Sonnenaufgang im Erg Chebbi, Marokko (29.08.2006)
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was zum Teufel soll diese Adresse?!?
12. Juni 200814. Juni 2008

Freitag, 13. Juni 2008aus: Iran, Irak & Türkei 2008
Routenteil: Dohuk, Al Amadiyah

Als ich kurz vor neun Uhr wegen starkem Darmdruck aufstehe, steht wenige Sekunden später Arne vor der Tür und meint, wir müssten umparken. Einer der Parkplatzwächter im Turban sei vorbeigekommen und meinte, wir müssten den Parkplatz verlassen. Und das, obwohl uns gestern von den anderen versichert wurde, wir könnten hier bleiben, so lange wir wollten. Naja, ist aber letztendlich halb so schlimm, denn so fahren wir die beiden Autos halt heraus und parken auf der anderen Seite des Gebüschs, wo es letztendlich bis auf die direkte Straßeneinsicht genauso komfortabel ist.

Überraschenderweise, aber vor allem krankerweise, steht Robert selbstständig (!) vor halb elf auf. Auf meine verwunderte Nachfrage meint er nur, er hätte einen Schädel vom »scheiß Raki« und müsse außerdem pissen. So ist Carl heute der letzte, der in unseren gemütlichen Morgen startet, an dem wir eigentlich nichts tun außer abzuhängen. Pünktlich um eins kommt Nazar wie abgemacht vorbei, doch er teilt uns mit, dass er aus persönlichen Gründen heute doch keine Zeit habe. Schade, Arne hätte nämlich gerne etwas rumgeballert und ich hätte gerne die TV-Station gesehen. Er meint aber, wir sollten uns melden, wenn wir auf der Rückreise wieder durch Dohuk kämen, damit wir das Interview noch machen können.

Das Wichtigste sind aber seine Informationen zur Sicherheit. Bevor er wieder abzieht, gehen wir unsere gestern gekaufte Karte durch und besprechen, wie wir in den nächsten Tagen fahren sollten, wo man problemlos aufkreuzen kann und welche Gebiete oder Straßen besser zu meiden sind. Das Ganze läuft übrigens lustigerweise so ab, dass er mir irgendwelche Orte nennt beziehungsweise zeigt, die ich auf der Karte suchen oder vorlesen muss, da er kein Arabisch lesen kann. Er mag zwar die Schrift nicht können, weil er schon in jungen Jahren nach Großbritannien ausgewandert ist, aber seine Informationen sind sehr gut und decken sich mit den von uns bereits bei anderen eingeholten.

In den drei kurdischen Hauptprovinzen kann man so ziemlich tun und lassen, was man will, solang man entlang der türkischen und iranischen Grenze etwas auf PKK und Konsorten aufpasst. Hier ist es auch kein Problem, sich zu verfahren und in irgendeinem j.w.d. gelegenen Dorf zu landen. Anders sieht es hingegen in den drei Provinzen aus, die ursprünglich nicht zu Kurdistan gehörten und lediglich seit dem Krieg dessen Teil sind. Hier sind »die Araber nicht rauszuhalten« und man muss aufpassen, wo und wie man sich bewegt. Es gibt sichere Gebiete, Straßen und Korridore, biegt man jedoch an einer Kreuzung falsch ab und landet zu weit südwestlich oder in einem nicht gut unter Kontrolle befindlichen Gebiet, könnte man doch schnell Probleme bekommen. Hier ist also vor allem Vorsicht bei der Wegfindung angesagt. Lieber eine halbe Stunde an der Kreuzung stehen und genau Karten, GPS und eingeholte Antworten vergleichen, als eine der Straßen einfach mal zu »versuchen«.

Nachdem wir Nazar verabschiedet haben, ist erst mal Shopping angesagt. Im Supermarkt nebenan decken sich Robert und Carl mit Paletten an Rani, Pepsi, 7up, Keksen und sonstwas allem ein, ganz so, als müssten wir nun ein paar Jahre autonom durch die Gegend fahren. Wobei das natürlich mit Wasser genauso gut ginge. Beste Vertreter der Konsumgesellschaft, kann ich da nur sagen. A propos Konsum: Der irakische Supermarkt hier ist der erste, den ich auf dieser bisher zweimonatigen Reise besuche, der sich auch wirklich so nennen darf. Kein zum Supermarkt umgeflaggter Tante-Emma-Laden und auch kein behindertes Einkaufszentrum, wo ein Miniladen neben dem anderen auf Kundschaft wartet. Nein, das hier ist ein großflächiger Vollsortimenter, wo vorne genauso gut Carrefour, Marjane, GS oder was weiß ich was drauf stehen könnte. Dass man dafür erst mal in den Irak fahren muss!

