Samstag, 14. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Al Amadiyah, Arbil
Kurz bevor die Amis einen Abgang machen, sind wir alle aufgestanden. Sie waren schon in Amadiyah irgendetwas drehen und fahren jetzt weiter in die große Stadt Arbil, die eigentlich Hewlar heißt. Da das auch unser Tagesziel ist, geben wir ihnen unsere neue irakische Mobilfunknummer, damit wir uns dort treffen können.
Für uns beginnt der Tag auch mit Amadiyah, nicht gerade zum Filmen, aber zum Besichtigen. Letztendlich stellen wir jedoch fest, dass die Stadt auf ihrem Felsplateau von außen schöner anzuschauen ist als von innen. Beim Kiosk neben der lokalen Polizeistation kauft Calle eine Schachtel Kippen, woraufhin wir kurz danach vom Kioskbesitzer – also wohlgemerkt nicht von den zwei dabei stehenden Soldaten – nach einem Pass gefragt werden. Die können mich mal gern haben, denke ich mir, und frage ihn, ob man jetzt zum Kaufen von Marlboros schon den Pass vorzeigen muss. Die Nachfrage verwundert sie auch, ohne dass sie sie genau verstehen und so fragen die beiden Soldaten auch nochmal nach einem Pass und alle drei beginnen das Diskutieren. Wir hingegen nutzen die Gelegenheit, um uns zu verabschieden und dampfen ohne weitere Kommentare zum Pass ab. Das ständige Passzeigen langweilt.
Wir sind gerade erst ein paar Meter auf der Hauptstraße gelaufen, als uns die kommunistische Kurdenpartei in ihr Gebäude ruft und uns einen Tee anbietet. Eine Unterhaltung ist aufgrund der Sprachdifferenzen so gut wie nicht möglich und so sitzen letztendlich wir vier und fünf der Kommunisten in dem ziemlich heruntergekommenen Raum auf in gleichem Maße heruntergekommenen Sofas.
Das Interessanteste ist noch eine Zeitschrift, die hier rumliegt, in der eine Landkarte der Region abgedruckt ist: Die komplette südöstliche Türkei ist dort nicht als Türkei, sondern als Kurdistan angegeben, ganz so wie jedes andere normale Land auf der Karte. Bis auf das und eine nette Karikatur über die Toilettenkultur, die genau die gegenteilige der im Iran herrschenden darstellt, gibt es aber auch weiter nichts Interessantes und so ziehen wir wieder ab, sobald unsere Teegläser leer sind.
Auf der Hauptstraße gehen wir in den nächstbesten Friseurladen, damit sich Calle die Haare schneiden lassen kann. Bis jetzt war er in so ziemlich jedem Land beim Friseur und mit dem Ergebnis auch jedes Mal zufrieden. In der Türkei haben sie ihm einen türkischen Haarschnitt und im Iran halt einen iranischen verpasst. Was der Kauz ihm aber hier mit der Maschine aufbürdet, ist etwas, das noch am ehesten an einen GI-Schnitt erinnert. Da hilft es auch nichts, dass Calle etliche Male beteuert, nicht ein amerikanischer Soldat, sondern ein deutscher Tourist zu sein. Der Typ versteht ihn sowieso nicht.
Das anschließende Laufen durch die Stadt bei Mittagshitze ist mittelmäßig ergiebig. Diese kurdische Stadt im Irak schaut letztendlich aus wie jede andere auch, wenn man es sich recht überlegt. Von Irak jedenfalls keine Spur. Der Laden hier könnte überall im Nahen Osten stehen. Also fahren wir weiter.
An einem Fluss, wo einige Kurden gerade ihr Auto waschen und andere etwas flussabwärts baden, machen wir kurz halt, um den Pott vom Hano ins Gebüsch zu entleeren. Gleich nebenan geht’s zum Fisch- und Kebabessen ins Restaurant, wo wir – inzwischen fast gar keine Überraschung mehr – auf Deutsch angelabert werden. Es ist aber nicht etwa der Boss oder nur eine andere Person, die Deutsch spricht, sondern ein kompletter Tisch. Die Familie mit vier oder fünf Kindern hat zehn Jahre in Deutschland gewohnt und ist erst seit zwei Monaten wieder im Irak. Der 13 Jahre alte Junge und die etwa gleichaltrige Schwester sind richtig »deutsche« Jugendliche und vermissen offensichtlich auch ihre deutschen Freunde. Die Frage, ob es schön sei, hier in der (Pseudo-)Heimat zu sein, beantworten sie jedenfalls mit einem »Geht schon« à la »Ich hab null Bock auf den scheiß Laden hier!«.
