Sonntag, 15. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Arbil, Koya, Dokan-See bei Gardasuran
Bei ungewohnt starker Hitze wache ich auf, obwohl ich sogar das Seitenfenster über Nacht offen gelassen habe. Beim Aussteigen wird mir jedoch klar, dass es nicht am Camper liegt, sondern an dem Ort hier: Um zehn Uhr morgens hat es bereits fast 40 Grad.
Arne und ich hocken vor dem Fast Food auf den dortigen Stühlen, frühstücken ein bisschen mit Keksen oder Yoghurt von den Amis, tippen Berichte. Die Yankees ziehen gegen elf los in Richtung Suli, wo wir uns heute Abend vielleicht treffen werden. Falls wir denn schon dort sein werden, denn die Strecke ist auch nicht die kürzeste, auf dem Weg liegt ein großer See und eigentlich wäre eine etwas ruhigere Gangart schonmal wieder angesagt.
Wir hingegen ziehen erst mal los, um die Innenstadt mit ihrer großen Zitadelle zu sehen. Am Souk entlang laufend kommen wir an einem Straßengeldwechsler nach dem anderen vorbei, was uns eigentlich sehr gelegen kommt, doch keiner kann meinen Zweihunderteuroschein nur zur Hälfte wechseln. So interessieren wir uns schließlich für einen Typen, der einfach mit fünf Nokia-Schachteln rumsteht und zu unschlagbarem Preis offensichtlich Diebesgut zu verkaufen hat. Einfach so. Mitten auf der Straße.
Bei inzwischen über 41 Grad laufen wir schließlich die Zitadelle hoch und oben einmal durch. Der Platz hier ist wieder mal einer der angeblich am längsten bewohnten Orte der Erde, genauso wie es von Damaskus und was weiß ich noch für Orten gesagt wird. Langsam nervt diese Behauptung. Auf der Zitadelle ist das meiste dann auch eher im Ruinenzustand, obwohl jeder Weg – so er auch vor lauter Schutt fast unpassierbar ist – ein richtiges Namensschild hat. Wirklich leben tut hier niemand mehr, aber es gibt ein paar fitte Gebäude, wo zum Beispiel zwei als Museen getarnte Tourishops untergebracht sind.
Nach einem kleinen Gang durch den Souk – »Bazar« ist jetzt wieder out – geht es los in Richtung Suli. Die Hauptroute dorthin würde erst nach Kirkuk im Süden und dann in Richtung Osten nach Suli führen, doch es heißt, wir könnten Kirkuk, genau wie Mosul ja auch, nicht befahren. Wenn ich ehrlich bin, haben die beiden Namen bei mir auch eine eher schlechte Konnotation und ich sehe fast schon Claus Kleber oder Gundula Gause vor mir, wie sie immer nur irgendwelch mieses Zeug von diesen Plätzen zu berichten haben.
So drehen wir die Route also um, fahren erst mal in Richtung Osten nach Koya, von wo wir dann nach Dokan und Suli weiterfahren wollen. Bei der Abfahrt von einem Pass zwischen Koya und Dokan erblicken wir endlich das, was inzwischen zu unserem Tagesziel mutiert ist: Den See zum Schwimmen. Im Tal biegen wir deshalb statt nach Süden nach Norden ab, um möglichst eine schöne Badestelle zu finden, doch wir müssen feststellen, dass zwischen der Straße und dem See permanent eine Bergreihe liegt, weswegen die Straße wohl nie zum Ufer führen wird.
Schließlich probieren wir deshalb einfach eine Piste aus, die uns nach vielen Serpentinen auch wirklich über den Berg zu einem wunderschönen Ausblick auf den See bringt. Bis jetzt aber eben nur ein Ausblick. Der Dokan-See ist ein Stausee und entsprechend scheint das Ufer an eigentlich überhaupt keiner Stelle flach zu sein, sondern fällt mehr oder weniger rapide ab. Die bergige Landschaft drumherum dürfte das Erreichen außerdem auch sehr schwer machen, denn das einzige Dorf, das mehr oder weniger nah am Wasser liegt, befindet sich direkt auf der gegenüberliegenden Seite, und die Piste, auf der wir stehen, scheint im einzigen weiteren von hier sichtbaren Dorf weit vor dem Wasser zu enden.
Wir fahren sie trotzdem weiter und landen wie erwartet in jenem Dorf. Eigentlich will ich nur nach dem Weg fragen, doch es dauert keine zwei Minuten, bis ein Haufen Leute angerannt sind, um uns zu begrüßen. Die Situation ist etwas verquickt: Die Leute hier sagen, es gebe keine Piste zum Wasser, und als wir einfach versuchen, die eine Dorfpiste etwas weiter zu fahren, endet diese nach zweihundert Metern beim letzten dort befindlichen Haus.
Vielleicht dreißig Leute stehen inzwischen um uns rum und wir müssen entscheiden, was wir machen wollen. Da wir alle gehofft hatten, heute noch baden gehen zu können, und nun gerade feststellen müssen, dass daraus nichts mehr wird, sind wir zum einen etwas planlos und zum anderen wohl auch etwas angegast von der Situation. Ich würde nun eigentlich hier im Dorf bleiben, finde das besser als gar nichts, wäre aber natürlich lieber zum See gekommen. Robert möchte nicht hier bleiben, da er Angst hat, morgens von den Bewohnern gestresst zu werden. Calle ist für Zurückfahren und eine Abzweigung etwas weiter oben an der Piste zu probieren. Und Arne denkt sogar darüber nach, zurück in die Stadt zu fahren, was ich aber angesichts dessen, dass es in einer halben Stunde fast vollständig dunkel sein dürfte, für ausgeschlossen halte.
Nachdem wir uns also einige Minuten schön angepisst haben, kommen wir überein, dass wir das Dorf verlassen bzw. tun es einfach. Mit Calle und mir voraus nehmen wir nun also die andere Abzweigung und sind gespannt, wo uns die immer enger werdende Piste hinführen wird. Und siehe da – eine halbe Stunde später sind wir wirklich direkt am See! Pünktlich zur Dunkelheit und gerade noch rechtzeitig, um endlich schwimmen zu gehen.
Der Platz hier ist die wahrscheinlich einzige Stelle des von hier aus sichtbaren Seeteils, wo man direkt ans Wasser fahren kann, da sie flacher als alle anderen zu sein scheint. Rings um diesen schwer erreichbaren Platz gibt es nur Hügel und Berge, auf deren Spitze jeweils ein Licht oder gar eine ganze Hütte – wahrscheinlich irgendwelche Kontrollposten – zu sehen sind. Die einzigen weiteren Lichter, die wir sehen, sind die des Dorfes auf dem Hügel am gegenüberliegenden Ufer, und der aufgrund des Mangels an künstlichem Licht extrem hell erscheinende Mond.
Es ist also ein wirklich toller Platz für die Nacht und auch ein genialer Ort, um unseren Badeurlaub im Irak fortzusetzen, denn das Wasser ist angenehm warm und nach stundenlanger Schwitzerei zugleich sehr erfrischend.
Unser Abendessen besteht also mal wieder aus Nudeln und Linseneintopf bei Mondschein und bester Kulisse, und als der Raki schließlich leer ist, hole ich ein Feldbett raus und lege mich schlafen. Calle und Robert tun es mir irgendwann gleich, während Arne sich im Camper ablegt, doch da bin ich schon längst in der Welt der Träume.