Bevor wir Dohuk verlassen, füllen wir am Parkplatz auch nochmal unsere Wassertanks und kaufen am Souk eine irakische Asiacell SIM-Karte für zehn Dollar. Soll angeblich der beste Provider sein. Klar, wir sind nur ein paar Tage hier, aber gerade hier könnte es wichtig sein, schnell jemanden im Land zu erreichen. Bald können wir jedenfalls einen SIM-Karten-Laden aufmachen.

Genauso machen übrigens die (richtigen) Funkgeräte auf der Fahrt in Richtung Al Amadiyah Spaß. Schlecht sind die Teile auf jeden Fall nicht, und wenn der Hano nicht gerade zu stark rumheult oder eine Bergkuppe zwischen den Autos liegt, versteht man sich schon recht gut. Dass wir nun aber anstatt fürs Unterhalten zur Nahrungsmittelübergabe ständig parallel fahren, freut die Kurden hier wohl nicht unbedingt. Die Iraker können offensichtlich sowieso nicht Auto fahren. Für jeden aus dem Iran kommenden Kraftfahrer ist die hiesige Unfähigkeit eine wahre Zumutung. Zum Beispiel beim Parallelfahren: Wo der Iraner kommentar- und huplos einfach vorbeifährt, muss der Iraker erst mal lautstark zu erkennen geben, dass ihm deine Aktion nicht passt und er vorbei will. Ja hallo? Bist du Deutscher oder was? Es gibt auch noch ne Gegenspur! Benutz halt die, um vorbeizukommen.

Gleiches gilt fürs Anhalten. Der gemeine Iraner hält unvermittelt und ohne den Blinker zu benutzen einfach am Straßenrand an, wenn er das will. Der nachfolgende Verkehr muss selber sehen, wie er zurecht kommt. Genauso funktioniert natürlich auch das Losfahren: Gas geben und in die Straße rein lenken. Und hier? Hier wird man ständig für alles und jeden Scheiß angehupt. Und dieses Hupen erinnert sehr an deutsches Hupen, denn wo der Iraner vorher hupt, um einen Unfall zu verhindern, tut der Deutsche – und der Iraker scheinbar auch – NACH der Gefahrensituation an der Hupe seinen Unmut kund. Sinnloser geht’s nicht.

Ich glaube langsam, dicke Autos tun dem Verkehr nicht gut. In Italien wird’s immer schlimmer, seitdem immer mehr protzige Boliden rumfahren, hier fahren sowieso ein Haufen fette Amischlitten rum, und der Iraner, der schwimmt in seinem Paykan oder Zamyad zwischen den ganzen anderen Paykans im Verkehr mit und versucht sich im Spurwechsel- und Überholpoker, ohne zu meinen, dass er jetzt wegen seinem tollen Auto durchmüsse. Vor seinem Paykan fährt sowieso ein anderer Paykan.

Wir halten also fest: Im Irak, oder zumindest hier oben in Kurdistan, macht Autofahren bei weitem nicht so Spaß wie im Iran und ist auf Dauer wahrscheinlich auch um einiges stressiger. Da frage ich mich jedoch, wie das überhaupt erst mal in Deutschland werden soll.

Es lebe der Tehraner Autofahrer!

In Sarsink, auf dem halben Weg von Dohuk nach Amadiyah, gabeln wir einen scheinbar gut Englisch sprechenden Typen auf, als wir nach dem Weg fragen. Er führt uns wenige Kilometer entfernt zu einer Grotte, in der sich eine Gastwirtschaft breit gemacht hat. Außer einheimischen Touris gibt’s hier aber nichts zu sehen und so ziehen wir weiter zu einer Ruine, welche er zwar als Saddams Palast bezeichnet, ich aber eher Saddams Ferienhaus nennen würde. Auf einem weit und breit allein stehenden und vollständig von einer Mauer umgebenen Hügel stehen hier die zerbombten und zerschossenen Reste einer einst wohl sehr bonzigen Residenz, die Saddam Hussein gehört haben soll.

Die noch stehenden Teile des Gebäudes kann man begehen und auch die Treppe reicht noch bis in den zweiten Stock, von wo aus man das komplette Tal bis hin zu den nächsten Bergen überblicken kann. Auch einen kleinen See erblicken wir von hier oben und merken ihn uns schonmal für eventuelles Baden vor.

Der Typ ist der Horror. Eine so dumme Person ist uns auf dieser Reise wirklich noch nicht untergekommen. Der Typ hockt bei Calle und mir im Wagen und redet die ganze Zeit nichts anderes als den größten Scheiß daher. Dazu kommt, dass er keine, wirklich nicht mal eine einzige unserer Fragen versteht und daher immer nur die aberwitzigsten Antworten darauf gibt. Da seine Englischaussprache bei weitem besser ist als das, was man hier sonst so gewohnt ist, dachten wir anfangs, wir könnten uns richtig mit ihm unterhalten, doch leider müssen wir feststellen, dass der Typ einfach schwerst von Begriff und extrem dumm ist.

