Montag, 16. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Dokan-See bei Gardasuran
Unser Chilltag beginnt für mich um Viertel nach sieben, als mich die Sonne auf dem Feldbett erreicht und die üblichen Viecher ihre Nerverei beenden. Ich nutze die massig vorhandene Zeit, um ein bisschen meinen Berichtsrückstand aufzuheben, und gehe dann zusammen mit Arne im See schwimmen. Eigentlich wissen wir ja gar nicht, was hier so in diesen Seen rumschwimmt, aber da der hier das komplette Gegenteil eines kleinen Tümpels und damit wirklich sehr groß ist, wird es kaum irgendwelche Pfützenviecher geben. Die vielen Fische, die komischerweise überhaupt nicht vor uns Angst haben, knabbern uns aber die ganze Zeit an und wir scherzen schon, was wir wohl erzählen müssen, wenn wir zurück sind: Was waren eure größten Probleme im Irak? In den Städten fanden wir nur schwer einen Parkplatz und beim Schwimmen bissen uns Fische in die Nüsse.
Calle versucht sich nach dem Aufstehen als Bootbauer, indem er ein Feldbett mit vier wasserdichten Säcken ausstattet und sich damit eine komfortable Luxusluftmatratze erhofft. Ganz geht der Plan zwar nicht auf, doch allein mit diesem Ding haben wir schon stundenlang Spaß, bevor wir uns im Fischen versuchen. Mit einem kleinen Fliegennetz ziehen wir ein paar Fische aus dem flachen Wasser und heben sie mal für eventuelle spätere Verwendung in einem wassergefüllten Sack auf.
Zum Mittagessen gibt es vom Koch Calle Nudeln mit Bohnen und ähnlichem Krempel, der sehr gut schmeckt, und da sich Arne danach erbarmt, einen kompletten Abwasch durchzuführen, können wir sogar mal wieder Espresso machen. Ungewohnter Luxus. Ansonsten verbringen wir den frühen Nachmittag mit gepflegtem Nichtstun zwischen den Autos unter dem heute früh gespannten Sonnensegel. Was soll man auch groß machen bei 41 Grad im Schatten?
Unser Asiacell-Telefon klingelt unterdessen wieder und es kann eigentlich niemand anders sein als die Yankees. Der Surfer sagt, sie seien in Dokan, fragt, ob wir noch am See seien, und teilt mit, dass er mit den anderen jetzt auch herkommen wolle. Da die Gruppe heute offenbar in einem gemieteten »german made Paykan« und ohne Fahrer oder GPS unterwegs ist, haben wir ein paar Probleme, ihm klar zu machen, wo wir uns überhaupt befinden. Da freut man sich doch, wenn man einfach ein paar Koordinaten von Abbiegepunkten und dem Standort durchgeben kann und sich nicht mehr zu kümmern braucht. Sie fahren los in unsere Richtung, doch wir glauben nicht daran, dass sie es herschaffen.
Als die größte Mittagshitze erst einmal vorüber ist, machen sich Calle und ich auf den Weg, um etwas Holz für ein Abendfeuerchen zu sammeln und den nächstgelegenen Hügel zu erklimmen, auf dem auch einer der Wachposten steht. Dachten wir bis gerade eben noch, dass man von hier das Dorf, in dem wir gestern waren, auf der anderen Seite des Hügels erblicken müsste, stellen wir nun fest, dass wir uns da wohl derbe getäuscht haben. Zwei oder mehr Hügelketten versperren die Sicht darauf und wir können nur anhand eines Schafpfades erahnen, wo es ungefähr liegen dürfte. Das einzige, was man von unserem gestrigen Weg sieht, ist der obere Teil der Serpentinen, die wir gestern vom Pass runtergefahren sind.
Ansonsten ist die Aussicht atemberaubend! Wunderschön! Faszinierend! Fast unübertrefflich! Was man von hier oben sehen kann, übertrifft so gut wie alle Aussichten, die ich in diesem Urlaub bisher erlebt habe. Da der Hügel – oder sollte man ihn vielleicht Berg nennen? – sich auf einer in den See hineinragenden Landzunge befindet, haben wir weit mehr als einen 180 Grad messenden Blick auf die Seelandschaft. Direkt vor uns erkennen wir die Insel, die wir gestern schon vom Pass aus gesehen haben, und rechts, in der Richtung, wo auch das Dorf liegen muss, ist der See in viele kleine Seitenarme aufgeteilt, die zwischen den aus dem Wasser herausschauenden Hügeln eine tolle Musterlandschaft bilden. So ein Stausee hat schon was.
Die Leute vom Wachposten sind erst ziemlich irritiert darüber, was wir hier überhaupt machen. Klar, unsere Autos dürften sie längst erblickt haben und vielleicht haben sie uns gestern Abend auch unten ausspioniert, doch dass wir jetzt einfach so unvermittelt und mit quäkenden Stimmen aus dem Funkgerät auftauchen, ist schon etwas verwunderlich. Das ist immerhin der Irak und nicht die Ilkahöhe. Die Leute sind hier, um Sicherheit zu garantieren und im Bedarfsfall zu kämpfen, laufen den ganzen Tag mit Kalaschnikovs durch die Gegend, die sie achtlos auf alles und jeden richten, sich selbst eingeschlossen. Und wir machen hier den chilligsten Badeurlaub seit Kish.
