass wir hier nicht bleiben könnten und unbedingt in Dokan eine Genehmigung einholen müssten.
Der Typ fängt offensichtlich an, krass zu langweilen, weshalb ich ihm sage, dass wir heute Nachmittag eh einen Abgang machen werden, und das Telefon einfach zurück gebe. Während der eine spricht, werden die anderen Soldaten langsam etwas netter, da wir ein bisschen Farsi auspacken und sich in den letzten Tagen hier selbst darüber jeder zu freuen scheint. Schließlich bekomme ich das Gerät nochmal in die Hand gedrückt und der Typ meint lediglich, dass wir unbedingt heute gehen müssten, weil wir andernfalls »big problems« bekommen würden. Aha. Is scho recht. Schön, danke auch, und tschüss.
Die Soldaten dampfen daraufhin wieder ab und nur die zwei Wachpostenleute bleiben noch sitzen, vielleicht in der Hoffnung, wieder irgendwelche Getränke oder sonstwas von uns zu bekommen. Jedenfalls muss es ihnen gestern bei uns gefallen haben, denn sonst würden sie ja nicht bleiben wollen. Da wir aber im Moment recht wenig mit ihnen anfangen können – Arne will sich wieder hinlegen und ich hab jetzt auch keinen Bock, die zu unterhalten – macht jeder sein eigenes Zeug, und als sie wenig später merken, dass wir nicht bereit für sie sind, dampfen sie wieder ab und machen sich auf den Weg zu ihrem Hügel.
Es ist gerade mal elf Uhr, doch der Tag war bisher so ereignisreich wie manch andere drei zusammengenommen nicht. Und das auch noch hier im absoluten Nichts, an einem Stauseeufer ohne jegliche Infrastruktur oder sonstwas. Keine schlechte Sache.
Als Robert wieder aufsteht, geht es weiter. Arne, der gerade eine Stunde auf dem PDA Bericht getippt hat, verliert das Geschriebene, weil das Pocket Word mal wieder abspackt. Ich weiß schon, warum ich lediglich mit stinknormalen Textdateien arbeite und nicht mit so komplizierten Formaten. Beim Betrachten der ganzen Chose im Laptop fällt uns auf, dass große Teile des Dateisystems der SD Karte im PDA zerstört sind. Robert macht sich gleich an die Datenrettung ran mit dem Ergebnis, dass die meisten der schließlich unwiderruflich verlorenen Daten unwichtig waren. Das Wichtigste ist sowieso, dass Pathaway weiter normal funktionieren kann. Zwar haben wir auch ein paar der russischen Türkei- und Syrienkacheln verloren, doch die kann ich bei Zeiten mal wieder von meinem Heimrechner runterladen.
Mit Robert und Arne als Fischvorbereiter und Calle als Fischbrater zaubern wir uns ein sehr gutes Mittagessen mit Reis und allem Drum und Dran auf den Tisch. Und obwohl ja einige Leute wissen, dass es bei uns gerade Fisch gibt, sind weit und breit keine Schmarotzer oder nervende Esskompanions zu sehen. So lässt sich das Essen genießen.
Am Nachmittag hängen wir größtenteils nur ab, obwohl wir eigentlich vor hatten, nach dem Mittagessen wegzufahren. Während Calle und ich uns im Hano auf den Betten ablegen, gehen Robert und Arne den Berg zum Wachposten hoch. Bei der tollen Aussicht haben die beiden gestern echt etwas verpasst, weshalb wir ihnen die kleine Wanderung nur wärmstens empfehlen konnten.
Als wir uns schließlich für die Abfahrt vorbereiten und zusammenpacken, will ich gerade die Tasche unseres Feldbettes vom Boden aufheben, als ich noch rechtzeitig das dumme Viech von heute Morgen entdecke. Man stelle sich nur vor, ich wäre zweimal am selben Tag vom selben Skorpion gestochen worden. Calle sagt, dann hätte er nur noch mit mir Lotto gespielt.
Jetzt hingegen ist das Viech erst mal dran. Robert packt die Grillzange und befördert den Asi in das Ex-Salzstreuerglas, wo es von nun als Maskottchen und Haustier sein Dasein fristen wird. Mit ausgezogenem Stachel ist das Ding vielleicht gute acht Zentimeter lang und macht mit seinem hellen weiß-gelben Körper und dem dunkel-schwarzen Stachel schon einen ziemlichen Eindruck, wenn es einen ein paar Zentimeter entfernt durch das Glas seines neuen Zuhauses anschaut. Calle wird dem Biest Europa zeigen, sofern es vorher nicht verreckt.
Gegen fünf Uhr machen wir uns dann aber schließlich doch auf den Weg nach Suli. Fünf Minuten nach Abfahrt fällt im Hano jedoch erst mal der komplette Schrankinhalt auf den Boden, da wir offenbar vergessen haben, ihn zu sichern. Während also Robert und Arne im LT schon vorfahren und wir sie aufgrund der mangelnden Funkverbindung zwischen den dicken Hügeln nicht erreichen können, sammeln und sortieren wir Bücher, Pokerkarten und alles Mögliche. Das Positive an dem kleinen Malheur ist jedoch, dass endlich die lang gesuchte Bedienungsanleitung von Calles D70s einfach so aus dem Nichts auftaucht. Schon seit Tagen wollen wir dort nachschauen, was es mit der komischen Verhaltensweise der Auto-ISO-Funktion auf sich hat. Vielleicht sollte man öfter mal komplette Schränke umhauen.
Um halb neun kommen wir in Suli an und fahren direkt zum Yankeehotel. Mit dem Surfer begeben wir uns auf Essenssuche, fragen uns aber bald, ob das so eine gute Idee war. Der erste Schuppen ist eine Art Fast-Food-Restaurantabteilung in einem größeren Supermarkt, wo ich zwar schon was essen würde, die anderen drei aber überhaupt nicht bleiben wollen. Man sollte eben nicht unbedingt einem Ami die Suche des Essensplatzes überlassen.
Stattdessen fahren wir gemeinsam wieder zurück zu einem vorher schon erspähten Platz an der Straße, wo auch unser Hotel liegt, und pfeifen uns dort einen Döner respektive zusätzlich auch noch einen Lachmajun rein.
Ausklingen lassen wir den Abend zusammen mit dem Surfer in der Hotellounge, wo die anderen drei sogar ihr eigenes Bier mit reinnehmen dürfen und mich der Musiksender Rotana in Gedanken wieder ein Jahr zurück nach Damaskus versetzt. Da musste ich jetzt doch glatt zwei Monate durch den Mittleren Osten reisen, um endlich in einer irakischen Hotellounge gemütlich Rotana sehen zu können. Und wieder ärgere ich mich, dass ich zu Hause keine Schüssel aufstellen und auf Arabsat oder NileSat ausrichten kann.