Wir fahren weiter. Kurz vor Arbil kommen wir zu den ersten richtigen Checkpoints im Irak. Bisher wurden wir nämlich quasi nur durchgewinkt. In den letzten zwei Tagen war sowieso viel weniger von Checkpoints zu sehen, als ich erwartet hatte, und die paar Posten, die auf dem Weg lagen, haben wir scheinbar nicht sonderlich interessiert. Jetzt ist es anders: Der Checkpoint-Boss durchsucht mehr oder weniger gewissenhaft den Hano und lässt sich von Calle schön verarschen. Die Gaslampe in der Hand muss er sich »Hey! Nicht schütteln!« anhören und das Autan, das er abkaufen will, wird ihm ebenfalls verwehrt. Aber die Leute hier haben Angst. Das hat man anfangs deutlich bemerkt, als sie extra noch einen Soldaten nur zum Bewachen der Durchsuchung neben uns abgestellt haben und ich werde auch nicht das Gesicht und die konzentrierten Augen des durchsuchenden Soldaten vergessen, als er sah, wie Arne sich an die hintere Hosentasche fasste, um etwas rauszuholen.
Bis Arbil geht das mit den Checkpoints so weiter, auch wenn die Aufenthalte nicht mehr ganz so lange dauern wie beim ersten. Man merkt jedenfalls deutlich die südlichere Lage sowohl an der immer mehr zunehmenden Hitze als auch an der Soldatenpräsenz. Selbst Baghdad ist hier nur noch 350 Kilometer entfernt. Aber diese Kontrollen sind im Grunde genau die Voraussetzung dafür, dass wir hier sein können, denn sie helfen der autonomen kurdischen Regierung, ihre eigenen irakischen Provinzen unter Kontrolle zu halten.
Genau in dem Moment, als wir Arbil erreicht haben, ruft der Surfer an und fragt, wo wir seien. Total cool, dass die uns echt hinterhertelefonieren und sich wirklich wieder mit uns treffen wollen. Wir vermuten, dass der Surfer etwas genervt von seinen Homies ist und sich deshalb im Moment darüber freut, dass er die eine oder andere Minute mit uns verbringen kann.
In ihrem sehr platzreichen Apartment im Swan-Hotel, das wir nach etwas Durchfragen ohne größere Probleme erreicht haben, sind alle drei zugegen. Direkt im selben Gebäude befindet sich ein Fast Food, in dem wir zu Abend essen und die drei – Rasha hat die Gruppe verlassen und ist nun zu Hause, den Fahrer haben sie auch heimgeschickt, wollten ihn eigentlich sogar feuern, und der Dolmetscher ist auch nicht zugegen – erzählen uns in bester Ami-Manier nun zum wiederholten Male, dass sie es voll krass fänden, dass wir hier einfach mal von Deutschland aus mit dem Auto hercruisen und Urlaub machen. Se Germans are fucking crazy! Außerdem sollten wir unbedingt einen Videoblog machen und uns dafür in der Naza Mall ein paar hundert Meter weiter einen Camcorder kaufen.
Lust auf vloggen (sic!) hätte ich schon, aber das kostet nur noch viel mehr zusätzliche Zeit, die keiner von uns hat. Vor allem hätte ich einen ziemlich hohen Anspruch, wenn wir wirklich Vergleichbares machen würden. Kindergartenmäßig Zusammengeschnipseltes sollte man jedenfalls lieber gleich sein lassen. So wollen wir zwar keinen Camcorder kaufen, gehen aber allein mit dem Surfer – die anderen sind im Bett, und ob er auf sie Bock hat, ist fraglich – zur Mall, um uns den Laden einfach mal anzuschauen. Auch hier erinnert der Laden an einen großen Carrefour oder ein kleines deutsches Kaufhaus und wir latschen einmal komplett durch die obere Etage, wo wir scherzend, lachend und Fotos machend die anderen Anwesenden verwirren.
Der Surfer ist von Natur aus sowieso ein Oberkomiker, spricht jeden Dahergelaufenen wie selbstverständlich auf Englisch mit Sachen wie »Hey buddy, do you think I should buy this?« an, cruist auf einem Bobbycar einfach mal den Gang entlang, setzt sich später eine Horrorfaschingsmaske auf und posaunt irgendwelches Zeug auf Englisch in die Umgebung. Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, dass wir auf einmal von vierzig Leuten und etwas interessiert fassungslos angestarrt werden – eine Situation, die ich oberpeinlich, die Zuschauer teils lustig und teils nervig finden. Als der Surfer die Maske wieder abgenommen hat, läuft noch irgendein Iraki am Arne kopfschüttelnd vorbei und sagt nur: »Nicht schön. Nicht schön.« Mit dem Surfer herumzulaufen macht einfach irre Spaß!
Nach der Mall geht der Surfer ins Bett und wir noch ins Coffeenet. Gute Rechner, mittelmäßige Verbindung, auf jeden Fall besser als das meiste iranische Zeugs, aber ich habe eigentlich nichtmal etwas hochzuladen, da ich in den letzten Tagen schreibfaul war. Den Rest des Abends verbringen Calle, Robert und ich noch auf den Stühlen des Fast Foods mit Raki.