Vom Palast fahren wir zurück nach Sarsink, um ihn los zu werden. Spätestens in diesen paar Minuten schießt er den Vogel vollständig ab, indem er seinen Nervgrad nochmalig hochfährt: Oder was soll man denken, wenn einem der Typ mehrfach und ernsthaft »This is pen!« erklären will, während er offensichtlich einen Kugelschreiber in der Hand hält, um uns seine Telefonnummer aufzudrängen?

Kaum sind wir den Typen los, fahren wir zurück zum See. Es geht doch schließlich nichts über einen Badeurlaub im Irak. Mit den Autos parken wir auf einer kleinen Anhöhe einige Meter vom See entfernt und springen am schlammigen und steilen Ufer ins Wasser. Es sind auch einige andere Leute hier, von denen ein paar auch baden, die meisten aber nur ihre Picknickdecke ausgebreitet haben. Jedenfalls ist das Schwimmen in Saddams angeblichem Privatsee eine super Sache. Erfrischung kann man bei den hiesigen Temperaturen knapp unter 40 Grad immer brauchen.

Nach dem Vergnügen geht es weiter nach Al Amadiyah, einem sehr alten Ort, der vollständig auf einem Hochplateau liegt und daher von weitem schön anzusehen ist. Kurz davor durchfahren wir auf der Hauptstraße einen Miniort, der letztendlich lediglich aus touristischer Infrastruktur in Form von Restaurants, Kiosken und einem Hotel besteht und einen wunderschönen Blick auf Amadiyah bietet. Hier wollen wir zum Essen bleiben.

Zur Begrüßung auf der Treppe der Restaurantterrasse spricht der Boss des Schuppens sofort Deutsch mit uns und wir fühlen uns bestens aufgehoben. Das Essen selbst ist dann zwar nicht so der absolute Hammer, aber der Ausblick und die nette Betreuung heben diesen Nachteil in meinen Augen wieder auf. Am ehesten lohnt sich der Restaurantbesuch aber wegen dem unerwartetem Besuch, den wir bekommen: Auf einmal stehen eine langhaarige Blonde, ein wuschelhaariger Kauz und ein nicht mehr allzu viel Haare besitzender Typ ein paar Meter weiter. Der Ladenboss stellt sie vor: Amerikaner.

Die drei Yankees aus Hawaii sind hier, um eine Dokumentation über die Kurden zu drehen, und bereisen schon seit einigen Wochen das Land. Zum 35-jährigen Wuschelkauz, der original wie ein hawaiianischer Surfer aussieht, der 37-jährigen Simone und dem 50-jährigen Bill gehören im Moment auch die 21-jährige Kurdin Rasha, deren Story ab und zu in den Film eingearbeitet wird, ein Fahrer für den gemieteten Toyota Land Cruiser und ein Dolmetscher. Der Surfer scheint auf seine Homies nicht so mega Bock zu haben, denn obwohl die anderen nicht in unserem Restaurant essen wollen, bleibt er da und sagt sogar noch, dass er jetzt nach drei Wochen auch mal wieder andere Gesichter sehen will.

Als ich gerade von der Toilette zurückkomme, schaue ich mir die letzte Viertelstunde des Spiels Italien gegen Rumänien an und muss beim eins zu eins Endstand daran denken, dass so wenigstens der Server (aka Alex Z. aus Rumänien) und ich beide nicht groß meckern können. Nach dem Essen, zu dem es übrigens problemlos vier Efes-Biere gab, ziehen wir gemeinsam um und vereinigen uns im Restaurant nebenan wieder mit den anderen. Für die Amis heißen wir nur »The Germans«, natürlich schön als »Se Schermens« mit deutschem Akzent ausgesprochen. So werden sie uns auch in ihr Telefonbuch einspeichern. Und da es gemeinsam so lustig ist und wir noch nicht so richtig ins Bett wollen – die Yankees zwar schon, aber das merken wir erst später – versammeln wir uns noch alle in deren Hotelzimmer, um noch ein paar weitere Efes-Biere zu vernichten.

Schließlich ist aber doch irgendwann mal Nachtruhe angesagt und wir gehen direkt an der Hauptstraße in den Autos schlafen. Übrigens schon wieder mit rauschendem Bachlauf direkt einen halben Meter neben uns. Wieso hört das eigentlich nie auf?

12. Juni 200814. Juni 2008

Aktuelles ...

Aktuelles

Dienstag, 17. November 2009
Dienstag, 9. März, 08:00 Uhr
Belgrad, [Serbien / Bulgarien], Sofia, [Bulgarien / Türkei], İstanbul

Im März 2010 geht’s wieder los.

Berichte von Ostafrika 2009 wurden noch peu à peu nachgereicht.

Fotos der letzten Reisen werden irgendwann (vielleicht) noch folgen.