Das Eis mit den Leuten auf dem Posten wird gebrochen, als sie uns zum Tee in ihre Hütte einladen, wo lustigerweise eine Art Gänseküken als Maskottchen rumläuft. Der Piepmatz versteckt sich neben der Zuckerdose des Tees oder läuft einfach über den Teppich durch die Gegend. Lustiger Geselle. Währenddessen funkt Robert von unten, dass der Surfer endlich mit seiner Kompanie auf dem Pass sei und nun den See sehe. Wurde auch Zeit nach den vielen Anrufen, die es gebraucht hat, um ihn überhaupt dahinzulotsen. Um herauszufinden, ob er nun wirklich an der richtigen Stelle ist, sagt er ihm am Telefon, er solle zehn Meter fahren. Als ich daraufhin sehe, dass sich die nur minimal erkennbare, wahrscheinlich von der Frontscheibe stammende Reflektion – der Pass und damit auch das Auto sind etliche Meilen entfernt hinter vielen anderen kleineren Hügeln – bewegt, gebe ich Robert durch, dass sie es sind. Die anderen wollen eigentlich umkehren, sind vom Surfer und seiner Aktion bereits »pissed off«, doch da Robert ihnen mitteilt, dass wir sie sehen, fahren sie doch weiter.
Auf dem Weg nach unten sammeln wir noch etwas Holz, das jedoch viel zu trocken ist, um ein lange brennendes Feuer damit zu betreiben. Von diesem Zeug kann man sammeln, soviel man will, im Handumdrehen wird es zu Asche werden. Durch einen kleinen Feldversuch stellen wir daher fest, dass die getrocknete Scheiße, die unten überall rumliegt, bestens und vor allem lange brennt. Robert sammelt deshalb eine komplette Tüte Scheiße zur Verfeuerung bei Dunkelheit.
Während wir also den Rest des Nachmittags komplett gemütlich verbringen, ab und zu baden gehen und Arne sowie ich ein bisschen Bericht schreiben, kommen auch die einen oder anderen Besuche vorbei. Zwei Leute vom obigen Wachposten, den wir besucht haben, schauen sich unser Lager mal genauer an, und auch zwei vom anderen Wachposten waren vorher zum lediglich dumm Rumsitzen da, während Calle und ich auf dem Berg waren.
Nach inzwischen drei weiteren Telefonaten mit den Amis steht fest, dass sie nicht mehr kommen werden. Dachten wir es uns doch! Aber dass sie zehn Minuten vor dem Ziel – nach ihrer Beschreibung des Aufenthaltspunktes können es nämlich nur noch um die zwei Kilometer sein – abbrechen würden, hätten wir nicht erwartet, sondern eher, dass sie gar nicht erst den Pass rauffahren. Die Strecke auf der Piste war wohl um einiges weiter, als sie dachten, und dass wir sie vorhin gesehen haben, hat sie wohl zu falschen Annahmen oder Hoffnung verleitet. Es war halt von vielen Meilen Entfernung und nicht gerade vom Hügel nebenan. Jedenfalls sind die anderen jetzt scheinbar stinkesauer auf den Surfer, wegen dem sie jetzt stundenlang im Auto durch die Gegend gefahren sind, ohne ihr Ziel zu erreichen. Als sie anrufen, meinen sie, sie seien auf dem falschen Weg, doch wir sind uns sicher, dass es der richtige ist. Der Surfer will sogar aussteigen, zu Fuß zu uns kommen und die anderen wieder heimfahren lassen, aber was, wenn er doch woanders ist, als gedacht?
Schließlich drehen sie um. Schade! Selbst schuld natürlich, sie hätten hier einen tollen Abend und vielleicht sogar eine Nacht auf den Feldbetten mit uns verbringen können, doch ich hätte es auf jeden Fall auch toll gefunden, wenn sie uns Gesellschaft geleistet hätten.
Um halb sieben »bestellen« wir bei einem im Boot vorbeifahrenden Fischer Fisch. Unsere eigenen haben wir wieder frei gelassen, da sie zu klein waren, um etwas Sinnvolles damit anzustellen. Der Typ meint, er komme um hascht, also um acht vorbei. Als es jedoch fast neun ist und wir schon glauben, dass wir verarscht wurden, dämmert uns, dass mit hascht wohl acht Uhr morgens und nicht heute Abend gemeint war. Das Zeug muss die Nacht über ja wahrscheinlich erst mal gefangen werden.
Also gibt es wieder Nudeln, diesmal mit Möhren und Erbsen, während wir nebenan Scheiße verfeuern. Dazu gibt es eine Flasche Wein, die gleichzeitig auch das Ende unserer Alkoholreserven markiert, sodass wir nun komplett auf dem Trockenen sitzen. Das Leben ist schon hart im Irak. Was macht man da? Nudeln essen, Scheiße verfeuern und den letzten Alkohol aufbrauchen.
Bevor wir auf unseren Feldbetten einschlafen, bekommen wir auch nochmal Besuch von unseren zwei Freunden vom Wachposten, denen wir gleich mal eine Kalaschnikov zum genauen Begutachten abschwatzen. Vor allem Arne ist als Ex-Wehrdienstler sehr interessiert daran, aber auch ich finde es interessant, mal so ein Ding in der Hand zu halten und zu zielen.
Ende unseres fünften Tages im Zweistromland und des gemütlichsten und touriurlaubsähnlichsten Tages seit langem.